Samstag, 28. Mai 2022

Archiv

Costa Rica
Im Schmetterlingsgarten von San Ramón

Dank unterschiedlicher Klimazonen und Lebensräume beheimatet Costa Rica tausende unterschiedliche Schmetterlingsarten. Und kaum ein anderes Land exportiert mehr Schmetterlinge. Die Insekten gehen per Luftfracht in alle Welt - für die lokalen Kleinzüchter eine lukrative Einkommensmöglichkeit.

Von Anna Goretzki | 09.02.2020

Der Himmelsfalter betört durch seinen Größe und seine blauen Farbschattierungen
Der Himmelsfalter betört durch seinen Größe und seine blauen Farbschattierungen (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)
"Das ist ein Caligo Atreus. Zuerst ist er ein Ei, nach etwa zehn Tagen schlüpft eine Larve. Die Raupe frisst dann und nach etwa zwei Monaten verpuppt sie sich in so einen Kokon. Wann verschicken wir sie ins Ausland? Wenn sie eine Puppe ist, im Kokon."
Jenny Víquez zeigt ihren Schülern eine gelbkantige Rieseneule. Ein Schmetterling mit einer Flügelspannweite von etwa 15 Zentimetern. Die sechs Teilnehmer des Workshops stehen dicht gedrängt um Jenny in einem Schmetterlingsgarten ganz in der Nähe der costa-ricanischen Hauptstadt San José. Sie alle wollen ebenso wie Jenny erfolgreiche Schmetterlingszüchter werden, um mit dem internationalen Export der Insekten Geld zu verdienen.
"Schmetterlingszucht ist eine Kunst"
"Für die Schmetterlingszucht gibt es kein Patentrezept. Ich kann euch auch keine Liste geben, auf der steht: mach dies, dann mach das. Es ist eine Kunst. Ihr müsst jede Schmetterlingsart studieren. Na klar, es gibt ein paar Grundregeln, aber die eigentliche Kunst hängt von euch ab."
Jenny Víquez hat diese Kunst bis ins Detail studiert. In ihrem eigenen Schmetterlingsgarten in San Ramón fliegen nahezu lautlos Insekten etwa 30 unterschiedlicher Schmetterlingsarten umher. Ein engmaschiges grünes Netz umschließt die Außenvoliere ihrer Schmetterlinge. Sie landen auf den lila, gelb und blau blühenden Blüten ihrer Wirtspflanzen - oder auf Jennys Händen und Schultern. Etwas Magisches liegt in der Luft. Eine besondere Beziehung zwischen ihr und den Tieren.
"Verliebt" in bunte Falter
"Mit ihnen zu arbeiten gibt mir eine enorme Ruhe. Es entspannt mich. Sie kamen an einem Scheidepunkt in mein Leben. Ich hatte eine Krankheit an der Wirbelsäule, meiner Arbeit als Informatikerin konnte ich nicht mehr nachgehen. Dann verliebte ich mich in Schmetterlinge und stellte fest, dass ich im Schmetterlingsgarten frei von Schmerzen war. Das war ein großes Geschenk für mich."
Seitdem züchtet sie Schmetterlinge für den internationalen Export und führt mit Vorliebe finanziell benachteiligte Menschen in die Welt der Schmetterlinge ein, um ihnen ein besseres Einkommen zu ermöglichen.
Jenny Víquez exportiert ihre Puppen auf eigene Faust ins Ausland.
Schmetterlingskokons
Schmetterlingskokons bereit für den Export (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)
Züchter beliefern Export-Spezialfirmen
Die meisten der rund 400 Züchter in Costa Rica arbeiten mit Firmen zusammen, die sich auf den Export von Edelfaltern spezialisiert haben. In Guácima, unweit der Hauptstadt, hat CRES ihren Sitz, "Costa Rica Entomological Supplies". Im Labor der Firma beugen sich etwa ein Dutzend Mitarbeiter über ausladende Tische. Darauf: Schmetterlingskokons 60 unterschiedlicher Spezies. Manche schimmern wie kleine Silberklumpen, andere sind matt-grasgrün, wieder andere ähneln welken Blattresten. Nur die besten Kokons der Züchter werden exportiert, sagt der Geschäftsführer Sergio Siles.

"Sozioökonomisch ist die Arbeit für die Züchter sehr wichtig. Denn sie leben häufig in Regionen, in denen es kaum Arbeit gibt. Höchstens in der sehr umweltschädlichen Landwirtschaft, Bananen- und Ananasplantagen. Mit der Schmetterlingszucht gehen sie einer Tätigkeit nach, die es ihnen ermöglicht, den natürlichen Lebensraum der Schmetterlinge in der Region zu schützen und zu erhalten, damit sie selbst sie auch weiterhin produzieren können."
Vorbereitung der Kokons bei "Costa Rica Entomological Supplies" für den Export nach Europa
Vorbereitung der Kokons bei „Costa Rica Entomological Supplies“ für den Export nach Europa (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)
Schmetterlinge reagieren sensibel auf Umweltgifte
Denn Schmetterling sind sogenannte Bioindikatoren - sie reagieren sensibel auf Umweltgifte. Sergio Siles fasst selbst mit an, um das esstischgroße Paket mit der heutigen Lieferung nach Europa ins Auto zu heben:
"Für uns ist es sehr wichtig zu wissen, wohin die Schmetterlinge kommen, wofür sie unsere Kunden einsetzen. Denn die Schmetterlinge sind Botschafter für die Schönheit unserer Natur, unseres Landes. Wir legen hohen Wert darauf, dass unsere Kunden das verstehen und sie entsprechend behandeln."
Eine Lieferung geht zum Beispiel regelmäßig an das Schmetterlingshaus der "Biosphäre Potsdam". Die Zucht von Schmetterlingen für den Export ist aber nicht frei von Kritik.
Insekten-Export nicht unumstritten
Einer der größten Schmetterlingsexperten Lateinamerikas ist der Biologe Ricardo Murillo. Im Schmetterlingsgarten seiner Universität - in dem Pflanzen üppig wuchern - tauscht er die Bananen und Mangos in der Futterschale seiner Schmetterlinge aus. Es riecht feucht. Kritik weist er zurück:
"Voraussetzung für die Schmetterlingszucht ist der Schutz ausgedehnter Wälder. Außerdem müssen die Wirtspflanzen gepflegt werden. Auch das ist Umweltschutz. Denn diese Pflanzen dienen einzig und allein den Schmetterlingen. Und die Insekten selbst fühlen keinen Schmerz, nur mechanische Impulse, aber keinen Schmerz wie wir Menschen. Daher: nein, Tierquälerei ist es nicht."
Raupen des Himmelfalters kurz vor der Verpuppung
Raupen des Himmelfalters kurz vor der Verpuppung (Deutschlandradio / Pablo Cambronero)
"Symbol für die Veränderung im Leben"
Jenny Víquez setzt in ihrem Schmetterlingshaus vorsichtig Schritt vor Schritt und sucht großblättrige Pflanzen nach den Eiern der Insekten ab. Sie liebt ihre Schmetterlinge alle: den betörend blauen Himmelsfalter ebenso wie den Glasflügelfalter mit seinen transparenten Flügeln. Niemals würde sie ihnen Leid zufügen wollen.

"Sie sind ein Symbol für das Leben, die beständige Veränderung im Leben. Erst das Ei, dann die Larve, die Puppe und am Schluss fliegt der Schmetterling. Aber das ist die kürzeste seiner Lebensphasen. Deswegen muss man sich bewusst machen: es ist anstrengend für seine Träume zu kämpfen, aber wenn man sie erreicht hat, muss man das Leben genießen."
Glasflügelfalter
Der Glasflügelfalter besticht durch seine transparenten Flügel (Deutschlandradio / Pablo Cambronero)

An einem großen Traum arbeitet Jenny gerade: sie will ihren Schmetterlingsgarten für Touristen öffnen. Einen alten, rostigen Bus auf ihrem Grundstück zu einem kleinen Schmetterlingsmuseum ausbauen und bald Besuchern die Schönheit der Schmetterlingswelt zeigen.
Jenny Víquez im Schmetterlingsgarten 
Jenny Víquez will demnächst auch Touristen durch ihren Schmetterlingsgarten führen (Deutschlandradio / Pablo Cambronero)