Dienstag, 29.09.2020
 
StartseiteThemaStart ins neue Schuljahr in Pandemiezeiten05.08.2020

CoronakriseStart ins neue Schuljahr in Pandemiezeiten

"Regelbetrieb nach den Sommerferien" hat die Kultusministerkonferenz als Ziel ausgegeben. Neben der Diskussion um eine Maskenpflicht im Unterricht und digitalen Defiziten stellt sich gerade im Hinblick auf Präsenzunterricht die Frage: Wie viel Normalität ist möglich?

Eine Mund-Nasen-Bedeckung liegt während einer Unterrichtsstunde einer fünften Klasse des Friedrich-Schiller Gymnasiums neben einem Mäppchen und Schulbüchern auf einem Schultisch. (picture alliance/Marijan Murat/dpa )
Die Sommerferien enden und die Bundesländer wollen den Schüler und Schülerinnen Präsenzunterricht wieder ermöglichen (picture alliance/Marijan Murat/dpa )
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Zum Start ins neue Schuljahr diskutieren Politik, Lehrer und Schüler, wie der Unterricht durchgeführt wird. Es ist umstritten, ob das Ende der Ferien die Ausbreitung des Coronavirus begünstigen wird. Denn Kinder und Jugendliche erkranken nur selten, wenn sich sich infiziert haben. Eindeutige Forschungsergebnisse darüber, welche Rolle sie im Infektionsgeschehen einnehmen, gibt es bislang nicht. 

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Präsenzunterricht und Schutzmaßnahmen

"Schulischer Regelbetrieb nach den Sommerferien" - das hatte die Kultusministerkonferenz am 18. Juni 2020 als Ziel beschlossen. Die Länder hatten sich darauf geeinigt, dass die Abstandsregelung von 1,5 Metern entfallen muss - sofern es das Infektionsgeschehen zulässt. Die Entscheidungshoheit über weitere Maßnahmen liegt aber bei den Bundesländern, die den Schulstart unterschiedlich geplant haben: von wenigen Auflagen bis hinzu Maskenpflicht im Unterricht und isolierten Lerngruppen. Dass es keine einheitliche Lösung bezüglich der Hygienemaßnahmen gibt, kritisierte der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth. "Jeder kocht da sein eigenes Süppchen", sagte er im Dlf. Einheitlichkeit und Verbindlichkeit für Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler wäre in dieser Situation ein angemessenens Signal gewesen, so Wassmuth. 

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Die Kultusministerin von Schleswig-Holstein, Karin Prien, hält den Regelbetrieb für wichtig und richtig. Sie sagte im Dlf, dass Schülerinnen und Schüler ein Recht auf Bildung hätten und "ein Recht auf möglichst viel Präsenzunterricht". Wichtig sei die soziale Funktion: "Schule ist nicht nur ein Lernort, Schule ist für sehr, sehr viele Kinder ein Lebensort, und wir haben ja gerade in den letzten Tagen Studien gesehen, die bescheinigen, welche katastrophalen Folgen es hat, wenn Kinder keinen Präsenzunterricht haben." Eine Situation wie im Frühjahr zum Beginn der Pandemie mit dem Lockdown dürfe nicht erneut passieren. Schulen seien nun besser vorbereitet. "Wir haben über den Sommer unsere digitalen Kompetenzen massiv aufgestockt", sagte die CDU-Politikerin. Dadurch sei es in Schleswig-Holstein möglich, andere Modelle als Präsenzunterricht bei regionalen Ausbrüchen besser anzubieten.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Die Schülerschaft wünsche sich generell "so viel Unterricht, so viel Normalität wie möglich", erklärte der Pressesprecher der Bundesschülerkonferenz Torben Krauß im Dlf. Die Schüler stellten die Hauptgruppe der Betroffenen – insofern sei es bedauerlich, dass sie so selten in Beratungen miteinbezogen würden: "In der Vergangenheit wurden wir nur sehr selten an den Tisch geholt. Das ist sehr schade, weil wir uns auch sehr intensiv mit dem Thema beschäftigen".

Normalität auf Kosten von Risiken?

SPD-Chefin Saskia Esken hält die Rückkehr zur gewohnten Normalität an den Schulen hingegen "für eine Illusion und die Aufgabe von Abstandsregeln für sehr problematisch", sagte sie am 4. August gegenüber der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft. Mit Blick auf den teilweise geplanten Verzicht auf bestimmte Schutzmaßnahmen in den unterschiedlichen Bundesländern forderte sie Unterrichtskonzepte, "die die Kontakte beschränken". Geteilter Unterricht, zu dem beispielsweise für Sport, oder Fremdsprachen verschiedene Gruppen zusammenkommen, müsse in Zeiten des Coronavirus anders organisiert werden, so Esken gegenüber der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft.

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Ebenfalls weniger optimistisch schätzt der Präsident des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger den Start ins neue Schuljahr ein. Er hält weder Schulen noch Politik für ausreichend vorbereitet auf "Szenarien", die sich beim Schulstart eventuell ergeben würden. Derzeit habe der Lehrerverband den Eindruck, dass der Gesundheitsschutz sehr stiefmütterlich behandelt werde, sagte Meidinger. Die Vorgaben für Schulen zu Hygienemaßnahmen kritisierte er ebenfalls als zu vage. Unter anderem gibt es die Vorgabe, Klassenräume häufiger zu lüften, um die Möglichkeit einer Virusübertraung über Aerosole zu minimieren. Meidinger wie auch der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth, kritisieren, dass in Schulgebäuden zum Teil Fenster dafür nicht ausreichend geöffnet werden könnten.

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Digitale Ausstattung von Schulen 

Der Präsident des Lehrerverbandes kritisierte die digitale Ausstattung an Schulen immer noch häufig als zu mangelhaft. Da nütze es auch nichts, wenn Lehrerinnen und Lehrer die Sommerferien für Fortbildungen in diesem Bereich genutzt hätten. Auch der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth, zeigte sich skeptisch gegenüber Möglichkeiten zum digitalen Unterrichten. Der Bundeselternrat hätte bereits vor den Sommerferien eine Mischung aus Präsenzuntericht und "qualifiziertem Fernunterricht" gefordert. 

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Von wissenschaftlicher Seite gab es eine Stellungnahme zum Schulstart von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina (5. August). Die Wissenschaftler raten - neben einer Empfehlung für eine Maskenpflicht - vor allem zu drei Maßnahmen, um das Infektionsgeschehen so gering wie möglich zu halten: isolierte Lerngruppen, eine systematische Teststrategie von symptomatischen Personen im Schulkontext sowie im Falle von Infektionen in der Schule eine Strategie für eingeschränkte Maßnahmen, um eine Schließung zu vermeiden. An der Stellungnahme haben 24 Professoren und Professorinnen mitgearbeitet, darunter der Virologe Christian Drosten und der RKI-Präsident Lothar Wiehler. 

Diskussion um Maskenpflicht 

Auch wenn sich im Alltag in Deutschland die Maskenpflicht als eine Infektionsschutzmaßnahme druchgesetzt hat, haben die Bundesländer auch hinsichtlich dieser Maßnahme ganz unterschiedliche Regelungen für den Schulstart geplant.

Für einen Mund-Nasen-Schutz sprach sich die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina aus. Sie empfehlen von der fünften Klasse an, auch im Unterricht Maske zu tragen. Im Klassenraum sollten zudem ältere Schülerinnen und Schüler einen Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn nicht ausreichend Abstand möglich sei.

Der Pressesprecher der Bundesschülerkonferenz Torben Krauß räumte ein, dass das Tragen von Masken aus Sicht des Infektionsschutzes sicherlich sinnvoll sei. Allerdings sei eine Pflicht aus Schülersicht eine Zumutung: "Den ganzen Tag über im warmen Klassenraum bei sommerlichen Temperaturen eine Maske zu tragen, ist eher eine Zumutung als guter Infektionsschutz."  Auch der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth, erkennt in einer Maskenpflicht ein Problem. Solch eine Pflicht könne nicht über den ganzen Tag eingehalten werden, sagte er im Dlf (31. Juli). "Wenn das eine Viertelstunde ist, ist das gar kein Problem. Wenn es wirklich über mehrere Stunden eines Vormittags geht, ist es belastend." 

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