Dienstag, 16. August 2022

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"Da leidet die Qualität sicher nicht"

Erneut haben tausende Studierende in ganz Deutschland gegen Studiengebühren protestiert. Bei einer Abschaffung der Gebühren könnten sich Studierende wieder mehr auf ihr Studium konzentrieren, sagt Florian Keller vom freien Zusammenschluss der Studierendenschaften (FZS).

Florian Keller im Gespräch mit Manfred Götzke | 26.01.2011

    "Annette Schavan: Es gibt eine wachsende Neigung zum Studium, und deshalb haben wir für die nächsten Jahre, 2011 bis 2015, ein Plus von jetzt schon 275.000 Studienplätzen geplant, und Bund und Länder haben sich im Dezember bei der Bundeskanzlerin geeinigt, dass, wenn nun die Wehrpflicht ausgesetzt und mehr junge Leute früher ihr Studium beginnen, wir dann bereit sind, auch über diese Zahl hinauszugehen. Es wird weiterhin von Bund und Ländern bezahlt."

    Manfred Götzke: Wir hören: Die Unis sind bestens gerüstet für den Studi-Ansturm nach der Abschaffung der Wehrpflicht, sagte jedenfalls die Bundesbildungsministerin Annette Schavan gestern bei "Campus und Karriere". Sie hat gestern eine kleine Zwischenbilanz in Sachen Hochschulpakt gezogen. Mit dem Pakt wollen Bund und Länder ja zusätzliche Studienplätze finanzieren. Die Studierenden, die sehen das alles allerdings nicht ganz so rosig. Tausende sind heute mal wieder demonstrieren gegangen für eine andere Hochschulpolitik und vor allem gegen Studiengebühren. Darüber möchte ich mit Florian Keller sprechen vom freien Zusammenschluss der Studierendenschaften. Herr Keller, wenn man Annette Schavan so zuhört, sind die Hochschulen bestens gerüstet für die steigenden Studi-Zahlen. Eine gute Nachricht, oder?

    Florian Keller: Sie haben zumindest mal Bundesgeld bekommen, was generell erst mal sehr gut ist. Man muss dann allerdings gucken, ob das Ganze dann ausreicht, und man muss dann auch gucken, dass man das Ganze verstetigt bekommt, also dass man diesen Hochschulpakt dann irgendwie auch weiterfährt, dass man irgendwie guckt, ob die Summen so stimmen, und man muss auch gucken, dass die Hochschulen das Geld auch ordentlich ausgeben.

    Götzke: Ja, aber bleiben wir mal bei Ihrem zweiten Punkt: Stimmen denn die Summen?

    Keller: Wir sind der Meinung, dass da pro Kopf ein Satz genommen wird, der etwas zu niedrig ist, und des Weiteren muss man dann auch noch gucken, ob die Zahl der Studienplätze, die man damit zusätzlich generiert, ob die ausreicht. Wir sind der Meinung, da ist auf jeden Fall noch Bedarf, das sehen wir ja zu Beginn von jedem Semester, wenn irgendwie viele Studis sich bei uns melden und sagen, ich habe da keinen Platz bekommen, ganz besonders momentan gegeben bei Masterstudienplätzen in gewissen Fächern.

    Götzke: 26.000 Euro sind pro Studierenden vorgesehen. Ist dieses Geld aus Ihrer Sicht aus richtig ausgegeben worden? Gibt es für die zusätzlichen Studierenden genügend neue Professoren, genügend Platz an den Unis?

    Keller: Ja, also es sind zusätzliche Stellen geschaffen worden, das ist richtig, es fehlt oft so ein bisschen dann auch an diesen räumlichen Gegebenheiten, dass es genug Vorlesungssäle gibt und so weiter. Gleichzeitig muss man aber gucken, dass das ganze Hochschulsystem ja relativ dünn finanziert ist, und wenn man dann irgendwie gleichzeitig sieht, dass irgendwie ganz normale Stellen, die mit dem Hochschulpakt nichts zu tun haben, erst mal ein Jahr lang frei gehalten werden müssen, um irgendwie Geld zu schaffen quasi, womit die Hochschule dann irgendwie agieren kann, dann weiß man schon, dass man trotz alledem im roten Bereich ist.

    Götzke: Sie haben ja gerade schon kritisiert: Sie gehen von mehr Studierenden aus als die Bundesbildungsministerin, die sagt ja, bis 2015 sind es 275.000, die zusätzlich an die Hochschulen strömen, und dafür ist die Finanzierung auch gesichert.

    Keller: Wir gehen davon aus, dass man vor allem irgendwie, wenn man sich die doppelten Abiturjahrgänge ansieht, das war ja quasi der Grund der Sache, warum man überhaupt dieses Programm anguckt, und dann irgendwie, was das Aussetzen der Wehrpflicht angeht, dass wir trotzdem noch in einem Bereich sind, wo eine fünfstellige Anzahl von Studis erst mal keinen Studienplatz bekommen werden.

    Götzke: Das heißt, so richtig stimmen Ihre Erfahrungen mit der positiven Bilanz der Annette Schavan nicht überein?

    Keller: Wir würden sagen, es spielt sich so im Mittelfeld ab. Es ist nicht alles ganz schrecklich, es ist allerdings auch so, dass irgendwie viele trotzdem nicht das studieren können, was sie wollen, und das finden wir natürlich nicht gut.

    Götzke: Heute protestieren in Baden-Württemberg und Hamburg wieder mal Tausende Studierende gegen die Campusmaut. Ein Argument der Gebührengegner war ja immer, es kommen dann weniger Studierende an die Hochschulen. Das hat sich ja als falsch erwiesen.

    Keller: Das ist statistisch so nicht ganz klar. Es gab teilweise ein bisschen Rückgänge, man kann irgendwie teilweise sehen zum Beispiel, dass irgendwie eine Uni Mainz größer geworden ist, und eine Uni Frankfurt, als es da noch Gebühren gab, dann irgendwie plötzlich weniger Studis hatten und so weiter. Aber statistisch ist das Ganze nicht so ganz klar.

    Götzke: 180.000 Studierende mehr seit 2007, das ist ja eine ganze Menge.

    Keller: Ja, es gab aber auch geburtenstarke Jahrgänge, von daher ist das Ganze immer ein bisschen schwer zu vergleichen, wenn man dann geburtenstarke mit geburtenschwachen Jahrgängen vergleicht und so weiter. Das ist etwas schwierig. Des Weiteren muss man halt auch sehen, dass es generell einen Trend dazu gibt, zu studieren. Wenn man irgendwie meint, irgendwie so mit der dualen Ausbildung und so weiter ist das vielleicht alles nicht mehr ganz so gut, vielleicht hat jemand auch irgendwie keinen Ausbildungsplatz und sich dann gedacht, okay, jetzt gehe ich mal an eine Fachhochschule, da gibt es jetzt irgendwie einen Bachelor, der sechs Semester geht, das klingt nach einem fairen Deal. Von daher gibt es da schon auch andere Effekte, die da reinspielen, das sind nicht nur Studiengebühren.

    Götzke: Trotzdem: Das Abschreckungsargument kann man jetzt nicht mehr als so schlagend bezeichnen. Was kritisieren Sie noch an den Studiengebühren?

    Keller: Ja, man nimmt das Geld von Leuten, die nun mal wenig Geld haben, und das führt zu ganz heftigen Konsequenzen. Die Studis müssen mehr arbeiten und so weiter und so fort, das führt sicherlich auch nicht irgendwie zu einem besseren Studienerfolg, ganz sicher nicht. Und des Weiteren sind wir grundsätzlich der Meinung, dass so was wie Hochschulbildung vom Staat zu finanzieren ist, und da soll der Staat bitte schön vernünftig Steuern nehmen und so weiter, da sind wir sehr dafür, wir sind auch irgendwie gerne dabei, wenn es irgendwie um Steueranhebungen geht. Aber über diese Gebühren, wenn man irgendwie Geld von Leuten nimmt, die keins haben, dann ist das nicht gut.

    Götzke: In Hamburg und Baden-Württemberg wird gewählt im Frühjahr, und Regierungswechsel sind nicht sehr unwahrscheinlich in diesen Bundesländern. Werden die Gebühren dann sofort wieder abgeschafft, was glauben Sie?

    Keller: Ja, ich denke, es wird eine Diskussion darum geben, wie man jetzt irgendwie die Gelder ausgleicht. Wir sehen das ja gerade auch in NRW. Aber wir sind da optimistisch, also wenn es Regierungswechsel in Hamburg und Baden-Württemberg gibt, dass die Studiengebühren zügig abgeschafft werden. Es gibt ja auch entsprechende Äußerungen von den Oppositionsparteien.

    Götzke: Die Frage ist ja: Wie werden diese Gelder kompensiert?

    Keller: Ja, sie sollten natürlich schon kompensiert werden, wobei wir in der Debatte Wert darauf legen, zu sagen, sie sollten natürlich größtenteils irgendwie, wenn Gelder in Personal geflossen sind und so tatsächlich irgendwie irgendwas an der Hochschule damit bewirkt worden ist, die sollten schon kompensiert werden. Allerdings sind viele Gelder ja auch einmalig ausgegeben worden, die muss man nicht kompensieren. Also man muss in der Debatte aufpassen, dass man nicht jeden Cent um jeden Preis irgendwie von Staatsseite gegenfinanzieren muss.

    Götzke: Es gibt Tutorien, es gibt neue Stellen an Universitäten, die würden ja dann wegfallen.

    Keller: Ja, wenn es um Personal geht, sind wir auch dafür, dass das Ganze kompensiert wird, klar. Aber es ist auch so viel Geld einfach ausgegeben worden, um einmal einen Beamer in jeden Vorlesungssaal zu hängen und so weiter, aber der Beamer, der wird halt da einmal hingehängt, und dann hängt der da ein paar Jahre. Von daher muss man auch nicht dauernd so tun, als ob man so viel Geld brauchen würde.

    Götzke: Das heißt, Sie sehen nicht die Gefahr, dass die Qualität der Lehre leidet, wenn man jetzt Studiengebühren abschafft in Baden-Württemberg und Hamburg?

    Keller: Ganz und gar nicht. Ich gehe davon aus, dass die Studis sich dann wieder mehr auf ihr Studium konzentrieren können, und da leidet die Qualität sicher nicht.

    Götzke: Florian Keller vom freien Zusammenschluss der Studierendenschaften.