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StartseiteSport AktuellDopingkontrollen weitgehend ausgesetzt08.04.2020

Coronakrise Dopingkontrollen weitgehend ausgesetzt

Aufgrund der Coronakrise sind auch die Dopingproben auf ein Minimum heruntergefahren. Es wird kaum mehr getestet und es gibt kaum Analysen von Proben. Der gesamte Spitzensport steht vor einem Glaubwürdigkeitsproblem.

Von Tom Mustroph

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Dopingproben in einem Labor.  (imago )
Die Coronakrise hat auch den Anti-Doping-Kampf zum Erliegen gebracht. (imago )
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"Das klassische Dopingkontrollsystem der klassischen Blut- und Urinkontrollen haben wir eigentlich schon seit 23. März komplett zurückgefahren", konstatiert Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende der Nationalen Antidopingagentur Deutschlands, NADA.

International ist die Situation ähnlich.

"Die ITA musste eine Reihe von Testmissionen vorübergehend verschieben und beobachtet die Situation weiterhin sorgfältig Land für Land, um sicherzustellen, dass das Gleichgewicht zwischen öffentlicher Gesundheit an erster Stelle und Antidopingbemühungen an zweiter Stelle gefunden wird", bilanziert Marta Nawrocka, Sprecherin der vom IOC installierten Internationalen Test-Agentur ITA. Die Agentur koordiniert die Tests für die Olympischen Sportarten.

Dopinganalytiker Mario Thevis steht im Kölner Dopinglabor neben der Maschine, mit der er die Proben überprüft. (Deutschlandradio - Astrid Rawohl)Der Dopinganalytiker Mario Thevis (Deutschlandradio - Astrid Rawohl)

Sportler könnten zu Doping animiert werden

Wenn keine Kontrollen genommenwerden, geht auch das Testvolumen in den Labors zurück. Drastisch zurück, wie Mario Thevis, Leiter des Kölner Kontrolllabors, bestätigt.

"Während zu Beginn des Jahres noch in üblichem Umfang reguläre Kontrollproben in Köln eingetroffen sind, ist der Probeneingang seit Mitte März um 90 bis 95 Prozent zurückgegangen, sowohl Wettkampf- als auch Trainingskontrollen betreffend."

Das stellt ein Glaubwürdigkeitsproblem für den gesamten Spitzensport dar. Angesichts des extrem ausgedünnten Kontrollnetzes könnten sich Sportlerinnen und Sportler zum Doping geradezu animiert fühlen.

Deshalb warnt die ITA auch.

"Alle Dopingkontrollen bei einem bestimmten Athleten oder Athletin, die zu diesem Zeitpunkt von der ITA nicht durchgeführt werden können, werden auf die nächstmögliche Gelegenheit verschoben."

Die NADA schaut intensiver auf Langzeitproben

Aufgeschoben heißt also nicht aufgehoben. NADA-Chefin Gotzmann betont auch, dass gegenwärtig Langzeit gelagerte Proben intensiver untersucht würden.

Die NADA geht sogar innovative Wege. Sie nutzt das "Dried Blood Spot"-Verfahren. Es wurde ursprünglich entwickelt, um Neugeborene auf Stoffwechselerkrankungen zu testen.

"Das sind nur ganz wenige Blutstropfen, die dort entnommen werden. Und was uns wichtig ist in der jetzigen Situation, auch Athletinnen und Athleten vor unberechtigten Dopingvorwürfen zu schützen."

Die Vorstandsvorsitzende der NADA, Andrea Gotzmann, äußert sich am 01.06.2016 in Berlin vor Journalisten. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) stellt im Otto Bock Science-Center in Berlin ihre Bilanz für das Jahr 2015 vor (picture alliance / dpa Alexander Heinl)Die Vorstandsvorsitzende der NADA, Andrea Gotzmann (picture alliance / dpa Alexander Heinl)

Die Analyse des getrockneten Bluttropfens ist eine Art Glaubwürdigkeitsversicherung sauberer Sportler. Sie ist freiwillig. Die Sportler selbst nehmen sich unter einer Videoanleitung eines Experten einen Tropfen ab und schicken ihn zur NADA. Wie viele Athleten aktuell daran teilnehmen, verriet Gotzmann nicht.

Trotz solcher Anstrengungen bleibt die Kontrolllücke aber groß.

"Es wird dennoch wohl unweigerlich durch die limitierte Anzahl an Testmöglichkeiten eine kritisch begrenzte Abdeckung durch das Dopingkontrollsystem geben. Hier ist es entsprechend angezeigt, zukünftige reguläre Kontrollen im Speziellen auf größtmögliche Retrospektive auszulegen", fordert Laborchef Thevis.

Schlauere Tests mit längeren Nachweisfenstern müssen also entwickelt werden. Sache vor allem der WADA. Die Weltantidopingagentur ging aber auf Tauchstation und reagierte auf eine Anfrage von Deutschlandfunk nicht.

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