Soziale Netzwerke
Europas Suche nach Alternativen zu X, Instagram & Co

Tech-Giganten aus den USA und China beherrschen den Markt für soziale Medien. Doch ihre Algorithmen begünstigen Hass, verzerren Debatten und bieten wenig Schutz vor KI-Bots – so ihre Kritiker. Was wollen europäische Plattformen anders machen?

    Ein Smartphone-Display zeigt Symbole verschiedener Apps sozialer Netzwerke, darunter X, Facebook, Instagram, Threads und Messenger.
    Große Plattformen wie X, Facebook und Instagram dominieren den Markt. Genau dagegen richten sich neue europäische Alternativen (picture alliance / Rene Traut Fotografie)
    Soziale Netzwerke polarisieren, ihre Algorithmen begünstigen emotionale Inhalte und wenige US- und China-Konzerne bestimmen den Markt. In Europa wird daher bereits seit einiger Zeit der Ruf nach eigenen Angeboten lauter. Ganz neu: W Social. Am 9. Mai, dem Europatag, startet die Plattform als europäische Antwort auf X.
    Auch andere Projekte sind bereits gestartet oder angekündigt, zum Beispiel Eurosky und wedium. Doch können daraus echte Alternativen zu Instagram, Facebook und Co. werden?

    Inhalt

    Europas Wunsch nach eigenen sozialen Netzwerken

    Der Ruf nach europäischen Plattformen ist Teil einer größeren Debatte über digitale Souveränität. Europa will unabhängiger von Technologien aus den USA und China werden – von Cloud-Diensten über KI bis zur Kommunikationsinfrastruktur.
    Aktuell gehören sämtliche großen Social-Media-Plattformen US-amerikanischen oder chinesischen Firmen. X steht seit der Übernahme durch Elon Musk dabei besonders in der Kritik, weil dort rechtsextreme und populistische Akteure viel Sichtbarkeit bekommen.
    Auch Meta wurde kritisiert, nachdem der Konzern in den USA sein Faktencheck-Programm beendet hat. Kritiker befürchten, dass sich dadurch Falschinformationen und Hassrede leichter verbreiten könnten.
    Hinzu kommt ihr Geschäftsmodell: Andreas Hepp von der Universität Bremen sagt über die Silicon-Valley-Plattformen, sie seien darauf ausgerichtet, Nutzer möglichst lange auf den Apps zu halten, um möglichst viel Werbung zu gucken.
    Auch Medienforscher Leonhard Dobusch von der Universität Innsbruck kritisiert, dass Plattformen wie TikTok, Twitter, Instagram und Facebook zentralistisch, werbefinanziert, datenkapitalistisch und in Privateigentum seien.
    Es braucht laut Dobusch daher Alternativen und „Ausweichrouten“, damit Nutzerinnen und Nutzer, Medien und Institutionen diesen Plattformen nicht ausgeliefert seien. Der Wunsch nach digitaler Souveränität sei dabei inzwischen auch in der Breite der Bevölkerung angekommen.

    W Social als mögliche europäische Antwort auf X: Versprechen und Kritik

    Mit "W Social" will ein schwedisches Start-up eine europäische Alternative zu X aufbauen. Die Plattform soll am 9. Mai starten, bewusst am Europatag, der an die historische Rede des früheren französischen Außenministers Robert Schuman im Jahr 1950 erinnert, in der dieser einen Plan für eine vertiefte europäische Zusammenarbeit vorstellte.
    Die Macher setzen dabei auf mehrere zentrale Versprechen, die die Plattform auch von X abheben soll. Ein wichtiger Punkt ist die Verifizierung von Nutzerinnen und Nutzern, um gegen die Unmenge an KI-Bots vorzugehen, die inzwischen auf den anderen Plattformen unterwegs sind. „Wir brauchen eine europäische Lösung, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht”, erklärt die Juristin und Mitgründerin Anna Zeiter.
    Die Verifizierung soll über Ausweisdokumente und einen Gesichtsabgleich erfolgen, die Daten würden danach aber nicht gespeichert, sondern sofort gelöscht. Ein weiterer Unterschied liegt beim Umgang mit Daten. Sie werden in Europa gespeichert und verarbeitet, bei einem finnischen Anbieter.
    Zeiter zufolge setzt W Social außerdem auf ein Open Source Protokoll, das sogenannte AT-Protokoll. Darauf basierten bereits mehrere soziale Netzwerke, darunter Eurosky in Europa und Bluesky in den USA.
    Doch es gibt auch Kritik: Das Projekt hat laut Medienexperte Markus Beckedahl vor allem Aufmerksamkeit erzeugt, ohne konkrete Details zu liefern. Ob etwa die verpflichtende Verifizierung von Nutzerinnen und Nutzern angenommen wird, ist laut Beckedahl offen. Sie könnte eine hohe Einstiegshürde sein.
    Außerdem bezweifelt er, dass Verifizierung allein Hassrede und Falschinformationen verhindere. Offen bleibt auch, welches Geschäftsmodell hinter der Plattform steht.

    Von Mastodon bis Eurosky: Diese Alternativen gibt es

    Mastodon gilt als eine der bekanntesten europäischen Alternativen zu X, das dezentral organisiert ist. Es gibt dabei viele einzelne Server, die miteinander verbunden sind.
    Ähnlich funktioniert Bluesky. Auch wenn Bluesky keine europäische Plattform ist, ist sie für die Debatte wichtig. Sie basiert wie W Social auf einem offenen Protokoll und zeigt, dass sich soziale Netzwerke technisch miteinander verbinden lassen
    Genau daran knüpft auch Eurosky an, eine Initiative aus den Niederlanden, die offene soziale Netzwerke auf europäischen Servern und unter dem Dach einer europäischen Stiftung betreiben will. Geplant ist unter anderem ein gemeinnütziger Moderationsdienst, den verschiedene Plattformanbieter nutzen können. Die Nutzer sollen bei Eurosky eine digitale Identität bekommen und ihre Daten auf europäischen Servern speichern können.
    Wedium ist eine weitere geplante Plattform einer Berliner Agentur. Sie will als europäische Alternative zu TikTok, Facebook und Instagram im Juli starten und soll dabei ohne personalisierte Algorithmen auskommen. Außerdem sind Jugendschutzfunktionen, Maßnahmen gegen Falschinformationen und eine verpflichtende Identitätsprüfung für aktive Nutzerinnen und Nutzer vorgesehen.
    Daneben gibt es viele andere europäische Alternativen: Pixelfed als Instagram-Alternative, BeReal aus Frankreich für spontane Fotos oder Alugha aus Deutschland als Videoplattform und Alternative zu YouTube. Einen Überblick über alle europäischen digitalen Dienste bietet das Projekt „European Alternatives“.

    Das Problem mit der Reichweite

    Der Abstand zu den großen Plattformen aus den USA und China ist noch groß. Instagram kommt laut Zahlen aus dem Jahr 2025 auf rund drei Milliarden monatlich aktive Nutzerinnen und Nutzer, Facebook ebenfalls auf mehr als drei Milliarden, TikTok liegt bei rund 1,59 Milliarden. Für X schwanken die Schätzungen, sie liegen aber weiter im Bereich mehrerer Hundert Millionen.
    Markus Beckedahl sagt, dass die X-Alternative Bluesky, die ebenfalls aus den USA stammt, auf mehr als 40 Millionen Nutzerinnen und Nutzer kommt. Mastodon, ein dezentrales Netzwerk mit europäischen Wurzeln, kommt auf rund zehn Millionen.
    Trotzdem widerspricht Beckedahl der Annahme, X sei weiterhin alternativlos. Wer dort noch aktiv sei, laufe einer „Relevanzillusion“ hinterher: Politikerinnen geben X Bedeutung, weil sie hoffen, dort von Journalisten gesehen zu werden. Journalisten wiederum zitieren Politikerinnen, die dort posten.
    Markus Beckedahl sieht gerade in der neuen Initiative Eurosky große Chancen für eine offene europäische Plattform. Größer als in einem Start-up wie W Social, das seiner Ansicht nach zunächst vor allem gut in Werbung sei.
    Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch warnt davor, einfach „dasselbe, was die Amerikaner mit ihren Plattformen gemacht haben“, nur europäisch nachzubauen.
    Erfolgreich könnten europäische Alternativen deshalb vor allem dann werden, wenn sie einer anderen Logik folgten, also offener, transparenter und gemeinwohlorientierter. Dobusch sieht auch öffentliche Institutionen, Hochschulen und staatliche Stellen in der Pflicht. Sie könnten alternative Netzwerke aktiv nutzen oder eigene Server betreiben.
    Laut Dobusch sind außerdem öffentlich-rechtliche Sender wie ARD und ZDF in einer guten Ausgangsposition, um digitale Alternativen anzubieten, weil ihre Mediatheken bereits von Millionen Menschen genutzt würden und viele Nutzerinnen und Nutzer dort Profile hätten. Was bislang fehle, seien Möglichkeiten zu interagieren, zu kommentieren und „meinungsbildende Diskursräume“ zu eröffnen.

    Onlinetext: Elena Matera