Darstellung von NS-Verbrechen Schulbücher hinken Forschung hinterher

Zu wenig Perspektiven der Opfer, kaum Hintergründe zu Tätern, Illustrationen ohne Kontext: Geschichtswissenschaftler wie Lehrer beklagen eine unzureichende und lückenhafte Darstellung von NS-Verbrechen in Schulbüchern. Doch es gibt Unterschiede zwischen den Bundesländern.

Von Uli Hufen | 11.02.2021

Schulbücher der Westermann Druck- und Verlagsgruppe für das Fach Wirtschaft liegen auf einem Tisch.
In vielen Geschichtsbüchern kommen Opferperspektiven zu kurz. (picture alliance/Hauke-Christian Dittrich)
[Anm. d. Red.: Eine missverständliche Formulierung im Titel haben wir korrigiert.]

"Wenn ich an meinen Vorlesungen an der Universität Stuttgart von der Dimension der NS-Massenverbrechen spreche, von den Überlebenden, die in ihren Zeugnissen genau Aufschluss davon geben, wie das im Alltag stattgefunden hat, dann kommen immer wieder Studierende zu mir und sagen: 'Wir haben davon in unserm Geschichtsunterricht nichts gelernt, oder nur bruchstückhaft.' Wie kann das sein?"
Dr. Martin Cüppers ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart und wissenschaftlicher Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg, die seit 2001 mit der Erforschung der NS-Verbrechensgeschichte befasst ist: "Ich habe auch in Ludwigsburg öfter schon Lehrer- und Lehrerinnenfortbildung gemacht, wo ich dann auch Vorträge halte zu Einzelaspekten, da ist das genau das gleiche."

Wenig Wissen über NS-Verbrechen

Die meisten wissen, was Auschwitz war. Sie wissen von den Novemberpogromen 1938. Dass aber etwa 2.2 Millionen sowjetische Juden nicht in Vernichtungslagern, sondern bei Tausenden Erschießungsaktionen ermordet wurden, ist vielen neu. Auch von der Leningrader Blockade oder von der Ermordung von drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen haben nur wenige gehört. Ein Grund: "Ich bin entsetzt darüber, wenn ich in Schulbücher schaue, was da an Vermittlung stattfindet. Das hinkt der Forschung um Jahrzehnte nach. Und stellt auch die falschen Fragen oder liefert vollkommen ungenügende Antworten."
Drei grundsätzliche Probleme liegen für Martin Cüppers auf der Hand: Die tatsächlichen Dimensionen und Abläufe der NS-Vernichtungspolitik bleiben zu häufig unklar. Die Perspektive der Opfer kommt zu kurz. Und wer die Täter waren, bleibt oft nebulös: "Es sollte nicht so getan werden, dass nur Hitler oder Himmler Befehle gegeben haben, die dann in der Diktatur umgesetzt wurden. … Zur Realisierung des Holocaust und der anderen NS-Massenverbrechen hat es Hunderttausender Täter und etlicher Täterinnen bedurft und … wie wir aus den Quellen wissen, haben die oft genug allzu bereitwillig und initiativwillig überhaupt erst das Wissen geschaffen, wie Hunderttausende von Menschen bestmöglich ermordet werden können."
Welche Erfahrungen machen Lehrer und Lehrerinnen? Judith Brümmer unterrichtet Geschichte an der Clay-Oberschule in Berlin Rudow. Sie teilt die Kritik von Martin Cüppers: "Ingesamt sehe ich die Opfergruppen zu sehr als Objekt und weniger als Subjekt dargestellt." Das zeige sich z.B. in der Auswahl der Quellen, die in den Büchern die Überblickstexte ergänzen. "Es sind meistens … Täterquellen, z.B. das Protokoll der Wannseekonferenz. Dann ist da ein Bericht von Rudolf Höss. Aber das war es dann. Es kommen eben keine Quellen vor, in denen Opfer sprechen, in denen den stummen Gruppen sozusagen eine Stimme gegeben wird."
Ein weiteres Problem: Die Illustrationen. "Bilder aus KZs z.B. und da steht dann einfach drunter: Rampe von Auschwitz 1943. Aber es steht nicht dazu: wer hat das Foto gemacht, in welchem Kontext ist das Foto entstanden."

Unterschiede in den Bundesländern

Benedikt Schöller unterrichtet Geschichte am St. Angela-Gymnasium in Bad Münstereifel. Schöller arbeitet in Nordrhein-Westfalen mit deutlich neueren Büchern als Judith Brümmer in Berlin. Der Grund: 2013 wurde hier auf G8-Abitur umgestellt. "Deshalb hat man viele neue Schulbücher auf den Markt gebracht zumindest hier in NRW und das war die Zeit, wo ich im Referendariat angefangen habe und ich habe natürlich auch mal das ein oder andere Buch in der Hand gehabt, was deutlich älter war, und hab schnell gemerkt, da kommst du echt nicht damit klar. Die neuen sind definitiv besser."

Wichtig für Benedikt Schöller: Die richtige Balance aus Texten der Schulbuchautoren und Quellentexten aus Täter- und Opferperspektive. Dazu Beispiele für wichtige Kontroversen unter Historikern. Gut gelöst sieht Schöller das im "Horizonte"-Lehrbuch von Westermann, wo es sogar ein eigenes Kapitel zur Täterforschung gibt. "Also hier ist jetzt ein Interview mit dem Holocaustforscher Dieter Pohl aus der Tageszeitung taz 2011. Dann sind da so Fragen wie: 'Herr Pohl, gibt es den typischen deutschen Täter beim Völkermord im Osten nach 1941?' So fängt das dann. Oder auch: 'Welche Rolle hat die Wehrmacht gespielt?" ... Das finde ich sehr sehr gut dargestellt, auch ausgewogen."
Dass Kritik an der Wehrmacht zum Beispiel keineswegs selbstverständlich ist im Jahr 2021, weiß Schöller auch als engagierter Lokalhistoriker in der Eifel: "Ich führe ja hier mit meinem Vater den ein oder anderen Wissenschaftsstreit mit diversen Geschichtsvereinen, die diese Heldenverehrung nach wie vor betreiben und von solchen Dingen nichts wissen wollen."
Bei allen Unterschieden zwischen einzelnen Lehrbüchern: Die Geschichtsdidaktik hinkt der Forschung hinterher. Der Wissenstransfer in die Schulen könnte, müsste beschleunigt werden. Bloß wie? Judith Brümmer: "Man könnte gucken, dass man sagt: Wir befinden uns ja in Zeiten des Online-Lernens und vielleicht … kommen wir ein bisschen vom Medium Buch weg und schauen, ob wir nicht digitale Angebote als Schulbuchverlag machen könnten."
Dr. Martin Cüppers hat eine andere Idee: Wie wäre es, wenn in Deutschland eine Zentralstelle eingerichtet würde, die den Schulbuchverlagen Inhalte anbietet? Etwa in Ludwigsburg bei der Forschungsstelle für NS-Verbrechen? "Es gibt den Bedarf der einzelnen Länder, es gibt die Schulbuchverlage, die sich offenbar nicht in der unbedingt wünschenswerten Art befähigt zeigen, den Nationalsozialismus und seine Verbrechen adäquat in den Schulbüchern vorkommen zu lassen. Deswegen: Warum nicht eben so eine Taskforce gründen? Die genau auf dieses Problem eingeht und in Ludwigsburg, wo genau diese Quellen existieren, arbeitet, um den Geschichtsunterricht nachhaltig zu verbessern?"