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StartseiteInterview"Da gibt es Untertöne, die eine emotionale Angstdebatte anheizen"11.09.2010

"Da gibt es Untertöne, die eine emotionale Angstdebatte anheizen"

Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende zur Anti-Islam-Stimmung in den USA

Die Ankündigung einer Koranverbrennung am 11. September hat in den USA eine hitzige Diskussion ausgelöst. Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann ist vor Ort in den USA und beobachtet antiislamische Tendenzen. Sie ruft auf, dagegen anzutreten.

Margot Käßmann im Gespräch mit Sandra Schulz

Margot Käßmann lehrt zur Zeit als Gastprofessorin in Atlanta, im US-Bundesstaat Georgia. (AP)
Margot Käßmann lehrt zur Zeit als Gastprofessorin in Atlanta, im US-Bundesstaat Georgia. (AP)

Sandra Schulz: Am Telefon begrüße ich Margot Käßmann. Die frühere EKD-Ratsvorsitzende hat Ende August eine Gastprofessur in Atlanta, im US-Bundestaat Geogia, angetreten. Frau Käßmann, jetzt gab es viel Hin und Her um die Pläne für eine Koranverbrennung. Wie viel Schaden hat allein die Diskussion angerichtet?

Margot Käßmann: Auch wenn sich das um eine sehr kleine Splittergruppe ja handelt – ich meine, das sind 50 Menschen in einer Gemeinde von diesem Terry Jones, und jetzt ist noch jemand als Trittbrettfahrer draufgesprungen, der Pfarrer Bob Old aus Tennessee –, das ist eine kleine Gruppe, aber der Schaden, das denke ich schon, ist immens, weil er in einem Zusammenhang steht, dass gerade jetzt mit Blick auf den 11. September die Frage, wie antiislamisch ist eigentlich der "Krieg gegen den Terror", in Anführungsstrichen, und sind Amerikaner denkbar, die Muslime sind? – Also, das ist schon eine ziemlich hitzige und hoch emotionale Debatte.

Schulz: Sie haben das gerade schon angedeutet, der Pfarrer mit dieser hoch provokativen Ankündigung, der steht ja nur für eine Splittergruppe, auch wenn es jetzt vielleicht noch einen zweiten gibt. – Dürfen die überhaupt so viel Aufmerksamkeit bekommen?

Käßmann: Das dürfen sie eigentlich nicht, weil ich doch sagen muss, insgesamt bin ich sehr beeindruckt, wie differenziert hier in den USA berichtet wird. Da ist eine ganz große Zurückhaltung. Also alle Leitenden von Kirchen, von jüdischen Gemeinden, von muslimischen Gemeinen, alle versuchen, den Schaden wirklich zu begrenzen. Es wird versucht, das einzudämmen durch einfache Gesetzgebungen, indem gesagt wird, so ein öffentliches Feuer darf gar nicht stattfinden. Und beeindruckt – das muss ich sagen – bin ich auch von Präsident Obama, der eine der längsten Pressekonferenzen seiner Amtszeit gegeben hat und am Schluss noch mal deutlich gesagt hat, die Mehrheit der Muslime in der Welt leben den Frieden und fragen sich wie alle anderen Menschen, wie sorge ich für meine Familie, wie erhalte ich meinen Arbeitsplatz, das ist kein Krieg gegen Muslime, der hier geführt wird.

Schulz: Aber diese Gruppe – wenn die sogar die Aufmerksamkeit des US-Präsidenten bekommen und die Diskussion ja mit dieser Aufgeregtheit, die wir jetzt auch gespürt haben, geführt wird –, was heißt diese Debatte dann überhaupt für den Dialog der Kulturen?

Käßmann: Ja zum einen muss da natürlich auch gefragt werden, was bedeutet diese mediale Öffentlichkeit? Also die Medien gehen auf die Provokation, ziehen das total hoch, und die Relation zur Mehrheitsgesellschaft ist dann gar nicht mehr gehalten. Zum anderen ist natürlich deutlich, dass es hier eine Spannung gibt – nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika, sondern natürlich auch in den westlichen Ländern –, zum einen für Freiheit, religiöse Toleranz ganz klar einzustehen, und zum anderen diese Verführbarkeit zu sagen, hier ist jetzt der Feind, das sind die Muslime. Und das hab ich auch erlebt hier an einem Abend bei Muslimen, die im Ramadan dann wieder essen miteinander, wie sich muslimische Studierende in den USA da an die Seite, in eine ständigen Verteidigungshaltung gedrängt fühlen. Und ich finde, das ist eine kritische Frage: Stehen die westlichen Demokratien wirklich für Religionsfreiheit im besten Sinne?

Schulz: Das kann man ja oder könnte man ja damit begründen, dass die Empörung ja im ganzen Land, auch in der ganzen westlichen Welt groß war. Wie wäre es denn umgekehrt, wenn irgendeine Splittergruppe wo auch immer auf der Welt ankündigen würde, eine Bibel zu verbrennen? Hätte das das gleiche Aufregerpotenzial?

Käßmann: Das hätte nicht, weil ich zutiefst überzeugt bin – und ich bin nun in der Stadt, in der – in Atlanta – Martin Luther King seine größte Wirkung erzeugt hat, dass Christinnen und Christen dafür einzustehen haben, dass Gewalt nicht mit Gewalt beantwortet wird. Und dass Karikatur beispielsweise auch niemals mit Gewalt beantwortet werden kann im Christentum, weil die schlimmste Karikatur schon Jesus selbst am Kreuz war mit dem Schild über ihm, "Jesus von Nazareth, König der Juden". Also Gewaltfreiheit hat für mich im Christentum ein ganz hohes Potenzial, so sehr ich sehe, dass religiöse Gefühle verletzt werden, wenn das Buch öffentlich verbrannt wird. Und das will die Provokation ja, religiöse Gefühle verletzen. Meine religiösen Gefühle wären in der Tat auch verletzt, wenn eine Bibel verbrannt würde.

Schulz: Jetzt sprechen wir über den Streit; es gibt auch die Diskussion noch um das muslimische Kulturzentrum, das nahe Ground Zero gebaut werden soll. Kommt da – das haben Sie eben auch schon angedeutet –, kommt da jetzt auch in den USA ein neuer Zungenschlag in die Diskussion um den 11. September?

Käßmann: Also das ist deutlich zu sehen auch in den Kommentaren jetzt von "Newsweek" und anderen sehr seriösen Zeitungen, dass sie sagen, seit 2001 haben wir es eigentlich in den USA geschafft, als Reaktion auf den 11. September nicht in eine antimuslimische Grundhaltung zu kommen. Aber das steht jetzt tatsächlich zur Disposition und das fürchten viele, weil diese Diskussion um das, ja, muss man sagen, muslimische Kulturzentrum inklusive einer kleinen Moschee relativ gesehen weit dann auch von Ground Zero, jetzt so hohe Emotionen weckt. Und ich fand beim Präsidenten Obama wiederum beeindruckend, dass er noch einmal deutlich gesagt hat, da wollen Leute provozieren, das ist ganz klar, aber es gibt beispielsweise auch amerikanische Soldatinnen und Soldaten muslimischen Glaubens, die in Afghanistan oder im Irak stationiert sind. Und er sagt, wir differenzieren nicht zwischen sie und wir, sondern wir sind eine gemeinsame Nation, die gegen den Terrorismus antreten will.

Schulz: Was aber ja nichts daran ändert, dass sich viele Angehörige von Opfern auch verhöhnt fühlen von diesen Plänen für das Kulturzentrum. Wie kann man die denn davon überzeugen, dass das gerade kein Hohn ist?

Käßmann: Also da muss auch noch mal deutlich werden, dass dieses Land – die Vereinigten Staaten, aber ich würde sagen, alle westliche Demokratien – für Gleichheit der Rechte stehen, für Religionsfreiheit. Und wenn an einem Ort eine Kirche, eine Synagoge, ein Tempel gebaut werden kann, dann eben auch eine Moschee. Und für diese Freiheit tritt Obama ein, gegen heftige Widerstände, das muss man allerdings sagen. Ihm wird jetzt ständig unterstellt, dass er selbst eigentlich sozusagen verkappter Moslem sei, weil sein zweiter Name ja Hussein ist, dass er eigentlich gar kein Amerikaner sei und vielleicht überhaupt nicht in Hawaii geboren. Also da gibt es jetzt Untertöne, die ich schon hochgradig schwierig finde und die natürlich eine emotionale Angstdebatte anheizen. Für mich ist es so, dass ich denke, Christinnen und Christen können dagegen nur antreten und sagen, der andere Mensch ist immer mein Nachbar und nicht der Gegenstand von verabscheuungswürdigem Hass.

Schulz: Hass wächst offenbar rund um diese Diskussion. Ist das auch ein Aufbegehren – das haben Sie gerade schon skizziert – der Öffentlichkeit gegen die berühmte veröffentlichte Meinung?

Käßmann: Also nach meiner Einschätzung sind die meisten Menschen doch friedliebend und lassen sich nicht so leicht verführen. Mir macht eher Angst, wenn kleine Splittergruppen Ängste wecken, die dann Gewaltpotenzial entfachen. Und da, muss ich sagen, hat die deutsche Gesellschaft einen besonderen Beitrag zu leisten, weil sie in den 30er-Jahren erlebt hat, wozu es führen kann, eine Religionsgruppe wie die Juden in Deutschland damals derart anzugreifen, derart in eine bestimmte Ecke zu stellen, dann ihre Gotteshäuser zu verbrennen und am Schluss die Menschen selbst. Also die deutsche Geschichte, denke ich, ist für uns da eine ganz besondere Verpflichtung in dieser Debatte.

Schulz: Und wie schauen Sie jetzt voraus auf diesen 11. September, auf den Tag heute, an dem zum ersten Mal auch antiislamische Organisationen in New York demonstrieren wollen?

Käßmann: Ich werde mir das natürlich alles ganz genau anschauen. Ich finde sehr schön, dass es ein besonderes Essen und einen besonderen Gottesdienst der Black Community, also der Schwarzen Kirchengemeinschaft hier in Atlanta geben wird. Und ich denke, dass gerade die Bürgerrechtsbewegung in den USA auch morgen ganz deutlich sagen wird, am 11. September geht es um die Freiheitsrechte Amerikas, die wir nicht durch terroristische Eingriffe Einzelner und durch solche wirklich barbarischen Akte wie damals vor neun Jahren infrage stellen lassen werden. Also noch mal: Präsident Obama, der hat gesagt, wir dürfen nicht überreagieren, wir müssen selbstbewusst sein und für unsere Werte eintreten. Und das ist die Frage, denke ich.

Schulz: Die frühere EKD-Vorsitzende Margot Käßmann in den Informationen am Morgen.

Link zum Thema:
Streiten und Gedenken - Auseinandersetzungen um Religionsfreiheit am Ground Zero - Aktuell

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