Montag, 03. Oktober 2022

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"Das ganze Land gleicht einem großen Gefängnis"

Kelsang Gyaltsen, Gesandter des Dalai Lama, erfährt täglich telefonisch aus Tibet, dass sich insbesondere in Lhasa die Repressalien der chinesischen Behörden gegen Tibeter häufen. Am heutigen 50. Jahrestag des Aufstands gegen China aber hegt Gyaltsen auch Hoffnung: die kritische Haltung unter Chinesen gegen die Tibetpolitik Chinas nehme zu.

Kelsang Gyaltsen im Gespräch mit Sandra Schulz | 10.03.2009

    Sandra Schulz: Am Telefon ist jetzt der Gesandte des Dalai Lama in Europa. Guten Morgen, Kelsang Gyaltsen!

    Kelsang Gyaltsen: Guten Morgen!

    Schulz: Herr Gyaltsen, was hören Sie aus Lhasa?

    Gyaltsen: Die Nachrichten aus Lhasa sind sehr, sehr bedrückend. Die Situation in Lhasa kommt einer militärischen Besetzung gleich. Es gibt ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften und Militär und es laufen immer noch die politischen Kampagnen. Zum Beispiel die patriotischen Erziehungskampagnen finden in Klöstern, an Arbeitsplätzen, in den Schulen statt, wobei die Tibeter gezwungen werden, den Dalai Lama zu denunzieren. Und es gibt auch andere Kampagnen wie das harte Durchgreifen, und diese Kampagnen sind zur Einschüchterung der Bevölkerung, und wegen dieser Kampagnen kommt es immer wieder zu Verhaftungen. Bei Verhaftungen und in Gefängnissen werden die Tibeter schwer misshandelt und gefoltert. Die letzten Nachrichten aus verschiedenen Gebieten von Tibet sind, dass vereinzelt auch auf Demonstranten geschossen wird. Faktisch herrschen in Tibet also Kriegsrechtszustände und das ganze Land gleicht einem großen Gefängnis, und weil die Chinesen Tibet von der Außenwelt total abgeriegelt haben, weiß niemand, was eigentlich in diesem großen Gefängnis vor sich geht.

    Schulz: Wer sind Ihre Quellen?

    Gyaltsen: Unsere Quellen sind nach wie vor Tibeter, denen es ab und zu gelingt, einen Anruf ins Ausland zu machen. Obwohl vielen Tibetern die Mobiltelefone und Computer weggenommen worden sind, gelingt es immer noch einigen, einen Anruf ins Ausland zu machen, oder Tibeter gehen in die nächste größere chinesische Stadt, um von dort aus ins Ausland zu telefonieren. So bekommen wir unsere Informationen. Es wird auch für uns immer schwieriger, die Verbindungen nach Tibet aufrecht zu erhalten.

    Schulz: Wie groß ist Ihre Sorge nach allem, was Sie hören, und nach allem, was Sie erfahren, dass es wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt, in diesem Jahr wie im vergangenen?

    Gyaltsen: Diese Gefahr besteht und deshalb hat der Dalai Lama am tibetischen Neujahrstag – das war am 25. Februar – in einem Aufruf die Tibeter gebeten und den Tibetern abgeraten, öffentliche Proteste oder Demonstrationen durchzuführen, weil das nur zu vermehrter Repression und Härte durch die chinesische Regierung führen würde. Aber aufgrund der vorherrschenden Situation in Tibet ist die Verbitterung und die Wut unter den Tibetern sehr, sehr groß. Gleichzeitig gibt es, wie ich vorhin erwähnt habe, ein großes Aufgebot an Sicherheitskräften und Militärs, die bereit sind zu schießen, wenn was vorfällt.

    Schulz: Knapp 50 Jahre liegt die Flucht des Dalai Lama ins Exil jetzt zurück. Seit November des vergangenen Jahres liegen die Verhandlungen mit China wieder auf Eis. Welche Perspektiven gibt es denn überhaupt, 50 Jahre danach, für eine Lösung des Konflikts?

    Gyaltsen: Wenn wir die aktuelle Situation in Tibet betrachten, ist es natürlich sehr, sehr pessimistisch. Aber im größeren Bild der Situation sehen wir auch positive Entwicklungen. Beispielsweise nimmt in China selbst unter Chinesen die kritische Haltung zu der offiziellen China-Politik in Tibet zu. Chinesische Intellektuelle haben zum Beispiel im letzten Jahr das harte Vorgehen der chinesischen Regierung in Tibet kritisiert und die chinesische Regierung aufgefordert, mit dem Dalai Lama in einen Dialog zu treten. Chinesische Anwälte haben öffentlich bekundet, dass sie Tibeter, die bei den Demonstrationen verhaftet wurden, verteidigen. Und wir wissen auch, dass es immer eine wachsende Zahl von Chinesinnen und Chinesen gibt, die sich für den tibetischen Buddhismus interessieren und von tibetischen Lamas buddhistische Belehrungen empfangen. Also es gibt auch positive Entwicklungen, aber es ist richtig: Die Haltung der chinesischen Regierung in Bezug auf Tibet ist nach wie vor sehr unnachgiebig und sehr unversöhnlich. Es zeichnen sich aber in der chinesischen Gesellschaft positive Entwicklungen ab, auf die wir unsere Hoffnungen setzen.

    Schulz: Aber es gibt auch Entwicklungen in Tibet, vor allem bei den Jüngeren, bei denen nämlich Beobachter eine größere Gewaltbereitschaft sehen. Teilen Sie die Sorge darüber?

    Gyaltsen: Es ist richtig, dass unter den Tibetern, in gewissen Kreisen von Tibetern, auch über die Gewaltlosigkeit im Freiheitskampf des tibetischen Volkes diskutiert wird, ob die Gewaltlosigkeit es vermag, diesem Anliegen der Tibeter zum Erfolg zu verhelfen.

    Schulz: Und diese Debatte ist neu, oder?

    Gyaltsen: Die Debatte ist nicht neu. Diese Debatte wird seit Jahren geführt. Aber die Zahl der Leute, die an dieser Debatte teilnehmen, wächst, und auch die Art der Debatte. Früher war das rein akademisch. Heute wird die Debatte auch viel, viel ernster geführt. Aber es ist wirklich eine kleine Gruppierung innerhalb der Tibeter. Der Dalai Lama hat im letzten November eine Sonderversammlung der Tibeter einberufen. In dieser Versammlung wurde sehr lebhaft und offen über den weiteren Kurs des tibetischen Freiheitskampfes diskutiert. Es gab auch Gruppierungen, die für eine totale Unabhängigkeit Tibets gestanden haben. Aber was das Gemeinsame in allen Gruppierungen war: Was immer das Ziel des tibetischen Freiheitskampfes sein mag, alle sind entschlossen, am Weg der Gewaltlosigkeit festzuhalten. Die bestimmenden Kräfte innerhalb des tibetischen Volkes sind völlig für die Gewaltlosigkeit.

    Schulz: Das waren Einschätzungen des Gesandten des Dalai Lama in Europa. Vielen Dank, Kelsang Gyaltsen.

    Gyaltsen: Guten Tag!