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Startseite@mediasresAlarmstufe Rot – Blau – Lila - Schwarz19.01.2021

Corona-KartenAlarmstufe Rot – Blau – Lila - Schwarz

Täglich wird in der Corona-Pandemie über die gemeldeten Neuinfektionen und 7-Tage-Inzidenzen berichtet. Die offiziellen Zahlen sind zwar überall identisch, doch beim Blick auf die veröffentlichten Karten zeigen sich große Unterschiede - mit Folgen für unsere subjektive Wahrnehmung.

Von Michael Borgers

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Mehrere Deutschlandkarten zur Corona-Lage in unterschiedlichen Farben (imago/Science Photo Library/ Grafik: Deutschlandradio)
Dieselben Zahlen - doch so uneinheitlich sind die Corona-Karten, die in den Medien veröffentlicht werden (imago/Science Photo Library/ Grafik: Deutschlandradio)
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Rot, rot, rot, sind alle Deutschland-Karten – so könnte aktuell eine weitere Strophe des berühmten Kinderlieds lauten, bei dem die Kleider grün sind. Denn rot in unterschiedlichen Tönen sehen diese Karten seit Monaten fast überall aus, also die Grafiken, mit denen Medien über die Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche, die sogenannten Inzidenzen, aufklären.

So wie etwa Anfang Dezember die, die Zuschauerinnen des MDR-Fernsehens sehen konnten: "Als Corona im Frühjahr in Sachsen begann, da waren wir lange im grünen Bereich. Die Hotspots, die lagen anderswo. Jetzt, bei der zweiten Welle, sieht es anders aus: Binnen weniger Wochen hat sich die Karte alarmierend rot verfärbt, und Sachsen gilt deutschlandweit als der Hotspot."

Rot wird zur dominanten Farbe in den Medien

Auch bei anderen ARD-Anstalten dominiert dieses Rot, in verschiedenen Abstufungen. Besonders dunkel sehen die Grafiken der Tagesschau aus, wo Regionen mit Sieben-Tage-Inzidenzen über 100 inzwischen schon fast schwarz wirken.

"Ist wirklich so", sagt Mark Wiedemann, Erster Grafikdesigner bei ARD-Aktuell. Und erklärt: Zu Beginn der Pandemie habe das noch anders ausgesehen. Die gewählte "Color Ramp", also Farbverlauf und -sättigung, sei aber längst eine andere:

"Die Höchstwerte sind ja auch immer gestiegen, so dass man diese Ramp auch immer ein bisschen angleichen muss. Also, kann man sich vorstellen - während in den ersten Monaten dunklere Rottöne schon die höchsten damaligen Werte zeigen, wären das ja heute eher mittlere Gelbtöne."

Diese Grafik verwendet der Deutschlandfunk:

Hätte man rückblickend – mit dem Wissen von heute – anders beginnen müssen? Mark Wiedemann findet nicht. Schon damals sei es darum gegangen, auch plakativ zu wirken.

Schwierige Abschätzung im Lauf der Corona-Pandemie

"Hätten wir jetzt gesagt: Okay, irgendwann wird es mal ganz extreme Werte geben und wir wären in den ersten Monaten, hätten wir praktisch nur so mit leichten Abstufungen in helleren Farbtönen, die hätte man wahrscheinlich gar nicht so wahrgenommen."

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Nicht alle verwenden bei ihren Grafiken Rot. Beispielsweise hat sich das regionale Fenster des NDR laut ARD-Grafiker Wiedemann aus Gründen des Corporate Designs für Blau entschieden - ebenso das ZDF wegen eines "harmonischen Designs", wie die Redaktion auf Nachfrage mitteilte.

Rot wirkt als Signalfarbe - und steht für Gefahr

Doch die meisten Redaktionen setzen auf Rot – und das hat laut Axel Buether, Professor für Didaktik der visuellen Kommunikation in Wuppertal, vor allem einen Grund: Farben würden eine Sprache transportierten, die noch vor unserer Wortsprache funktioniert habe. Und ein dunkles Blutrot stehe für Gefahr.

"Es zeigt im Prinzip für uns: Wir müssen da hingucken, wir müssen uns damit beschäftigen. Und wir dürfen nicht so weitermachen wie bisher, das heißt ähnlich wie an einer Ampel: Es ist ein Stopp, wir sollen unser Verhalten ändern, das ist dann die Syntax der Farbensprache. Also wir kriegen nicht nur ne Bedeutung mitgeteilt, die semantische Ebene, sondern wir kriegen auch ne Syntax, ne Verhaltensänderung quasi mitgeteilt: Wir müssen aufpassen."

"Irgendwann stumpfen Leute ab"

Buether hat gerade ein Buch veröffentlicht über die "Geheimnisvolle Macht der Farben" und wie sie unser Verhalten und Empfinden beeinflussen. Er sieht die Entwicklung der Deutschlandkarten kritisch.

Axel Buether: "Die geheimnisvolle Macht der Farben"; Droemer, 320 Seiten

"Wenn ich die Lautstärke irgendwo quasi auf ein Maximum bringe, was man so sagen kann, dann habe ich kein Vokabular mehr tatsächlich – irgendwann stumpfen Leute ab. Das ist auch, was ein Stück weit so zu beobachten ist. Also entweder wird man hysterisch, wenn man diese Grafiken quasi sieht, und es ändert sich nix, oder es wird immer schlimmer, oder man stumpft ab und reagiert gar nicht mehr darauf. Das heißt, es ist auch ein Problem, wenn ich solche, sagen wir mal, intuitiv gelesenen Signale, wie diese Farben, überreize."

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Dafür finden sich auch andere Beispiele in der Corona-Zeit: So setzt etwa die "Bild"-Zeitung seit Beginn der Pandemie mehr oder weniger ununterbrochen im oberen Bereich ihrer Webseite auf schwarz und gelb – für Axel Buether eine naheliegende Wahl, weil "Bild" mit Logo und auch sonst bereits stark auf Rot setze:

Die Zukunft könnte grün und blau sein

"Dann kommt natürlich die Frage: Wie variiere ich das? Was wir da viel sehen, ist viel Schwarz, also die Farbe der Angst, so ein bisschen des Bösen, der Angst irgendwo, der Furcht vor irgendwelchen Dingen, die irgendwie auf uns zukommen könnten. Und dann haben wir als Warnfarbe ganz stark schwarz-gelb, das ist eine der häufigsten Warnfarben der Natur."

Doch auch hier würden Leserinnen und Leser irgendwann abstumpfen, erwartet der Wissenschaftler – so wie er es auch bei den dunkelroten Corona-Karten vermutet.

"Und insofern gehe ich mal davon aus, dass wir in nächster Zeit ein Stück weit Karten sehen werden, die so ein bisschen in die Entspannung gehen."

Karten wie die, die bereits jetzt über Testungen und Impfungen informieren – und wo es heißt: Grün und blau sind alle Deutschlandkarten.

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