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StartseiteCampus & Karriere"Schüler zwei bis drei Wochen digital beschulen" 12.03.2020

Coronavirus und Bildung"Schüler zwei bis drei Wochen digital beschulen"

Das Coronavirus breitet sich weiter aus: Einige Bundesländern schließen deshalb vorsorglich Schulen und Kitas. Der Unterricht könne dennoch stattfinden, mit Video-Chat und Online-Aufgaben für kurze Zeit zuhause, sagte Tobias Frischholz, Lehrer und Chefredakteur des Fachmagazins "Wegweiser Digitale Schule", im Dlf.

Tobias Frischholz im Gespräch mit Benedikt Schulz

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Lernen am Computer, Grundschüler, 8 Jahre (imago / Jochen Tack)
Zwei bis drei Wochen von zuhause aus beschulen, darin sieht Tobias Frischholz zunächst kein Problem. (imago / Jochen Tack)
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Als erste deutsche Großstadt schließt Halle wegen des Coronavirus' alle Kitas und Schulen. Der Lehrerverband fordert die Schließung aller Schulen in NRW. Der Unterricht könnte dennoch stattfinden – mit Video-Unterricht und Online-Aufgaben. Doch die digitale Ausstattung an Deutschlands Schulen ist nicht überall auf dem gleichen Niveau. Zudem besitzen nicht alle Lehrkräfte die Fertigkeit, digitale Hilfsmittel zu nutzen. Im Interview erklärt Tobias Frischholz, selbst Lehrer an einer bayrischen Mittelschule und Chefredakteur des pädagogischen Fachmagazins "Wegweiser Digitale Schule", Schüler ließen sich digital zwei bis drei Wochen ohne Qualitätsverluste beschulen.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Das Interview in voller Länge

Benedikt Schulz: Herr Frischholz, bevor wir jetzt sozusagen zum eigentlichen Thema kommen, frage ich Sie jetzt als Lehrer an einer Schule, die noch nicht geschlossen ist: Wie ist bei Ihnen die Stimmung zurzeit?

Frischholz: Die Stimmung ist vorsichtig verhalten bis schon auch nervös, weil wir durchaus schon einige Schulschließungen auch haben, weil auch schon Fälle waren, wo Testungen stattgefunden haben, weil Verdacht auf Coronavirus-Befall war. Die Lehrkräfte sind schon besorgt, die Kinder natürlich auch, die Schüler. Es wird auch im Unterricht thematisiert. Also es ist eine ganz komische Situation gerade.

Schulz: In Bayern, wo Sie unterrichten, da gibt es die Lernplattform mebis. Es gibt vergleichbare Portale auch in anderen Bundesländern. Vielleicht können Sie das kurz erklären, wie funktionieren diese Portale, und inwieweit können die tatsächlich Unterricht auch ersetzen?

Frischholz: Also das mebis, das wir in Bayern haben oder auch viele andere Schulländer haben ja ähnliche Plattformen, ist eigentlich ein System, das auf dem Moodle-System basiert, was ja auch an vielen Universitäten verbreitet ist, wo also Lernen in virtuellen Kursräumen stattfinden kann. Bei mebis ist dann noch der Zusatz, wir haben hier auch eine Mediathek drin, wo die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eingebunden sind, wo auch die Medienzentren, wenn sie die Medien beschaffen, also vor allem Lehrfilme, hier mit angebunden sind. Wir haben ein Prüfungsarchiv, wo dann für alle möglichen Abschlussformen dann aus der Vergangenheit die Prüfungen abgelegt sind mit Lösungen. Es ist ein Infoportal mit dabei, wo man sich über pädagogische Konzepte informieren kann, und seit Neuestem haben wir auch die mebis-Tafel, also eine Whiteboard-Software, die im Browser läuft und auch vom Hersteller unabhängig funktioniert. Also eigentlich ein ganz großes Rundumpaket, das man so für digital gestützten Unterricht auch nutzen kann, wenn man das möchte.

Digitaler Unterricht nur für kurze Zeit sinnvoll  

Schulz: Digital gestützt heißt aber auch, dass man den analogen Teil auch weglassen kann, sprich, gar nicht in der Klasse sein muss dafür. Inwieweit funktioniert das?

Frischholz: Ich denke, das funktioniert, wenn man es wirklich ausschließlich nur da macht, eher auf so einen kurzen Zeitraum beschränkt. Also wenn wir jetzt die Situation haben werden, dass noch mehr Schulen schließen, dann, denke ich, kann man hier Schüler so ein, zwei, vielleicht drei Wochen mal damit beschulen, aber das ist sicherlich nichts, was ausschließlich Verwendung findet im herkömmlichen Unterricht, sondern da, denke ich, ist dieses blended learning schon ganz wichtig, also Präsenzphasen, Onlinephasen. Wir haben ja ganz normal den Unterricht vormittags oder auch Ganztagsschulen bis nachmittags, und da ist das als Ergänzung zu sehen, wo man auch Bereichen in den häuslichen Bereich verlagern kann, wo man das Ganze aber auch digital im Unterricht nutzen kann, weil die Systeme eigentlich endgeräteunabhängig sind. Also ich kann sowohl mit dem Smartphone als auch mit dem Tablet als auch mit einem PC nutzen.

"Popularität digitaler Plattformen wird wachsen"

Schulz: Das Potenzial von solchen Plattformen, von solcher Software wächst ja gewissermaßen mit denjenigen, die es nutzen und bestücken, also den Lehrkräften. Sie haben ja selbst in diesen Tagen ein YouTube-Video ins Netz gestellt, wo Sie Interessierten erklären, wie das Ganze funktioniert beziehungsweise wie man selbst dort einen Kurs anlegt bei einer solchen Lernplattform. Was sagen Sie, wie gut sind denn Lehrkräfte auf den Umgang mit so etwas vorbereitet? Ist ja gerade akuter Bedarf da.

Frischholz: Ja. Also es ist zumindest in Bayern grundsätzlich so, dass jede Lehrkraft wenigstens schon mal sich eingeloggt hat, weil es ist auch verknüpft mit der Fortbildungsoffensive, die wir haben. Da gibt es aktuell drei rein digitale Lehrgänge mit Videos und Fragen dazu, wo man sich als Lehrkraft fortbilden kann zu Medienrecht und zu digital gestütztem Unterricht beispielsweise, und da meldet man sich auch mit dem mebis-Account an. Also allein deswegen hat jede Lehrkraft wahrscheinlich damit schon mal Berührungen gehabt, und vielleicht haben sie auch schon die Mediathek benutzt. Bei der Lernplattform, wo man jetzt diese virtuellen Kurse erstellt, da sehe ich die Anwendung jetzt in der breiten Masse noch nicht in den Kollegien, aber ich denke, so dramatisch jetzt dieses Ereignis auch ist, glaube ich, dass dadurch die Popularität von so Lernplattformen auch steigt, weil man merkt, man kann hiermit die Beschulung dann trotzdem sicherstellen. Ich denke, wenn auch Schulen dann nicht schließen oder dann auch wieder öffnen, dass dann sicherlich auch die einen oder anderen Lehrkräfte dann feststellen, das ist ja wirklich ein Werkzeug, das ich so im Unterricht doch einsetzen kann.

Kommunen in der Coronakrise Die Coronakrise müsse zum Anlass genommen werden, die Gesundheitspolitik von Land und Bund kritisch zu überdenken, sagte Roland Schäfer, Präsident des Gemeindebundes NRW, im Dlf. Es gebe keinen Grund zur Panik, aber man solle überprüfen, was besser gemacht werden könne.

Schulz: Jetzt macht gerade nicht nur in Bezug auf Italien, sondern auch in Deutschland, das Wort Teleunterricht die Runde. Das klingt ein bisschen altbacken, so ein bisschen wie das Telekolleg, also Unterricht im Fernsehen. Ist das angesichts der digitalen Möglichkeiten, die wir ja nun schon haben, überhaupt noch zeitgemäß?

Frischholz: Na ja, der Begriff wahrscheinlich nicht, aber es gibt ja diese Ansätze des flipped class room, dass man schon im Unterricht umdreht, das heißt, die Zeit zu Hause wird eigentlich genutzt, meistens in Form von Erklärvideos, dass die Schüler sich ein neues Thema aneignen und dann vorbereitet in die Schule gehen und dann im Unterricht eigentlich die Zeit bleibt, um Fragen zu klären, zu üben. Ich denke, das ist, glaube ich, ein ganz, ganz sinnvoller Ansatz auch, auch mal Aufgabenstellungen zu verlagern in Form von digitalen Arbeitsblättern zum Beispiel, die die Schüler dann entweder ausfüllen oder irgendwelche Aufgaben dazu erstellen. Ich glaube, was auch sehr gewinnbringend ist, ist, wenn man externe Tools einbettet, denn die Möglichkeit besitzt man auch bei so Lernplattformen, dass man dann auf externe Tools auch verlinken kann, und damit kann man dann so eine Lernplattform wie mebis dann auch unendlich ausbauen im Prinzip.

Datenschutz überdenken

Schulz: Es gibt ja auch andere Anbieter von kommerziellen Unternehmen, Microsoft Teams zum Beispiel oder von Google gibt es Lösungen. Natürlich sind da die Datenschutzbedenken schnell formuliert. Sollte man solche Dienste im Zweifelsfall trotzdem nutzen, und wenn ja, worauf sollte man achten als Lehrer, aber auch als Schülerin?

Frischholz: Also das Thema gerade mit Microsoft, was ja recht populär eigentlich ist, dieses Office 365 und das Teams, das Sie schon angesprochen haben, ist natürlich nach wie vor ständig in der Debatte. Es gibt einzelne Städte, zum Beispiel die Stadt Nürnberg, wo der Datenschutzbeauftragte das dann auch für alle Schulen freigegeben hat. In anderen Städten, in anderen Regierungsbezirken sieht es wieder schwieriger aus hinsichtlich der Genehmigung, und es ist auch sehr viel Unwissenheit darüber, darf ich es jetzt nutzen oder nicht. Ich kenne trotzdem auch Kollegen von anderen Schulen, die jetzt gerade im Hinblick auf Coronavirus gesagt haben, ich sehe jetzt über diese datenschutzrechtlichen Bedenken hinweg, und ich setze jetzt Teams ein, weil – und das muss man auch klipp und klar sagen – es ist ein sehr geeignetes Tool, das auch einfach funktioniert und wo man die Kommunikation mit den Schülern hat und natürlich auch den Austausch von allen möglichen Materialien.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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