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StartseiteWissenschaft im BrennpunktWas Cannabis mit Jugendlichen macht19.01.2020

Das Down danachWas Cannabis mit Jugendlichen macht

Unter jungen Menschen wird so viel Cannabis konsumiert wie nie; die Droge gilt als harmlos und gesellschaftlich akzeptiert. Auch in Deutschland wird wieder verstärkt über eine Legalisierung diskutiert. Aber wie wirken sich die Joints auf ein Gehirn aus, das sich noch in der Entwicklung befindet?

Von Wibke Bergemann

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Ein Jugendlicher raucht einen Joint. (picture alliance/dpa/Bildagentur-online/Hermes)
Leicht zu beschaffen, mit dem Reiz des Verbotenen - aber angeblich harmloser als Alkohol: Cannabis gilt als "weiche Droge". (picture alliance/dpa/Bildagentur-online/Hermes)
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"Man kriegt ein schweres, warmes Gefühl. Ein sehr entspannendes." Der Körper wird einfach schwer, der Kopf wird total vernebelt, die Augen werden schwer, man wird müde. Manchmal bekommt man den totalen Lachflash, kommt auch ganz darauf an, was man raucht, indica oder sativa."

"Es gibt eine richtige Drogen-Epidemie. Und das ist das Ergebnis der Verharmlosung von Drogen."

"Wenn schlechte Gedanken kommen, dann baust Du Dir wieder einen Joint und dann ist gut. Und so schlängelt man sich immer um die schlechten Sachen herum. Das Problem ist nur, die schlechten Sachen bleiben da."

"Die bisherige Cannabis-Politik ist eine unfassbare Verschwendung der Ressourcen von Polizei und Justiz."

"Man wird halt nervös, wenn man nichts mehr hat oder gerade nicht kann. Und dann hat man halt gemerkt, da kommen sogar Entzugssymptome, das war dann nicht mehr schön."

Erfahrungsberichte aus der Suchtklinik

"Ich habe Euch ja schon erzählt, wir haben heute eine Reportage vom Deutschlandfunk, das ist Frau Bergemann. Aber das wird alles anonymisiert..."

Gunter Burgemeister leitet die Dietrich-Bonhoeffer- Klinik im niedersächsischen Ahlhorn - eine Suchtklinik. 46 Patienten machen hier zurzeit eine Therapie, alle zwischen 14 und 25 Jahre. Einige von ihnen sind Cannabis-süchtig, die anderen haben alles Mögliche konsumiert. Das typische Muster: Eine tägliche Dosis Cannabis als Grundrauschen im Alltag, dazu hin und wieder Amphetamine, Partydrogen und Kokain.

"Ich bin morgens aufgewacht, habe meine Brille gesucht und mir direkt einen gebaut. Das war das erste, was ich gemacht habe, wenn ich morgens aufgestanden bin. Danach geht es einem auch viel besser. Und das passt so."

Vom Rauchen zum Kiffen

Das ist Jan, der wie alle Patienten in dieser Reportage eigentlich anders heißt. Er ist 14 Jahre alt, als er anfängt, Zigaretten zu rauchen. In den Pausen steht Jan mit den anderen Rauchern vor der Schule. Durch sie kommt er auch ans Kiffen:

"Man kann nur noch mit Leuten abhängen, die konsumieren." "Weil?" "Ja, man weiß gar nicht, was man mit den anderen Leuten machen soll. Weil man trifft sich nur noch, um zu konsumieren. Und einen anderen Grund gibt es nicht, um rauszugehen und mit den Freunden da rumzulaufen. Das geht mit anderen Leuten nicht, da weiß man nicht, was man machen soll."

Eine Jugendliche dreht sich einen Joint (imago images / Science Photo Library)Interessanter als die "normale" Zigarette? Ein Mädchen dreht sich einen Joint. (imago images / Science Photo Library)

Eine ganz normale Jugend-Etappe?

Ich habe als Jugendliche und als Studentin selbst ab und zu Gras geraucht. Die meisten meiner Freunde haben die Schule beendet, ihre Ausbildung gemacht, ohne nennenswerte Ausfälle. Aber zwei von uns sind in eine Schizophrenie gerutscht. Sie haben bis heute damit zu kämpfen und leben mit vielen Einschränkungen. Eigentlich hatten wir alle so eine Ahnung, dass ihre Erkrankung etwas mit dem Kiffen zu tun hat – und trotzdem haben wir weiter geraucht:

"Als ich 16 war, habe ich mich in so einen Jungen verliebt und der hat mich dann mitgenommen zu seinen Kifferjungs. Und die saßen da alle und haben fast nicht miteinander geredet."

Jan: "Ja, das kommt mit der Zeit. Deshalb habe ich dann zum Ende hin fast nur noch allein konsumiert. Irgendwann ist das auch öde, keine Ahnung. Und keiner will was sagen, alle sind lesh." "Lesh?" "Ach so, stoned, breit, bekifft, sowas halt."

Kontakt mit Cannabis quasi unvermeidlich

Inzwischen habe ich eine 14-jährige Tochter. Was soll ich ihr sagen? Wie gefährlich ist Cannabis wirklich? Denn sie wird damit in Kontakt kommen, da habe ich keine Zweifel. Das Zeug ist einfach überall. Jan:

"Man sieht das den Leuten einfach an. Man kann in jeder Stadt an Drogen kommen, man muss einfach nur nachfragen, wenn man das den Leuten ansieht. Und man hat schon alles, was man haben möchte. Also das ist echt nicht schwer."

Gunter Burgemeister: "Was noch schlimmer ist, die Dealer erkennen dich sofort. Wenn einer von unseren Jungs hier zum Frisör geht, dann kommt einer aus dem Rewe raus und spricht ihn an. Die sehen das sofort."

Gleichstellung mit der legalen Droge Alkohol?

Cannabis gilt als weiche Droge. Die Gefahr einer Abhängigkeit wird als geringer als beispielsweise bei Alkohol eingeschätzt. Zunehmend wird Cannabis gesellschaftlich akzeptiert.

Im Bundestag setzen sich die Oppositionsparteien Grüne, FDP und Linke für ein Ende des Verbots ein. Auch in der SPD gibt es viele Befürworter. Und selbst in der Union zeigt man sich inzwischen offener für eine liberalere Drogenpolitik.

200 bis 400 Tonnen Cannabis werden jährlich in Deutschland konsumiert, schätzt der Deutsche Hanfverband. Mindestens 1,2 Milliarden Euro könnte der illegale Handel demnach einbringen - Geld, das vor allem die Organisierte Kriminalität einstreicht. Mit einer Legalisierung ließe sich dieser Schwarzmarkt eindämmen, lautet ein Argument der Befürworter. Kritiker befürchten dagegen eine weitere Verharmlosung von Cannabis und steigenden Konsum.

Flucht aus dem Alltags-Stress

"Wenn ich es vollkommen legal und normal finde, dass er am Wochenende sechs bis acht Bier trinkt, ist das sicherlich schädlicher, als wenn ein Erwachsener zwei, drei Joints am Wochenende raucht.."

..meint Klinikleiter und Psychiater Burgemeister zum Konsum von Erwachsenen. Doch wie sieht es bei Jugendlichen aus? Im vergangenen Jahr gaben in einer Umfrage des Bundesamtes für gesundheitliche Aufklärung immerhin 10 Prozent der Minderjährigen an, schon einmal gekifft zu haben. Bei den 18 bis 25-Jährigen waren es sogar über 40 Prozent – Tendenz steigend. Burgemeister:

"Nicht für alle ist es das Entfleuchen in eine euphorisierte Welt. Oft ist auch ein Entfleuchen in eine entrückte und mehr kalmierte Welt, und da bleiben sie bei Cannabis hängen."

Kann Cannabis Herzprobleme verursachen?

Zu den Nebenwirkungen von Cannabis gehört ein höheres Risiko für Herz-Rhythmusstörungen und Herzinfarkt. In einer US-Studie hatten Konsumenten zwischen 18 und 44 Jahren mehr als doppelt so häufig einen Infarkt wie Nicht-Konsumenten im gleichen Alter. Allerdings: Die Forscher konnten zwar Tabak als alternative Ursache für die Herzprobleme ausschließen, andere Faktoren wie Übergewicht oder Alkohol aber nicht.

Ein anderes Problem: Das Gehirn, das wahrscheinlich gerade bei jungen Leuten besonders empfindlich auf Cannabis reagiert. Denn der menschliche Körper produziert selbst Stoffe, die den Substanzen im Cannabis sehr ähnlich sind, die so genannten Endocannabinoide, sagt Derik Hermann, Psychiater und Chefarzt im Therapieverbund Ludwigsmühle in Landau in der Pfalz:

"Die Endocannabinoide haben eine wichtige Funktion bei der Steuerung der Hirn-Entwicklung."

Störfaktor bei der Hirn-Entwicklung

Das Gehirn entwickelt sich in zwei Phasen. Die erste im Mutterleib, wenn die Neurone gebildet werden und an die richtige Stelle wandern. Eine zweite Phase läuft während der Pubertät. Hermann:

"Die Endocannabinoide steuern dann, welche Vernetzungen genau zwischen den Nervenzellen stattfinden und wo die Nervenzellen hinwandern müssen, um dann richtig in das Netzwerk eingebaut zu werden. Jetzt kann man sich vorstellen, wenn man in diese Steuerung von außen THC oder andere Cannabinoide dazu gibt, dann kommt es einfach zu einer Störung dieser Entwicklung."

Schlechtes Gedächtnis und verminderte Aufmerksamkeit gehören zu den bekannten Nebenwirkungen von Cannabis.

Bleibende Schäden und dauerhaft verminderter IQ?

In einer Langzeitstudie aus Neuseeland untersuchten die Psychologin Madeline Meier und ihre Kollegen den Intelligenzquotienten von Konsumenten. Während der IQ der Kontrollgruppe sich zwischen dem 13. und dem 38. Lebensjahr verbesserte, verschlechterte er sich bei den regelmäßigen Kiffern um bis zu 8 Punkte, und zwar umso mehr, je größer der Konsum war. Bei den Erwachsenen, die mit dem Kiffen aufhörten, normalisierte sich zwar der IQ - aber nur dann, wenn sie nicht schon als Teenager angefangen hatten. Ein möglicher Hinweis, dass Cannabis bei Jugendlichen bleibende Schäden hinterlässt.

Eine Reihe kleinerer Studien kam dagegen zu dem Ergebnis, dass sich Nebenwirkungen wie Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen langfristig wieder zurückbilden.

Jan: "Gedächtnisverlust, oh mein Gott, das ist ganz schlimm. Wenn man einen Text lesen möchte, liest man den und man weiß schon gar nicht mehr, was da passiert ist. Oder ich kann mich an so viele Sachen in meinem Leben nicht mehr erinnern, die Tage sind einfach weg. Damals als ich noch täglich gekifft habe, konnte ich mich nicht an gestern erinnern, was ich gegessen habe oder wie was. Das war schon echt hart."

Psychose als Folge von Cannabis-Konsum?

Die Psychologin Eva Hoch von der Universität München hat mit Kollegen im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums die sogenannte CaPRis-Studie erstellt – ein Überblick über den derzeitigen Stand der Cannabis-Forschung. Eine der wichtigsten Fragen dabei: ob die Droge eine Psychose verursachen kann.

"Man kann bei gesunden Menschen beobachten, dass THC Psychose-ähnliche Phänomene auslöst. Dann kann es im Rausch zu Erlebnissen kommen wie Wahn, Paranoia, Halluzinationen. Das Erleben klingt nach einigen Stunden wieder ab und hinterlässt keine Folgeschäden. Von einer psychotischen Störung spricht man, wenn diese Phänomene über einen längeren Zeitraum andauern und nicht einfach wieder so abklingen."

Höherer Wirkstoffgehalt, höhere Psychose-Rate

Forscher am Londoner King’s College haben die Häufigkeit psychotischer Erkrankungen in europäischen Städten verglichen. Tatsächlich fanden die Psychiaterin Marta Di Forti und ihre Kollegen eine überdurchschnittlich hohe Rate an Psychose-Fällen vor allem in den Städten, in denen das handelsübliche Cannabis besonders viel von dem rausch-auslösenden Wirkstoff THC enthält – nämlich London und Amsterdam. Auch bei der Überprüfung der Einzelfälle zeigte sich: Täglicher Konsum und hoher THC-Gehalt erhöhten die Wahrscheinlichkeit einer psychotischen Störung; ein Ergebnis, das sich auch in anderen Studien zeigte. Eva Hoch:

"Das Auftreten von Psychosen erhöhte sich, je intensiver der Cannabis-Konsum berichtet wurde. Bei gelegentlichem Konsum stieg die Auftretensrate um den Faktor 2, bei intensivem Konsum um den Faktor 3, und wenn die Konsumenten angaben, täglich und hochpotente Produkte zu sich genommen zu haben, dann stieg die Auftretensrate um den Faktor 5."

In Plastikfolie eingewickelte Blöcke mit Cannabis, die von der tunesischen Polizei im Kofferraum eines Autos gefunden wurden. (imago / Chokri Mahjoub)Der Trend geht zu Cannabis mit höherem Gehalt des rauschauslösenden Wirkstoffs THC (imago / Chokri Mahjoub)

Zweifel am bislang vermuteten Kausalzusammenhang

Mit anderen Worten: Unter Cannabis-Konsumenten erkranken 2 bis 5-mal so viele Menschen an einer Psychose wie unter Nicht-Konsumenten. Genauso umgekehrt: Rund ein Drittel der Psychose-Patienten konsumiert zum Zeitpunkt der Ersterkrankung Cannabis.

Doch es bleiben Zweifel: Wenn europaweit immer mehr Menschen kiffen und der THC-Gehalt in den letzten 10 Jahren ganz allgemein zugenommen hat, warum ist dann nicht auch die Zahl der Psychose-Fälle insgesamt erkennbar gestiegen? Vielleicht muss die Frage anders gestellt werden. Derik Hermann:

"Man hat viele Gene identifiziert, die jeweils einen kleinen Beitrag für das Risiko tragen, eine Psychose zu entwickeln. Und jetzt hat man umgekehrt untersucht, ob diese genetisch prädisponierten Personen für Psychosen mehr oder häufiger Cannabis konsumieren. Und genau das ist der Fall."

Psychose-Disposition Ursache für starken Cannabis-Konsum?

Der Genetiker Robert Power konnte 2014 in einer Zwillingsstudie zum ersten Mal zeigen, dass das angeborene Psychose-Risiko Ursache des Cannabis-Konsums sein könnte. Hermann:

"Das ist natürlich ein wichtiger Befund, weil das natürlich bedeutet, dass nicht jeder das Risiko in sich trägt, durch Cannabis eine Psychose zu entwickeln."

Zu dem gleichen Ergebnis kam ein internationales Forscherteam um die niederländische Psychologin Joelle Pasman. Sie verglich das Erbgut von über 180.000 Cannabis-Konsumenten mit der von Nicht-Konsumenten. Dabei konnten genetische Variationen bestimmt werden, die den Autoren zufolge zu 11 Prozent den Konsum erklären. Einige dieser "Cannabis-Marker" stimmten mit genetischen Variationen überein, die auch mit einem Schizophrenie-Risiko in Verbindung gebracht werden. Mit Hilfe einer so genannten Mendelschen Randomisierung untersuchten Pasman und Kollegen zudem die genetischen Daten auf Kausalität. Tatsächlich zeigte sich dabei vor allem eine Wirkungsrichtung: das genetische Schizophrenie-Risiko als Ursache, der Cannabis-Konsum als Folge.

Besondere Verletzlichkeit macht anfälliger für Drogen

"Bei psychotischen Störungen gehen Experten von einem multifaktoriellen Geschehen aus, auf der einen Seite gibt es wahrscheinlich eine Vulnerabilität. Auf der anderen Seite spielen Umweltfaktoren, Risikofaktoren eine Rolle. Vielleicht braucht es auch mehrere Risikofaktoren, und Cannabis kommt dann wie der Tropfen noch dazu, der das Fass zum überlaufen bringt", vermutet Psychologin Eva Hoch.

Henne oder Ei? Die britische Psychiaterin Suzanne Gage schlägt ein Dreiecksmodel vor. Das würde bedeuten, dass vor allem Menschen mit einer genetischen Veranlagung betroffen sind, mit einer besonderen Verletzlichkeit. Wegen ihrer psychischen Labilität sind sie anfälliger für einen übermäßigen Cannabis-Konsum – sie werden mit größerer Wahrscheinlichkeit zu Konsumenten, die große Mengen zu sich nehmen. Der Drogenkonsum verursacht aber zusätzlichen Stress und kann möglicherweise eine psychotische Störung auslösen. Klinikleiter Burgemeister:

"Natürlich kann man nicht sagen: Cannabis, das macht schizophren. Es gilt immer noch die Prädisposition, es gilt immer noch die Lebensgeschichte dazu. Aber selbst wenn man das rausrechnet, merkt man, Cannabis gibt einem mehr drauf als alles andere. Es hat einen Eigenanteil in der Schizophrenogenität, in der Entstehung der Erkrankung, und das umso früher, desto mehr. Und eines kann ich sagen, wenn hier ein Cannabis-Patient reinkommt, dann weiß ich schon, wer mit 10 und wer mit 15 angefangen hat."

Besprechung in der Therapie-Wohngruppe

"Noah, warum hast die Berufsberatung verpennt? Und Du warst diese Woche gar nicht bei Sport."

Besprechung auf Station 1 in der Suchtklink. Die Patienten sitzen im Kreis. Wie jeden Montag gibt es einen Rückblick auf die vergangene Woche. Sind die Patienten alle zur Therapie gegangen? Gab es Streit mit anderen aus der Gruppe? Auch deren Meinung ist gefragt.

Nelson: "Du kriegst Deinen Hals nicht voll. Du musst daran arbeiten. Deswegen freu dich mal, dass wir dir alle kein Geld mehr leihen. Weil dein bisschen Geld gibst du eh wieder aus. Du machst Schulden, Schulden, Schulden. Du kannst in jede Sucht reinrutschen mit diesem Verhalten, es ist völlig egal bei dir. Das nimmt kein Ende bei dir. Das ist gefährlich..."

Vom Konsumenten zum Dealer

Keine Grenzen kennen, kopflos einem selbstzerstörerischen Impuls folgen – Nelson weiß, wovon er spricht. Der 22-Jährige hat früh angefangen zu kiffen. Als er 13 war, rauchten seine Freunde und er in den Sommerferien einen Joint. Für die anderen blieb es dabei, Nelson dagegen brauchte immer mehr:

"In einen Joint tut man so am Anfang 0,3 Gramm Cannabis vielleicht. Und jetzt war ich zum Schluss bei 10 Gramm alleine. Zum einen steigt die Toleranz und man will auch einfach immer mehr, irgendwann ist man nicht mehr zufrieden mit dem alten High, das man hat. Und dann kriegt man den Hals nicht mehr voll, so war das bei mir zumindest."

Um täglich über solche Mengen verfügen zu können, fing Nelson an zu dealen. Dabei kümmerte ihn nur wenig, dass er sich damit strafbar machte.

Die Grünanlage im Stadtteil Kreuzberg ist Treffpunkt für Drogendealer und Konsumenten. Polizisten kontrollieren einen Mann vor einer Mauer mit Graffitis (dpa/ Paul Zinken)Bei Handel mit Cannabis drohen nach wie vor erhebliche Strafen (dpa/ Paul Zinken)

Sucht selbst ist auch schon Krankheit

In der Diskussion darüber, welche psychischen Krankheiten durch Cannabis-Konsum ausgelöst werden können, wird leicht übersehen, dass die Sucht selbst eine Krankheit ist. Mehr als 8.000 Minderjährige waren 2017 wegen einer Cannabis-Abhängigkeit in Behandlung, davon fast ein Drittel stationär in einer Klinik. Nelson:

"Das beste Beispiel ist für mich Beziehungsleben. Man kann sich nicht mehr so reflektieren, um gemeinschaftlich in einer Partnerschaft zu leben. Das schafft man einfach nicht. Du bist zu high. Wenn Du richtig high bist, wenn du ein richtiger Kiffer bist, der jeden Tag einen Joint raucht, dann ist es sehr schwer, zu sich selbst ehrlich zu sein. Und das merkt man leider alles nicht. Man verdrängt viel, man spricht nicht mehr über Sachen, die einen stressen oder die einem zu nahe gehen."

Rückfall keine Frage von freiem Willen

Das Diagnostikmanual DSM-V des amerikanischen Psychiatrieverbandes APA unterscheidet nicht mehr zwischen Drogenmissbrauch und Drogen-Sucht. Stattdessen beschreibt es die Symptome einer Substanz-Konsum-Störung, die mehr oder weniger schwer ausfallen kann.

Der Betroffene entwickelt beispielsweise eine Toleranz und braucht eine immer höhere Dosis. Sein Konsum wird durch ein starkes Verlangen bestimmt, das so genannte Craving. Wenn er die Substanz nicht bekommt, erlebt er Entzugssymptome. Der regelmäßige Gebrauch führt zum Versagen in der Schule oder bei der Arbeit und zu sozialen und zwischenmenschlichen Problemen. Burgemeister:

"In den Köpfen werden wir es wahrscheinlich nie hinkriegen, dass das eine Krankheit ist. Ich sage immer, dass wenn einer einen Rückfall kriegt im Rahmen eines hochgradig ausgeprägten Abhängigkeitssyndroms, das ist, wie wenn einer mit einer Staphylokokken-Sepsis 40 Fieber kriegt. Aber trotzdem, man unterscheidet das noch immer und denkt, Wille? Warum macht der das?"

Belohnungssystem im Vorderhirn verändert

Man geht davon aus, dass sich durch den Konsum das Belohnungssystem im Vorderhirn, im so genannten Nucleus Accumbens verändert. Durch die erhöhte Reizung scheint die Region gleichsam abzustumpfen. Der Drang zu konsumieren ist ein Automatismus, der über lange Zeit eingeübt wird und nur schwer zu überwinden ist, meint Klinikleiter Burgemeister. Das hat auch Konsequenzen für die Behandlung:

"Früher war ein Rückfall Rausschmiss. Die Sache war ganz einfach; man hat gesagt, der hat ja keine Motivation. Und für uns ist ganz eindeutig, Motivation ist nicht Voraussetzung für die Therapie, sondern Motivation ist Ziel und Sinn der Therapie. Keiner kommt hier freiwillig her, weil er sagt, dass er clean werden will als einziges Ziel."

Nelson: "Wenn ich nüchtern bin und brauch jetzt eigentlich mein Gras, und ich habe es gerade nicht, dann wird man dünnhäutig, aggressiv, man steht unter Strom. Man fährt viel zu schnell hoch wegen Kleinigkeiten."

Viele Sucht-Patienten straffällig

Paragraf 35 des Betäubungsmittelgesetzes ermöglicht es im Fall einer mit Drogen verbundenen Straftat, eine Therapie zu machen statt ins Gefängnis zu gehen. Fast die Hälfte der Patienten in der Ahlhorner Suchtklinik ist straffällig geworden. Vor allem wegen Dealens, aber auch wegen Raubes, Diebstahls oder wegen Körperverletzung, so wie Nelson. Vier Jahre ist das her. In dieser Zeit schluckte und schnüffelte er neben Cannabis immer häufiger auch Alkohol, Ecstasy und Kokain. Oft war Nelson dann in Schlägereien verwickelt. Und irgendwann ist er auf seine Mutter losgegangen:

"Das war schon drei Uhr nachts. Ich kam zurück von einer Party und wollte pennen. Es gab einen großen Streit zwischen meiner Mutter und mir. Ich war zu laut und habe sie wach gemacht. Und dann, äh, bin ich ausgerastet, habe Türen zerlegt, Mobiliar zerlegt, und bin dann irgendwann wieder in einer Zelle aufgewacht."

Haftstrafe als Wecksignal?

Nelson wurde zu einer Haftstrafe von über zwei Jahren verurteilt. Neun Monate davon verbrachte er im Gefängnis. Das habe ihm die Augen geöffnet, meint er heute. So weit soll es nie wieder kommen.

Nelson wünschte, er hätte schon früher Hilfe bekommen:

"Seitdem ich straffällig geworden bin, will mir jeder helfen was das angeht. Alle sind da für mich, alle wollen mich aufnehmen, ich kann hier in die Klinik, die Krankenkasse bezahlt. Mir wird geholfen, mich zu rehabilitieren. Präventive Maßnahmen habe ich nie gesehen. Warnzeichen waren genug da. Ich war mehrere Jahre mit 50 Fehltagen in der Schule, ich war mit Waffen in der Schule, ich war mit Drogen in der Schule erwischt worden, ich bin gewalttätig geworden, es ist nicht viel passiert."

Suchtprävention nicht überall im Lehrplan

Lehrer, die einfach wegschauen – das kennt Klinikleiter Gunter Burgemeister von vielen seiner Patienten:

"Ich habe mir gerade den Lehrer in seiner Situation vorgestellt. Der hat einen Schüler vor sich und merkt, Mensch, der kifft. Was tue ich jetzt? Dann ist er schnell in dieser Zwickmühle: Will ich diesen Jungen jetzt kriminalisieren? Was bewirke ich, wenn ich jetzt etwas dagegen tue? Auch davor hat man einfach Angst. Und dann lässt er es."

Suchtprävention ist nur in einigen Bundesländern fest im Lehrplan verankert. In den anderen entscheiden dagegen die Schulen, ob sie das Thema aufgreifen wollen oder nicht. Das ist auch in Berlin so, wo Jugendliche überdurchschnittlich früh mit dem Konsum beginnen, wie Tina Hofmann von der Berliner Fachstelle für Suchtprävention sagt:

"Die Daten, die wir von der Fachstelle für Suchtprävention ausgewertet haben, zeigen, dass das Einstiegsalter 14,6 ist, wo Jugendliche Cannabis probieren, und dann muss man mit ihnen darüber reden. Da ist es ganz wichtig, dass auch die Schulen nicht die Augen davor verschließen. Und offenbar ist es immer wieder so, dass eine Tabuisierung stattfindet. Dass man eben nicht drüber spricht."

Haltung der Eltern zu Cannabis oft indifferent

Auch bei Eltern beobachten Hofmann und ihre Kollegin Katrin Petermann, dass viele lieber nicht so genau hinschauen und sich scheuen, das Thema anzusprechen. Zum einen, weil sie den Konflikt vermeiden wollen. Zum anderen, weil sie häufig keine klare Haltung zu Cannabis haben.

"Das ist auch oft meine Einstiegsfolie in Lehrerworkshops. Da habe ich ein Bild aus dem Film ‚Fack ju Göhte‘. Da sind diese beiden Lehrertypen, der coole, lässige. Und daneben der spießige. Und da ist so die Frage, wer willst du sein? Aber die Frage muss man sich beantworten als Eltern. Was für eine Rolle habe ich jetzt? Wer bin ich für mein Kind in der Phase des Lernens, des Aufwachsens? Orientierung braucht mein Kind, auch klare Ansagen."

Cannabis-Ladenöffnung in Kanada: Ein Verkäufer reicht einem Kunden eine kleine Papier-Einkaufstüte mit Cannabis über den Tresen (AP/The Canadian Press/Paul Daly)Geschäfte geöffnet: Der Cannabis-Kauf ist in Kanada seit 2018 erlaubt - wohlgemerkt nur für Erwachsene (AP/The Canadian Press/Paul Daly)

Erfahrungen mit der Legalisierung in den USA

Welche Folgen hätte eine Legalisierung? Würden noch mehr Jugendliche kiffen? Interessant ist ein Blick in die USA. Dort haben Washington DC. und Colorado 2014 Cannabis legalisiert, inzwischen sind acht weitere Bundesstaaten hinzugekommen. Burgemeister:

"Jetzt ist die Frage, wenn ich legalisiere; ist das Verbagatellisieren? Nehmen die Jungen jetzt mehr? Nein, nicht. Also, erstmal könnte man das so meinen, aber wenn man sich die Fakten anguckt, kann man dem nicht folgen."

Für seriöse Daten ist noch zu früh. Doch eine Tendenz zeichnet sich bereits ab: In den so genannten "legal states" sank die Wahrscheinlichkeit, dass ein Teenager regelmäßig Gras rauchte, offenbar um 9 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Fachmagazin JAMA Pediatrics veröffentlichte Studie, die das Konsumverhalten von über 1,4 Millionen Jugendlichen über einen Zeitraum von 15 Jahren vergleicht. Der Hauptautor der Studie, der Agrarwirtschaftler Mark Anderson von der Montana State University, geht davon aus, dass es für Jugendliche mit der Legalisierung schwieriger geworden ist, an die Droge heranzukommen. Ein weiterer Grund könnte sein, dass die neuen Gesetze die Aufmerksamkeit der Eltern erhöht haben, so dass sie mehr mit ihren Kindern über Drogen sprechen. Karin Petermann:

Drogengefahren ansprechen, eigene Jugendsünden zugeben

"Wir wissen aus Studien, dass es einen Zusammenhang gibt, also keine Kausalität, aber einen Zusammenhang, zwischen Eltern, die klar sagen, ich möchte nicht, dass du Drogen nimmst und einem geringeren Konsum. Als Eltern, die das gar nicht thematisieren oder sehr laisser faire sind, da ist der Drogenkonsum eher größer als da, wo Eltern das klar verbieten. Das heißt zwar nicht, dass Jugendliche das nicht ausprobieren. Aber sie haben das im Hinterkopf."

Im Gespräch mit den Suchtexpertinnen wird mir klar, dass ein zwiespältiges Verhältnis zu Gras das Gespräch mit den Kindern nicht leichter macht. Als Mutter muss ich Orientierung geben und Leitplanken setzen. Aber was antworte ich, wenn meine Tochter dann nach meinen wilden Jahren fragt oder mir mein Zigarettenrauchen vorhält? Teenager wissen genau, wie man Eltern schachmatt setzt. Hofmann und Petermann empfehlen für solche Fälle, auch mal Fehler zuzugeben – es muss ja nicht gleich alles auf den Tisch. Eltern könnten auch den Wunsch äußern, dass das Kind es besser macht. Petermann:

"Wir können auch nicht die ganze Verantwortung bei den Eltern lassen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das wäre uns sehr wichtig, dass Prävention weiter ausgeweitet wird. Und wenn die Legalisierung kommt, dann mindestens im Paket mit Jugendschutz aber auch mit Aufklärung und Prävention. Damit ein kompetenter Umgang gefunden werden kann."

Legale Abgabe, aber bessere Kontrolle

In Portugal wurde 2001 der Besitz von illegalen Drogen von einer Straftat zur Ordnungswidrigkeit herabgestuft. Durch die Maßnahme, die sich vor allem gegen die Heroin-Schwemme im Land richtete, gingen die Todesfälle durch Überdosis und HIV-Infektionen deutlich zurück. Und entgegen den Erwartungen wurde Portugal nicht zum Kifferparadies. Die Zahl der Jugendlichen, die Cannabis konsumieren, blieb bis heute unter dem europäischen Durchschnitt.

Auch der Leiter der Ahlhorner Suchtklinik, Burgemeister, sieht Chancen in einer Legalisierung – wenn sie mit besseren Kontrollen einhergeht:

"Es gibt zwei unkontrollierte Märkte. Einen legalen unkontrollierten Markt und einen illegalen unkontrollierten Markt. Das eine sind Nikotin und Alkohol im legalen Bereich und das andere sind die Drogen. Das heißt also auch, einfach mal die Verkaufsstellen beschränken. In Uruguay wird es über Apotheken vertrieben. Da werden dann auch Abgabezettel geführt und man weiß, wer wie viel gekauft hat."

Trend zu "hochprozentigem" Cannabis stoppen

Mit einer kontrollierten Abgabe ließe sich ganz nebenbei auch ein Höchstwert für den THC-Gehalt einführen, meint der Psychiater Hermann. Damit könnte man den derzeitigen Trend zu immer stärkerem Cannabis stoppen:

"Das ist ein Phänomen, das kennt man schon aus der Prohibition des Alkohols in den USA. Früher wurde da viel Bier getrunken. Und in der Prohibition war es natürlich viel einfacher, nicht so große Mengen Flüssigkeit zu transportieren. Deswegen gab es da den Umstieg auf den hochprozentigen Alkohol. Und im Prinzip entspricht das der Situation jetzt. Wir haben jetzt Cannabis-Sorten, die Schnaps oder Whisky entsprechen. Die sind in Mode, während noch vor 20 Jahren eher Cannabis, das man mit Bier vergleichen konnte, gebräuchlich war."

Besser legal als illegal – und am besten: Finger weg!

Natürlich gibt es auch unter Ärzten und Psychiatern viele, die das anders sehen als etwa Burgemeister und Hermann. Dennoch bin ich überrascht, wie viele Profis aus Medizin und Suchthilfe sich für eine Legalisierung aussprechen.

"Indem ich die Drogen in die ‚Ach, um Himmelswillen, bloß nicht‘-Ecke bringe, und hinten auch noch in die Illegalität, dass es verschwiegen werden muss, dass man sich nicht offenbaren darf, nicht in die Hilfesuche gehen darf, das darf nicht passieren. Und wenn das die Folge von Illegalisierung ist, dann müssen wir dem eine andere Marschrichtung geben."

Für einen besseren Jugendschutz als bisher müsste es eine effektive Kontrolle darüber geben, was verkauft wird und an wen, nämlich nicht an Jugendliche. Das Ganze zu niedrigen Preisen, mit denen sich der Schwarzmarkt austrocknen ließe. Die Hoffnung: Wenn es für Jugendliche richtig schwer würde, dranzukommen, würde der eine oder andere das Interesse verlieren. Denn das scheint dann doch bei allen Experten Konsens: Jugendliche sollten die Finger von Cannabis lassen.

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