Montag, 15. August 2022

Jordan Raditschkow: „Die Schleuder“
Das dammichte Leben

Ein toter Vater, ein verschwundener Junge und eine Welt, von Regen unterspült: Jordan Raditschkow erzählt in seinem nun erstmals übersetzten Meisterwerk „Die Schleuder“ von einem Hamlet in der bulgarischen Provinz der 1960er-Jahre.

Von Tobias Lehmkuhl | 01.08.2022

Der bulgarische Schriftsteller Jordan Raditschkow und sein Roman „Die Schleuder“
Die vollendeten Sätze des bulgarischen Schriftstellers Jordan Raditschkow duften auch in der Übersetzung von Andreas Tretner nach dem vollen Leben. Der Roman „Die Schleuder“ stammt bereits aus dem Jahr 1977 und kann jetzt auch hierzulande endlich entdeckt werden. (Foto: privat, Buchcover: eta Verlag)
Manch einer mag an den Pfarrer und den Barbier im „Don Quijote“ denken, liest er, wie in Jordan Raditschkows „Die Schleuder“ der Schmied und der Sägemüller miteinander disputieren oder wie der Sportlehrer darüber sinniert, ob er die Schwelle zur Zukunft nun überschreiten werde oder nicht. Ohnehin meint man, sich in einer vorindustriellen Welt wiederzufinden, einer Welt von Holz und Eisen und altem Handwerk.
So gibt es neben Schmied und Sägemeister in diesem Dorf im Norden Bulgariens, am Rand des Balkangebirges, auch einen Fassmacher, der mit Hobel und Küfermesser umzugehen weiß wie kein zweiter, und der dem Holz, will es sich nicht biegen, so lange ins Gewissen redet, bis es nachgibt. Und es gibt die ungebremsten Naturgewalten, die von den Bergen aus über das Dorf wie den angrenzenden Hüttenweiler der Roma-Familien hereinbrechen.
"Und schließlich, während er die Hügel und kleinen Täler unter sich begrub, schleuderte der Balkan Blitze, die flach über die Ziegeldächer hinwegschossen, er ließ es krachen, ließ Regen prasseln, und alles zerging und verschwand. Weit und breit weder Mensch noch Tier, kein Vögelchen war zu sehen. Wie ein dreister Marodeur zog der Regen durch die Straße, warf sich gegen die Fensterscheiben, trommelte auf die Dachziegel, ergoss sich in die Höfe. Donner hallte durch den Himmel, man sah den einzelnen Blitz nicht mehr, nur noch ein großes, grelles Leuchten, das aus der Erde zu quellen, durch die Straßen zu wabern schien."

Der fortgespülte Sohn

Der Regen setzt nicht nur die verwaiste Werkstatt des Küfers unter Wasser, er trägt auch dessen Sohn mit sich fort, den 21-jährigen Lewatschko. Zwei Wochen lang hat dieser Lewatschko das Haus, in dem er mit seiner Großmutter lebt, seit der Vater, wie der Sohn berichtet, einen der bescheuertsten Tode gestorben und die Mutter zu einem neuen Mann gezogen war, nicht mehr verlassen. Obwohl es Sommer ist, dringt unentwegt Rauch aus dem Schornstein, so dass Schmied und Sägemeister sich fragen, was dort vor sich geht.
Als das Unwetter schließlich vorüber und Lewatschko verschwunden ist, nimmt der Schmied, Lewatschkos Vormund, dessen Tagebuch an sich, und dieses Tagebuch liefert einigen Aufschluss über Lewatschkos Schicksal, auch wenn Schmied und Müller Mühe haben, die losen Fäden dieses Lebens wie des Lebens im Allgemeinen zusammenzuführen.
"Der Müller stimmte dem Vormund zu, was das Strickmuster des Lebens anbetraf: Ein Loch am andern, und überall läuft es raus, ist das eine Loch gestopft, läuft es aus dem andern desto mehr (…). Sie versicherten sich gegenseitig, das Leben, das dammichte, sei so beschaffen, dass man drin rumspringt wie ein Floh in den Unterhosen, alle Hände voll zu tun, und immer ist irgendwas undicht, hier musst du stopfen, da musst du stopfen, aber der Zug wartet nicht, und am Ende siehst du, die Chose ist, wie sie ist! Isso! kann nicht anders sein! sag ich dir!"

Ein ominöses Tagebuch

 „Die Schleuder“, sagen wir es ruhig, ist ein zeitloses Meisterwerk, aber es ist nicht aus der Zeit gefallen: Es spielt in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Der Sozialismus hat es noch nicht bis in die hintersten Winkel des Balkans geschafft, die Welt ist noch nicht so durchkonfektioniert wie heute und gänzlich frei von Plastik aus chinesischer Produktion.
Neben den Roma leben im Dorf und in der nahen Stadt, in der Lewatschko zur Schule geht und im Lehrer Apostolow einen Ersatzvater findet, zudem so vergessene Völker wie die Torlaken und die Karakatschanen. Aber die Zukunft ist in der Gestalt einer großen Fernsehantenne auf dem Gipfel des Berges bereits gegenwärtig. In der Nähe des Dorfes dreht Andresz Wajda einen Film, und am Ende sieht Apostolow sich sogar selbst auf dem Bildschirm.
Außerdem wird, so weiß der Erzähler, der mal Lewatschko selbst ist, mal ein namenloser Dritter, der von Schmied und Sägemüller zu Hilfe gerufen wurde und aus Lewatschkos Tagebuch einen Schluss zu ziehen versucht, ein heißer Draht zwischen Moskau und Washington eingerichtet. Und durch diesen flitzt beständig der Satz: „Der schnelle braune Fuchs springt über den faulen Hund“. Ein Satz, der zum Sinnbild wird für Lewatschkos eigenes, noch orientierungsloses Leben.
"Inzwischen waren die Menschen auf dem Mond und sind wieder zurück, während ich immer noch am Fenster stehe und mit den Fingern im Rahmen pule. Apostolow meint, es wäre besser, zur Tat zu schreiten, und sei es für einen Tag, als hundert Jahre herumzuhamletisieren. Hätte ich zum Hamletisieren die Gelegenheit! Ich tue weder das eine noch das andere, kritzele nur in mein Heft und beobachte den Stillstand um mich her. (Wenn ich mich wenigstens mal mit der Polizei prügelte oder mit einem Mädchen zu Hause aufkreuzte…)."

Virtuoses Meisterwerk aus einer Phase des Umbruchs

So wie der Küfer sein Eisen zu handhaben und das Holz zu biegen versteht, so erwecken Jordan Raditschkow wie auch sein Übersetzer Andreas Tretner die Sprache zum Leben, machen sie geschmeidig und rund. Manchmal meint man, diese für die Ewigkeit geschriebenen Sätze würden gar duften und sich mit Händen greifen lassen.
Zur Schönheit und Virtuosität von Raditschkows Erzählkunst gehört allerdings auch, dass sie sich ihrer Zeit bewusst ist, einer Zeit des Umbruchs, in der es keine letzten Gewissheiten gibt, nur unterschiedliche Perspektiven und eine Zukunft, in der nur sicher ist, dass die Sterne, wie es heißt, weiterhin lautlos, aber triumphal ihre Bahnen ziehen werden. Bitte mehr von diesem Autor!
Jordan Raditschkow: „Die Schleuder“
Aus dem Bulgarischen von Andreas Tretner
eta Verlag, Berlin. 220 Seiten, 21,90 Euro