Montag, 04. Juli 2022

Short Story von Dana Vowinckel
Heimweh

Bevor das Klagenfurter Wettlesen ab 23. Juni erneut stattfindet, hat Dana Vowinckel – Deutschlandfunk-Preisträgerin beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb des vergangenen Jahres – für den Deutschlandfunk eine Kurzgeschichte geschrieben, die vom Heimweh berichtet, von Panik - und von Mantras, die beruhigen.

Von Dana Vowinckel | 16.06.2022

  Ein Portrait der Schriftstellerin Dana Vowinckel
Die Deutschlandfunk-Preisträgerin 2021 Dana Vowinckel (Laura Schnitzler)
Ich scrolle durch die Ausschreibungen auf literaturport.de, aber das ist nichts für mich dabei, für alles müsste man nämlich irgendwo wohnen gehen, und dann würde man Geld dafür kriegen, dass man da wohnt, weil man nicht zuhause wohnt, wo einem keiner Geld dafür gibt, dass man wohnt, obwohl man ja auch irgendwo ist und da wohnen muss. Das geht alles nicht, denke ich, ich kann nicht in einem kleinen Zimmer in einem Landschloss mit anderen Intellektuellen abhängen, die alle die ganze Zeit sagen, was für ein Privileg das ist. Ich kriege schon Heimweh, wenn ich nur an das Landgut denke, in das ich verschwitzt einen Koffer schieben muss, den ich heulend gepackt hab, das gleiche Gefühl im Bauch wie früher vor Klassenfahrten.
Ich sitze auf der Ausziehcouch in der Wohnung meiner Chicagoer Großmutter, ein Satz, der mich unsympathisch genug klingen lässt, oh, wenn Sie wüssten: die Wohnung liegt im 38. Stock, Pool auf dem Dach, Seeblick, Hochhausblick, Gucci- und Pradablick. Oh, wenn Sie wüssten, wie ich heule, wie unsympathisch ich Ihnen dann wäre, wie ich heule, weil ich hier sitze, nicht einmal sitzen muss, ich sitze hier freiwillig, der vierte Versuch, während einer Pandemie den nicht mehr neuen Partner der sehr alten Großmutter vorzustellen, ihm mein wunderschönes Chicago vorzustellen, schau, das Riesenrad auf dem Navy Pier, guck, der Mies, sieh, hier läuft sie, meine Margarita, meine erste Protagonistin, manchmal frage ich mich, ob sie meine einzige bleiben wird, so gerne mag ich sie. Guck, die Großmutter.
Ich sitze da und kriege keine Luft, weil ich mich so in Rage geheult hab, ersticke an der geilen Aussicht, und Ruben sagt, hör auf, weil ich mir die Fingernägel in die weiche Haut in der Kuhle meines Ellenbogens haue, bis es fast blutet, nur fast. Was ist so furchtbar, Dana, sagt Ruben, was ist so schrecklich, das klingt wie das beschissenste, was man sagen kann, wenn jemand eine Panikattacke hat, aber Ruben weiß, das ist keine Panikattacke, das ist Heimweh, zwischen den Schluchzern schluchze ich nämlich auch, und zwar: „ich–will–zu–Uri–GELLER“, obwohl ich drei Tage zuvor noch zu Uri Geller gesagt habe, dass ich mich freue, mal ein paar Wochen nicht jedes Wasserglas sofort in die Spülmaschine zu räumen, damit er es nicht umschmeißt, mit seinen süßen Pfoten, und dann seine süße, raue Zunge in die Pfütze hält. Ich will wahrscheinlich gar nicht zu Uri Geller, nur dahin, wo er immer ist, weil er nicht raus darf, im Gegensatz zu mir, wer hat das eigentlich entschieden, ich will zu meinem Bett, zu seinen frischen Persil-Laken, in denen nun meine Freundin Emma schläft. Ich bin sehr neidisch auf Emma, sie darf in meinem Bett schlafen, während ich durch Amerika laufen muss.

Ich will schon immer nach Hause

Nichts ist schlimm oder furchtbar. Es ist alles gut: da sitzt ein Mensch, der mich liebt, der mich kennt, in einer warmen Wohnung, die ich kenne, in der meine selbstgemalten Bilder an der Wand hängen, die nach allem riecht, was gut ist, nach frischer Wäsche und Apfelkuchen, nach Duschgel und Büchern. Ich will nach Hause, wo die Badewanne nicht richtig abläuft, wo es durch die Fenster zieht, wo ich mal den Kühlschrank putzen sollte.
Ich will schon immer nach Hause. Ich wollte schon nach Hause, wenn ich es zuhause gehasst habe, ich wollte in ein Zuhause zurück, in dem ein verbitterter Stiefvater saß, der sich über mich lustig machte, sobald ich es betrat. Der am Telefon spottete, wenn ich von der Klassenfahrt anrief, bis meine Mutter den Hörer verlangte.
Es gab auch ein anderes Zuhause, das meines Vaters, in das sehnte ich mich, wenn ich bei meiner Mutter war, montags, mittwochs, samstags, sonntags, in das meiner Mutter jedoch sehnte ich mich dienstags, donnerstags und freitags, sehnte mich nach ihren kühlen Händen, in ihren kühlen Händen nach den kratzigen Umarmungen meines Vaters, nach dem Klackern der seiner Tastatur, während ich auf dem Sofa einschlief, weil ich im eigenen Bett nicht schlafen konnte. Das Heimweh kommt, seit ich denken kann, wenn es dunkel wird. Es wurde in die Arme meiner Oma Brigitte geweint, in ein Haus voll weicher, vertrauter Teppichböden, in ein Haus voll Aufmerksamkeit und Ordnung. Wie oft ich meiner armen Oma das Versprechen abnahm, sich am nächsten Morgen mit mir in den ICE nach Berlin zu setzen, bis wir in den Bahnhof Zoo einfuhren. Nie musste sie das Versprechen am nächsten Morgen einlösen.
Als ich die ersten Klassenfahrten, die ersten Übernachtungsgeburtstagspartys, antreten musste, war mir das Heimweh bereits so vertraut, dass ein neuer Player das elende Game betrat: die Angst vor dem Heimweh. Das Bauchweh vor dem gepackten Koffer, die quälende letzte Nacht im eigenen Bett, als wäre es für immer die letzte, als wüsste ich nicht, was Zeit ist, dass sie verlässlich vergeht. Das Betteln am Telefon, von einem Bauernhof in Brandenburg nach Berlin entsandt, bitte holt mich, entwürdigend sogar den eigenen Eltern gegenüber, die sagen, nein, es geht nicht, wie denn, wir haben kein Auto, es ist mitten in der Nacht, die nur noch zwei Nächte sagen, die sagen: sweetheart, what exactly can be this terrible.

Die Angst vor dem Heimweh

Die Panik vor dem ersten Schüleraustausch in der sechsten Klasse. Fancy Schüleraustausch, nach Grasse in Südfrankreich, im Frühjahr. Ich erinnere mich an meine Eltern im Wohnzimmer meines Vaters an einem hellen Mai-Abend, ich habe Bauchweh, sie überlegen, ob sie mich da behalten, es ist schon alles bezahlt, es gibt nicht viel Geld für diese Dinge, mein Schlafanzug ist mir zu kurz, eine weiße Hose mit rotem Westfalenmuster. Der Austausch läuft okay. War die Angst vor dem Heimweh schlimmer als das Heimweh selbst?
Ich soll zu meiner Patentante fahren, große Aufregung. Ane riecht immer gut, sie hat ein wunderschönes Lachen, ich bewundere meine Mutter in dieser Zeit vor allem dafür, dass sie diese wundersame Freundin hat, deren allerbeste Eigenschaft ist, dass sie im Fischer Verlag arbeitet und mir Bücherpakete schickt und nun darf ich sie in ihrer Wohnung in Kronberg besuchen. Meine Großmutter bringt mich von Bielefeld nach Köln, wo Ane mich abholt. Ich bin langsam zu alt für den Scheiß, alle wissen das, und ich weine so fürchterlich im Auto, dass Oma Gitte sagt, wir kehren um, also weine ich leiser. Doch dann das schlimmste: auch in Anes Auto kann ich nicht aufhören zu weinen, ich weiß nicht warum, ich drehe frei, und als wir ankommen, ist der Spuk vorbei. Ich schäme mich noch heute vor Ane.
Urlaube mit meiner Mutter, meinem Stiefvater, meinem Bruder, die ersten Suizidgedanken, die ich erinnere, sie entstanden aus Heimweh, aus der Überlegung in einer schlaflosen, schmerzverzerrten Nacht in einem Strandhaus auf Sardinien einfach ins Mittelmeer zu laufen. Ich klammerte mich an meinen iPod, auf dem nur ein Album war, das erste Album von Taylor Swift, ihre Baby-Stimme in meinen Baby-Ohren.
Das Heimweh kam immer: es kam an Weihnachten in der Kirche und an Yom Kippur in der Synagoge. Es kam in Israel, in Bielefeld, es kam in Berlin, wenn ich bei Freundinnen übernachten sollte und meine Zahnbürste „vergessen“ hatte, weil ich die Zahnbürste absichtlich nicht eingepackt hatte. Jedes Kind, das irgendwo übernachten will, kann sich die Zähne auch mit den Fingern putzen oder sogar GAR NICHT, wenn es wirklich in einem fremden Bett schlafen will. Es muss auch allen klar gewesen sein, dass ich Heimweh hatte, und das nicht sagen wollte, aber was will man einer Dreizehnjährigen bei einem MÄDELSABEND dann sagen, haha, hast du etwa Heimweh, oder was? Ich hätte einfach gesagt, dass meine Mundhygiene wichtiger ist als ein gemeinsames Aufwachen in einem sauerstoffarmen Raum. In späteren Jahren in den Betten von Männern waren es die Ohropax, „vergessen, ohne kann ich nicht schlafen“, es wusste nur niemand, dass ich auch mit Ohropax nicht schlafen würde.
Das Heimweh selbst ist ein Zuhause, ich wohne in ihm, ich kenne kein Ich ohne es.

Hier muss ich wenigstens nicht rausgehen

Es macht sich aus dem Staub, wenn es sich wirklich verpissen muss, es weiß das, es ist resilient. Ich schreibe diesen Text mit Covid-19 infiziert in einem Hotelzimmer zwischen Chelsea und Midtown, und mein Heimweh reißt sich zusammen, es wäre langweilig, würde es nun rauskommen, wie viele andere Menschen haben gerade Heimweh, wie vielen anderen Menschen verdirbt ein Virus gerade die Pläne und das Bankkonto. Heimweh, du Basic Bitch, du kannst wiederkommen, wenn du unnötig und dramatisch bist, hier brauch ich dich nicht, hier muss ich wenigstens nicht rausgehen und dich vergessen.
Das schlimmste Heimweh kam in Cambridge. Mein Zimmer im Wohnheim über einem Rosengarten hatte einen Erker aus dünnem Glas, und immer wieder dachte ich: vielleicht geht es vorbei, wenn ich mich durch das Glas werfe. Das schlimmste Heimweh kam in Cambridge, denn ich hatte mich Monate zuvor verliebt, in jemanden, der ein wirkliches, ein echtes Zuhause versprach.
Vielleicht verschlimmert es sich synchron zum steigenden Privileg, in dem ich befinde: hier ein Schüleraustausch, da ein Haus in Chicago, da eine Eliteuniversität mit Einzelunterricht.
Ich würde zu meiner Verteidigung gerne sagen, dass ich keine reichen Eltern habe, und das stimmt, ich habe im Studium nie nicht gearbeitet, ich weiß, wie wenig Geld es lange gab, ich weiß, dass meine Eltern ihr letztes Hemd für mich verkauft hätten und worauf sie für mich verzichten mussten, außerdem hochgebildet sind, mir einen Habitus, der sich ein Heimweh erlauben konnte, also in die Wiege gelegt haben. Ich konnte immer darauf vertrauen, niemals wegen Geld in einer schrecklichen Lebenslage zu landen. Die lang angesparten Reisen nach Amerika konnten lang angespart werden, weil zumindest etwas gespart werden konnte.
Und natürlich kann ich diese Art von verwöhntem Heimweh nur haben, weil die Sicherheit meines Zuhauses nie in Frage stehen musste. Weil ich nie gehen musste, wenn ich wirklich nicht wollte. Weil ich jede Pyjamaparty und jeden One-Night-Stand einfach abbrechen konnte, um in die eigenen Laken gebettet einzuschlafen.

Macht Heimweh süchtig?

Vielleicht ist das, warum ich es mir immer wieder erlaube, wehleidig zu sein und ängstlich, heimwehend. Weil ich das Gefühl habe, alles bestmöglich nutzen zu müssen. Eine Art Leistungsdruck, aber die Leistung ist das Ausnutzen der Zeit, die zuhause ohne schlechtes Gewissen vertrödelt, verschlafen, verlebt werden könnte.
Aber wenn ich wollte, könnte ich ja einfach zuhause bleiben. Irgendetwas in mir scheint süchtig zu sein nach der Angst, nach der Sehnsucht, nach dem Druck, es auch richtig zu nutzen. Sonst würde ich ja zu Hause nicht versuchen, Karriere im Literaturbetrieb zu machen, sondern weiter in der Univerwaltung arbeiten. Am Ende dieses Textes stehe ich wieder vor der Frage, wohin das Heimweh will. Wo ich eigentlich zuhause bin. In der Angst, etwas nicht zu nutzen, oder in der Sicherheit, dass es nichts zu nutzen gibt? Macht Heimweh süchtig? Kann man es trinken, rauchen, spritzen?
Eine paradoxe Conclusio, dass das Heimweh wegen dem nie kleiner werdenden Schmerz meiner gespaltenen jüdischen Identität und dem versessenen Versuch, in ihn in Worte zu fassen, mittlerweile mein Zuhause ist. Vielleicht kann es keine Heimat geben für jemanden wie mich. Vielleicht ist das in Ordnung.