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StartseiteBüchermarktBeinahe ausgerottet17.02.2020

Das Evangelium der AaleBeinahe ausgerottet

Unerforschbar und vom Aussterben bedroht: Patrik Svensson hat eine höchst anschauliche Kulturgeschichte des Aals geschrieben. Er porträtiert ein Wesen, das über Jahrhunderte immer wieder Mythen produziert hat.

Von Christoph Schröder

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Der schwedische Autor Patrick Svensson und seine Erzählung "Das Evangelium der Aale" (Buchcover Hanser Verlag / Autorenportrait Emil Malmborg)
Der schwedische Autor Patrick Svensson und seine Erzählung "Das Evangelium der Aale" (Buchcover Hanser Verlag / Autorenportrait Emil Malmborg)
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Sie sind schleimig und glibberig. Sie ähneln Schlangen, weswegen manche Menschen gar Angst vor ihnen haben. Sie eignen sich nicht als Haustiere, und sie haben keine süßen Tieraugen. Zugegeben: Sie können eine Delikatesse sein, aber das gilt für viele Tierarten. Warum also sollte man ausgerechnet ein Buch lesen, das sich auf rund 250 Seiten mit Aalen beschäftigt?

Die Antwort ergibt sich von selbst, wenn man Patrik Svenssons "Evangelium der Aale" zunächst mit Interesse und dann mit wachsender Begeisterung gelesen hat: Weil Aale ganz offensichtlich so faszinierende wie rätselhafte Tiere sind. Wer davon bislang noch nichts wusste, wird mit Svenssons Buch in ein Universum eingeführt, das sich über Jahrtausende hinweg und wider alle naturwissenschaftlichen Erkundungen sein Geheimnis bewahrt hat: Schon Aristoteles stellte Vermutungen über das Wesen der Aale an.

Noch nie wurde ein Laichvorgang beobachtet

Aale, so lernen wir, werden ausschließlich in einem eng abgegrenzten Seegebiet, der so genannten Sargassosee, geboren. Dieses Areal nordöstlich von Kuba scheint aufgrund der verschiedenen Meeresströmungen und der daraus resultierenden Algenbildung das ideale Nährgebiet für Aale zu sein. Ein Aal wird als ein wenige Millimeter langes, einem Weidenblatt ähnelndes Gebilde geboren und durchläuft im Anschluss drei weitere Entwicklungsstadien.

Von der Sargassosee aus machen die Jungaale sich auf den endlos weiten Weg in amerikanische und europäische Flüsse, wechseln zwischen Salz- und Süßwasser hin und her, um schließlich zur Fortpflanzung an ihren Geburtsort zurückzukehren und anschließend zu sterben.

All das sind Mutmaßungen, wohlgemerkt. Niemand hat bislang einen Aal bei der Fortpflanzung oder beim Laichvorgang beobachtet, und alle Versuche, Aale in einer für sie unnatürlichen Umgebung zu züchten, sind fehlgeschlagen. Für Patrik Svensson ist der Aal ein existentielles Symbol, ein großer Spiegel, in dem der forschende Mensch an seine natürliche Grenze geführt wird:

"Selbst wenn man ihm ganz nahekommt, scheint er sich doch zu entziehen. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen Zeit und Mühe darauf verwendet haben, ihn zu studieren und Erkenntnisse über ihn zu gewinnen, müssten wir längst viel mehr über ihn wissen. Dass wir es nicht tun, ist geradezu unerklärlich. In der Zoologie spricht man deswegen gerne von der ‚Aalfrage‘."

Das Geschlechtsleben der Aale

Was Svensson in seinem Buch unternimmt, ist ein Grenzgang zwischen Kulturgeschichte und autobiografischer Erzählung. Erstere ist der deutlich stärkere, weil so lehrreiche wie unterhaltsame Part.

Svensson führt seine Leser in das Triest des Jahres 1876, wo der seinerzeit 19jährige, naturwissenschaftlich ambitionierte Sigmund Freud im Auftrag seines Professors Carl Claus das Geschlechtsleben der Aale untersuchen soll und an dieser Aufgabe scheitert. Anschaulich schildert Svensson die sich ab 1904 über 20 Jahre erstreckenden Forschungsreisen des dänischen Meeresbiologen Johannes Schmidt, dem schließlich die gesicherte Entdeckung des Laichplatzes der Aale gelingt.

Wir werden Zeuge der etwas hilflosen Versuche eines europäischen Forschungsteams, 700 Aale mit Sendern auszustatten und so deren Routen durch die Weltmeere zu folgen: Die einen wurden unterwegs gefressen, die anderen dümpelten auf unergründlichen Wegen vor sich hin. Und wir lesen die Geschichte des sagenumwobenen so genannten Branteviksaals, der angeblich in einem schwedischen Brunnen das Alter von 150 Jahren erreichte.

Ein einziger großer Muskel

Konterkariert ist die Historie der Aalforschung mit Svenssons Erinnerungen an seine Kindheit, den Vater und die gemeinsamen regelmäßigen Angelexpeditionen. Der Fluss, der unweit von Svenssons Elternhaus entlangführte, war reich an Aalen. Von dem schweigsamen Vater wird der Junge in die Feinheiten des Fischens eingeführt.

Darüber hinaus erzählt Svensson von der Unheimlichkeit bereits getöteter Aale, deren abgetrennte Gliedmaßen ein zuckendes Eigenleben führen. Die Schlachtung eines gefangenen Aals durch den Vater bekommt in Svenssons Erinnerung, wie auch der Titel des Buchs andeutet, eine beinahe sakrale Dimension:

"Mein Vater nahm einen Aal aus dem Eimer und hielt ihn auf dem Tisch fest, dann stieß er die Spitze des scharfen Fischmessers durch seinen Kopf. Der Aal zuckte wild, und sein Körper spannte sich wie ein einziger großer Muskel. Wenn er sich beruhigt hatte, zog mein Vater das Messer heraus und legte den Aal auf ein meterlanges Brett. Er schlug ihm einen Fünfzollnagel durch den Kopf, so dass er aussah, als hätte er ihn gekreuzigt."

So sinnlich geschildert die eigenen Erfahrungen mit den schlangenähnlichen Wesen auch sind und so unterhaltsam Svenssons Schnelldurchlauf durch die Historie der Aalforschung ist, so banal geraten dem Autor hin und wieder seine Versuche, diese beiden Sphären zusammenzuführen.

Das Sterben der Aale

Wenn Svensson den Brückenschlag zwischen der offenbar existentiellen Unstetigkeit der Aale, der Unergründlichkeit ihres Verhaltens und der Kontingenz des menschlichen Daseins versucht, rutscht sein Buch stellenweise in eine etwas hilflose Küchenphilosophie ab:

"Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Ich wusste es nicht. Das Einzige, was ich wusste, war, dass es einen Unterschied gab und dass er endgültig und unanfechtbar war. Ein Mensch war etwas anderes als ein Tier."

Das hatte man sich auch vor der Lektüre beinahe schon gedacht. Trotz derartiger Floskeln bleibt "Das Evangelium der Aale" ein originelles und instruktives Buch, in dessen Zentrum die große, unbeantwortete Frage steht: Welche Wege geht ein Lebewesen und warum? Eine Frage, die Svensson auch im Hinblick auf die Biografien seiner Eltern stellt, die aus ärmlichen Verhältnissen heraus in den neu entstehenden schwedischen Sozialstaat hineinwachsen.

Verbeugung vor dem Tier

Die Aalfrage dagegen dürfte für alle Zeiten unbeantwortet bleiben. Denn der Aal steht auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten der Welttierschutzunion:

"Alle seriösen Berechnungen sprechen davon, dass die Anzahl neu ankommender Glasaale in Europa heute nur noch ein bis fünf Prozent dessen beträgt, was aus den 1970er-Jahren bekannt ist. Wo in meiner Kindheit jedes Jahr einhundert kleine, durchsichtige Glasrütchen den Fluss hinaufschwammen, tritt heute nur noch eine knappe Handvoll diese Reise an."

Warum genau das so ist, ob es mit den steigenden Temperaturen der Meere, mit der Wasserqualität oder den in der Sargassosee treibenden, riesigen Müllinseln zu tun hat, kann nur vermutet werden. Dass die Ursachen menschengemacht sind, gilt aber als unbestritten. Der Aal ist der seltene Fall einer Art, die der Mensch ausgerottet haben wird, bevor er sie erforscht und begriffen haben wird. Patrik Svenssons Buch ist die angemessene Verbeugung vor diesem faszinierenden Lebewesen.

Patrik Svensson: "Das Evangelium der Aale".
Aus dem Schwedischen von Hanna Granz.
Carl Hanser Verlag, München, 254 Seiten, 22 Euro.

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