KI-Branche
Anthropic – Rivale von OpenAI

Im Silicon Valley ist die Rivalität von OpenAI und Anthropic inzwischen legendär. Anthropic präsentiert sich gern als „gute“ Alternative zum Konkurrenten. Was macht das Unternehmen aus?

    Claude by Anthropic Logo auf dem Monitor eines Smarthones
    Anthropic will anders sein als andere Unternehmen der KI-Branche (picture alliance / CFOTO)
    Zwischen den großen US-Tech-Unternehmen gibt es einen harten Konkurrenzkampf. Bei den KI-Firmen OpenAI und Anthropic ist die Rivalität aber auch sehr persönlich, was daran liegt, dass einige der heutigen Mitarbeiter und auch Anthropic-Gründer Dario Amodei zuvor bei OpenAI gearbeitet hatten. Anthropic pflegt dabei das Image, verantwortungsvoller, also „besser“ als die Konkurrenz zu sein, und stellt sich als „ethisches KI-Lab“ dar. Stimmt die Selbstdarstellung des Unternehmens?  

    Inhalt

    Anthropic: Die KI „menschlich“ denken

    Claude ist der Chatbot, denn das Unternehmen Anthropic entwickelt hat. Die Philosophin und KI-Forscherin Amanda Askell leitet bei dem US-Unternehmen das Team, das Claude eine „Persönlichkeit“ vorgibt. Dazu erhält der Chatbot eine Art „Verfassung“ – ähnlich wie es OpenAI bei ChatGPT macht.
    Doch es gibt einen Unterschied: Claudes „Verfassung“ ist nicht wie ein Gesetz, sondern wie ein Brief geschrieben. Damit sollen dem Chatbot grundlegende Werte vermittelt werden, die ihm in unvorhergesehenen Situationen helfen sollen, richtige Entscheidungen zu treffen. Der Gedanke dahinter: Eine Liste von Verhaltensregeln für einen Chatbot wird nie alle möglichen Situationen vorausdenken können.
    Während es viele Forscher ablehnen, Chatbots Gefühle oder ein Bewusstsein zuzuschreiben, denkt Askell anders: KI-Sprachmodelle, sagt sie, seien nicht wie frühere Vorstellungen von Robotern. Sie verhielten sich menschlicher als die kalten Maschinen aus der Science-Fiction-Welt. Denn ein Großteil der Trainingsdaten seien Texte, die davon handelten, ein Mensch zu sein.
    Nach dieser Vorstellung werden KI-Modelle nützlicher und hilfreicher, wenn sie wie Menschen behandelt werden. Daher sollten KI-Sprachmodelle nicht starr auf eine Aufgabe programmiert werden, meint Askell. Besser sei es, mit ihnen zu reden und sich Mühe zu geben, Probleme genau zu beschreiben.

    Claude Mythos: Echte Sicherheitsbedenken oder Marketing?

    Im April 2026 gab Anthropic bekannt, sein neuestes KI-Modell nicht auf den Markt zu bringen. Claude Mythos sei zu gefährlich, um es für alle Nutzer freizugeben. Mythos soll bei Tests eigenständig im Code von vielverwendeter Software und in Internet-Browsern Tausende Sicherheitslücken entdeckt haben. In den falschen Händen wäre es damit eine gefährliche Cyberwaffe.
    Anthropic strebt nun eine Allianz mit den wichtigsten Tech-Firmen an, um die digitale Infrastruktur gemeinsam vor Attacken zu schützen. „Project Glasswing“ nennt Anthropic diese neue Initiative. Unternehmen wie Apple, Google und Microsoft sollen demnach Zugang zu Claude Mythos bekommen, um ihre Sicherheitslücken zu schließen.
    Bei der Konkurrenz wird das allerdings kritisch gesehen. OpenAI-CEO Sam Altman kritisierte „Project Glasswing“ als Versuch, die Kontrolle über KI einer kleinen Gruppe von Menschen vorzubehalten. Er warf die Frage auf, ob die Entscheidung, Claude Mythos zurückzuhalten, „fear-based-marketing“, also Marketing mit Panikmache sei.
    Auch die Tech-Welt reagierte gespalten: Manche Experten loben die Ankündigung. KI lasse sich – trotz aller Warnungen und Sorgen - doch verantwortungsvoll entwickeln. Andere werfen Anthropic vor, einen Hype zu schüren. Die entdeckten Sicherheitslücken seien in Wirklichkeit gar nicht so beeindruckend und das Zurückhalten von Claude Mythos ein Marketing-Gag.

    Das Verhältnis von Anthropic zur US-Regierung

    Das Verhältnis des Unternehmens zur US-Regierung ist momentan belastet. Hintergrund ist unter anderem ein Streit über den Einsatz der Anthropic-KI in Waffen. Das Unternehmen hatte sich geweigert, Sicherheitsvorkehrungen zu entfernen und Garantien dafür eingefordert, dass seine KI nicht in vollständig autonomen Waffen – bei denen die KI dann wesentliche Entscheidungen trifft – oder zur Massenüberwachung im Inland eingesetzt wird.
    Daraufhin hatte US-Präsident Trump Bundesbehörden die Nutzung von Anthropic untersagt. Das Pentagon erklärte Anthropic zu einem „Supply Chain Risk“ (Lieferkettenrisiko). Das bedeutet, dass Firmen, die mit dem Militär zusammenarbeiten, keine Anthropic-Produkte einsetzen dürfen. Das Unternehmen kündigte eine Klage an. Das ‌US-Militär nutzt inzwischen die Technologie von OpenAI.
    Doch inzwischen - nach einem Treffen des Anthropic-Chefs Dario Amodei mit ranghohen Regierungsvertretern - ‌kann sich der KI-Entwickler wieder Hoffnungen auf Staatsaufträge machen. US-Präsident Donald Trump sprach anschließend von guten Gesprächen: "Sie sind sehr schlau und können von großem Nutzen sein.” Nach jüngsten Meldungen arbeitet die US-Regierung an einer Regelung, ‌die es Bundesbehörden ermöglichen könnte, Anthropic nicht länger als Sicherheitsrisiko einzustufen. Anscheinend will sie auf die Dienste des Unternehmens nicht verzichten.

    Die Konkurrenz zwischen Anthropic und OpenAI

    Im Silicon Valley wird die Rivalität von OpenAI und Anthropic auf einer Stufe mit anderen legendären Tech-Feindschaften gesehen, wie beispielsweise der zwischen Apple und Microsoft. Neben der wirtschaftlichen Konkurrenz geben die Unternehmen unterschiedliche Antworten auf die großen Fragen der KI-Branche: Wie sollen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft mit dieser neuen, tief eingreifenden Technologie umgehen? Welche Regeln sollen beim Umgang mit ihr gelten? Wer entscheidet über die Regeln?
    Die Antwort von Anthropic lautet sinngemäß: KI ist mächtig und wird die Welt verändern. Also ist es wichtig, dass KI für „das Gute“ eingesetzt wird. Entwickler müssen sicherstellen, dass die KI “Gutes“ tun will.
    Auch OpenAI nimmt für sich Anspruch, dass KI dem Wohl der Menschheit zugutekommen soll. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied: OpenAI konzipiert KI für alle. Die ganze Welt soll die neuesten Modelle ausprobieren und Erfahrungen sammeln – möglichst mit ChatGPT. Das heißt: Sicherheit durch Transparenz und Feedback, keine Geheimhaltung und kein beschränkter Zugang.
    Sam Altman, CEO von OpenAI, sagte 2023 in einem Interview, die ganze Menschheit sollte im Aufsichtsrat von OpenAI sitzen – das Unternehmen solle nicht nur transparent, sondern auch demokratisch sein.
    Wie diese Mitgestaltung umgesetzt werden könnte, ließ er allerdings offen. Das Unternehmen OpenAI selbst ist alles andere als demokratisch: Die Firma gehört zu mehr als 30 Prozent Microsoft und hat gerade einen Milliardenvertrag mit Amazon abgeschlossen. Sie ist ein Tech-Gigant, der teilweise anderen Tech-Giganten gehört.

    Rivalität und Kooperationen: Allianzen in der Tech-Welt

    Anthropic steht nicht allein zu OpenAI in Konkurrenz, sondern auch zu weiteren Tech-Unternehmen wie beispielsweise Google. Gleichzeitig ist Anthropic jedoch über strategische Partnerschaften mit vielen dieser Unternehmen verwoben.
    Das scheint typisch für die Entwicklung in der KI-Branche: Wenige große Tech-Unternehmen gehen Allianzen ein, um den KI-Boom voranzutreiben – in Form von sogenannten Kreislauf-Deals, bei denen Investitionen zumindest teilweise als Gegenleistung für Chips oder Rechenleistung wieder zurück an den Geldgeber fließen.
    So investiert Google zehn Milliarden Dollar in Anthropic. Die Investition weiterer 30 Milliarden werde vom Erreichen bestimmter Entwicklungsziele bei Anthropic abhängig gemacht, heißt es aus dem Unternehmen. Google gehört schon seit Jahren zu den Geldgebern von Anthropic, welches wiederum Spezialchips für KI von Google bezieht.
    Erst kurz zuvor hatte außerdem Amazon fünf Milliarden Dollar in Anthropic gesteckt – mit der Aussicht auf 20 Milliarden Dollar mehr in weiteren Schritten. Und jüngst gab Anthropic sogar eine Kooperation mit Elon Musk bekannt. Demnach erhält Anthropic dringend benötigte Rechenleistung aus einem riesigen Rechenzentrum von Musks Firma SpaceX.
    Das kam überraschend, ist Anthropic doch ein direkter Konkurrent von Musks KI-Entwickler xAI, und Musk und Anthropic-Chef Amodei lagen in der Vergangenheit öffentlich im Clinch. Doch das verhindert in der KI-Branche offenbar keine guten Geschäfte.

    Autor: Fritz Espenlaub, Jasmin Körber, Christian Schiffer, Klaus Uhrig; Onlinetext: Catherine Shelton