
Der Interims-Unionsfraktionschef und Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Hoffmann, erklärte im Deutschlandfunk, es sei natürlich schon ein Stück weit auffällig, dass das Ganze häufig im Umfeld von Wahlen stattfinde - um vorsichtig zu sein. Da habe man aber noch keine genauen Erkenntnisse. Man erlebe, dass Radikalisierung im Netz mittlerweile offenkundig ganz zielgenau funktioniere. Sie funktioniere im Verborgenen und unter anderem auch mit einer Dynamisierung.
Ähnlich hatte sich auch Bundesinnenminister Dobrindt, ebenfalls CSU, geäußert. Dem Sender RTL sagte er mit Blick auf den Anschlag und die bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im September: "Wir wissen, es gibt fremde Mächte, die Interesse an Destabilisierungsmaßnahmen haben, aber es gibt schlichtweg keine Bestätigung dafür, dass es Zusammenhänge gäbe."
Destabilisierung demokratischer Staaten als Ziel
In solchen Zusammenhängen wird meist Russland in den Fokus gerückt. Vor allem den Geheimdiensten des Landes wird unterstellt, Kampagnen in der digitalen wie in der analogen Welt zu betreiben, um die politischen Systeme im Westen zu schwächen. Über derartige Vorgehensweisen wird schon seit Längerem immer wieder berichtet. So schrieb etwa die Süddeutsche Zeitung über Provokateure, die von Russland geleitet gewesen seien, und sich in Paris unter anderem beim Sprayen von Parolen an Hauswände gefilmt hätten, um damit vor den Wahlen in der Türkei im Westen Ressentiments gegen den Islam zu schüren.
Ein weiterer Vorwurf besteht darin, dass Inhalte in den Sozialen Medien verbreitet werden, die die Propaganda von Extremisten verstärken. Als ein Angriffspunkt für solche Beeinflussungen gilt der sogenannte stochastische Terrorismus. Dabei geht es darum,
wie DLF-Redakteur Kolja Unger im Deutschlandfunk erklärte
, dass eine kritische Masse an potenziellen Tätern mit menschenfeindlichen Bildern, Narrativen und Gewaltphantasien gegen bestimmte Personengruppen aufgehetzt wird. Dahinter stehe das Kalkül, dass einer von diesen potenziellen Tätern sich dadurch berufen fühle, eine Gewalttat wirklich zu begehen.
Terrorismusforscher Peter Neumann hat keinerlei Hinweise aus russische Aktivitäten
Mit gezieltem Hass im Netz wird also die Wahrscheinlichkeit erhöht, wie Unger ausführte, dass so etwas wie der Anschlag auf den Berliner CSD am Samstag passiert. Da beim stochastischen Terrorismus aber nicht systematisch geplant werde und es keine direkten Befehle gebe, wie der Anschlag auszuführen sei, so Unger, bleibe den Behörden nur, gegen Einzeltäter zu ermitteln, obwohl der Tat ein klares Muster, eine Strategie zugrunde liegt.
Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King's College sagte dem Deutschlandfunk, er habe keinerlei Hinweise auf russische Aktivitäten. Das gelte speziell im Zusammenhang mit dem aktuellen Anschlag.
Islamisten verbreiten Verschwörungsideologien über "Inside Jobs"
Gleichzeitig verbreitet die islamistische Szene derzeit Narrative, wonach es sich bei dem CSD-Anschlag um einen 'Inside Job' gehandelt habe. Verschwörungsideologien werden in der Regel nach jedem Anschlag verbreitet. Immer wieder finden Behauptungen ohne Belege Verbreitung, eine Tat sei von bestimmten Kräften im Hintergrund lanciert worden, um andere dafür verantwortlich zu machen. "Cui bono" - "wem nützt" der Anschlag, lautet die gestreute Frage. Ziel ist eine Polarisierung der Gesellschaft, von der man sich politischen Profit verspricht.
Diese Nachricht wurde am 28.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
