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StartseiteForschung aktuellNicht jeder positiv Getestete ist noch ansteckend 07.09.2020

COVID-19-PandemieNicht jeder positiv Getestete ist noch ansteckend

Es gibt derzeit sehr viele Tests auf SARS-CoV-2. Dabei wird auch über die Frage diskutiert, ob eines der besonders empfindlichen Testverfahren eventuell auch bei Patienten anschlägt, die nicht mehr ansteckend sind. Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Von Volkart Wildermuth

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Krankeschwester und Röhrchen für PCR-Tests auf COVID-19 (imago / ANE)
Manche Tests auf SARS-CoV-2 sind sehr empfindlich, vielleicht zu empfindlich. Über die Schlüsse aus einem positiven PCR-Test wird aktuell neu debattiert. (imago / ANE)
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Es wird getestet, getestet, getestet. Aber liefern all diese Tests auch die richtigen Informationen? Es ist nämlich gut möglich, dass ein Test positiv ist, die Person aber trotzdem gar nicht ansteckend. Der Berliner Virologe Christian Drosten hat deshalb vorgeschlagen, die üblichen PCR-Tests zu differenzieren. Pharmaunternehmen bringen derweil neue Testvarianten auf den Markt. Wo stehen wir bei den Corona-Tests?

Ordner in eine Regalreihe sind mit COVID-19 beschriftet. (picture alliance/dpa/Marijan Murat) (picture alliance/dpa/Marijan Murat)Drosten stellt klar: Quarantänezeit sollte nicht verkürzt werden
Nur fünf statt 14 Tage Quarantäne seien notwendig, war der Virologe Christian Drosten zitiert worden - ein Missverständnis, stellte er klar. Sein Vorschlag von lediglich fünf Tagen "Abklingzeit" gelte nur für spezielle Fälle.

Welche Arten von Coronatests gibt es?

Im Grunde gibt es derzeit drei Testvarianten:

  1. Polymerase-Kettenreaktion-Tests (PCR) reagieren auf das Erbgut von SARS-CoV-2. Diese Tests sind extrem empfindlich, ihnen entgeht nichts.
  2. Antigentests weisen nicht das Erbgut des Virus nach, sondern die Eiweiße. Sie sind nicht ganz so empfindlich, was unter Umständen ein Vorteil sein kann. Solche Tests können sehr schnell sein. Der große Hersteller Roche Diganostics hat einen Schnelltest entwickelt, der schon nach einer Viertelstunde ein Ergebnis liefert. Antigentests gibt es aber auch von anderen Firmen.
  3. Antikörpertests gibt es ebenfalls in einer Schnelltestvariante. Sie weisen nicht das Virus oder eine akute Infektion nach, sondern die Reaktion des Körpers darauf. Sie blicken sozusagen in die Vergangenheit: War diese Person schon mal infiziert?

Antikörpertests spielen im Moment vor allem für wissenschaftliche Studien eine Rolle, weniger für das aktuelle Geschehen.

Warum gilt der PCR-Test als überempfindlich?

Die PCR weist verlässlich die Infektion selbst nach, aber nicht, ob jemand noch ansteckend ist.

Sie ist entwickelt worden, um eine Ja/Nein-Frage zu beantworten: Ist Erbgut von SARS-CoV-2 da oder nicht? Dafür verdoppelt dieses Verfahren etwaige Spuren immer und immer und immer wieder, in vielen, vielen Zyklen. Aus einem Virenerbgut werden zwei, dann vier, dann acht und dann schnell viele, viele Millionen angezüchtet. So kann man auch winzigste Spuren in einer Probe nachweisen. Das ist gerade am Anfang der Infektion wichtig. Laborärzte erkennen so schon sehr früh, wenn sich eine Krankheit anbahnt.

Doch am Ende der Infektion wird die Empfindlichkeit zum Problem: Dann finden sich im Rachen vielleicht noch Bruchstücke von SARS-CoV-2, die sich nicht mehr vermehren können, aber trotzdem reagiert die extrem empfindliche PCR. In exakten Versuchen wurde nachgewiesen, dass sich bei Patienten kein aktives Virus mehr isolieren ließ, die PCR aber noch einige Tage weiter positiv blieb.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Es wird diskutiert, wie lange ein COVID-19-Patient isoliert bleiben muss. Der Virologe Christian Drosten bringt den ct-Wert als Faktor ins Spiel. Was ist das?

ct steht für das englische "cycle threshhold", übersetzt in etwa Schwellenzyklus, und bezieht sich auf die Verdopplungszyklen beim PCR-Test. Der Wert beschreibt, ob wenige oder viele Verdopplungszyklen durchlaufen werden, bevor die Kurve nach oben schießt. Auf Ausdrucken ist oft bei den ersten Zyklen nichts zu sehen, erst nach zehn, 20 oder 30 Runden ergeben sich nennenswerte Zahlen. Wann genau dieser Anstieg erreicht wird, hängt auch von der Menge an Ausgangsmaterial ab, aber auch von den Details des Laborverfahrens.

Man kann sagen, wenn der ct-Wert hoch ist, dann war nur ganz wenig Virus vorhanden - vielleicht zu wenig, um jemand anderen anzustecken. Die "New York Times" berichtet, dass der Großteil der PCR-Ergebnisse in den USA auf solch hohen ct-Werten beruht. Dort wird diskutiert, Tests mit einem ct-Wert über 30 generell als negativ zu betrachten.

Das ist aus zwei Gründen problematisch. Erstens ist auch zu Beginn einer Infektion nur wenig Virus vorhanden. Trotzdem wird die Person in den nächsten Tagen hochansteckend sein. Hohe ct-Werte sind im Grunde nur von Bedeutung, wenn die Infektion schon bekannt ist und es darum geht, zu entscheiden, ob die Person noch weiter isoliert werden muss. Zweitens ist der Wert von 30 eher eine Daumenregel, klingt besser als etwa 27 oder 32. Der Charité-Virologe Christian Drosten verweist darauf, dass unterschiedliche PCR-Systeme etwas unterschiedliche ct-Werte für dieselbe Probe liefern.

Drosten schlägt vor, Proben mit weniger als einer Million Viren im Abstrich als unproblematisch zu betrachten. Eine Million klingt zwar viel, ich aber für eine Infektion meist zu wenig. An der Charité wird gerade versucht, das zu standardisieren, damit man für jedes PCR-System sagen kann: Dieser ct-Wert entsprecht einer Million Virenerbgutkopien im Abstrich.

Wäre es für die Labore aufwändig, den ct-Wert mit anzugeben?

Nein, eigentlich nicht. Einige Labore in Deutschland übermitteln den ct-Wert auch an die Gesundheitsämter. Aber er wird derzeit nur selten in Entscheidungen zur Quarantäne oder Isolierung miteinbezogen, das zeigt eine Umfrage der "Tagesschau" bei Gesundheitsämtern.

Das ist auch gar nicht so einfach. Zu Beginn einer Infektion muss man jedes PCR-Ergebnis ernst nehmen, ct-Wert hin oder her. Später kommt es eben auf die Details an. Gerade arbeitet das Robert-Koch-Institut unter anderem zusammen mit Christian Drosten und den Laborätzen an neuen Empfehlungen. Einigen sie sich auf einen Schwellenwert von einer Million Virenkopien, dann könnten Leute schneller aus der Isolation entlassen werden.

Diese eine Millon entspricht nach den Erfahrungen von Christian Drosten etwa auch der Empfindlichkeit der Antigentests. Wenn es offizielle Vorgaben gibt, dann können gerade diese Schnelltests erheblich zur Entlastung der Labore beitragen, denn sie liefern ein Ergebnis noch in der Arztpraxis oder Klinik. Dann weiß man: Diese Person ist heute für andere ansteckend oder nicht.

Zu Hause lassen sich solche Tests nicht anwenden. Jeder Test ist nur so gut wie die Probenentnahme im Rachen und Nase, und dafür braucht es Erfahrung. Deshalb lassen sich solche Tests auch nicht jeden Morgen einfach am Arbeitsplatz oder in der Schule machen. In professionellen Händen könnten solche Antigentests aber durchaus genügen, um jemanden aus der Isolation nach einer Coronainfektion zu entlassen.

Das ist aber nur möglich, wenn das auch in den offiziellen Richtlinien steht. Das wird sicher noch längere Diskussionen brauchen. Denn es bleibt ein Restrisiko, weil die Antigentests nicht so empfindlich sind wie eine PCR. Mit ihnen könnten sich eben erst anbahnende Infektion übersehen werden.

Biologin mit Schutzkleidung bei einem COVID-19-Test im Labor (Eyepix / Cover Images) (Eyepix / Cover Images)Kein Umweg mehr übers Labor
Antigen-Schnelltests sollen noch in diesem Monat als Massenprodukt auf den Markt kommen. Nach Einschätzung des Kölner Medizinprofessors Bernhard Schermer sind sie weniger empfindlich als die diagnostischen QPCR-Tests aus dem Labor. Sie könnten aber eine schnelle und kostengünstige Alternative sein.

Roche hat so einen Test für Ende September angekündigt. Bringt der Entlastung für die Labore?

Das ist bislang unklar. Der Test ist angekündigt, aber wichtige Details sind nicht bekannt.

Das europäische Gesundheitsinstitut ECDC beklagt, dass sehr viele Tests vermarktet werden. Diese sind auch offiziell zugelassen mit dem CE-Zeichen - aber das sind nur sehr allgemeine Kriterien. Von solchen Tests findet man in der Datenbank des Deutschen Institutes für Medizinische Dokumentation und Information inzwischen über hundert. Die dürfen alle verwendet werden, aber es gibt kaum klinische Studien, die ihren medizinischen Nutzen belegen. Wenn so ein Test funktioniert, wäre das eine große Hilfe, aber das muss erst einmal unabhängig belegt werden.

Das Robert-Koch-Institut verfolgt das alles und wird reagieren, wenn gute Daten vorliegen. Im Moment ist die PCR der Goldstandard. Sie hat ihre Schwächen, die in Zukunft über den ct-Wert abgemildert werden könnten. Aber einfach zu sagen, wir akzeptieren nur PCR-Ergebnisse mit einem ct-Wert unter 30, so einfach ist es nicht.

Am Ende müssen die Gesundheitsämter immer abwägen: Wie genau sieht das Testergebnis aus und wie genau ist die Situation dieser Person? Wenn es darum geht, einen Altenpfleger aus der Isolation zu entlassen, gelten sicher strengere Maßstäbe als für jemand, der dann im Homeoffice arbeitet.

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