Auf einem Stuhl sitzt ein fettleibiger Mann, sein gewaltiger Bauch hängt zwischen seinen Beinen. Über eine Rampe, die in seinem weit geöffneten Mund endet, bringen ihm Menschen in Körben ihre Habseligkeiten, die in seinem Mund verschwinden. Er verschluckt alles, was ihm angeboten wird.
So kennen wir Honoré Daumier - als scharfen Satiriker, der seinen bissigen Spott über die Mächtigen und über die Bourgeoisie gießt. Die Lithografie "Gargantua" nimmt niemand anderen als König Louis-Philippe aufs Korn und sollte eigentlich am 16. Dezember 1831 in der Zeitschrift "La Caricature" erscheinen, doch die Zensur schritt ein: Daumier musste für sechs Monate ins Gefängnis.
Doch neben dem Karikaturisten, der für "La Caricature" und "Le Charivari" mehr als 4000 Lithografien schuf, gibt es noch den sehr viel weniger bekannten Zeichner und Maler Daumier. Meist kleinformatige Gemälde, mit einer dunklen, erdigen Palette: genaue Beobachtungen des Alltags von Menschen, intime Szenen wie ein sein Kind küssender Vater oder eine Gruppe von Badenden. Seine Behandlung von Licht und Schatten nimmt beinahe den Impressionismus voraus, und je älter er wird, desto taktiler werden seine Pinselstriche. Beinahe so, wie er Anfang der 30er-Jahre den Ton für seine berühmten Karikatur-Büsten von Parlamentariern formte.
Er arbeitete, wie viele Künstler heute, in Serien. Da sind etwa die Darstellungen von Flüchtlingen, angeregt durch eine Choleraepidemie, der viele zu entfliehen suchten, die Menschen gebückt, aber nach vorne strebend. Oder Frauen mit schweren Wäschebündeln, Kinder an der Hand, die er von seiner Wohnung auf der Ile Saint-Louis aus beobachtet, wie sie Wäsche zu den Wäschereibooten auf der Seine tragen. Da sind Clowns, Straßenmusikanten, Schauspieler bei der Arbeit, Kunstsammler, die in Stapeln von Grafikblättern wühlen, und immer wieder Don Quijote, mit dessen aussichtslosem Kampf gegen das Böse in der Welt er sich wohl identifizierte - der Roman soll immer auf seinem Nachttisch gelegen haben.
Ein Gemälde zeigt den hageren Ritter der traurigen Gestalt in ganz ungewöhnlicher Pose - er sitzt mit nacktem Oberkörper und übereinander geschlagenen Beinen auf einem Sessel und liest ein Buch. Eine überaus friedvolle und harmonische Szene, mit Daumiers üblichen flüchtigen Pinselstrichen gemalt.
Ein Jahr vor seinem Tod im Februar 1879 taten sich 30 seiner Freunde unter Führung von Victor Hugo zu einem Komitee zusammen, um eine Retrospektive zu organisieren. Sie eröffnete im April 1878 in der Galerie Durand-Ruel mit 94 Gemälden, von denen nur eines zuvor in der Öffentlichkeit zu sehen gewesen war, 138 Zeichnungen und einigen Skulpturen, aber nur sehr wenigen Lithographien, um seine Bedeutung als Maler und Zeichner hervorzuheben. Die Schau fiel bei der Kritik durch und war auch finanziell ein Misserfolg. Sie regte jedoch eine jüngere Generation von Künstlern an, sich mit ihm zu beschäftigen.
Die Schau entlässt den Besucher mit zwei relativ späten Porträts von Malern. Auf einem kleinen, zwischen 1870 und 75 entstandenen Bild steht dieser malend an der Staffelei, Pinsel und Palette in der Hand. In einem zehn Jahre vorher entstandenen, großformatigen Werk sitzt er auf einem Stuhl zwischen zwei Staffeleien. Seine kontemplative Haltung erinnert an den lesenden Don Quijote, durch ein Fenster flutet Licht herein, das Gemälde ist mit seinen Grautönen fast monochrom. Ganz versunken scheint der Maler in seine Kunst, deren Größe zu seinen Lebzeiten nur von wenigen erkannt wurde.
Mehr Informationen zur Ausstellung:
"Daumier - Visions of Paris". Royal Academy, 26. Oktober 2013 bis 26. Januar 2014
Royal Academy in London
So kennen wir Honoré Daumier - als scharfen Satiriker, der seinen bissigen Spott über die Mächtigen und über die Bourgeoisie gießt. Die Lithografie "Gargantua" nimmt niemand anderen als König Louis-Philippe aufs Korn und sollte eigentlich am 16. Dezember 1831 in der Zeitschrift "La Caricature" erscheinen, doch die Zensur schritt ein: Daumier musste für sechs Monate ins Gefängnis.
Doch neben dem Karikaturisten, der für "La Caricature" und "Le Charivari" mehr als 4000 Lithografien schuf, gibt es noch den sehr viel weniger bekannten Zeichner und Maler Daumier. Meist kleinformatige Gemälde, mit einer dunklen, erdigen Palette: genaue Beobachtungen des Alltags von Menschen, intime Szenen wie ein sein Kind küssender Vater oder eine Gruppe von Badenden. Seine Behandlung von Licht und Schatten nimmt beinahe den Impressionismus voraus, und je älter er wird, desto taktiler werden seine Pinselstriche. Beinahe so, wie er Anfang der 30er-Jahre den Ton für seine berühmten Karikatur-Büsten von Parlamentariern formte.
Er arbeitete, wie viele Künstler heute, in Serien. Da sind etwa die Darstellungen von Flüchtlingen, angeregt durch eine Choleraepidemie, der viele zu entfliehen suchten, die Menschen gebückt, aber nach vorne strebend. Oder Frauen mit schweren Wäschebündeln, Kinder an der Hand, die er von seiner Wohnung auf der Ile Saint-Louis aus beobachtet, wie sie Wäsche zu den Wäschereibooten auf der Seine tragen. Da sind Clowns, Straßenmusikanten, Schauspieler bei der Arbeit, Kunstsammler, die in Stapeln von Grafikblättern wühlen, und immer wieder Don Quijote, mit dessen aussichtslosem Kampf gegen das Böse in der Welt er sich wohl identifizierte - der Roman soll immer auf seinem Nachttisch gelegen haben.
Ein Gemälde zeigt den hageren Ritter der traurigen Gestalt in ganz ungewöhnlicher Pose - er sitzt mit nacktem Oberkörper und übereinander geschlagenen Beinen auf einem Sessel und liest ein Buch. Eine überaus friedvolle und harmonische Szene, mit Daumiers üblichen flüchtigen Pinselstrichen gemalt.
Ein Jahr vor seinem Tod im Februar 1879 taten sich 30 seiner Freunde unter Führung von Victor Hugo zu einem Komitee zusammen, um eine Retrospektive zu organisieren. Sie eröffnete im April 1878 in der Galerie Durand-Ruel mit 94 Gemälden, von denen nur eines zuvor in der Öffentlichkeit zu sehen gewesen war, 138 Zeichnungen und einigen Skulpturen, aber nur sehr wenigen Lithographien, um seine Bedeutung als Maler und Zeichner hervorzuheben. Die Schau fiel bei der Kritik durch und war auch finanziell ein Misserfolg. Sie regte jedoch eine jüngere Generation von Künstlern an, sich mit ihm zu beschäftigen.
Die Schau entlässt den Besucher mit zwei relativ späten Porträts von Malern. Auf einem kleinen, zwischen 1870 und 75 entstandenen Bild steht dieser malend an der Staffelei, Pinsel und Palette in der Hand. In einem zehn Jahre vorher entstandenen, großformatigen Werk sitzt er auf einem Stuhl zwischen zwei Staffeleien. Seine kontemplative Haltung erinnert an den lesenden Don Quijote, durch ein Fenster flutet Licht herein, das Gemälde ist mit seinen Grautönen fast monochrom. Ganz versunken scheint der Maler in seine Kunst, deren Größe zu seinen Lebzeiten nur von wenigen erkannt wurde.
Mehr Informationen zur Ausstellung:
"Daumier - Visions of Paris". Royal Academy, 26. Oktober 2013 bis 26. Januar 2014
Royal Academy in London