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StartseiteWissenschaft im BrennpunktZurück in die Tiefe06.10.2019

CO2-Entsorgung im UntergrundZurück in die Tiefe

Auf dem Papier klingt die Idee zukunftsweisend: CO2 wird aus der Atmosphäre wieder eingefangen und eingelagert. Die Politik kalkuliert längst mit Kohlendioxid-Entnahmeverfahren - aber die Technologie ist umstritten.

Von Tomma Schröder

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Ingenieurin auf dem Dach der CO2-Abscheidungsanlage im norwegischen Mongstad (Foto: Technology Centre Mongstad)
Testanlage im norwegischen Mongstad: Die CCS-Technologie zur CO2-Einlagerung wird gerade wieder diskutiert (Foto: Technology Centre Mongstad)
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"Attacke, Tagebau! So schnell wie möglich aussteigen! Nicht nur, dass Vattenfall durch seinen Braunkohletagebau ganze Landschaften unwiederbringlich verschandelt und ausbeutet. Jetzt plant der Konzern auch noch das Klimagift Kohlendioxid unter unsere Heimat zu verpressen."

Jeden Tag strömen Millionen von Tonnen CO2 aus den Kohlekraftwerken, aus Öl-Raffinerien, Flugzeugen, Autos, Industrie und Landwirtschaft. Kostenfrei und scheinbar unsichtbar entweicht es in die Atmosphäre. Dabei könnte das Treibhausgas genauso gut zurück in die Tiefe, wo wir den Kohlenstoff in Form von Öl, Erdgas oder Kohle ausgebuddelt haben. CCS – Carbon Capture and Storage. Einfangen und speichern - für immer. Robert Habeck vom Bündnis 90/Die Grünen:

"Im Land will niemand das haben, weder die CDU, noch die FDP, noch die Grünen, noch die Piraten oder die SPD. Und die Bevölkerung will es erst recht nicht haben, und das aus gutem Grund nicht."

Vor zehn Jahren wurden in Deutschland erste CCS-Projekte ausgebremst. Der Druck der Öffentlichkeit war zu groß. Doch inzwischen müssen wir uns fragen: Haben wir denn eine Alternative? Jan Minx vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin: 

"Wir wissen immer sehr genau, was wir nicht wollen. Aber wir sind weniger bereit, dann über die Konsequenzen dessen nachzudenken, was wir eigentlich so alles nicht wollen. Wir können natürlich nicht eine Option nach der anderen aus dem Portfolio herausstreichen, und ich glaube, das ist ein bisschen das Dilemma. Man muss wirklich sagen, nur Solar und Wind, die machen es nicht!"

Wir könnten morgen schon aus der Kohleenergie aussteigen, den Verkehr umbauen, sogar das Fliegen verbieten – es blieben immer noch Restemissionen übrig. Wohin damit?

Pilotanlagen für die CO2-Speicherung

Ende der Nuller-Jahre beginnen Vattenfall und RWE, Pilotanlagen für die Abscheidung und Speicherung von CO2 zu planen. Die betroffene Bevölkerung in Brandenburg und Schleswig-Holstein fürchtet um ihr Trinkwasser, fürchtet Erdbeben, fürchtet Leckagen. Statt auf Erneuerbare zu setzen, wollten die Energieunternehmen ihr CO2-Problem einfach unter den Teppich kehren, lautet der Vorwurf.

Ketzin im Jahr 2011. Bereits seit drei Jahren wird hier zu diesem Zeitpunkt Kohlendioxid in den Boden verpresst – zu Forschungszwecken. Alexandra Szizybalski vom Geoforschungszentrum Potsdam:

"Ok, das CO2 kommt also in der Leitung hier an und unterhalb dieses unteren Schiebers ist ein Edelstahlrohr, was runter geht bis auf 580 Meter, wo das CO2 runtergeleitet wird."

Viel zu sehen gibt es nicht: Zwei große Tanks, ein Container, Leitungen und viele Messgeräte. Viel interessanter ist, was unter dem Boden passiert:

"Wir injizieren ja in einen Sandstein, diese sogenannte saline Aquifere, der ist ungefähr 640 Metern tief und er ist lokal sehr unterschiedlich verbreitet. Aber im Prinzip haben wir darüber eine Deckschicht, einen Tonstein, der 200 Meter mächtig ist, darüber ist wiederum ein Sandstein und darüber ist nochmal eine Tonschicht. Also deswegen sagen wir Multibarrieren, weil wir zweimal so eine Deckschicht haben, die nahezu undurchlässig sind."

Pilotanlage zur CO2-Speicherung in Ketzin bei Berlin  (dpa/picture alliance/Bernd Settnik)Pilotanlage zur CO2-Speicherung in Ketzin bei Berlin (dpa/picture alliance/Bernd Settnik)

Veto der Bundesländer stoppt Speichererkundungen

Mittlerweile ist das Forschungsprojekt erfolgreich abgeschlossen. Es gab keine bösen Überraschungen, alles lief nach Plan. Die Testanlage, die vom Geoforschungszentrum in Potsdam betrieben wurde, konnte viele Daten und viel Wissen zur Speichertechnologie liefern. Eigentlich die Grundlage für große, kommerzielle CCS-Projekte. Doch die gibt es bis heute nicht.

Das liegt auch am deutschen CCS-Gesetz, das 2012 verabschiedet wurde. Es begrenzt das Speichervolumen stark, setzt eine mittlerweile abgelaufene Frist für Speichererkundungen und gab den Bundesländern quasi ein Vetorecht – von dem alle betroffenen Länder Gebrauch machten. Aber wenn eine Technologie so vehement abgelehnt wird, ist es dann nicht richtig, auf sie zu verzichten? Muss man Kohlekraftwerke mit CCS am Leben erhalten? Cornelia Schmidt-Hattenberger vom Geoforschungszentrum Potsdam:

"Das war eines der schwierigsten Gegenargumente auch damals, dass selbst wir als Wissenschaftler die Lobbyisten sind für die Kohleindustrie, dass man also Kohle einfach länger am Netz halten möchte."

Tatsächlich stammten die damals geplanten CCS-Projekte ausschließlich von Energieunternehmen, die damit ihre Kohlekraftwerke klimafreundlich machen wollten. Darüber hinaus agierten einige Konzerne sehr durchsichtig: So kam bereits 2011 heraus, dass der Energiekonzern RWE Stellen bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe finanziert hatte. Die Mitarbeiter sollten Vorschläge für Vorschriften und Genehmigungen von CO2-Speichern erarbeiten.

CCS als Vehikel für den Weiterbetrieb von Kohlekraftwerken?

Einfluss auf Behörden, Druck auf die Politik, Vorformulierungen für Gesetzestexte und schlagkräftige Lobby-Vereine – wer die CCS-Debatte damals verfolgte, kam schnell zu dem Schluss, dass die Kohleindustrie hier versuchte, ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen. Schmidt-Hattenberger:

"Das hat sich jetzt dahingehend gewandelt, dass man schon umdenken muss. Zusammen mit dem Abschalten der Kohlekraftwerke, der fossil basierten Energieerzeugung muss man einfach sich neu orientieren: Was bleibt jetzt übrig? Wo gibt es Prozesse in der Industrie, die man nicht abschalten kann, die aber auch Emissionen haben? Und diese Diskussion sollte schon auch neu geführt werden und auch sehr transparent."

Genau das versucht Andreas Oschlies. Denn er kann an seinem Arbeitsplatz am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel verschiedene Szenarien durchrechnen lassen und so einen Blick in die Zukunft werfen. Die Ergebnisse sind ernüchternd:

"Wenn wir das zusammenzählen, strebt die Welt auf eine Temperaturerhöhung von drei bis vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts hin. Wir sehen noch keine Stabilisierung, denn wir haben immer noch CO2–Emissionen. Und nach diesen Kohlenstoff-Budgets, die wir haben, bedeutet ein Stopp der Erwärmung, auf welchen Temperaturlevel auch immer, null Emissionen von CO2."

Aktive Entnahme von CO2 ist unverzichtbar

Sätze wie diese wiederholt Oschlies immer wieder. Denn allen Klimadebatten zum Trotz scheinen einige recht einfache Botschaften noch nicht richtig angekommen zu sein: Für das 1,5 Grad-Ziel ist es Voraussetzung, die Emissionen massiv zu reduzieren. Das allein reicht aber nicht. Die Menschheit müsste zusätzlich bis 2050 ungefähr eine Milliarde Tonnen Kohlendioxid aktiv aus der Atmosphäre entnehmen, das bestätigt auch Jan Christoph Minx vom MCC:

"Wir hatten ja gerade vom Weltklimarat den Sonderbericht zu dem 1,5-Grad-Ziel. Und der sagt ganz klar, dass die Zielerreichung für 1,5 Grad nicht ohne großskalige CO2-Entnahme möglich ist, weil wir bis 2050 nur ein sehr kleines verbleibendes CO2-Budget haben. Das ist so groß wie ungefähr zehn Jahre der heutigen Emissionen." Und Andreas Oschlies:

"Wir werden wahrscheinlich weiter fliegen wollen und wir werden Landwirtschaft haben wollen. Wir werden einige chemische Prozesse weiter brauchen und wir wollen die Gesellschaft ja nicht komplett in eine steinzeitliche Gesellschaft umwandeln. Das heißt, Rest-Emissionen wird es geben, darf es aus meiner Sicht auch geben. Man darf auch sicherlich weiter fliegen. Man muss nur überlegen, wie kriegt man dann das dabei entstandene CO2 wieder aus dem System raus."

Kombination von Bioenergie und CO2-Speicherung

Bis auf ein sehr extremes Szenario, das von einem starken Rückgang des Energiebedarfs ausgeht, setzen alle Berechnungen des Weltklimarates auf die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid. Sie soll dabei helfen, CO2-Emissionen aus Kraftwerken und Industrien zu verhindern. Gleichzeitig könnten mit Hilfe von CCS auch negative Emissionen gelingen. Durch sogenanntes "Direct air capture" zum Beispiel, bei dem das CO2 direkt aus der Luft gefiltert wird. Weil dieses Verfahren sehr teuer und energieaufwändig ist, setzt der Weltklimarat jedoch auf eine andere Methode: auf die gemeinsame Verwendung von Bioenergie und CCS, das sogenannte BECCS. Oschlies:

"Die Idee ist, dass man Kraftwerke mit Biomasse betreibt. Holz, Pflanzen, Gräser, die ja beim Wachstum CO2 aus der Atmosphäre aufgenommen haben. Wenn wir die Biomasse jetzt einfach wieder verbrennen, so wie ich es in meinem Holzofen mache, dann kommt das CO2 wieder aus dem Schornstein raus. Das bringt also netto nichts. Bei Bioenergie mit CO2-Abscheidung und Speicherung ist dann der Trick, dass man das nicht durch einen Schornstein in die Atmosphäre pustet, das CO2, sondern nach dem Verbrennen direkt abfängt, abscheidet, speichert und vermutlich in die Erde pumpt."

Andreas Oschlies bezweifelt zwar, dass BECCS in nennenswertem Maßstab kommt. Als zu groß sieht er bei der Bioenergie die Probleme von Monokultur und die Konflikte bei der Flächennutzung. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass es ohne CCS nicht geht. Die Frage sei nicht, ob man CO2-Vermeidung oder - Verklappung betreibt. Die Klimaziele seien nur mit beidem gleichzeitig zu erreichen, meint Oschlies.

Alle Pilotprojekte in der EU eingestellt  

In der Politik weiß man das. Alle rechnen damit. Aber keiner spricht so richtig darüber. Es gibt keinen Plan, keine Idee, kein Drehbuch, wie diese Szenarien umgesetzt werden könnten. Zumal die bisherige Förderung der CCS-Technologie krachend gescheitert ist: Im Jahr 2009 stellte die EU eine Milliarde Euro für Pilotprojekte zur unterirdischen Kohlendioxidspeicherung zur Verfügung. Es wurden Anlagen in Spanien, Italien, Polen, den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland geplant. Alle EU-Projekte von damals sind eingestellt. Jan Christoph Minx:

"Obwohl seit Jahren gesagt wird, dass es für den globalen Klimaschutz eine Technologie ist, die wir brauchen, ist diese Option momentan, würde ich sagen, in weiten Teilen von Europa erst einmal tot."

Anders ist das in Norwegen, wo CCS im nationalen Alleingang seit Jahrzehnten stattfindet. Vielleicht gerade weil Norwegen mit seiner Öl- und Gas-Förderung einen hohen CO2-Ausstoß hat, wurde in dem Land bereits vor 25 Jahren der erste unterirdische Kohlendioxidspeicher in Betrieb genommen – und auf eine CO2-Steuer gesetzt, erläutert Krishan Totland, Pressesprecher des Technologiezentrums TCM im norwegischen Mongstad:

"Die Steuer auf Kohlendioxid-Emissionen in der Offshore-Branche seit 1990 war der Anfang. Zunächst wurde im Sleipner-Feld Kohlendioxid verpresst. Und im Jahr 2005 gründete Norwegen Gassnova, das Staatsunternehmen für die Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoff, und finanzierte CCS-Initiativen. Und 2012 ging das Technologiezentrum für CO2 in Mongstad, kurz TCM, in Betrieb."

CSS-Alleingang in Norwegen

Das weltweit größte Testcenter für die Abscheidung von Kohlendioxid steht mitten im Nirgendwo, 70 Kilometer nördlich von Bergen. 

"Ich möchte einmal die Anlage zeigen."

Ein Zahlencode - und der Durchgang öffnet sich. Eine große Glasfront gibt den Blick auf die Abscheidungsanlagen frei.

"So sieht sie aus. Es ist regnerisch und neblig, aber so ein Wetter haben wir hier oft. Hier rechts sehen Sie die TCM-Testanlage und links die Ölraffinerie."

Das Gelände sieht aus, als hätte sich ein kreatives Kind beim Bau einer Murmelbahn ausgetobt: Hier und da recken sich ein paar Türme in den Himmel und um sie herum führen Rohre von oben nach unten, von links nach rechts und wieder zurück. CO2 einzufangen, so scheint es, ist eine komplizierte Sache. Denn wo die CCS-Technologie nicht an der mangelnden Akzeptanz für die unterirdischen Speicher gescheitert ist, da ist sie aufgrund der hohen Kosten und der Ineffizienz ad acta gelegt worden. Und das mit Abstand Teuerste an CCS ist die Abscheidung des Treibhausgases aus den Industrie- und Kraftwerksabgasen. Hier in Mongstad werden verschiedene Verfahren dazu erprobt.

Die Betriebsleiterin des Zentrums, Anne-Berit Hjorth Viken, zeigt auf eine Pipeline, die das Rauchgas aus der anliegenden Ölraffinerie hierher transportiert. Eine weitere Pipeline liefert die Rauchgase aus dem benachbarten Gaskraftwerk. Mit den beiden Gasen können verschiedene CO2-Gehalte für Testzwecke gemischt und simuliert werden. Wir steigen auf eine Plattform, von der aus das Gewirr von Rohren, Messgeräten und Behältern gut zu überblicken ist.

"Erstmal sind das hier nur furchtbar viele Rohre und eine Menge Behälter. Aber es ist wichtig zu wissen, dass das alles System hat! Hier unten geht das Rauchgas in diesen großen Schornstein aus Beton. Und dann hat man etwas weiter oben in dem Turm das Lösungsmittel. Dort blubbert das Rauchgas durch und dabei wird das Kohlendioxid gebunden. Das gereinigte Gas wandert weiter durch den Schornstein und wird oben ausgestoßen. Das flüssige Lösungsmittel mit dem Kohlendioxid wird danach bedampft, sodass das CO2 das Lösungsmittel wieder verlässt und dann in ein Rohr abgeschieden werden kann."

Die Chemie hinter der CO2-Abscheidung 

Was Anne Berit Hjorth Viken beschreibt, ist nicht sichtbar – es spielt sich im Inneren der vielen Rohre ab. Aber im Labor, sagt sie, könne man das Ganze nachstellen. Der Chemiker Eirik Romslo Kleppe nimmt eine Flasche, stellt sie auf eine Waage und gießt eine Flüssigkeit ein. In diese Lösung hängt er einen Schlauch, aus dem Blasen blubbern – CO2:

"Das ist das Gleiche, was auch draußen im großen Absorber geschieht, wo das Lösungsmittel mit dem CO2-haltigen Gas aus den Kraftwerken in Kontakt kommt. Während das CO2 hier durchperlt, nimmt das Gewicht des Lösungsmittels zu. Das heißt, dass das CO2 in dem Lösungsmittel gebunden wird."

Tatsächlich steigen die Grammzahlen auf der Waage schnell und kontinuierlich an, weil immer mehr CO2 in der Lösung verbleibt. Es wird von sogenannten Aminen, Derivaten des Ammoniaks, eingefangen und gebunden. "Aminwäsche" nennt sich das Ganze und ist ein altbekanntes chemisches Verfahren. Anne-Berit Hjorth Viken malt Moleküle an eine Tafel:

"Das ist diese Gruppe mit Kohlenstoff und Wasserstoff. Und wenn Sie nur eine dieser Gruppe haben, ist es ein primäres Amin. Und Sie können auch noch eine andere haben. Oder sogar drei. Und hier gibt es viele verschiedene Lösungsmittel mit vielen verschiedenen Arten von Gruppen. Das ist also die Chemie dahinter und eine Art Geheimformel für die Anbieter von Abscheidetechnik."

Neues EU-Forschungsprojekt setzt auf Anlage in Norwegen

Es kommen nicht nur Firmen nach Mongstad. Es sind auch Vertreter öffentlicher Forschungsprojekte. Mittlerweile auch wieder aus der EU. Chemiker Romslo Kleppen:

"Das, was wir hier haben, ist das Lösungsmittel eines EU-Forschungsprojektes, das in diesem Herbst hier in der Anlage getestet werden soll. Da wird dann entweder das Rauchgas aus der Öl-Raffinerie oder aus dem Gaskraftwerk durchgeleitet. So ungefähr 90 bis 95 Prozent dieser Rauchgase bestehen nicht aus CO2 und gehen in die Luft. Das gebundene CO2 kommt mit dem Lösungsmittel in einen anderen Teil der Anlage, wo es erhitzt und so wieder aus der Lösung abgetrennt wird."

Die Zusammensetzung der Lösung mit den unterschiedlichen Aminen entscheidet, wie gut dieser Prozess klappt, wie effizient und wie umweltfreundlich er ist: Wie leicht lässt sich das CO2 nachher aus dem Mittel wieder herauslösen? Oder entstehen schädliche Abgase, zum Beispiel die krebserregenden Nitrosamine? Hjorth Viken:

"Wir sehen ein zunehmendes Interesse seit dem Pariser Abkommen. Also ich denke, dass CCS zurückkommt. Denn wir müssen ja auch alle Werkzeuge in der Toolbox verwenden: Erneuerbare Energien. CCS. Energieeffizienz. Wir brauchen alles."

Elbingerode (Sachsen-Anhalt): Das Kalkwerk der Fels Werke GmbH am 07.11.2002 bei Elbingerode im Harz. In den Betrieb, der aus dem VEB Harzer Kalk und Zementwerke hervorgegangen ist und der Kalkprodukte herstellt, In dem Betrieb, der aus dem VEB Harzer Kalk und Zementwerke hervorgegangen ist und der Kalkprodukte herstellt, wurden in den letzten Jahren mehr als 60 Millionen Mark in Filter und Entstaubungsanlagen investiert. Außerdem verringerte man den Kohlendioxid-Ausstoß um 25 Prozent durch Verwendung von Erdgas in den Brennöfen. Ein großer Teil der Produkte wird per Schiene zum Verbraucher transportiert. (MGB452-121102) | Verwendung weltweit (dpa-Zentralbild)Bei vielen industriellen Prozessen - etwa der Herstellung von Kalkprodukten und Zement - ist ein CO2-Ausstoß unvermeidbar (dpa-Zentralbild)

Speicher auch für CO2 aus anderen Ländern

Norwegen geht nun auch den nächsten Schritt. Zum ersten Mal in Europa soll die gesamte Prozesskette der CCS-Technologie umgesetzt werden: vollständige Abscheidung, Transport und Speicherung. Und zwar mit Emissionen eines Zementwerkes und einer Müllverbrennungsanlage, die sich anders als durch CCS bisher nicht vermeiden lassen. Das Kohlendioxid soll vor Ort abgespalten werden, dann per Schiff von Oslo an die Westküste transportiert und dort in einen neuen Speicher verpresst werden: 

"Das CO2-Lager liegt nur ein kleines Stück westlich von hier. Dort lagern sie das CO2 zwischen, bevor sie es in den Speicher verpressen. Und der Speicher wird gerade erkundet. Sie haben gerade die Finanzierung für die erste Bohrung erhalten."

Ein einsames Stück Küste irgendwo nordwestlich von Bergen. Hier wird die Pipeline beginnen. Zunächst führt sie einen steilen Hang hinab, 110 Kilometer am Meeresboden entlang, bis in 300 Metern Wassertiefe der richtige Ort erreicht ist. Dort wird die Pipeline im Meeresboden verschwinden und 500, 1.000, 2.000, vielleicht sogar 3.000 Meter in die Tiefe gehen.

Das Projekt soll im Jahr 2024 fertig sein. Die Menge an CO2, die dann abgeschieden und gespeichert wird, ist noch sehr überschaubar. Aber das Projekt soll zeigen, dass es geht. Und Partner gewinnen. Denn Norwegen hofft, dass vielleicht auch andere Länder ihr Kohlendioxid über Schiff oder eine der vielen bereits existierenden Pipelines zum neuen Speicher transportieren und dort vor der norwegischen Küste verpressen. Keine schlechte Idee, meint die Geologin Schmidt-Hattenberger:

"Norwegen hat auch signalisiert, dass sie auch aus anderen europäischen Ländern CO2 mit aufnehmen würden. Das hilft erst mal in der Zeit, wo wir vielleicht regulativ und politisch noch nicht so weit sind, dass wir anderswo mitmachen können. Das wäre ja schon ein erster Schritt, dass man einfach ganz offen mit dieser Technologie umgeht und sagt: 'Wir probieren das jetzt, weil andere sind schon so weit an der Front.'"

Comeback der CSS-Technologie?

Tatsächlich scheint es derzeit eine Art Comeback der CCS-Technologie zu geben. Großbritannien plant für die Zukunft gleich mehrere CCS-Speicher an der britischen Küste und auch die Niederlande haben ein großes Projekt angekündigt.

"Dass man also, ähnlich wie in Norwegen auch in ausgebeuteten Erdgasfelder an der holländischen Nordsee einlagert und vor allem auch aus der deutschen Prozess-Industrie, und da habe ich die Zementindustrie vor Augen, dass man dort das abgeschiedene CO2 über Pipelines zum Hafen von Rotterdam bringt und dann von dort in die Offshore-Speicher geleitet." 

Sollte diese Idee aufgehen, wird eine riesige neue Industrie entstehen. Eine Industrie, die ähnliche Ängste wecken dürfte wie zu Beginn der CCS-Ära: vor Erdbeben, versalzenem, belastetem Trinkwasser, CO2-Lecks und tödlichen CO2-Seen an der Erdoberfläche. Schmidt-Hattenberger:

"Natürlich wird man da auch Worst-Case-Szenarien machen als Abschätzung. Man weiß ja auch um diese vier Mechanismen, wie das CO2 eingefangen bleibt im Untergrund, sodass es einmal schon durch die geologische Struktur drin bleibt. Dann: Durch diese Rückhaltemechanismen der kapillaren Kräfte bleibt es in den Poren. Dann löst es sich auch und noch dazu dann über viele viele Jahre, dass es sich geochemisch in neue Mineralverbindungen begibt. Und dieser Prozess des Einfangens wird ja über die Jahre hinweg auch sicherer, weil diese Mechanismen greifen."

Auswahl von Unterwasserspeichern nicht leicht

Man könnte weitere Argumente bringen: dass etwa schon seit vielen Jahren unterirdische Erdgas-Speicher betrieben werden, die keine Probleme bereiten. Dass es bisher keine nennenswerten Erdbeben bei CCS-Projekten gab. Aber richtig ist auch: Wie bei jeder Technologie bleibt immer ein Restrisiko. Daher werden auch die Akzeptanzprobleme an Land vermutlich bleiben – selbst wenn die Kohleindustrie nicht mehr beteiligt sein sollte. Bei Projekten, die wie in Norwegen unter dem Meer geplant sind, sei dieses Problem wesentlich geringer, meint Klaus Wallmann, Geologe am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Darüber hinaus sieht er weitere Vorteile:

"Tatsächlich gibt es natürlich dieses 'not-in-my-backyard'-Argument. Aber objektiv ist es auch so, dass wir eben im Offshore-Bereich, wenn es dann zu Leckagen kommt, mit geringeren Schäden rechnen müssen, weil da keine Menschen wohnen, keine Gebäude stehen und so weiter. Und weil eben die Speicherkapazitäten sehr groß sind und dass die Infrastrukturen ohnehin schon stehen."

Allerdings muss man die Speicher gut auswählen und gut überwachen. Das ist in der Nordsee schon einmal gar nicht so leicht. Denn die Offshore-Öl- und Gas-Industrie war hier sehr fleißig:

"Wir haben mehr als 10.000 von diesen Bohrlöchern in der Nordsee. Man wird sicherlich versuchen, die zu vermeiden. Aber ob das immer gehen wird, ist fraglich."

Wie findet man Speicherlecks im Meeresboden? 

Klaus Wallmann beobachtet und untersucht den Meeresboden über dem norwegischen CO2-Speicher seit vielen Jahren. CO2-Leckagen konnte er bisher nicht finden. Was er fand, waren Stellen, an denen Methan aus flacheren Schichten herausblubberte – vermutlich weil die Taschen bei der Erdgasförderung angebohrt worden waren. Daraufhin untersuchte der Meeresgeologe, welche Folgen ein ähnliches Leck mit CO2 hätte. Tatsächlich fanden er und seine Kollegen dabei kaum Auswirkungen auf die Meeresumwelt. Dennoch müssten CO2-Speicher im Meeresboden sorgfältig überprüft werden, meint Wallmann, allein schon, um unseriöse Geschäfte zu unterbinden. Und das sei ziemlich aufwändig:

"Wir haben jetzt gelernt, dass es ist eben nicht so einfach ist, das zu finden, weil die Blasen eben schon nach zwei Metern weg sind und weil der Bereich, wo man überhaupt eine chemische Anomalie messen kann, sehr klein ist. Was man gut machen kann, ist flächendeckende hydroakustische Surveys. Das sind dieselben Geräte, mit denen auch die Fischerei arbeitet, um Fischschwärme zu finden. Und unsere englischen Kollegen, die arbeiten auch mit autonomen Unterwasserfahrzeugen, die dann eben kostengünstiger anzusetzen sind."

Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht neben dem Vorsitzenden des Sachverständigenrates Christoph M. Schmidt bei der Übergabe des Sondergutachten zum CO2-Preis in Anwesenheit von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU, r) und dem Mitglied des Sachverständigenrats Lars Feld. (dpa/Michael Kappeler)Der Preis für CO2-Emissionen muss steigen, wenn Klimaschutz-Technologien wie CCS wirtschaftlich werden sollen (dpa/Michael Kappeler)

Preise für CO2-Emissionen müssen steigen 

Die Abspaltung, der Transport, das Verpressen und die Überwachung der Speicher: CCS ist noch immer eine komplexe und teure Technologie – offshore sogar noch mehr als an Land. Laut der Branchenorganisation Global CCS Institute gibt es weltweit derzeit 23 große CCS-Anlagen in Betrieb oder im Aufbau. Insgesamt können sie knapp 40 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr speichern. Zum Vergleich: Das sind etwa fünf Prozent der jährlichen Emissionen Deutschlands.

Zum allergrößten Teil sind es Anlagen, die Kohlendioxid in Erdöl-Lagerstätten verpressen, um dort die Ölausbeute zu erhöhen. Die CCS-Anlagen sind dadurch wirtschaftlicher, wirklich klimafreundlich sind sie aufgrund der Ölförderung natürlich nicht. Ändern könnte sich das, wenn die CO2-Emissionen so teuer würden, dass sich ein Verpressen von Kohlendioxid auch ohne extra Öl-Ausbeute lohnen würde. Andreas Oschlies: 

"Also wenn es jetzt viel günstiger wäre, als 20 Euro pro Tonne, CO2 aus der Luft zu nehmen und irgendwo sicher zu speichern, könnte man damit Geld verdienen." 

2020 rechnet das Global CCS Institute mit 40 US-Dollar pro Tonne verpresstem CO2. Das dürfte optimistisch gerechnet sein, aber es liegt schon recht nah an den gut 38 Dollar pro Tonne, die nach den jüngst vorgestellten Plänen des Klimakabinetts im Jahr 2025 in Deutschland für das Verklappen in der Atmosphäre vorgesehen sind. Mit dem Preis für CO2-Emissionen wird die Nachfrage nach sicheren und umweltverträglichen Verfahren steigen: Zur CO2-Vermeidung, aber später auch zur CO2-Entnahme. Bundeskanzlerin Angela Merkel:

"Das kann man durch Aufforstung machen, das ist in entwickelten Ländern begrenzt. Und das kann man durch CO2-Speicherung machen."

Optimale CCS-Verfahren möglichst rasch identifizieren  

Und Andreas Oschlies präzisiert:

"Das kann man machen, indem man eben CCS-Anlagen betreibt, indem man vielleicht Bioenergie mit Carbon Capture betreibt oder indem man Gesteinsmehl verwittern lässt. Und es gibt noch viele andere Verfahren, die aber alle nicht gut erforscht sind, wo wir jetzt den Bedarf haben, sicherzustellen, dass das Wissen bereitgestellt wird: Kann das wirklich funktionieren? Ist das dauerhaft, ist das nachhaltig? Ist das ungefährlich? Und das müssen wir jetzt ganz schnell herausfinden: Welche Methoden sind als Option noch auf dem Tisch und welche können wir als nicht geeignet abhaken?"

CCS könnte eine sehr mächtige Technologie sein. Denn die Kapazitäten der Speicher sind riesig: Auf 4.000 bis 23.000 Gigatonnen weltweit werden sie grob geschätzt – das ist selbst am untersten Ende das Hundertfache des weltweiten jährlichen Ausstoßes. Nicht alle Klimaforscher sehen darin eine akzeptable Lösung. Nach wie vor haben viele die Sorge, schnell verfügbares CCS könnte die Anstrengungen zur Vermeidung von Treibhausgasen unterwandern. Zumindest die Debatte darüber müsse man aber wieder führen, meinen der Physiker Oschlies und der Umweltökonom Jan Christoph Minx. Sie lassen beide keinen Zweifel daran, dass die Technologie nicht wie früher als bequemer Ausweg missbraucht werden darf. Vorrang habe immer, Emissionen zu vermeiden, effektiver und sparsamer zu werden.

Bisher aber hat das nur mäßig geklappt. Auch das gehört zur Wahrheit.

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