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Startseite@mediasresDas Radio als Lebensretter07.06.2021

DAB+ im KatastrophenschutzDas Radio als Lebensretter

Bei einer Naturkatastrophe oder einem atomaren Zwischenfall spielen UKW-Radios eine wichtige Rolle, um die Bevölkerung zu informieren. Diese Aufgabe soll in Zukunft das Digitalradio übernehmen, das sich bei Notfällen selbst einschalten könnte.

Von Stefan Fries

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Warntag 2020: Auch Wechselverkehrszeichen an der Bundesstraße B14 in Stuttgart wurden in die Übung integriert. Sie weisen auf den Testalarm hin. (Imago/Arnulf Hettrich)
Im Katastrophenfall spielt das Radio eine wichtige Rolle bei der Warnung der Bevölkerung (Imago/Arnulf Hettrich)
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"11 Uhr, die Nachrichten. In Deutschland hat soeben ein bundesweiter Probealarm begonnen. In den kommenden Minuten werden verschiedene Warnmöglichkeiten für den Katastrophenfall getestet, auch Informationen in Fernseh- und Radioprogrammen wie hier im Deutschlandfunk."

Einschaltbefehl über DAB+

Es war nur ein Test am 10. September 2020 mit dieser Nachrichtenmeldung im Deutschlandfunk. So ähnlich aber könnte es klingen, wenn tatsächlich mal die Bundesregierung oder eine Landesregierung über einen akuten Gefahrenfall informieren will. Dann sollen Radiohörer eine solche Nachricht nicht nur hören können, wenn sie ihr Gerät sowieso eingeschaltet haben – sondern auch, wenn es aus ist oder sie ein anderes Programm hören, erklärt Olaf Korte vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen, der DAB+ mitentwickelt hat:

"DAB+ ist ja rein digital, das heißt, wir können nicht nur Audio übertragen, sondern auch viele Zusatzinformationen. Und unter anderem können wir auch Einschaltbefehle mit verschicken. Das ist ähnlich zu sehen, wie man das vom Autoradio seit Jahrzehnten kennt mit dem Verkehrsfunk, wo ein Radio automatisch auf den Verkehrsfunkkanal schaltet, wenn eine Meldung kommt."

Ein Mitarbeiter hält ein Digitalradio mit DAB+ auf der Technik-Messe IFA, der weltweit größten Fachmesse für Unterhaltungs- und Gebrauchselektronik in der Hand. (picture alliance/dpa/Britta Pedersen) (picture alliance/dpa/Britta Pedersen)Dieser Beitrag ist Teil der Reihe "Vom Ladenhüter zum Radiostandard: Der lange Weg des DAB+". Warum konnte sich das Digitalradio noch nicht flächendeckend durchsetzen? Welche Rolle spielt dabei das Internet? Wann kommt das Aus für UKW? Und was kann Deutschland von der Schweiz und Norwegen lernen?  Diese und weitere Fragen rund um DAB+ beantworten wir auch in einem @mediasres Spezial am 13. Mai um 15.30h im Deutschlandfunk.

Möglich macht das die sogenannte Emergency Warning Functionality - also Notfallwarnfunktion - EWF, die UKW-Radios nicht haben, die aber in einigen Jahren in DAB+-Radios Pflicht sein soll. Dann sind die Radioprogramme der ARD und des Deutschlandradios aufgefordert oder sogar verpflichtet, Informationen weiterzuleiten – je nach Ausmaß der Gefahrenlage.

Regierungen bekommen bei Katastrophen Sendezeit

Der Text kommt bei einem sogenannten Spannungs- oder Verteidigungsfall vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, bei Chemieunfällen, Naturkatastrophen oder atomaren Zwischenfällen von Behörden der Bundesländer. Dieses Recht hat sich die Exekutive bei allen öffentlich-rechtlichen Radiosendern in Deutschland einräumen lassen, also auch bei ARD-Anstalten wie NDR und SWR. So heißt es etwa im Staatsvertrag für das Deutschlandradio:

"Der Bundesregierung und den Landesregierungen ist in Katastrophenfällen oder bei anderen vergleichbaren erheblichen Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung unverzüglich angemessene Sendezeit in den Hörfunkprogrammen für amtliche Verlautbarungen unentgeltlich einzuräumen."

Logo zum Medienpodcast "Nach Redaktionsschluss" des Deutschlandfunk

Tatsächlich lassen sich auch heute noch übers Radio in kurzer Zeit sehr viele Menschen erreichen – und die rechneten auch damit, sagt der Soziologe Martin Voss, der als Professor an der Freien Universität Berlin den Arbeitsbereich Katastrophenforschung leitet:

"Bei entsprechenden Naturereignissen erwartet man eben über das Radio am schnellsten, die Informationen zu bekommen, die man dann auch im Alltag gut gebrauchen kann. Also idealerweise auch gleich zu hören: Was soll ich denn eigentlich tun?"

Empfang auch ohne Internet

Die Basisinformation kann durchaus auch über das Handy kommen, oft werde von da aus aber das Radio eingeschaltet.

"Mit Radio erreichen Sie schnell Millionen von Menschen, und das muss auch sichergestellt werden. Es kann ja auch bei uns mal eine Situation durch ein Extremwetterereignis [geben]. Oder denken Sie daran, dass es auch schon mal Ereignisse gegeben hat wie Tschernobyl oder wie andere Dinge oder einen Amoklauf, dass man flächendeckend die Bevölkerung warnen müsste."

Auch Politikerinnen wie die rheinland-pfälzische Medienstaatssekretärin Heike Raab setzen auf DAB+. Ihnen geht es vor allem darum, weiter eine terrestrische Infrastruktur zu haben, also über Antenne. Und das neben dem Telefon- und Internetnetz. Fällt das eine aus, kann man auf das andere ausweichen. Im Moment ist es das UKW-Netz, künftig soll es das DAB+-Netz sein. Im Gegensatz zu UKW kann es durch die Notfallfunktion EWF wichtige Informationen sogar noch schneller verbreiten.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Dazu müssten Gerätehersteller sie aber verpflichtend einbauen, was im Moment noch nicht der Fall ist. Ein Knackpunkt ist auch der Stromverbrauch, der je nach Gerät unterschiedlich ist und durch die Standby-Funktion höher sein kann. Wie lange die Radios bei einem Ausfall des Stromnetzes mit Akkus betrieben werden können, ist offen.

Kaum Geräte mit Notfallfunktion

Und dann müssten mehr Hörer diese Geräte kaufen. Bisher sind von den 150 Millionen Radiogeräten in deutschen Haushalten nur 20 Millionen vom Typ DAB+. Fast keins hat diese Notfallfunktion, so dass auch diese 20 Millionen Geräte irgendwann ersetzt werden müssten. Dann aber könnte DAB+ durchaus einen Nutzen haben, sagt der Katastrophenforscher Martin Voss von der FU Berlin:

"Wenn es eben die Selbst-einschalten-Funktion hat, kann man darüber eben alle, die die entsprechenden Empfangsgeräte auch haben, zusätzlich noch erreichen. Aber es ist ganz sicher nicht so in diesem komplexen Themenfeld, dass wir mit einer Lösung dann die bestehenden Probleme als solche auch abdecken."

Denn Radio – ob UKW oder DAB+ - ist bei der Warnung vor Gefahren nur eine Komponente. Hinzu kommen zum Beispiel Warn-Apps wie Nina und Katwarn, aber auch Posts in sozialen Netzwerken – und die klassische Warnsirene im Stadtteil.

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