Kommentar zum CSD-Anschlag
Diese Tat richtet sich gegen uns alle

Der Terroranschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) mit einer Toten und mehreren Verletzten sollte nicht allein eine Minderheit treffen. Er war ein Angriff auf unsere Art, miteinander zu leben.

Von Gudula Geuther |
Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr sprechen mit Personen neben einem Zelt nach dem Abbruch des Christopher Street Day (CSD).
Die Polizei hat den mutmaßlichen Attentäter vom CSD erschossen. Der Tatverdächtige war den Behörden bekannt. (picture alliance / dpa / Fabian Sommer)
Es sind buchstäblich nur ein paar Hundert Schritte vom Tatort des mutmaßlich islamistischen Anschlages gegen den Christopher Street Day bis zu einem grauen Betonquader, dem Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Es gibt in der Bundesrepublik schon lange keine staatliche Schwulenverfolgung mehr. Auch sonst sind die Zeiten gänzlich andere. Aber nach wie vor, das zeigt der Angriff von gestern Abend, gibt es Hass und Intoleranz.

Homosexuelle spüren den Hass mit als erste

Die richtet sich nicht nur gegen Homosexuelle. Aber: Sie gehören zu denen, die solchen Hass als erste zu spüren bekommen. Klaus Lederer, der schwule frühere Kultursenator von Berlin, hat heute in einem Tweet nicht nur die Verletzlichkeit der queeren Community hervorgehoben, sondern auch das Seismografische, das darin liegt.
Auch wenn er statt der Erdbeben-Frühwarnung das Bild der empfindlichen Vögel benutzt, die Bergarbeiter vor Grubengasen warnen sollten. „Wir sind die Kanarienvögel im Grubenschacht der Demokratie“, schrieb Lederer.
Das stimmt genauso, wie es für andere Randgruppen gilt oder solche, die zu Randgruppen erklärt werden. Für Menschen mit einer anderen Hautfarbe als der weißen, für Juden, die inzwischen in Berlin jüdisches Leben nicht mehr ohne Polizeischutz offen zeigen können. Auch für Muslime, die allzu oft pauschal mit Islamisten gleichgesetzt und ausgegrenzt werden.
Insofern ist es alles andere als ein Lippenbekenntnis, wenn etwa das Forum Islam Berlin betont, wie im Gedenkgottesdienst zitiert: Eine Gewalttat richtet sich nicht nur gegen die unmittelbar Betroffenen. Sie richtet sich gegen uns alle. Jede und jeden von uns.

Hilflose Aussagen von Politikern

In diesem Sinn sind auch die vielen Aussagen von Politikern, die sich betroffen zeigen, zwar ähnlich und naturgemäß ein wenig hilflos. Aber sie sind richtig – mit der Aussage, dass sich eine solche Tat gegen uns alle richtet. Gegen unsere Art, miteinander zu leben, und das meint nicht nur die vielen Minderheiten, aus denen sie sich zusammensetzt, sondern auch die Mehrheitsgesellschaft als solche. 
Und apropos politische Äußerungen: Es liegt in einer solchen Situation nahe, Antworten zu versprechen, mehr Sicherheit, schärfere Gesetze. Die meisten sind dem heute nicht erlegen, auch etwa Bundesinnenminister Alexander Dobrindt nicht. Aber es gab die, die auf Datenschutz schimpften und mehr Abschiebungen verlangten oder versprachen. Und das, obwohl über den Verdächtigen vieles bekannt ist – immerhin war er auch gleich auf dem Schirm der Ermittler – und obwohl er deutscher Staatsbürger ist.
Es liegt auch nahe, Schuldige zu suchen, über den oder die Täter hinaus. Aufgeklärt werden muss, keine Frage. Aber eine 24-Stunden-Überwachung für jeden, den die Ermittler im Blick haben, ist nicht möglich. Ja, da muss hingeschaut werden, aber die Antwort ist offen.

Es kann keine absolute Sicherheit geben

Nicht jeder trägt seine Absichten erkennbar nach außen. Und wer Gerichte kritisiert, die Bewährungsstrafen aussprechen, wie im konkreten Fall der Sicherheitsexperte Peter Neumann mit Blick auf den Verdächtigen und das Berliner Gericht, kennt hoffentlich die Akten genau. Aus denen unter anderem hervorgeht, dass der Mann für die betreffende Tat schon im Libanon im Gefängnis saß.
Der Christopher Street Day, da sind sich die meisten einig, war so gut gesichert wie kaum eine Veranstaltung. Die Tat geschah 400 Meter neben der Strecke. Es ist schwer zu akzeptieren, aber es ist so: Es kann keine absolute Sicherheit geben. Man kann sich bemühen, sie zu verbessern. Aber es wird in einer offenen Gesellschaft auch immer dazugehören müssen, dass Großveranstaltungen nicht völlig sicher sein können.
Und auch wenn es an einem Tag wie diesem schwer fällt zu sagen: Zur Demokratie gehört auch die Resilienz, die hilft, das auszuhalten. Das kann nicht für jeden einzelnen gelten, schon gar nicht für die Betroffenen. Aber es gilt für die Gesellschaft. Die nur so offen und frei bleiben kann.