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StartseiteThemaWarum häufen sich Corona-Infektionen in Schlachthöfen?13.05.2020

COVID-19Warum häufen sich Corona-Infektionen in Schlachthöfen?

Die hohe Zahl der Corona-Infizierten in Schlachthöfen lenkt den Fokus auf die dortigen Arbeitsbedingungen. Die Strukturen begünstigen die Ausbreitung des Virus und auch die Politik trägt ihren Teil dazu bei. Doch warum häufen sich die Fälle gerade dort?

Von Jule Reimer

Schlachtstraße in einem Schlachthof (imago/Hake)
In zahlreichen fleischverarbeitenden Betrieben in Deutschland sind die Ansteckungszahlen mit dem Coronavirus stark angestiegen (imago/Hake)
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Update vom 20. Mai: Das Bundeskabinett hat nach den jüngsten Ausbrüchen des Coronavirus in der Fleischindustrie ein Verbot von Werkverträgen und Arbeitnehmerüberlassungen in der Branche beschlossen. Von kommendem Januar an dürfen demnach nur noch Mitarbeiter des eigenen Betriebes Tiere schlachten und das Fleisch verarbeiten. Zusätzlich will die Regierung stärkere Kontrollen veranlassen, um die Arbeitgeber zur Einhaltung der Gesundheitsstandards zu zwingen. Die Unternehmen sollen auch zu einer digitalen Arbeitszeiterfassung verpflichtet werden. Das Bußgeld für Arbeitszeitverstöße soll auf bis zu 30.000 Euro verdoppelt werden.

Wegen einer Häufung von Corona-Infektionen musste der Schlachtbetrieb "Westfleisch" in Coesfeld in Nordrhein-Westfalen zeitweise geschlossen werden. Auch in anderen Unternehmen der Fleischindustrie in Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen wurden viele Corona-Infektionen nachgewiesen.

Warum häufen sich Corona-Ausbrüche ausgerechnet in der deutschen Fleischindustrie?

Verantwortlich gemacht werden vor allem die äußeren Rahmenbedingungen, unter denen viele ausländische Werkvertragsarbeiter in den Schlachthöfen und der Fleischverarbeitung beschäftigt sind. Die Arbeiter sind bei einem Werkvertrag nicht angestellt, sondern erhalten ihre Vergütung bei erfolgreich erbrachter Leistung. Immer wieder wurden in den letzten Jahren skandalöse Arbeitsbedingungen in der Fleichschindustrie bekannt: Extrem lange Arbeitszeiten, Akkordarbeit auf engsten Raum, keine Pausen, schlechte Bezahlung, sowie schmutzige und enge Sammelunterkünfte zu Abzocker-Mieten.

Schweinehälften passieren am 27.04.2016 einen der Kontrollterminals im Zerlegebereich eines Schlachthofs (picture alliance / dpa - Ingo Wagner) (picture alliance / dpa - Ingo Wagner)"Ausbeutung bei Mitarbeitenden und Tieren"
Die Schlachthöfe dürften derzeit Menschen und Tiere ausbeuten, sagte Reinhild Benning von Germanwatch.de im Dlf. Gebraucht würden endlich Reglungen für eine nachhaltige Fleischproduktion.

Dabei handelt sich um eine Branche, die stark subventioniert wird. Die deutsche Bundesregierung fördert seit Beginn der 2000er-Jahre in Deutschland gezielt die industrielle Intensivtierhaltung und den Export von Fleisch, Milch und lebenden Tieren.

Es geht darum Marktanteile in Asien zu gewinnen, um vom steigenden Wohlstand in China zu profitieren. Nach Fernost wird vor allem Schweinefleisch exportiert. Rund 55 Millionen Schweine schlachteten die deutschen Fleischproduzenten 2019 – viele davon importiert, denn gehalten wird in deutschen Ställen nur ungefähr die Hälfte.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte) (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)
An Geflügel wurden 2019 in Deutschland 1,6 Millionen Tonnen geschlachtet, diese Zahl dürfte ungefähr 680 Millionen Puten und Hühnern/Hähnchen entsprechen. Der umsatzstärkste und auch nach Zahl der Schlachtungen nach wie vor mit Abstand größte Fleischproduzent in Deutschland ist die Tönnies-Gruppe mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen, zu den Branchengrößen gehören außerdem Vion, Westfleisch und die PHW-Gruppe.

Dem Anstieg von Umsatz und Mengen in der Fleischbranche folgte jedoch nicht die Zahl der Festangestellten. Dafür stieg die Zahl der Werksverträge deutlich an. Es sind vor allem Rumänen, die seit dem Beitritt ihrer Länder zur Europäischen Union über Subunternehmer beschäftigt dort arbeiten. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Arbeitgeber, soziale Standards einzuhalten und sich weniger auf Subunternehmer zu verlassen, wirkten wenig. 2017 beschloss der Bundestag das "Gesetz zur Sicherung der Arbeitnehmerrechte in der Fleischwirtschaft", kurz GSA Fleisch.

Der Co-Vorsitzende der Grünen, Robert Habeck, auf dem Bundesparteitag in Bielefeld (picture alliance/ dpa/ Guido Kirchner) (picture alliance/ dpa/ Guido Kirchner)Habeck fordert Verbot von Subunternehmer-System
Durch die Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen sei klar geworden, dass es nicht um einzelne schwarze Schafe ginge, sondern um ein ganzes System, sagte der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck im Dlf. Er fordert ein Verbot von Werkverträgen mit Subunternehmen in der Fleischindustrie.

Die deutsche Schlachtindustrie weist ihrerseits die Vorwürfe wegen der auffälligen Ausbreitung von Coronavirus-Infektionen unter ihren Mitarbeitern zurück. Die Arbeitsbedingungen der vorwiegend osteuropäischen Angestellten seien nicht der Grund für die Verbreitung des Erregers in den Firmen, sagt die Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Deutschen Fleischwirtschaft, Heike Harstick. Als Teil der Lebensmittelversorgung hätte die Branche nicht einfach wie die Autoindustrie ihre Produktion stoppen können, erklärte sie in der "Süddeutschen Zeitung".

Was müsste getan werden, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern?

Erst einmal müsste Licht ins Dunkel gebracht werden, wie viele Werkverträge es in der Branche überhaupt gibt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert zudem eine bessere staatliche Kontrolle. In den letzten Jahren ist jedoch das Gegenteil eingetreten: Die Kontrollen haben sich fast halbiert. Das liegt einerseits daran, dass die für die Kontrolle der Schwarzarbeit zuständigen Zollbehörden personell nicht ausreichend ausgestattet sind. Andererseits scheint der politische Wille zu Kontrollen nicht überall gleich groß zu sein.

Karl-Josef Laumann (CDU), Minister für Gesundheit, Arbeit und Soziales in NRW (picture alliance/ Flashpic/ Jens Krick) (picture alliance/ Flashpic/ Jens Krick)Laumann (CDU): "Kein Vertrauen in die Arbeitsbedingungen"
NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) fordert im Dlf angesichts des Corona-Ausbruchs in einem Schlachtbetrieb Gesetzesänderungen für die Fleischindustrie. 

Fragwürdig ist auch, ob eine Branche, die sich auf unseriöse Subunternehmer stützt, mit staatlichen Geldern subventioniert werden sollte. Das geschieht einerseits indirekt über die subventionierte Intensivtierhaltung. Direkt kam die Fleischbranche frühzeitig in den Genuss reduzierter Netzentgelte und wird im Rahmen der "Besonderen Ausgleichsregelung" (BesAR) von Teilen der EEG-Umlage befreit.

Halbierte Schweine hängen in einem Schlachthof an den Haken  (dpa) (dpa)Rumänische Arbeiterin: "Sie behandeln uns wie Sklaven"
Acht Personen in drei Zimmern, überhöhte Mieten: Eine rumänische Westfleisch-Arbeiterin sagt über die Bedingungen in Schlachthöfen: "Ich hätte nie gedacht, dass in Deutschland so was möglich ist."

Was könnten Gründe für die Häufung von Corona-Fällen auch in der US-Fleischindustrie sein?

Die Ursachen ähneln denen in Deutschland, nur ist die Situation dort um einiges krasser. Es handelt sich um eine extrem hoch konzentrierte Branche: Die Konzerne Smithfield Foods, JBS und Tyson Foods teilen sich den Großteil des Schlacht- und Fleischmarktes unter einander auf. Auch in den USA gilt: Extrem lange Arbeitszeiten, Akkordarbeit auf engsten Raum, keine Pausen, schlechte Bezahlung, schmutzige und enge Sammelunterkünfte.

Hinzu kommt, dass in den USA sich sowieso viele Menschen keine Krankenversicherung leisten können. Viele der Arbeiter kommen aus Mittelamerika. Die Zahl der illegal Beschäftigten dürfte recht hoch liegen. Nachdem viele Betriebe wegen zahlreicher Infektionen von den lokalen Behörden geschlossenen wurden, hat die Trump-Regierung per Erlass die Wiedereröffnung verfügt, indem er die Branche als wesentlichen Wirtschaftssektor eingestuft hat, der in nationalen Krisenzeiten weiterlaufen müsse.

Trump steht unter Druck: Auf der einen Seite warten die Farmer darauf, ihre Tiere loszuwerden, auf der anderen Seite drohen Engpässe bei der Fleischversorgung in den Supermärkten. Laut Landwirtschaftsminister Sonny Perdue hat das US-Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention (CDC) gemeinsam mit Experten des Arbeitsministeriums Richtlinien für einen sicheren Betrieb in der Fleischverarbeitung entwickelt.

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