Donnerstag, 04.06.2020
 
Seit 02:10 Uhr Zur Diskussion
StartseiteFirmenporträtCoronatests für die Welt22.05.2020

Coronakrise: Virentester TIB MolbiolCoronatests für die Welt

Der Berliner Unternehmer Olfert Landt ist seit 30 Jahren Experte im Aufspüren von Viren. Vor der Corona-Pandemie hatte er es mit Sars, Mers und der Schweinegrippe zu tun. In der Coronakrise läuft seine Firma erneut auf Hochtouren.

Von Dieter Nürnberger

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Olfert Landt, Geschäftsführer von TIB Milbiol in Berlin-Tempelhof, entwickelt und produziert mit seiner Firma Modular Kit Sets für den Test gegen den neuen Virus Corona.  (imago / Kitty Kleist-Heinrich / TSP)
Firmenchef Olfert Landt: In Krisenzeiten packt die Familie mit an (imago / Kitty Kleist-Heinrich / TSP)

Olfert Landt ist Geschäftsführer der kleinen Berliner Biotech-Firma TIB Molbiol Syntheselabor GmbH, und er hat im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun.

"Das ist in kleinen Firmen so, da packt der Chef auch selber an. Fertige Test-Kits. Hier für Bratislava, ich habe viele für Spanien, für Polen. Heute nur für Europa und Deutschland."

Mehr als 3 Millionen Corona-Testpakete oder auch Test-Kits genannt, wurden seit Januar produziert. Sie  gehen in alle Welt. Ein kleines Unternehmen mit lediglich rund 40 Mitarbeitern, gearbeitet wird derzeit auch an Wochenenden und Feiertagen.   

"Wir machen alles, was Kunden von uns erwarten. Das sind vor allem Infektionserreger wie Influenza, Noro-Virus oder Salmonella. Auch sexuell übertragbare Krankheiten, wir haben ein paar Sachen, die Richtung Krebs gehen. Und wir machen Mutationsanalyse, zum Beispiel Blutgerinnungsstörungen, die man mit unseren Produkten untersuchen kann."

Pandemien als Umsatztreiber

Mit dieser Geschäftsstrategie hat das Unternehmen 30 Jahre lang schwarze Zahlen geschrieben, und nun, wie übrigens schon 2010, geht der Umsatz durch die Decke. Vor rund 10 Jahren war es die Schweinegrippe und diesmal das Corona-Virus.

Olfert Landt hat in den vergangenen Jahrzehnten schon mehrere Virus-Ausbrüche beruflich begleitet. Dadurch sind langjährige Geschäftsbeziehungen besonders nach Asien gewachsen. In den meisten Fällen waren es eher kleine und lokale begrenzte Ereignisse, Virus-Ausbrüche, über die nicht immer in der internationalen Presse berichtet wurde. Kommerziell nicht interessant, sagt Landt, er hat dennoch Tests angeboten und auch geliefert. Sein Unternehmen hat kein Patent auf die Technologie der Untersuchungen. Im Fall der Fälle könnten viele Testlabors entsprechend agieren:

"Die grundlegende Technologie, die wir nutzen - die Polymerase-Kettenreaktion - hat sowohl den Nobelpreis bekommen und hatte auch ein Patent. Das ist inzwischen abgelaufen, das ist schon zu alt. Das heißt, die grundlegende Technologie kann jeder benutzen."

Im Januar schon alarmiert

In der Lokalpresse wurde TIB Molbiol bereits als Berlins derzeit gefragtestes Unternehmen tituliert. Und in der Tat: Olfert Landt scheint ein besonderes Gespür dafür zu haben, welcher Virustest unmittelbar gebraucht wird. Er hat, wie die meisten Experten, im Januar zum ersten Mal über das neue Corona-Virus gehört  und dann schnell gehandelt:

"Das werden Sie immer bei kleinen Unternehmen feststellen, dass diese flexibler sind. Weniger Verwaltung, kurze Entscheidungsprozesse."

Das Unternehmen sitzt in einem Gewerbegebiet in Berlin-Tempelhof, ein alter Backsteinbau. Hier sind das Lager, die Poststation und natürlich die Labore untergebracht.

"Das hier ist ein Reinraum. Das merkt man, es herrscht ein wenig Überdruck. Das heißt, da kommt kein Dreck rein. Das ist kein Ebola-Schutz-Labor, da wäre nämlich Unterdruck, damit Ebola nicht rauskommt. Wir wollen keinen Dreck reinbekommen."

Alle Mitarbeiter, der Chef inklusive, müssen sich derzeit zwei bis dreimal die Woche selbst auf das Corona-Virus testen lassen. Auch Besucher müssen vor Betreten des Betriebsgeländes den inzwischen berühmten Rachenabstrich über sich ergehen lassen und dann ein paar Stunden auf die hoffentlich gute Nachricht warten.

"Bei Ihnen ist das Virus nicht nachweisbar."

Start-up der frühen Jahre

Olfert Landt hat vor 30 Jahren TIB Molbiol gegründet. Aus einem Universitätsprojekt heraus, in einer Zeit als es das Wort Start-up noch gar nicht gab:

"Ich war Doktorand in der Bio-Chemie - also Protein-Engineering. Und wir brauchten diese Oligonukleotide um Proteine zu verändern. Und dann haben wir im Institut so eine Maschine besorgt, und dann hatten wir plötzlich sehr viele Freunde. In der Medizin, im Max-Plack-Institut, die wir einfach mit versorgt haben. Da schien so etwas wie ein Markt zu sein. Dann haben wir eine Firma aufgemacht und haben eben diese Produkte angeboten."

Und seitdem läuft das Geschäft. Seit Jahresbeginn jedoch mehr denn je. Vor allem die Logistik ist aktuell eine Herausforderung. Geschäftsführer Landt hetzt regelrecht durch die Gänge. Tür auf, Tür zu.

In einem Raum wird es lauter, hier sitzt sein Sohn, der derzeit, wie der Rest der Familie auch, aushilft. An der Labelmaschine werden Mini-Etiketten direkt auf die Teströhrchen geklebt. Bis vor kurzen noch Handarbeit, nun vollautomatisch.

Test-Kit ist eine einfache Sache

Das Corona-Test-Kit ist recht unspektakulär: Ein kleiner Plastikbeutel, 14 Gramm schwer, 2 kleine Ampullen darin, eine davon lichtdicht verpackt. Ein kleiner Beipack-Zettel. In mehr als 60 Länder wurde bereits geliefert. Im Februar kam sogar der Botschafter von Ruanda persönlich vorbei, um Tausende von Test-Kits für sein Land abzuholen.      

"Sie alle wollen ihr Land mit Test-Kits versorgt wissen, und viele wollen von uns auch eine Supply-Garantie. Ich kann aber nicht jedem Land garantieren, dass eine bestimmte Anzahl dorthin abgegeben wird. Das ist unmöglich, die Volumen übersteigen das. Das haben wir früher nicht erlebt, dass Botschafter hier anrufen oder sogar persönlich vorbeikommen."

Olfert Landt geht davon aus, dass das Geschäft mit dem Corona-Virus-Test seinen Betrieb zumindest noch in diesem Jahr weiterhin voll auslasten wird. 18 Millionen Euro Umsatz machte TIB Molbiol im vergangenen Jahr, 2020 wird es wohl ein Vielfaches sein. 

Der Geschäftsführer sieht müde aus: Trotz einer 100-Stunden-Woche versucht er derzeit, ausreichend Schlaf zu bekommen. Nicht einfach, sagt er, aber:   

"Was soll ich sonst machen? Verreisen? Geht gerade nicht. In die Oper gehen? Geht gerade nicht. Also die meisten Dinge könnte man ohnehin nicht machen. Das ist tragbar."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk