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StartseiteForschung aktuellHeimarbeit 4.003.05.2018

Cloud- und Crowdworking Heimarbeit 4.0

Crowdworking gilt als effizient: Eine Aufgabe wird vielen potenziellen Arbeitskräften über ein Online-Portal angeboten. Wer sich zuerst meldet, bekommt den Job und erledigt ihn vom Computer aus. Firmen finden dadurch kurzfristig und bedarfsgerecht Arbeitskräfte. Doch für die bringt das System auch Nachteile.

Von Piotr Heller

Eine Frau arbeitet an einer Computer-Tastatur. (imago)
Crowdworking gilt als innovativ und effizient - ist es aber auch sozialverträglich? (imago)
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Manchmal scheitern auch Wirtschaftsinformatiker an Alltagstechnik. So erging es Jan Marco Leimeister von der Universität Kassel. Als er in der Schweiz seinen Internetprovider wechselte, streikte der Router. Per Ferndiagnose war nichts zu machen und ein Techniker hätte erst in einer Woche für 200 Franken vorbeischauen können. Aber der Schweizer Provider machte dem Professor ein Angebot: Er könne seine Anfrage an ein Online-Portal zur Nachbarschaftshilfe schicken, mit dem man kooperiere.

"Ich habe in weniger als einer Stunde zwei Antworten aus der unmittelbaren Nachbarschaft bekommen, die bereit gewesen wären, bei mir vorbei zu kommen, die mir aber auch schon gleich im Vorfeld sagen konnten: Sie hatten das gleiche Problem und sie haben das so und so gelöst."

Etwa 1,2 Millionen Crowdworker in Deutschland

Die Helfer bekamen dann eine Vergünstigung von Seiten der Plattform. Jan Marco Leimeister erzählt diese Geschichte am Rande einer Konferenz in Frankfurt, auf der Forscher und Gewerkschaften über die Organisation von Arbeit im digitalen Zeitalter sprechen. Das Router-Beispiel illustriert das Prinzip "Crowdworking": Arbeit wird über ein Online-Portal vielen potenziellen Arbeitskräften angeboten. Das beginnt beim Beschrieben von Bildern und geht über das Verfassen oder Übersetzen größerer Texte bis hin zu Programmierarbeiten. Die Arbeitskraft steht dabei schnell und bedarfsgerecht zur Verfügung. In Deutschland, das hat Jan Marco Leimeister ermittelt, gibt es etwa 1,2 Millionen Menschen, die auf diese Art Geld verdienen. Die Automatisierung könnte das alles schon bald noch effizienter machen. Etwa indem ein Algorithmus automatisch große Texte zerlegen und diese Schnipsel von vielen Arbeitern übersetzen lässt.

"Das variiert man und lässt immer wieder das durchlaufen und bekommt so ein konvenierendes Bild von den vermeintlich korrekten Übersetzungen. So kann man mehrere Schlaufen miteinander verschachteln, teilweise mit beeindruckenden Ergebnissen was die Qualität der Übersetzung anbetrifft."

Arbeiter online rekrutiert

Auf der Konferenz war auch die Arbeitswissenschaftlerin Melissa Valentine von der Stanford University zugeschaltet, sie denkt bei Crowdworking über simple Aufgaben hinaus.

"Wir haben uns gefragt: Können wir ein Crowdworking-System entwickeln, bei dem Menschen komplexe Aufgaben ohne klar definiertes Ziel lösen?"

Sie entwickelte dafür ein Online-Portal mit zwei Grundideen. Erstens: Wer ein komplexes Projekt umsetzen will, kann dafür eine Struktur aus Aufgaben und hierarchischen Rollen erarbeiten. Zweitens: Die Arbeiter für die Rollen werden im Crowdworking-Verfahren über das Internet rekrutiert.

"Jeder im Team kann im Laufe der Arbeit Änderungen an den Strukturen oder Aufgaben vorschlagen. Das muss dann ein Teamleiter bestätigen."

Crowdworker sozial kaum abgesichert

Melissa Valentine testete das Konzept. Sie ließ etwa Projektleiter auf dem Portal nach dem Crowdworking-Prinzip unter anderem eine App entwickeln, mit der Sanitäter im Krankenwagen mit Notärzten im Krankenhaus kommunizieren können. Es funktionierte und die Entwicklung der App lief viel schneller als in klassischen Firmenstrukturen. Bei solchen Erfolgen sollte man aber nicht vergessen, welche Gefahren in dieser neuen Arbeitsform lauern: Crowdworker sind Selbstständige und sozial kaum abgesichert. Christiane Benner, die zweite Vorsitzende der IG-Metall, fordert daher, diese modernen Arbeiter zu schützen.

"Heißt für mich im ersten Punkt: Unser Renten-Versicherungssystem so zu bauen, dass dort Rentenversicherungsbeiträge geleistet werden können. Zweiter Punkt: Es muss eine erschwingliche Krankenversicherung geben. Dritter Punkt ist: Ich finde, ich muss auch über Untergrenzen bei der Vergütung reden."

Das sind die großen Ziele. Derzeit bietet die Gewerkschaft Crowdworkern etwa Rechtsberatung an und betreibt ein Portal, auf dem sie sich vernetzen können. Es sind erste Schritte, um die neue Arbeitswelt nicht nur innovativ und effizient, sondern auch sozialverträglich zu gestalten.

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