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StartseiteInterview"Die Parallelwelt ist das eigentliche Problem"27.01.2019

Clan-Kriminalität "Die Parallelwelt ist das eigentliche Problem"

In der verfehlten Integrationspolitik der 80er-Jahre sieht der Journalist Olaf Sundermeyer eine Ursache für die Clan-Kriminalität in Deutschland. Die Politik habe zwar dazugelernt, sagte er im Dlf. Doch sie tue noch zu wenig, um vor allem Kinder aus den Clanstrukturen herauszuholen.

Olaf Sundermeyer im Gespräch mit Manfred Götzke

Das Bild zeigt Polizisten, die ein Lokal bei Nacht von außen umstellt haben.  (dpa / Bernd Thissen)
Clanstrukturen hätten sich in Deutschland massiv verhärtet, weil Integration bei Mitgliedern der Clans nicht stattgefunden habe, so Olaf Sundermeyer (dpa / Bernd Thissen)
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Manfred Götzke: Der Chef des Abou-Chaker-Clans wird spektakulär im Gerichtssaal verhaftet, weil er die Familie von Rapper Bushido terrorisiert haben soll. In Berlin müssen sich Mitglieder eines anderen Clans vor Gericht verantworten, weil sie eine 100-Kilo-Goldmünze geklaut haben sollen. Und Nordrhein-Westfalen geht mit massiven Razzien im Ruhrgebiet und vorgestern in Rheinland gegen kriminelle Clans vor.

Zu deren Geschäft gehören Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution, Raub und natürlich Geldwäsche. Das alles wirft die Frage auf, wie gefährlich die arabisch-kurdischen Clans beziehungsweise deren kriminelle Mitglieder sind und warum sie so lange unbehelligt ihren Geschäften nachgehen konnten.

Besprechen möchte ich das mit Olaf Sundermeyer, er ist Journalist und Buchautor und hat letztes Jahr für einen Dokumentarfilm im Clan-Milieu recherchiert. Guten Morgen.

Olaf Sundermeyer: Guten Morgen.

Götzke: NRW-Innenminister Reuel der sagte vor ein paar Tagen, der Staat dürfe nicht zulassen, dass kriminelle Strukturen in Deutschland bestimmen, was Recht ist - übertreibt Reul oder haben die Clans in bestimmten Städten das Sagen?

Sundermeyer: Nein, da sagt der Innenminister aus Düsseldorf genau das Wesentliche. Darum geht es auch bei dieser Clan-Kriminalität, dass diese Leute nicht nur kriminelle Geschäfte machen - sie sprachen ja die Deliktarten an, Drogen verkaufen, Prostitution und so weiter - sondern sich insgesamt über das Recht erheben in Deutschland, insbesondere an verschiedenen Orten, im Ruhrgebiet, in Berlin, in Niedersachsen. Also überall dort, wo diese Clans  stark sind, dass sie vor Gericht zum Beispiel, dass dort Zeugen eingeschüchtert werden, dass Polizisten, dass Mitarbeiter von Ordnungsämtern auch bedroht werden, die Leute, die versuchen, gegen diese Clan-Strukturen vorzugehen. Und das ist ein bisschen der springende Punkt, das ist auch das, was Polizisten, was Staatsanwälte insbesondere motiviert, gegen diese Leute jetzt aktuell vorzugehen. Eben dieser Ansatz zu sagen, wir erheben uns über euren Rechtsstaat, das hier ist euer Staat, das ist nicht unser Land. Wir betrachten Deutschland einzig und allein als Beuteland, in dem wir mit unseren kriminellen Geschäften Geld verdienen.

"Integration hat bei diesen Menschen nicht stattgefunden"

Götzke: Wenn wir über Clans und Clankriminalität sprechen, dann sprechen wir meist über Mhallami-Kurden, Palästinenser, die während des Libanon-Krieges nach Deutschland gekommen sind. Warum ist diese Gruppe überdurchschnittlich stark in die organisierte Kriminalität abgedriftet?

Sundermeyer: Das sind Menschen, die traditionell schon immer in der Familienbande gelebt haben, in Clan-Strukturen, auch in ihren Herkunftsländern. Das ist nicht nur die Türkei, der Libanon, auch Syrien, diese gesamte Region, insbesondere die Provinz Mardin im Südosten der Türkei, wo sie auch nicht als Türken gelten, wo sie nicht als Libanesen gelten, wo sie nicht als nicht als Syrer gelten, sondern wo sie immer als Mhallami-Kurden, als arabische Kurden in der Familienbande gelebt haben und in diesen Clanstrukturen den Weg nach Deutschland gefunden haben, über den Bürgerkrieg im Libanon. Viele sind tatsächliche Kriegsflüchtlinge. Andere haben das behauptet und haben sich in diesen Clanstrukturen in Deutschland wieder eingefunden seit den 80er-Jahren. Diese Clanstrukturen haben sich hier in Deutschland massiv verhärtet, weil Integration bei diesen Menschen nicht stattgefunden hat. Einerseits, weil die deutsche Gesellschaft, weil der deutsche Staat mit diesen Menschen gänzlich überfordert gewesen ist. Andererseits, weil viele von ihnen die Integration als erstrebenswertes Ziel ablehnen.

Götzke: Kann man von einer komplett verfehlten Integrationspolitik sprechen?

Sundermeyer: Definitiv. Mann kann anhand dieser Mhallami-Familien aus den 80er-Jahren Lehren ziehen, zu der aktuellen Flüchtlingssituation, die wir haben hier in Deutschland. Diesen Fehler dürfen wir nicht noch mal machen. Nicht sehenden Auges es geschehen lassen, dass Menschen in eine Parallelwelt abgleiten, weil man ihnen hier in Deutschland keine Perspektive gibt, indem zum Beispiel der Aufenthaltsstaus nicht geklärt ist und dadurch automatisch der Kriminalitätsdruck erhöht wird.

Götzke: Hat der Staat daraus gelernt?

Sundermeyer: Die Sicherheitsbehörden ganz sicher. Die Staatsanwaltschaft und Polizei machen aktuell starken Druck auf die Polizei, dass wir Ähnliches nicht mit zum Beispiel mit syrischen Clans wieder erleben in Deutschland. Es gibt erste Ansätze davon, dass aus syrischen Familien auch Kriminalität erwächst, zum Beispiel in Sachsen-Anhalt, auch im Ruhrgebiet, in Essen gibt es ansatzweise solche Strukturen. Ich sehe doch ganz deutlich an der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen, wenn man dem Innenminister Reul zuhört und den Konzepten, die dort besprochen werden, dass man diesen Fehler nicht nochmal machen will. Aber es ist nicht einzig und allein eine Aufgabe der Sicherheitsbehörden, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dieser Punkt ist noch nicht so richtig verstanden worden, nach meiner Wahrnehmung.

"Kinder wachsen hinein in diese Kriminalität"

Götzke: Wer müsste denn noch aktiv werden?

Sundermeyer: Schulen, ganz wesentlich. Diese Menschen, die Kinder in diesen Familien, die wachsen hinein in diese Kriminalität als etwas Normales, etwas Erstrebenswertes. Wenn der Vater, der Onkel, der Bruder mit kriminellen Geschäften zu Geld kommt, ist das die Perspektive und nicht eine Berufsausbildung zu machen. Wir erleben in sehr vielen Brennpunktschulen an Orten, wo diese Clans stark sind, dass sich Schüler, insbesondere männliche Schüler, Jungs aus diesen Familien schon dort auch über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzen, die Autoritäten, die Lehrer und so weiter nicht akzeptieren. Da muss man sehr sensibel sein. Soziale Arbeit muss und kann möglicherweise eine Rolle spielen. Das wird momentan viel diskutiert: Wie kriegen wir Leute aus diesen Clan-Strukturen raus, in denen Kriminalität etwas Normales ist. Die Parallelwelt, in denen diese Leute aufwachsen, ist das eigentliche Problem, dass einfach der zivile gesellschaftliche Umgang mit der Demokratie, mit unserer Allgemeinheit nicht das Erstrebenswerte ist, sondern dass die Kriminalität das Ziel der Menschen ist, auf die sie als junge Leute schon zusteuern.

Götzke: In Berlin wird sogar diskutiert, die Kinder und vielleicht sogar Frauen aus den Familien rauszuholen – Aussteigerprogramme. Ist das ein sinnvoller Ansatz oder zu extrem, zu radikal?

Sundermeyer: Nein, das ist ein Ansatz, den es in Dänemark schon gibt. Diese arabischen Großfamilien sind in Dänemark, in Schweden auch sehr stark. In Dänemark gibt es das erste Projekt, das sich darum bemüht, über soziale Arbeit insbesondere Frauen rauszuholen aus diesen Clanstrukturen, weil man sie als schwachen Punkt erkannt hat. Sie leiden sehr oft nicht nur unter häuslicher Gewalt zuhause, sondern auch unter der kriminellen Normalität ihrer Männer. Insofern versucht man jetzt in Neukölln, im Übrigen auch in Nordrhein-Westfalen, intensiv auch solche Aussteigerprogramme aufzulegen, die aber - Stand jetzt - nicht mehr sind als eine Idee, die im politischen Raum diskutiert wird.

"Weil man das Problem nicht erkennen wollte"

Götzke: Nordrhein-Westfalen und Berlin gehen jetzt mit Großrazzien immer wieder gegen die Clans vor. Das war lange Zeit nicht so. Warum hat der Staat die Clans so lange gewähren lassen?

Sundermeyer: Weil man das Problem nicht erkenn wollte. Es gilt auch als sehr sensibel, dass man Kriminalität überhaupt ethnisiert. Wenn wir über arabische Großfamilien sprechen, Clanstrukturen, Kleinkriminalität sprechen, dann heißt es andererseits ja auch, dass man Menschen nicht in Sippenhaft nehmen kann, dass man nicht jeden Mensch, der den Namen Al Zein, Omera, Miri trägt - das sind die bekannten Großfamilien, die schwerpunktmäßig in kriminelle Geschäfte verstrickt sind - automatisch kriminell ist. Daraus ist so ein bisschen die Beißhemmung erwachsen zu sagen, dann beschäftigen wir uns erst gar nicht mit diesen Problemen. Hat leider auch dazu geführt, dass es in dieser Zeit immer größer wurde.

Es gibt jetzt ein politisches Umdenken, ausgehend nicht nur von Nordrhein-Westfalen, auch von Berlin, insbesondere von Niedersachsen, wo man sehr früh schon von Clan-Kriminalität öffentlich gesprochen hat, gibt es dieses politische Umdenken. Auch weil insgesamt das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren deutlich gesunken ist und man jetzt einfach entschieden gegensteuern möchte. Man darf auch nicht vergessen, dass der Regierungswechsel in Düsseldorf, der vor zwei Jahren stattgefunden hat - von Rot-Grün hin zu Schwarz-Gelb - ganz deutlich mit dem Thema Sicherheit und Kriminalität zu tun gehabt hat. Aus dieser Lehre versucht jetzt die Landesregierung in Düsseldorf, sich an die Speerspitze der Auseinandersetzung mit der Clan-Kriminalität zu setzen.

Götzke: Sagt der Journalist und Dokumentarfilmer Olaf Sundermeyer. Er hat im Milieu der arabischen Clans recherchiert. Vielen Dank.

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