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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDas Böse ist der Großvater30.09.2013

Das Böse ist der Großvater

Jennifer Teege/Nikola Sellmair: "Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen", Rowohlt

Die Szene aus dem Film "Schindlers Liste" verstört: KZ-Kommandant Amon Göth schießt mit dem Jagdgewehr vom Balkon seiner Lagervilla willkürlich auf Insassen. Wie es ist, wenn sich der Inbegriff des Bösen plötzlich als der eigene Großvater entpuppt, schildert Jennifer Teege in ihrem eindrucksvollen Buch.

Von Gemma Pörzgen

Jennifer Teege - Enkelin von KZ-Kommandant Amon Göth (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
Jennifer Teege - Enkelin von KZ-Kommandant Amon Göth (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
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Der jüdische Oskar Schindler

In seinem Spielfilm "Schindlers Liste" hat der US-Regisseur Steven Spielberg den KZ-Kommandanten Amon Göth als Gegenspieler zum Judenretter Oskar Schindler verewigt. Der SS-Hauptsturmführer galt seither für Millionen von Menschen als Inbegriff des Bösen. Der sadistische KZ-Kommandant soll nach Aussagen von Augenzeugen mit seinem Gewehr vom Balkon der Lagervilla willkürlich in das Lager gezielt haben, um Gefangene zu erschießen. Dieser "Schlächter von Plaszow" entpuppt sich für Jennifer Teege plötzlich als ihr leiblicher Großvater, dessen Wirken sie sich als Enkelin unerwartet stellen muss, was sie am Anfang ihres Buches eindrucksvoll beschreibt:

"Ich setze mich an den Computer und recherchiere die ganze Nacht, lese alles über Amon Göth, was ich finden kann. Es ist, als würde ich in ein Gruselkabinett eintreten. Ich lese über seine Gettoräumungen in Polen, seine sadistischen Morde, seine auf Menschen abgerichteten Hunde. Erst jetzt wird mir das Ausmaß der Verbrechen bewusst, die Amon Göth begangen hat. Himmler, Goebbels, Göring – diese Figuren sind mir sofort präsent. Was Amon Göth genau getan hat, wusste ich nicht. Nach und nach wird mir klar, dass die Filmfigur in "Schindlers Liste" keine fiktive Figur war, sondern ein reales Vorbild aus Fleisch und Blut hatte. Meinen Großvater. Einen Mann, der reihenweise tötete und dem das auch noch Freude bereitete. Ich bin die Enkelin eines Massenmörders."

Für Jennifer Teege sind all diese Fragen besonders kompliziert, weil sie sich durch die NS-Vergangenheit ihrer biologischen Familie und der späteren Adoption einem doppelten Trauma stellen muss. Ihre deutsche Mutter Monika Hertwig und ihr nigerianischer Vater waren nicht die Menschen, bei denen sie aufwuchs. Stattdessen lebte sie als dunkelhäutiges Kind in einer weißen Adoptiv-Familie, die sie zwar liebevoll aufnahm, aber den Kontakt zur leiblichen Mutter ab dem 7. Lebensjahr unterband. Umso dramatischer stellen sich der Autorin die Fragen nach der eigenen Herkunft und Identität. Sie schreibt:

"Was soll ich, mit meiner dunklen Haut, mit Freunden in der ganzen Welt, bloß mit diesem Großvater? War er es, der meine Familie zerstörte? Fiel sein Schatten erst auf meine Mutter, schließlich auf mich? Kann es sein, dass ein Toter immer noch Macht hat über die Lebenden? Haben die Depressionen, die mich seit Langem quälen, auch mit meiner Herkunft zu tun? Dass ich fünf Jahre in Israel gelebt und studiert habe – war das Zufall oder Bestimmung? Muss ich jetzt anders mit meinen jüdischen Freunden reden, jetzt da ich weiß: Mein Großvater hat eure Verwandten umgebracht?"

Schon Teeges leibliche Mutter, Monika Hertwig, hatte sich vor einigen Jahren in die Öffentlichkeit gewagt, um mit den Verbrechen ihres Vaters Amon Göth abzurechnen. Sie hatte Göth auch nie kennengelernt, sondern war ein knappes Jahr alt, als der Massenmörder hingerichtet wurde. Zu Hause hörte sie nur die geschönten Erzählungen ihrer Mutter Irene Kalder über den verlorenen Vater. Die Wahrheit holte sie später ein und ließ sie nie wieder los. Nun scheint die Vergangenheitsbewältigung in der nächsten Generation weiterzugehen: Für Jennifer Teege ist es eine schmerzhafte Spurensuche, die sie zunächst in das frühere KZ im polnischen Plaszow bei Krakau führt, wo sie noch stumm vor Scham ist. Doch im Verlauf des Buches entwickelt sich die Spurensuche zu einer reinigenden Katharsis, die am Ende sogar möglich macht, dass die Autorin mit einer israelischen Schulklasse an diesen Ort zurückkehrt und ihre Familiengeschichte offen erzählt.

"Ich glaube nicht, dass man sich ganz frei machen kann von der Vergangenheit, sie wirkt in uns Nachkommen weiter nach, ob wir wollen oder nicht. Die Vergangenheit wird auch weiterwirken in meinen Kindern. Ich glaube, dass wir am besten mit ihr fertig werden und sie auch irgendwann hinter uns lassen können, wenn wir offen mit ihr umgehen. Denn wer das Gefühl hat, sich und seine Identität verstecken zu müssen, wird unweigerlich krank. Das ist der Grund, warum ich so verletzt war, als ich erfuhr, was meine Mutter vor mir verborgen hatte: Das Familiengeheimnis, das ihre Kindheit und Jugend, ihr ganzes Leben überschattet hat – sie ließ auch mich damit aufwachsen. Ich habe viel zu spät davon erfahren."

Leider wird die Qualität dieses berührenden Buches dadurch gemindert, dass im Wechsel mit den erzählenden Passagen der Enkelin eine zweite Autorin, die Stern-Redakteurin Nikola Sellmair, Absätze beisteuert, die häufig nicht den richtigen Ton treffen. Die Absicht, für den Leser eine zusätzliche Perspektive beizusteuern, in der Jennifer Teege bei ihrer familiären Spurensuche beobachtet wird oder historische Fakten geschildert werden, geht leider nicht auf, sondern stört die Lektüre. Irritierende Sätze wie "Amon Göth war perfekt für Hollywood" oder Einschübe, in denen im Schnelldurchlauf die Geschichte Israels referiert wird, schmälern deshalb den Gesamteindruck dieses bemerkenswerten Buches.

Jennifer Teege und Nikola Sellmair: "Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen."
Rowohlt, 272 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-498-06493-8

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