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StartseiteBüchermarktDumpfe Stimmen, dunkle Räume 11.09.2020

Clemens Meyer: "Nacht im Bioskop"Dumpfe Stimmen, dunkle Räume

Im Januar 1942 verübten ungarische Faschisten ein Massaker in der serbischen Stadt Novi Sad. In seiner neuen Erzählung verknüpft Klopstock-Preisträger Clemens Meyer die historischen Ereignisse mit einer kurzen Theorie des Kinos. So beschreibt er das Grauen, ohne Partei zu greifen.

Von Samuel Hamen

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Der Schriftsteller und sein Roman "Nacht im Bioskop" (dpa Zentralbild / Rainer Justen / Faber & Faber / Montage Deutschlandradio)
Autor Clemens Meyer ist für seine präzisen Schilderungen prekärer Milieus bekannt. Vor wenigen Monaten wurde er mit dem Klopstock-Preis des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet. (dpa Zentralbild / Rainer Justen / Faber & Faber / Montage Deutschlandradio)
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In Clemens Meyers neuer Erzählung sind die Menschen – ob sie es wollen oder nicht – kleinste Teile einer gewaltigen Bewegung. Die schöne tote Frau auf Seite eins treibt unter dem "Eis eines großen Flusses, der durch eine alte Stadt in der südöstlichen Mitte der Welt" fließt. Episch sind die Zeiten, die in "Nacht im Bioskop" auf knapp hundert Seiten aufgespannt werden:

"Die Stadt hieß Novi Sad, und die Deutschen nannten sie Neusatz. Verschiedene Stämme siedelten seit jeher an den Ufern des Stroms, und viele hundert Jahre bevor die junge Frau ihre blauen Lippen bewegte im eisigen Wasser, als wäre noch ein winziger Rest Leben in ihr, als würde sie beten unter dem Eis, das sich so dicht, von Ufer zu Ufer erstreckte, dass die Soldaten mit Kanonen und Sprengladungen Löcher hineinschossen und -sprengten, hatten die Osmanen die Stadt erobert."

Durch die Augen der Schuldigen und Unschuldigen

Im heute serbischen Novi Sad spielen sich im Januar 1942 grauenhafte Szenen ab. Die ungarische Besatzungsmacht – Verbündete der Achsenmächte – statuiert ein Exempel ihrer Willkürherrschaft. Soldaten überfallen Zivilisten in ihren Wohnungen und treiben sie im Bahnhofsgebäude zusammen. Sie schießen Löcher in die zugefrorene Donau, um die vor allem serbischen und jüdischen Opfer unterm Eis zu ertränken. Ein namenloser Mann, Anhänger der faschistischen Ustascha-Bewegung, streift durch die Stadt. Eine namenlose Frau, seit 1938 Dienstmädchen bei einer in der Stadt ansässigen Familie, ist ebenfalls unterwegs. Durch ihre Augen, durch die unschuldigen wie die schuldigen, werden wir der Exzesse ansichtig.

Parteilichkeit würde diese Geschichte erlahmen lassen. Aus dem Munde des Erzählers sind weder emphatische Portraits der Opfer zu hören noch Verurteilungen der Untaten, die in diesen Nächten begangen werden. Es sind vielmehr Details, mutmaßlich deskriptive Finessen, in denen der Horror einen anspringt: etwa die von Geldscheinen grün verfärbten, schweißnassen Hände des Dienstmädchens, das im Bahnhof Zigaretten kaufen wollte. Und dann am eigenen Leib erfährt, was es heißt, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Abbilder des Grauens im Kino  

Gespeist wird "Nacht im Bioskop" von Erfahrungen, die als so irreal empfunden werden, dass sie nur beschrieben werden können, indem die Realität aufgefächert wird. Festgefügte Kategorien geraten ins Wanken; auch die Figur des namenlosen Faschisten wird zwielichtiger, unklarer in ihrem Verhalten. Hat sie sich vom Morden losgesagt? Will sie die Frau und den Säugling der getöteten Familie retten und aus der Stadt schmuggeln? Wie im Traum, wie im Albtraum ziehen die Nächte in Voice-Overs und Ineinander-Blendungen vorbei:  

"Wenig später, Tage, oder Stunden nur?, würde der Mann mit dem Pelzmantel den Jungen an einem der Eislöcher stehen sehen, zusammen mit anderen Soldaten, Schatten auf dem Wasser, im Wasser, die Pfiffe der Lokomotiven, die aus aufgerissenen Mündern dringen. Die Feuerkörbe auf der Brücke brennen nun, der Mann mit dem Pelzmantel sieht weitere Soldaten, er hört eine Glocke schlagen in der Stadt, fünf Uhr am Abend erst und dunkle, dunkle Nacht."

Ästhetik und Brutalität

Der Text setzt bei alledem auf einen unbehaglichen und deswegen reizvollen Effekt des Ästhetischen und gleitend Atmosphärischen. Je brutaler die Erfahrungen sind, desto obszöner muss dieses Erzählen erscheinen, das Täter- und Opferperspektiven vermengt, das die Gräuel mal ausblendet, mal überbelichtet. Die Zigaretten der Soldaten glimmen stimmungsvoll; die Haare des toten Mädchens glänzen filmreif im Eiswasser. Das Kino, damals auch Bioskop genannt, ist der Ort, an dem dieses Schreiben sich selbst begegnet. Im Laufe der Nacht finden sich beide Protagonisten dort ein:

"Sie schließt die Augen. Sieht und spürt die Bewegungen des Lichts durch die geschlossenen Lider. Sie stolperten über Körper. In unregelmäßigen Abständen, die ihr regelmäßig vorkamen, stießen sie auf Körper, lang und dunkel und schmal im Schnee, wo war der Mond?"

Gewalt der Bilder

Vor dem sprichwörtlichen inneren Auge erscheinen gespenstische Gegenwelten, in denen die Lebenden tot und die Toten lebendig sind. "Nacht im Bioskop" folgt dem Reiz des Morbiden und stellt sich – wie schon Christian Krachts Roman "Die Toten" – der Frage, wie sich Schrecken in Bilder verwandeln und welche Macht diese Bilder entwickeln. In Friedenszeiten aufgenommene Postkartenansichten von Novi Sad ergänzen diese intermediale Anordnung, in der es um Realitäten und Abbilder, um Erlebnisse und deren Überlieferung geht.

Clemens Meyer wird seit vielen Jahren von Lesern und Leserinnen ebenso wie von der Kritik dafür geschätzt, seine Figuren in trübe Lichter zu stellen und sie durch dämmernde Zeiten schreiten zu lassen. Mit der neuen Erzählung hat er sein Spektrum um das Geschichtliche erweitert. Ob er der Komplexität historischer Ereignisse wie dem Pogrom in Novi Sad gerecht wird, ist indes nicht ausgemacht. Wegen der Kürze kann "Nacht im Bioskop" seine medientheoretischen genau wie seine polithistorischen Themen nur im Ansatz verhandeln. Das verleiht dem Text eine fragmentarische Intensität, entzieht ihm zugleich die Möglichkeit, sich umfassender mit diesen heiklen Fragen rund um Ethik und Ästhetik zu beschäftigen.

Clemens Meyer: "Nacht im Bioskop"
Mit fotografischen Illustrationen
Verlag Faber und Faber, Leipzig, 96 Seiten, 18 Euro

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