Mittwoch, 08. Dezember 2021

Coronavirus-Mutation in GroßbritannienVirologe Drosten: Informationslage "noch lückenhaft"

Die Berichte über eine neue, ansteckendere Coronavirus-Variante in Großbritannien beunruhigen den Berliner Virologen Christian Drosten nach eigenen Angaben nicht. Eine stärkere Bindung des Virus an Rezeptoren im Körper etwa müsse nicht besser sein für das Virus, sagte Drosten im Dlf.

Christian Drosten im Gespräch mit Philipp May | 21.12.2020

Der Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten
"Die Frage, die im Raum steht, ist, ob dieses Virus stärker übertragbar ist", sagte der Virologe Christian Drosten im Dlf über die neue Variante des Coronavirus in Großbritannien (picture alliance/ AP Photo/ Michael Sohn)
Update vom 22.12.

Nach anfänglich zuversichtlichen Äußerungen zeigt sich der Virologe Christian Drosten angesichts neuer Daten nun doch besorgt über die Coronavirus-Mutation in Großbritannien. Eine Auswertung britischer Behörden bestätigt, dass die Corona-Variante in der Tat deutlich ansteckender ist als bisher aufgetretene Varianten.
In Großbritannien ist eine neue Variante des Coronavirus festgestellt worden. Die Virus-Mutation ist nach Angaben der dortigen Gesundheitsbehörden deutlich ansteckender und wird für einen starken Anstieg der Infektionszahlen im Süden Englands verantwortlich gemacht. Sie ist auch in anderen Ländern bereits entdeckt worden, in Deutschland bislang noch nicht. Um ein Übergreifen der Virus-Variante zu verhindern, haben Deutschland und andere Staaten Passagierflüge von Großbritannien untersagt oder ein Verbot angekündigt.
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Unklare Informationslage

Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, zeigte sich im Deutschlandfunk "nicht so sehr besorgt" über die Berichte aus Großbritannien. Die Informationslage sei allerdings noch unklar, betonte Drosten. Die britischen Wissenschaftler hätten selbst betont, man müsse noch diese Woche abwarten, bis vorläufige Datenanalysen abgeschlossen seien. Die Virus-Mutation sei in Südostengland und in London zuerst aufgefallen. "Die Frage ist jetzt natürlich: Spült dieses Virus hoch mit einer jetzt hochkommenden neuen Welle in dieser Region, oder ist das Virus selbst dafür verantwortlich, dass diese Welle entstanden ist?"

"Die Bindung an den Rezeptor ist stärker"

Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hatte gesagt, die Virus-Variante sei 70 Prozent ansteckender als die ursprüngliche. "Diese Zahl ist einfach so genannt worden", sagte Drosten. "Plötzlich steht so ein Wert im Raum und keiner weiß überhaupt, was damit gemeint ist." Um zu wissen, ob ein Virus besser oder schneller übertragbar sei, müsse man schauen, wer wen infiziert habe und wie lange das gedauert habe. "Bei aller Kenntnis über dieses Virus würde einen das wundern, wenn sich so ein Parameter jetzt noch erheblich verändern würde", sagte Drosten. An der Sequenz des Virus sehe man, dass es eine Mutation in der Rezeptorbindungsstelle gebe. Die Bindung an den Rezeptor sei stärker. Das müsse aber nicht unbedingt besser sein für das Virus.
Nach Drostens Einschätzung ist davon auszugehen, dass der mutierte Erreger Deutschland bereits erreicht habe. Das müsse einen aber nicht aus der Ruhe bringen, betonte der Virologe. Er sei auch schon in Australien, in den Niederlanden, Dänemark oder Belgien nachgewiesen worden, habe dort aber keine vergleichbare Entwicklung ausgelöst wie in Großbritannien.
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Das Interview im Wortlaut:
Philipp May: Wie besorgniserregend ist das für Sie?
Christian Drosten: Ich bin darüber nicht so sehr besorgt im Moment. Ich bin allerdings auch genau wie jeder andere im Moment in einer etwas unklaren Informationslage. Ich kann das nachlesen, was an öffentlich bekannten Dokumenten verfügbar ist, und das ist schon noch lückenhaft. Das sagen die britischen Wissenschaftler genauso. Die sagen auch, sie müssen zumindest mal noch bis diese Woche warten, bis ein paar vorläufige Datenanalysen abgeschlossen sind, um überhaupt zu sagen, dass der Verdacht, den sie da äußern, stimmt.
May: Welche Fragen wären denn für Sie die, die jetzt sofort als erstes geklärt werden müssen?
Drosten: Na ja. Die Frage, die im Raum steht, ist, ob dieses Virus stärker übertragbar ist. Dazu muss man natürlich das auseinanderhalten von anderen Effekten oder abtrennen von anderen Effekten. Wir haben ja im Moment in Südostengland - das ist die Grafschaft Kent und andere Bereiche, aber auch London ist davon betroffen – dieses Virus. Das ist zunächst einmal aufgefallen. Die Frage ist jetzt natürlich, spült dieses Virus eigentlich hoch mit einer jetzt hochkommenden neuen Welle in dieser Region, oder ist das Virus selbst dafür verantwortlich, dass diese Welle entstanden ist. Das sind zwei ganz wichtige unterschiedliche Effekte, die man verstehen muss. Wir haben ja in England eine Art Lockdown gehabt, der sehr differenziert war und geographisch unterschiedlich. Und wenn man sich anschaut, wie die Epidemie gelaufen ist in der letzten Zeit, kann man ja sagen, dass gerade an der Stelle, wo dieses Virus hochgekommen ist, es zu einem exponentiellen Anstieg noch mal im Dezember gekommen ist, während in vielen anderen Bereichen in England durch Lockdown-Maßnahmen die Inzidenz kontrolliert wurde und im Dezember gerade nicht mehr anstieg.
Coronavirus
Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Zahl 70 Prozent ist einfach so genannt worden"

May: Aber woher kommen dann diese 70 Prozent ansteckender, die das Virus sein sollte, von denen Boris Johnson gesprochen hat?
Drosten: Diese Zahl ist einfach so genannt worden. Das gehört zu vielen anderen Motiven.
May: Unwissenschaftlich?
Drosten: Na ja. Das gehört eben zu vielen anderen Motiven in dieser ganzen Geschichte, wo ich mich frage, inwieweit ist es jetzt so, dass hier ein Wissenschaftler mal einen Schätzwert genannt hat, vielleicht auch, weil er danach gefragt wurde, was er denn sagen würde, wenn er müsste - und dann verselbständigt sich diese Information. Dann geht es in die Politik und die Politiker nennen dann solche Zahlen und die Medien nehmen das auf. Plötzlich steht so ein Wert im Raum, 70 Prozent, und keiner weiß überhaupt, was damit gemeint ist.
Gemeint ist damit wohl die Wachstumsrate, also was dazukommt pro Auswertungszeitraum von diesem Virus. Und jetzt ist natürlich die Frage, ist das, um noch mal zurückzukommen, überhaupt das Virus, das daran schuld ist, oder ist es so, dass einfach lokal, wo dieses Virus gerade zufällig war, der Lockdown nicht so streng war, die Leute nicht gewusst haben, dass auch jetzt bei ihnen eine lokale Epidemie losgeht, und dass einfach Übertragungsmechanismen zum Tragen gekommen sind, die auch jedes andere Virus hochgespült hätten.

Mehr Informationen über Übertragbarkeit

May: Jetzt riegelt Europa dennoch die Verkehrswege nach Großbritannien ab, beziehungsweise sie haben es schon größtenteils gemacht. Deutschland hat den Flugverkehr in der Nacht gestoppt. Ist das richtig oder ist das auch voreilig?
Drosten: Es ist vorsichtig. So würde ich es mal ausdrücken. Ich glaube, man muss jetzt in den nächsten paar Tagen nach England schauen, was dort die Wissenschaftler sagen, ob die jetzt vielleicht eine eindeutige Botschaft rausgeben, dass sie sagen, so schlimm war es nicht, wir haben jetzt die Daten tatsächlich angeschaut. Der Informationsstand, der zumindest schriftlich verfügbar war, der sagte eigentlich nicht, dass die britischen Wissenschaftler sich sicher sind, sondern der sagte das Gegenteil. Die britischen Wissenschaftler haben eigentlich gesagt: Das könnte was sein, wir wissen es nicht, wir werden aber innerhalb von einer Woche schon entscheidende neue Informationen kriegen. Zum Beispiel wenn man wissen will, ob so ein Virus besser oder schneller übertragbar ist, dann muss man Übertragungspaare auswerten. Dann muss man schauen, wer hat wen infiziert und wie lange hat das gedauert. Man schaut nach einem epidemiologischen Parameter, den man Serienlänge nennt, und da kann man dann tatsächlich sagen, ob die Übertragung schneller verläuft. Da muss man schon dazu sagen: Bei aller Kenntnis über dieses Virus würde einen das wundern, wenn sich so ein Parameter jetzt noch erheblich verändern würde.

"Mutation in der Rezeptorbindungsstelle"

May: Sie gehen eher davon aus, das klingt jetzt so durch, als würde am Ende rauskommen, dass diese Virus-Mutation nicht sonderlich ansteckender ist?
Drosten: Ich will das nicht verharmlosen. Ich will da auch nicht voreingenommen sein. Wir können dagegenhalten, dass es schon auch noch andere Eigenschaften gibt in dem Virus, die einen ein bisschen besorgt stimmen. Wir können die Sequenz des Virus natürlich anschauen. Die ist jetzt nicht so, sagen wir mal, wackelig von der Datengrundlage. Eine Sequenz ist eine Sequenz und da kann man schon ein paar Sachen sehen, da lohnt es sich wenigstens mal drüber zu reden. Zum Beispiel ist es so: Da gibt es eine Mutation in der Rezeptorbindungsstelle, die paar Aminosäuren im Oberflächenprothein, die wirklich an den Rezeptor binden müssen, damit das Virus in die Zelle reingeht. Eine dieser Stellen ist in dem Sinne verändert, dass die Bindung an den Rezeptor ein bisschen stärker wird dadurch. Das haben Biochemiker vorher schon mal vorausgesagt. Diese Variante mit so einer Bindungsstellenmutation ist auch vorher schon mal aufgetaucht, immer wieder verschwunden, jetzt in Südafrika auch aufgetaucht und scheint dort übertragen zu werden. Auch dort weiß niemand, ob das irgendeine Bedeutung hat. Aber die Bindung an den Rezeptor ist stärker. Als Virologe würde man jetzt sagen, das muss nicht unbedingt besser sein fürs Virus. Das Virus muss auch irgendwann mal ab vom Rezeptor. Das muss nicht nur dran. Darum ist so eine Verstärkung der Bindung nach so langer Zeit, nachdem das Virus schon so lange Zeit hatte, herumzuprobieren im Menschen und sich zu optimieren und diese Stelle nicht geändert hat, das ist schon ein Zufall. Deswegen bin ich skeptisch, ob das tatsächlich gut ist fürs Virus. Das wäre eine der Stellen.
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"Ich denke, dass es schon in Deutschland ist"

May: Kommen wir mal von der ganz wissenschaftlichen Seite weg und gucken wir noch mal auf die Prognosen, die jetzt gestellt werden von einigen Politikern. Unter anderem sagt Karl Lauterbach von der SPD, dass er davon ausgeht, dass das Virus auf jeden Fall in Deutschland ankommen wird. Hat er recht? Ist das im Prinzip nicht zu vermeiden?
Drosten: Ja, ich denke, dass das schon in Deutschland ist. Dieses Virus ist ja jetzt gar nicht so neu und auch davon darf man sich jetzt wirklich nicht irgendwie aus der Ruhe bringen lassen. Dieses Virus kommt ja in England vor seit Ende September. Auch in England hat man das erst im Laufe des Oktobers gemerkt und das war eine kleine Variante, die selten war, und das hat man natürlich auch erst mal überhaupt nicht in den Fokus genommen. Dann ist das über den ganzen November mehr geworden in dieser lokalen Region, aber auch vor allem dort und sonst nirgends. Auch im ganzen Dezember ist es dort in Südostengland und in London immer wieder vorgekommen und wir wissen jetzt, dass es schon in Italien, in Holland, in Belgien, in Dänemark, sogar in Australien ist. Warum sollte es nicht in Deutschland sein? Das ist überhaupt nichts Schlimmes. Gleichzeitig kann man aber auch sagen, in keinem dieser aufgezählten Länder – und zum Beispiel in Holland wissen wir genau, bereits Anfang Dezember ist das zufällig gefunden worden; das muss in Holland schon vor Anfang Dezember angekommen sind. Es ist aber nicht hochgekocht dort. Dieses Virus hat sich gar nicht groß vermehrt. So wird das in vielen anderen Ländern auch sein und darum bin ich da zwar offen für wissenschaftliche Neuigkeiten, die durchaus kommen können, und da kann es durchaus Überraschungen geben. Die gibt es immer in der Wissenschaft. Aber ich bin jetzt alles andere als beunruhigt, was das angeht.
Ich will Ihnen da jetzt auch nicht die politische Frage abschneiden. Klar muss man als Politiker hier auch aus Vorsicht handeln, zumal da eine äußerst erhitzte Nachrichtenlage gerade kommt aus England. Darauf muss man ja irgendwie reagieren. Man kann ja solche Reaktionen dann vielleicht auch sehr kurz gestalten. Wenn sich nach zwei, drei Tagen da ein bisschen mehr Kenntnis eingestellt hat, kann man ja auch wieder nachkorrigieren. Im Moment ist das, was man aus England hört, schon mit einem ganz schönen Alarm versehen, wie das so kommuniziert wird. Auch die Tatsache, dass wirkliche Top-Politiker hier wissenschaftliche Inhalte über die Medien aufzählen und vorlesen, es hat da eine Mutation und da und da gibt es so und so viel Prozent Zuwachs, das ist ja schon ungewöhnlich.

Keine Auswirkungen auf Impfung befürchtet

May: Eine Frage, die sich natürlich viele stellen, auch weil heute wahrscheinlich der Biontech/Pfizer-Impfstoff in der EU freigegeben wird. Muss man befürchten, dass so eine Virus-Mutation, wie wir sie jetzt sehen, möglicherweise Auswirkungen hat auf die Effektivität der Impfung?
Drosten: Nein, das glaube ich gar nicht im Moment. Es ist schon so, dass eine bessere Bindung an den Rezeptor Konkurrenz zu Antikörpern machen kann und Antikörper dann vielleicht schlechter binden. Aber wir haben eine Riesenmischung von Antikörpern als Reaktion auf den Impfstoff und das wäre hier nur einer oder ganz wenige Antikörper, die das betreffen würde. Außerdem ist es ja so: Die T-Zellen, die wir durch fast alle Vakzinen sehr gut auch induzieren – wir haben ja fast immer das ganze Spike-Protein in den Vakzinen drin -, die haben ganz andere Erkennungsstellen und die wirken genauso gut wie vorher.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.