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StartseiteCorsoZwischen bildender Kunst, Performance, Tanz und Theater18.01.2016

COIL-Festival New YorkZwischen bildender Kunst, Performance, Tanz und Theater

Das COIL-Festival in New York thematisiert experimentelles Theater. Es ist damit eines der wichtigsten Seismografen für neue Theaterformen weltweit. Und auch dieses Jahr zeigt es eindrücklich: Theater ist schon lange nicht mehr einfach nur Theater.

Von Andreas Robertz

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Man geht durch gewundene Kellergänge unter blubbernden Wasserrohren bis man den Raum der Räume betritt: eine große leere Halle mit goldenen Wänden und spärlichem Licht. Mit runder Spiegelsonnenbrille sitzt ein großer schwarzer Priester wie Morpheus aus dem Science-Fiction-Film Matrix am Eingang und grüßt bewegungslos das Publikum, das in Kirchenbänken Platz nimmt.

In sieben Kapiteln, mit rätselhaften Texten aus dem ägyptischen Totenbuch, führen drei Priester das Publikum durch die Reise der Seele vom Diesseits zum Jenseits. Sie tanzen, klagen, singen und schreien, stecken ihre Köpfe in große Krüge und zitieren dabei uralte Formeln. Es gibt Bier für die Zuschauer und man hört Geschichten zu, ein alter 16-Millimeter-Film im Stil von Jean Cocteau zeigt eine alte Frau als ägyptische Göttin Maat, wie sie rauchend an einem Tisch sitzt und ihre berühmte Feder in die Waagschale legt.

Uralte individuelle Trauerrituale

Die US-amerikanisch-ruandische Regisseurin Kaneza Schaal hat sich in ihrer Arbeit "Go Forth" auf die Suche nach uralten individuellen und kollektiven Ritualen der Trauer gemacht und einen zeremoniellen Raum für das Abwesende geschaffen. Mit großem Staunen erlebt man die Intensität dieses Prozesses und den kulturellen Reichtum, der diesen alten Vorstellungen zugrunde liegt. Man ist wie betäubt, wenn man schließlich wieder die kühle Nachtluft Manhattans einatmet.

16 Stücke an zwölf verschiedenen Orten kreuz und quer im subkulturellen Manhattan machen das COIL-Festival zu einer urbanen Entdeckungsreise. Besonderer Festivalpartner dieses Jahr: Australien. Festivalleiter Vallejo Gantner:

"In Australien und besonders in Melbourne gibt es eine unglaublich starke unabhängige Szene. Ich finde, wir können hier tolle Stücke sehen, die auch eine Beziehung zur New Yorker Theaterszene haben."

Eine dieser Gruppen ist das Melbourner Ranters Theatre, das gleich mit zwei Arbeiten am Festival beteiligt ist. In dem Stück "Song" kreiert die Truppe ein Erlebnistheater der besonderen Art: Das Publikum liegt auf Kissen und Matratzen und wird Zeuge einer akustisch-visuellen Installation, die die Weite Australiens als Metapher für den eigenen inneren Raum benutzt.

Naturgeräusche und wunderschöne Lieder

Die Schauspieler erzählen leise von persönlichen Naturerlebnissen, Naturgeräusche mischen sich mit wunderschönen Liedern des britischen Musikers James Tyson. Ein großes rundes Lichtobjekt leuchtet in den Farben der untergehenden Sonne, man kann sich in Windkanäle stellen oder einfach nur sitzen und sich der Atmosphäre überlassen. Theater als sich Sehnen nach der großen Weite.

Neue Theaterformen führen zu neuen Herausforderungen, erklärt Festivalleiter Vallejo Gantner:

"Bei unserer Arbeit denken wir nicht nur daran, ob es ein gutes Stück ist. Das ist nicht mehr der Punkt, sondern es geht um den Ort, den Kontext, die Umgebung, in der es stattfindet, wie es sich zum Publikum verhält. Wir denken umfassend und multidimensional darüber nach, wie wir Theater präsentieren können."

Computeralgorithmus konstruiert Song

Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist "Yesterday Tomorrow" der US-amerikanischen Regisseurin Annie Dorsen. Drei Sänger sitzen auf Sofas und singen a cappella "Yesterday" von den Beatles. Um sie herum sind Leinwände, auf denen sie die Partitur sehen können. Ein beleuchteter Buddha lächelt im Hintergrund. Der eigentliche Dirigent und Komponist ist ein Computeralgorithmus, der den Song jeden Abend neu dekonstruiert, fragmentiert und neu zusammensetzt bis aus ihm nach genau 60 Minuten der Song "Tomorrow" aus dem Musical "Anni" wird.

Die Reise zwischen Gestern und Morgen ist voller Widrigkeiten und Überraschungen, nichts lässt sich vorherbestimmen. Ein toller Abend, der zur Reflexion über das Hier und Jetzt auffordert. Da macht dann auch der beleuchtete Buddha Sinn, für den ja der Augenblick das einzig Fassbare ist.

Das COIL-Festival hat seinen Ruf als Plattform für herausragendes und innovatives Theater auch in diesem Jahr wieder eingelöst. Theater ist schon lange nicht mehr einfach nur Theater.

 

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