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StartseiteInterview"Die Existenzangst vieler Menschen wird immer größer"02.05.2020

Coronakrise "Die Existenzangst vieler Menschen wird immer größer"

Die Lebenswirklichkeit in der Coronakrise spalte sich sehr stark auf, sagte der Psychologe Stephan Grünewald. Es gebe Menschen, die den Alltag als "Vorhölle erleben" und andere, die die Entschleunigung genießen könnten, sagte er im Dlf. Die Politik befinde sich in einer schwierigen Situation.

Stephan Grünewald im Gespräch mit Rainer Brandes

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Die Attrappe in Form eines Riesen- Waffeleis vor einem Eiscafe in Dettenheim bei Karlsruhe. Die Tische und Baenke sind leer, gesperrt und abgeriegelt. Au?er-Haus Verkauf ist moeglich. GES/ Taegliches Leben in Deutschland waehrend der Corona-Krise, 27.04.2020 GES/ Daily life during the corona crisis in Baden-Wuerttemberg, Germany. April 27, 2020 A big dummy of an Icecream seen in front of a Ice Cream Caf? in Dettenheim, close to Karlsruhe. Benches and Tables are closed. | Verwendung weltweit (GES-Sportfoto)
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Stephan Grünewald ist Psychologe, Marktforscher und gehört dem Corona-Expertenrat von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet an. Er sagte im Deutschlandfunk, dass im Zuge der Coronakrise mittlerweile weitere Bedrohungsszenarien wie Arbeitslosigkeit und die Vernichtung von Existenzen in den Vordergrund rücken. Momentan bestehe auch die Gefahr, dass die gesellschaftliche Polarisierung stark zunehme, es mehren sich die Zweifel, sagte er. Zudem spalte sich die Gesellschaft stark auf: Einige Bürger würden die Corona-Einschränkungen als Drangsal beschreiben, andere hätten sich wunderbar zu Hause eingerichtet. Die Lebenswirklichkeit der Menschen würde sich dadurch sehr stark aufspalten, in Personen, die den Alltag mit Corona als eine Art Vorhölle erleben und andere, die der Entschleunigung durchaus etwas abgewinnen könnten.

Lesen Sie hier das vollständige Interview.


Rainer Brandes: Hält eine Gesellschaft das aus oder wie könnte ein Leben mit dem Virus aussehen? Sprechen Sie, Herr Grünewald, dort im Expertenrat über diese Fragen?

Stephan Grünewald: Ja, das ist ein wesentliches Thema im Expertenrat, weil wir haben ja unterschiedliche Bedrohungsszenarien, das eine ist die Gefahr durch Corona, aber das andere sind natürlich die sozialen Schäden, die entstehen, die die Menschen erleben durch den Lockdown, durch das Schicksal drohender Arbeitslosigkeit, durch Kurzarbeit, durch die Vernichtung von Existenzen. Das ist natürlich eine langfristige Überschattung, die mehr und mehr, von Woche zu Woche, in den Vordergrund des Denkens auch rückt.

Kunden eines Baumarktes stehen vor dem Eingang mit Abstand in einer Schlange. Zur Eindämmung des Coronavirus hat NRW alle Ansammlungen ab drei Personen in der Öffentlichkeit verboten.  (dpa/ Bernd Thissen) (dpa/ Bernd Thissen)Psychologe zur Coronakrise - "Vor dem Virus sind alle gleich"
In der Coronakrise leisten alle den gleichen Verzicht, sagte Psychologe Stephan Grünewald im Dlf. Das führe einerseits zu großer Solidarität, andererseits zur Sehnsucht, aus diesem Gleichheitsprinzip wieder auszuscheren. 

Brandes: Und vor ein paar Wochen, da haben Sie auch hier bei uns im Deutschlandfunk gewarnt, der gesellschaftliche Zusammenhang, der werde verlorengehen, je länger die Krise dauert. Erleben wir genau das jetzt schon?

Grünewald: Ja, wir erleben es, aber der erste Teil der Krise war ja durch einen ungeheuren Schulterschluss geprägt zwischen Virologen, Politikern, Journalisten und Bürgern, wir sind gemeinsam in einen Aktivismus eingestiegen und fast alle haben beispielhaft mitgezogen.

Jetzt sind wir in einer zweiten, in einer polarisierenden Phase, es mehren sich die Zweifel, es werden Dinge gegeneinander ausgespielt, die man aber gemeinsam betrachten muss, Wirtschaft versus Gesundheit, jung versus alt, Krisengewinner versus Krisenverlierer, die Staatsgläubigen gegenüber den Freiheitsgläubigen. All das muss natürlich gewichtet und monitort werden. Wir dürfen nicht in eine gesellschaftliche Polarisierung reinrauschen.

Was mir als Psychologe besonders Sorge macht: Die Polarisierung zeigt sich in einer Spreizung der Lebenswirklichkeit. Also wenn wir Tiefeninterviews mit Bürgern, mit Menschen machen, wie es ihnen geht, merken wir: Es gibt zwei diametral entgegengesetzte Realitäten in Coronazeit.


Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Die Lebenswirklichkeit der Menschen spaltet sich auf"

Brandes: Welche zwei sind das?

Grünewald: Ja, die einen Bürger beschreiben das Drangsal, was den Alltag betrifft, wenn man zu Hause arbeitet, die Kinder quasi noch beschulen muss, wenn man beengte Verhältnisse hat und überhaupt keine Rückzugsmöglichkeit – für die ist natürlich eine Öffnung eine Sehnsuchtsperspektive. Ähnliches gilt für Menschen, die immer noch gut zu tun haben, die im Homeoffice auch ohne Kinder arbeiten, die erleben einen Zustand digitaler Verdichtung, die sonst üblichen Reisen zu Meetings fallen weg, also Dehnungsfugen, die früher das Arbeitsleben erträglich gemacht haben. Die Kantinenessen mit Kollegen, die Bahnfahrten, all das ist jetzt weg und man starrt nur noch auf den Bildschirm und arbeitet ein Meeting oder eine Datei nach der anderen ab.

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Es gibt aber auch eine komplett andere Wirklichkeit, und das ist so der Sorgenpunkt, es gibt Menschen, die haben sich wunderbar eingerichtet in Corona und haben das Gefühl, dieser Zustand, der hat auch seinen Mehrwert, und der kann ruhig monatelang andauern. Ich mache das mal an zwei, drei Beispielen fest. Da beschreibt eine junge Mutter mit einem Säugling, dass das die schönste Zeit jetzt in ihrem Leben ist, weil die ganzen Verwandten müssten draußen bleiben und sie wäre in inniger Beziehung zu ihrem neugeborenen Kind.

Junge Liebespaare, die keine finanziellen Sorgen haben, sagen, dass sie wunderbar gut miteinander auskommen, so viel Sex haben sie lange nicht mehr gehabt, sie gucken abends Netflix gemeinsam auf dem Sofa. Studenten kehren zum Teil in die Kernfamilie zurück, lassen sich vollversorgen und machen Spieleabend wie zur Weihnachtszeit. Das heißt, die Lebenswirklichkeit spaltet sich auf in Menschen, die den Alltag mit Corona als eine Art Vorhölle erleben, und andere, die durchaus dem Idyll der Entschleunigung was abgewinnen können.

Stephan Grünewald vom Marktforschungsinstitut Grünewald (Rheingold Institut / Jurga Graf    )Der Psychologe Stephan Grünewald (Rheingold Institut / Jurga Graf )

"Wir brauchen eine Zieldefinition, die verschiedene Parameter mit einbezieht"

Brandes: Und was folgern wir dann daraus, also das heißt, was muss die Politik jetzt tun, damit das nicht immer weiter auseinanderdriftet? Das heißt also: Wie kann die Politik jetzt wieder mehr Freiheiten zulassen, ohne den Gesundheitsschutz zu gefährden?

Grünewald: Ja, die Politik ist jetzt natürlich in einer sehr, sehr schwierigen Situation, weil wenn sie zum Beispiel wie Laschet wirbt für eine vorsichtige Öffnung der Gesellschaft, dann verprellt sie den Teil, der sich wunderbar eingerichtet hat, und man hat manchmal das Gefühl, dass Herr Laschet dann zu einer Person wird, die die Menschen sozusagen aus dem Paradies vertreibt und sagt, ihr müsst wieder arbeiten, ihr müsst wieder zur Schule gehen, ihr müsst wieder Abitur machen, während Herr Söder auf der anderen Seite so als Paradieswächter, als Hüter des kleinen Lebenskreises erlebt wird, der sagt, bleibt bitte brav zu Hause und setzt keinen Fuß vor die Tür.

Die andere Seite, die aber nicht zu Hause bleiben will, die das Zu-Hause-Sein als Drangsal, als Zumutung erlebt, die ist auch unzufrieden. Das heißt, es braucht jetzt von der Politik eine ganz klare Zieldefinition und eine Zielperspektive, was passiert in den nächsten Monaten, weil da war es, sagen wir mal, in der Vergangenheit nicht ganz einstimmig. Es ging mal darum, den Verdoppelungszeitraum zu erweitern, dann ging es darum, die Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, dann geht es jetzt darum, den R-Wert möglichst unter eins zu halten, jetzt mehren sich schon virologische Stimmen, die sagen, wir müssen sozusagen den Virus komplett eingrenzen. Das ist aber fast unmöglich, und gleichzeitig merken wir, dass die Existenzangst vieler Menschen immer größer wird.

Wir haben jetzt schon zehn Millionen Kurzarbeiter. Und die Gefahr ist, dass ein Großteil dieser Menschen irgendwann arbeitslos wird und unser Gemeinwesen so nicht mehr funktioniert. Das heißt, wir brauchen eine Zieldefinition, die verschiedene Parameter mit einbezieht, die das soziale Leben, das wirtschaftliche Miteinander, aber auch die Gesundheitsvorsorge gleichermaßen berücksichtigt.Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter (Deutschlandradio)Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter! (Deutschlandradio)

"Die Angst hat natürlich auch eine Berechtigung"

Brandes: Wie kriegt die Politik das denn auch psychologisch hin? Denn erst einmal hat die Politik uns ja erzählen müssen, dass das ein sehr, sehr gefährlicher Virus ist, deswegen müssen wir das ganze öffentliche Leben runterfahren. Jetzt haben natürlich viele Leute auch Angst davor dann, wenn wieder geöffnet wird. Wie kriegt die Politik das also hin, wenn wir jetzt noch lange mit dem Virus leben müssen, den Menschen klarzumachen, dass es dann eben notwendig und auch vielleicht nicht so gefährlich ist, wenn wir wieder öffnen?

Grünewald: Die Angst hat natürlich auch eine Berechtigung und die große Herausforderung ist es, den Bürgern klarzumachen: Ihr bekommt jetzt wieder mehr Möglichkeiten, wir öffnen jetzt bestimmte Bereiche wieder, aber gleichzeitig könnt ihr eure Angst dämmen, indem ihr selber Eigenverantwortung übernehmt.

Ich glaube, dass es ganz sinnvoll war, die Öffnungen, die wir vor guten anderthalb Wochen hatten, das zu verbinden mit der Maskenpflicht, weil die Maske da als soziales Mahnmal fungiert, jeder muss sie tragen in bestimmten Kontexten, und dadurch wird deutlich: Wir haben nicht die alte Normalität, sondern wir sind in einer wachsamen Entwicklungsphase. Und diese Entwicklungsphase, diese Übergangsphase, die funktioniert nur, wenn jeder sich an die Spielregeln hält und jeder in seinem Bereich sehr, sehr vorsichtig ist.

Brandes: Aber müssen wir dann auch so ehrlich mit den Menschen sein und sagen, ja, wenn wieder mehr Freiheit herrscht, werden die Fallzahlen steigen und es werden vielleicht auch mehr Meschen sterben?

Grünewald: Das wäre jetzt so ein Worst-Case-Szenario. Die Hoffnung, die wir auch im Expertenrat haben, ist es, dass wir im Grunde genommen gerade, indem wir an die Verantwortungsmöglichkeiten, die jeder Einzelne hat, appellieren, dass wir ein neues gesellschaftliches Leben sozusagen entwickeln, das natürlich diese Abstandsgebote befolgt, das ganz individuelle Lösungen findet.

Da muss auch jede Branche, jede Schule überlegen: Wie kann sie im Grunde genommen ein Stück der alten Wirklichkeit zurückgewinnen und gleichzeitig aber dem Coronavirus und den Gefährdungen, die damit verbunden sind, Rechnung tragen?

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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