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StartseiteForschung aktuellWas geht vor - Wirtschaft oder Gesundheit?20.05.2020

Corona-MaßnahmenWas geht vor - Wirtschaft oder Gesundheit?

Die Interessen des Gesundheitsschutzes und die der Wirtschaft stehen während der Coronakrise in keinem grundlegenden Konflikt. Zu diesem Schluss kommt eine gemeinsame Studie von Epidemiologen und Ökonomen. Die Forscher plädieren dafür, die Corona-Beschränkungen nur langsam zu lockern.

Clemens Fuest im Gespräch mit Arndt Reuning

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Ein Kunde geht in einem Supermarkt in Berlin-Wilmersdorf mit Mund-Nasen-Schutz einkaufen.  (dpa / picture alliance / Christoph Soeder)
Einkaufen mit Abstand und Maske - der Einzelhandel hat seinen Weg gefunden, um Wirtschaft und Gesundheit in Einklang zu bringen (dpa / picture alliance / Christoph Soeder)
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Welches ist der optimale Kurs durch die Pandemie? Um diese Frage wird derzeit weltweit gerungen. Im Fokus stehen einerseits der Gesundheitsschutz, andererseits aber auch die Interessen der Wirtschaft: Zu starke Beschränkungen nehmen die Volkswirtschaft in den Würgegriff, während umfassende Lockerungen dazu führen, dass die Zahl der Infizierten und der Todesopfer in die Höhe schnellt.

Gibt es also einen unvereinbaren Widerspruch zwischen den Interessen des Gesundheitsschutzes und den Interessen der Wirtschaft? Nein, sagen Epidemiologen vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und Ökonomen vom ifo Institut in ihrer Studie "Das gemeinsame Interesse von Gesundheit und Wirtschaft: Eine Szenarienrechnung zur Eindämmung der Corona- Pandemie". 

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Welches Vorgehen empfehlen Ökonomen und Epidemiologen?

Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass eine leichte, schrittweise Lockerung der Beschränkungen am besten geeignet sei, die ökonomischen Kosten zu reduzieren, ohne die medizinischen Ziele zu gefährden.

Die Wirtschaft könne nicht florieren, wenn ein gefährliches Virus grassiert, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest im Deutschlandfunk. Bei einer Öffnung ohne Rücksicht auf Ansteckung bestehe die Gefahr, dass man sich im Geschäft, in der Schule oder bei der Arbeit anstecke. "Dann gehen viele Menschen nicht zur Arbeit. Sie würden auch nicht in die Geschäfte gehen oder zum Einkaufen." Deshalb könne nicht einfach behauptet werden, jede weitere Öffnung helfe automatisch der Wirtschaft.

Grafik zu den Geschäftserwartungen für Deutschland von ifo Konjunkturumfragen, April 2020 (ifo Institut) (ifo Institut)

Eine zu schnelle Lockerung empfiehlt ifo-Präsident Fuest daher nicht. Ende April lag die Reproduktionszahl bei etwas über 0,6. "Wir sagen: Man kann sich jetzt durch Öffnungen durchaus in Richtung 0,75 bewegen, aber nicht auf 1", sagte Fuest im Dlf. 

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Welches wäre laut Studie der optimale Weg?

Bei einer sehr schnellen Öffnung hätte man zunächst eine geringe Belastung für die Wirtschaft, dafür aber eine Belastung über einen langen Zeitraum: Die verbleibenden Beschränkungen, um das Ziel der Eindämmung zu erhalten, müssten noch lange bestehen bleiben. 

ifo-Grafik zur Veränderung der Wirtschaftsleistung während des Shutdowns (ifo Institut) (ifo Institut)Die Autoren der Studie raten, lieber kurzfristig mehr Beschränkungen in Kauf zu nehmen, also langsam zu lockern, um dann auch schneller die Epidemie einzudämmen. Danach könne man die Beschränkungen beseitigen, so Fuest. Das sei wirtschaftlich und gesundheitlich besser. "Denn dann stecken sich am Ende weniger Menschen an. Und es gibt auch weniger Todesopfer zu beklagen und sonstige Schäden durch die Krankheit. Hier gehen Wirtschaft und Gesundheit Hand in Hand."

Was gibt es bei dieser Studie zu beachten?

Die Studie basiert auf der Verwendung einer Kombination aus epidemiologischen und ökonomischen Simulationsmodellen. In diese Simulationsanalysen fließen viele Annahmen ein. Diese müssen kritisch betrachtet werden. Die Ergebnisse können deshalb nicht eins zu eins in die Realität übertragen werden. Es müssen dabei immer weitere Erwägungen hinzugezogen werden. 

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Der Ausgangspunkt der Szenarienrechnungen ist die Situation vor den beschlossenen Lockerungen. Es wird dazu angenommen, dass die Politik in Deutschland das Ziel verfolgt, die Epidemie einzudämmen und die Zahl der Neuinfektionen auf rund 300 Fälle pro Tag zu reduzieren. Die Idee dahinter ist, dass die Neuinfektionen von den deutschen Gesundheitsämtern direkt verfolgt werden können und man keine generellen Kontaktbeschränkungen mehr braucht. Es gibt auch durchgerechnete Szenarien mit 200 oder 400. 

Nicht beachtet wurden in der Analyse die sozialen, psychischen und sonstigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch den Shutdown. Ihre Berücksichtigung stärke aber die Argumentation für eine umsichtige Lockerung der Einschränkungen, so die Forscher.

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