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StartseiteForschung aktuellForscherin fordert Kurz-Lockdown bis Weihnachten08.12.2020

Corona-PandemieForscherin fordert Kurz-Lockdown bis Weihnachten

Um die Corona-Infektionszahlen zu drücken, sei ein Zwei-Stufen-Lockdown notwendig, sagte die Forscherin Viola Priesemann im Dlf. In den zehn Tagen vor Weihnachten solle eine freiwillige Quarantäne ermöglicht werden. Danach sei das Verhalten an den Feiertagen entscheidend.

Viola Priesemann im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Aufnahme aus der weihnachtlich geschmückten Innenstadt in Essen während des Teil-Lockdowns in der Coronapandemie im Dezember 2020 (Rupert Oberhäuser / dpa)
Der Lockdown light war nicht ausreichend, um die Fallzahlen zu senken und diese damit einfacher kontrollierbar zu machen, sagte die Forscherin Viola Priesemann im Dlf (Rupert Oberhäuser / dpa)
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Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert in einer Ad-hoc-Stellungnahme eine drastische Verschärfung der Corona-Beschränkungen bereits ab kommender Woche. Die Feiertage und der Jahreswechsel sollten für einen harten Lockdown genutzt werden, um die deutlich zu hohen Neuinfektionen schnell zu verringern – heißt es in dem von 28 Wissenschaftlern unterzeichneten Appell, darunter auch Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen.

Sich auf diesselben wenigen Kontakte beschränken

Um das Risiko einer Corona-Infektion rund um die Weihnachtstage zu senken, müsse die Ausbreitung der Pandemie zuvor deutlich stärker eingedämmt werden mit einer starken Begrenzung der Kontakte, sagte Priesemann im Deutschlandfunk. Und auch an den Feiertagen sollten die Kontakte auf möglichst dieselbe kleine Gruppe beschränkt bleiben.

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Uli Blumenthal: Frau Priesemann, warum jetzt dieser dringende Appell an die Politik jetzt, was ist der Hintergrund für diese spontane, am Wochenende getroffene Entscheidung für Stellungnahme der Leopoldina?

Viola Priesemann: Es scheint immer noch keine Klarheit zu geben über folgenden Punkt: Es ist wesentlich einfacher, COVID zu kontrollieren, wenn Fallzahlen niedrig sind. Die Fallzahlen sind derzeit so hoch, sie sind am Limit der Kapazitätsgrenze der Krankenhäuser. So kann man langfristig nicht weitermachen. Und ich denke, es ist Zeit, dass man sich eine alternative Strategie überlegt.

Es liegt auf der Hand, dass niedrige Fallzahlen nur Vorteile haben. Hohe Fallzahlen haben keinen einzigen Vorteil. Das übliche Missverständnis, was ich oft höre, und das möchte ich deswegen hier einmal wiederholen, ist: Wenn wir höhere Fallzahlen erlauben, könnten wir uns Lockerungen erlauben. Genau das Gegenteil ist der Fall. Das ist so ähnlich – ich versuch mal ein Fußballbeispiel zu nehmen –, wie wenn man auf einem Fußballplatz ist und da haben wir eine Mannschaft, die gegen dieses Virus Fußball spielt. Je mehr Viren in dieser gegnerischen Mannschaft sind, desto schwieriger ist es, die abzuwehren. Je weniger, je kleiner die gegnerische Mannschaft ist, desto leichter ist es, deren Angriffe abzuwehren und die Ausbreitung dieser Viren einzudämmen.

Zwei-Stufen-Plan

Blumenthal: Sie haben angesichts der hohen Zahlen vor Neuinfektionen für einen harten Lockdown sich in dieser Ad-hoc-Stellungnahme ausgesprochen, um diese Zahlen drastisch zu verringern, und schlagen ein zweistufiges Verfahren vor. Wie sehen diese beiden Stufen aus?

Priesemann: Die erst Stufe ist, dass erst mal in den zehn Tagen vor Weihnachten allen eine freiwillige Quarantäne ermöglicht wird, dass jeder, der kann, und jeder, der möchte, im Homeoffice arbeiten kann, wenn das irgendwie möglich ist, dass Treffen so weit wie möglich abgesagt werden können, Kantinen und alle anderen unnötigen Treffen abgesagt werden. Auf der anderen Seite haben wir im Bereich der Bildung wohl an den Schulen, an den Universitäten auch die Möglichkeit, zumindest überall dort, wo es sozial verträglich ist, auf Zuhausebleiben umzustellen. Ein Vorschlag ist – und das ist vielleicht auch eher informell –, vielleicht auch diese Woche vor Weihnachten in den Schulen zu nutzen, um in festen Gruppen eine Projektwoche oder so zu machen. Wir hatten ein so hartes Jahr, ich denke, den Menschen jetzt diese Freiheit zu geben, es ihnen zu ermöglichen, dass sie vor Weihnachten selbst für sich das Risiko senken, dass sie das Virus zu Weihnachten mitbringen, das ist, glaube ich, ganz arg wichtig.

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Die zweite Stufe ist dann ab Weihnachten. Da stellt sich die Frage, was machen wir dort. Weihnachten ist auf der einen Seite ein Risiko, auf der anderen Seite auch eine Chance. Weihnachten ist ein Risiko, weil es natürlich zu neuen Kontakten kommt, die normalerweise nicht stattfinden, es ist aber auch eine Chance, weil zu Weihnachten ja sowieso erst mal schon die Läden geschlossen sind, viele Menschen zu Hausse sind. Es ist eine Zeit, in der man zur Ruhe kommt. Insofern ist es wirklich auch eine große Chance, sie zu nutzen, um die Fallzahlen runterzubringen.

Blumenthal: Und was passiert über Weihnachten, wenn wir so weitermachen?

Priesemann: Wir werden ja über Weihnachten nicht so weitermachen. Weihnachten, Neujahr, zwischen den Jahren, das sind Feiertage, da macht man anders weiter. Wir haben das noch nicht erlebt mit Corona, das können wir als Wissenschaftler*innen nicht vorhersagen, was dort passiert.

Kritische Phase: Weihnachten und dann Silvester

Blumenthal: Also Sie können nicht sagen, was ist epidemiologisch an den Weihnachtstagen anders, und warum ist diese Zeit, um es so zu formulieren, für das Virus eigentlich sehr günstig?

Priesemann: Es kommt wirklich total drauf an, wie die Menschen damit umgehen. Wenn viele Menschen die Gelegenheit und die Chance nutzen, vor Weihnachten zehn Tage in Quarantäne zu gehen oder zumindest ihre Kontakte deutlich zu reduzieren, dann ist Weihnachten eine Chance, dann kann man sich relativ sicher mit seinen Freunden und mit seinen Familienmitgliedern treffen. Wenn wir diese Möglichkeit und diese Chance nicht nutzen, dann ist es so, dass Weihnachten der Virus einfach ganz neue Wege öffnet.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Vor allen Dingen diese Kombination Weihnachten-Neujahr ist ja so, dass man zu Weihnachten eine Gruppe von Menschen trifft, dann nach fünf bis sieben Tagen, also nach der Inkubationszeit, trifft man ja oft eine ganze andere Gruppe von Menschen – Silvester. Und damit öffnet man dem Virus ganz neue Wege, die es vorher nicht hatte. Deswegen ist es essentiell wichtig, dass die Fallzahlen nach Möglichkeit runtergehen, bevor wir Weihnachten und das Neujahr vor der Tür haben.

Blumenthal: Womit rechnen Sie im schlimmsten Fall ab Januar, wenn es bei dem von der Politik geplanten leichten Lockerungen zu Weihnachten, Silvester und bei dem derzeitigen Kontaktniveau bleibt? Was erleben wir dann am Jahresanfang 2021?

Priesemann: Schlechteste und beste Szenarien kann man immer bis ins Extremum treiben, das macht wenig Sinn, denke ich. Wenn die Fallzahlen im Januar deutlich hochgehen, dann müssen wir uns sicherlich für Januar, Februar Gedanken drüber machen, ob man dann einen konsequenten Lockdown macht. Wenn über Weihnachten und Neujahr die Chance genutzt wird, die Fallzahlen runterzubringen, dann kann es genauso gut sein, dass wir eine deutliche Entspannung sehen. Insgesamt wird der Januar und Februar nicht ganz einfach werden, einfach weil das die ganz typische Saison ist für Coronaviren. Aber wir sehen in den Modellrechnungen, wir sehen aus ganz logischen einfachen Überlegungen, wenn die Fallzahlen erst einmal unten sind, dann wird die Kontrolle so viel einfacher, weil sich die Gesundheitsämter auf die verbliebenen Infektionsketten konzentrieren können. Das heißt, für Gesellschaft, für Wirtschaft, für das Wohlbefinden, für die Kontakte ist es wirklich in allen Aspekten gut, die Fallzahlen deutlich runterzubringen, weil wir dann mehr Freiheiten haben können – nicht wie vor Corona, aber doch zumindest wesentlich mehr, als wie sie jetzt in diesem sogenannten Lockdown light haben.

Vergleich mit der Bekämpfung eines Feuers

Blumenthal: Die Leopoldina fordert in der Stellungnahme langfristige politische Einigungen auf ein klares mehrstufiges, bundesweit einheitliches System von Regeln. Wie muss oder wie soll das aussehen?

Priesemann: Das sollte im Prinzip so aussehen, wie wir auch im Sommer oder im Frühsommer schon drüber gesprochen hatten – da wurden ja diese Obergrenzen von 35 beziehungsweise 50 festgelegt. Im Herbst sind dann die Fallzahlen ganz langsam über diese Grenzen rübergelaufen, ohne dass konsequent gegengesteuert wurde. Diese Grenzen sollte man ernst nehmen und sich überlegen, mit welchen Maßnahmen man dafür sorgt, dass man nicht wieder in eine derart unkontrollierte Ausbreitung des Virus kommt. Dann können wir langfristig die Fallzahlen niedrig halten.

Es ist wirklich ein Entweder-oder, es gibt da kein Dazwischen, es gibt keinen mittleren leichten Weg. Entweder die Fallzahlen sind niedrig, die Ausbreitung ist unter Kontrolle, oder die Fallzahlen sind außer Kontrolle, und wir müssen uns massiv einschränken, allein um so ein Niveau zu halten, wie wir es jetzt haben. Das ist so ein bisschen wie bei einem Feuer, entweder man hat es unter Kontrolle oder es ist außer Kontrolle geraten, es nur halb unter Kontrolle zu halten, das funktioniert halt einfach nicht.

Lockdown light war nicht ausreichend - leider

Blumenthal: Sie persönlich appellieren ja seit Monaten für stärkere Einschränkungen für einen starken, für einen begrenzten harten Lockdown. Glauben Sie daran, dass die Politik vor Weihnachten noch entsprechende harte Maßnahmen beschließen und dann durchsetzen wird?

Priesemann: Das wird sehr von den Menschen und von der, ich sag mal, Dynamik hier im Land abhängen, was da beschlossen wird. Aus meiner Sicht, was ich erfahre, es ist so extrem schwierig zu kommunizieren, dass Fallzahlen, die niedrig sind, so viel einfacher kontrollierbar sind. Es ist viel einfacher zu kommunizieren, dass die Krankenhäuser an einem Kapazitätslimit sind, aber es gibt gar keinen Grund, an diesem Kapazitätslimit zu bleiben, weil spätestens dort müssen wir stabilisieren, und diese Stabilisierung ist so extrem schwierig.

Wenn die Fallzahlen erst einmal unten sind, dann ist eben diese Stabilisierung auf niedrigem Niveau viel, viel einfacher. Das ist etwas, was ich ja schon seit einigen Wochen sage. Aber ich hatte auch gesagt, das sage ich ganz offen, ich hatte auch sehr gehofft, dass der Lockdown light ausreichend wäre, die Fallzahlen zu senken. Leider haben wir jetzt gesehen, dass das nicht der Fall war.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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