Samstag, 01. April 2023

Marcel Proust: Die 75 Blätter
Das Gutenachtkuss-Drama von Combray

Sensationsfund im Jahr 2021: Unbekanntes von Marcel Proust! Ein Verleger hatte 75 handbeschriebene Blätter in einer Schublade 'vergessen'. Sie enthalten frühe Fassungen etlicher Szenen des Jahrhundertromans „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Von Dirk Fuhrig | 29.01.2023

Marcel Proust: „Die fünfundsiebzig Blätter und andere Manuskripte aus dem Nachlass“
Die Madeleines waren noch trockenes Brot, aber das Triggern der Erinnerung durch einen altbekannten Geschmack gab es schon. An Marcel Prousts Vorarbeiten zur "Recherche", die jetzt als „Die fünfundsiebzig Blätter und andere Manuskripte aus dem Nachlass“ veröffentlicht wurden, lässt sich die Entwicklung des Schriftstellers zum eleganten Stilisten nachvollziehen. (Foto: IMAGO / Heritage Images / Fine Art Images, Buchcover: Suhrkamp Verlag)
Auf einem der „Feuillets“ notiert Marcel Proust im Jahr 1908 diese Zeilen aus der Sicht seines Ich-Erzählers:
„Erstaunt habe ich von meinem Maschinisten erfahren, dass man, wenn man in Chartres rechts die Straße nach Nogent-le-Rotrou nimmt und dann zwei oder drei Mal links abbiegt, zum Schloss von Villebon gelangt.“
Chartres, Nogent-le-Rotrou, Villebon - drei Ortsnamen, die einem im Kontext der „Suche nach der verlorenen Zeit“ zunächst wenig sagen. Aber diese Landschaft rund 100 Kilometer südwestlich von Paris ist dem ersten Kapitel des Romans - „Combray“ - tief eingeschrieben:
„Für mich ist das, als sagte man mir, man gelange, nachdem man einen ersten Weg und dann einen zweiten genommen habe, ins Land der Träume. So hatte in der Antike der Brunnen, durch den man ins Reich des zukünftigen Lebens hinabstieg, eine genaue geographische Lage und lag inmitten realer Orte.“
Hier klingt die Beschreibung des Lebens auf dem Land der Familie des berühmten Proust’schen Ich-Erzählers an - mit ihren ritualisierten Spaziergängen vor dem Abendessen:
„Recht lange ahnte ich nicht einmal, was Villebon ist. Nach dem Mittagessen, wenn man noch ewig eine Tasse Kaffee ausgetrunken und sich, nachdem man schon seit einer Dreiviertelstunde mit dem Essen fertig war, eine letzte Pflaume genommen hatte, sagte man: ,Es ist schön, es wird kein Gewitter geben. Wir könnten doch den Weg nach Villebon gehen?’ Der Weg nach Villebon, das war eine fremde Gegend, ganz anders als beispielsweise der Weg nach Bonneval, den wir einfach an den Tagen einschlugen, an denen wir den Nachmittag im Park verbracht hatten.“

Die beiden Seiten in Combray

In der „Suche nach der verlorene Zeit“ sind diese Szenen des Müßiggangs gegliedert durch die beiden „Richtungen“: Entweder spaziert die Familie vom Landhaus in Combray aus zum Schloss der Guermantes - oder sie orientiert sich in die andere Richtung und streift am Zaun des Anwesens von Monsieur Swann entlang. Hier sind sie schon, die beiden Seiten, die mehr sind als eine geografische Bezeichnung: die Welt der altadeligen Guermantes und die des gebildeten Lebemanns Swann.
Ein Nachbar ist bereits in den nun wiedergefundenen „Fünfundsiebzig Blättern“ präsent, er trägt allerdings - noch - einen anderen Namen.
„Aber an jenem Abend würde ich gezwungen sein, ihr eine halbe Stunde, bevor ich schlafen ging, Adieu zu sagen. Ich hatte alles versucht, ich hatte gefleht, Papa zu bitten gewagt, meiner Großmutter ein Briefchen geschrieben, ich hatte mich vor Maman auf die Knie geworfen. Es hatte nichts genützt. Und ich wurde vom Läuten an der Tür überrascht, dem Läuten Monsieur de Brettevilles.“
Dieser Monsieur de Bretteville kommt zwar - anders als Monsieur Swann in der „Recherche“ - nicht stets allein, sondern ist mit Gattin geladen, aber sein Besuch im Haus der Eltern des Ich-Erzählers ist auch hier schon der Auslöser für das Leid des Kinds, das so süchtig nach den abendlichen Liebkosungen seiner Mutter ist: 
„An jenem Abend war meine Qual größer als sonst, denn ich sollte nicht bei Tisch dabei sein, sondern Maman gute Nacht sagen, bevor sie sich zum Essen begab, und wie üblich um halb neun zu Bett gehen, während sie noch beim Essen wäre. Es fiel mir schon jeden Tag sehr schwer, wenn der Kuss, den ich Maman gegeben hatte, mein ganzes Denken erfüllte, mich nach dieser Zärtlichkeit zu beruhigen, um rasch ins Bett zu gehen, ihre Wange noch unter meiner Lippe zu fühlen und einzuschlafen, bevor mich wieder die Angst vor der Trennung von ihr ergriff.“

Die Qualen des Zubettgehens

Das Einschlaf-Trauma ist ein grundlegendes Motiv in dem siebenbändigen Roman, an dem Marcel Proust bis zu seinem Tod 1922 schrieb und dessen letzter Teil erst 1927 gedruckt wurde. Die seitenlang ausgedehnten Qualen des Zubettgehens zählen zu den berühmtesten Episoden der Literatur überhaupt.
Die Vorarbeiten zur „Recherche du temps perdu“ hatte der 1871 geborene Schriftsteller im Alter von Mitte/Ende 30 begonnen. Ein Teil dieser Manuskripte war schon länger bekannt. Von den „Fünfundsiebzig Blättern“, handbeschrieben und in mehreren Bearbeitungsgängen korrigiert, hatte der Verleger Bernard de Fallois schon in den 50er-Jahren geraunt, sie galten jedoch als verschollen.
„Sensationell sind diese Blätter deswegen, weil wir hier zum ersten Mal ganze Szenen ausformuliert finden, die hinterher genau so später in die Recherche übernommen werden.“
… sagt der Proust-Spezialist Jürgen Ritte über die Handschriften, die der Schriftsteller zwischen Ende 1907 und Mitte 1908 verfasst hat - einige Jahre vor Beginn der eigentlichen Niederschrift der „Recherche du temps perdu“.
„Proust scheint hier bei der Redaktion dieser 75 Blätter seinen Weg gefunden zu haben. Da werden die abendlichen Essen im Kreis der Familie geschildert, da kommt das Drama des Gutenachtkusses, das ganz zentral ist in der Recherche.“

„Aus Versehen“ behalten

Jürgen Ritte ist Vizepräsident der deutschen Marcel-Proust-Gesellschaft. Für die Edition der „Fünfundsiebzig Blätter“ hat er unter anderem das ausführliche Nachwort der Proust-Expertin Nathalie Mauriac Dyer übersetzt. Er erläutert, wie es zu der späten Entdeckung kam:
"Die 75 Blätter sind jetzt erst aufgetaucht, weil der junge Bernard de Fallois, der später ein bedeutender französischer Verleger werden sollte, sich für Proust interessierte in den 50er-Jahren, als sich noch niemand so recht für Proust interessierte. Und er ist zu Suzy Monte-Proust gegangen. Und die hat ihm bereitwillig eine ganze Menge Manuskripte gegeben.“
Die Nichte überließ dem damals erst Anfang 30jährigen Verleger de Fallois die Zettel-Sammlung ohne Weiteres. Der Wert dieser Handschriften war ihr wohl nicht bewusst. Aus heutiger Sicht eigentlich unfassbar, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aber offenbar keine große Sache. Damals steckte der Kult um den Autor des in Lindenblütentee getauchten Kuchengebäcks, der Madeleine, noch in den Anfängen. Proust wurde noch nicht als DER französische Jahrhundertschriftsteller betrachtet.
„Und aus diesen Manuskripten, das waren sehr viele, hat Bernard de Fallois zwei Bücher gemacht. Das eine hieß ,Contre Sainte-Beuve´. Und den Roman ,Jean Santeuil´. Er hat dann irgendwann aufgehört, sich weiter dafür zu interessieren. Hat vieles zurückgegeben, aber auch eine ganze Menge behalten. Sagen wir mal: Er hat es aus Versehen behalten. Und diese Manuskripte, die hat er behalten, und die sind nach seinem Tod aus seinen Schränken, aus seinen Archiven, aus seinen Kellern wieder aufgetaucht.“
Ein „Versehen“, ein Liegenlassen mit erheblichen Folgen: für Entstehung und Konzeption der „Recherche du temps perdu“.

Der Geschmack des Kuchens im Tee

Eine dieser Skizzen, die sich nicht einem geschlossenen Text zuordnen lassen, betrifft ein weiteres wesentliches Element bei Proust: die unwillkürliche, unbewusste Erinnerung, ausgelöst durch einen Ort, einen Namen, einen Klang - einen Geschmack:
„Oh weh, sagte ich mir, dieser ganze Teil meiner Vergangenheit ist tot. Wie hätte ich wissen sollen, dass all diese Sommer, der Garten, in dem ich sie verbrachte, der Kummer, den ich da hatte, der Himmel, der darüber war, und das ganze Leben der Meinen, dass all das übergegangen in eine kleine Tasse heißen, siedendheißen Tees, in der trockenes Brot einweichte. Wäre ich der Tasse siedendheißen Tees nicht begegnet – und das hätte sehr gut sein können, denn üblicherweise trinke ich keinen –, wären jenes Jahr, jener Garten, jener Kummer für mich wahrscheinlich nie wieder aufgelebt. Aber vor einigen Tagen, als es wieder einmal eiskalt war, bin ich durchfroren heimgekommen…“
Nicht schwer zu erkennen: In dieser Passage sind erste Gedanken für die Beschreibung des Gefühls notiert, das die „Recherche“ berühmt machen wird. Noch ist der Tee nur ein x-beliebiger Tee - später wird daraus, literarisch zugespitzt, die Lindenblüten-Essenz werden. Noch ist es einfach trockenes Brot - bevor daraus dieses softige Stück Kuchen in Form einer Jakobsmuschel wird: die „Madeleine“.
Eine weitere sensorische, visuelle Erfahrung, auf die Proust immer wieder zurückkommen wird, ist der Anblick der Weißdornhecken, die rund um den Landsitz der Familie westlich von Chartres üppig wucherten. Seine Vernarrtheit in diese „Aubépines“ - die keineswegs immer weiß sein müssen, im französischen Begriff für das Rosengewächs klingt die Farbe nicht an - hat der Autor also schon in diesen Vorarbeiten bekundet:
„Man sah einen Rasen mit dem aus Hauswurz gepflanzten Kreuz der Ehrenlegion; der Rest der Fassade bestand aus Mauern, über die Klematis wucherte und … ein rosablühender Weißdorn. Der Strauch, den ich stets am meisten geliebt habe, den ich so geliebt habe, dass ich bisweilen, wenn er sich biegt, lächelnd seine rosafarbenen, wirren Blüten herabhängen lässt, beinahe außerstande bin, nicht zu glauben, ich sei jemand Besonderes für ihn, wie er für mich jemand Besonderes ist, seit ich ihn liebe und man schon als ich noch ganz klein war über meine Leidenschaft für die geliebte Blüte scherzte. Als ich dort sehr krank wurde, war die erste Freude meiner Genesung der Besuch einer Cousine, die ich mochte, von der ich nie geglaubt hätte, dass sie zu uns kommt, und ein großer Zweig von rosa Weißdorn, den sie mir mitbrachte.“

Von der Autofiktion zur Weltliteratur

Nun mag man sagen: Gut, all das sind interessante Beobachtungen und Funde. Zumindest für die Literaturwissenschaft. Stoff für zahlreiche weitere Doktorarbeiten rund um das Proust-Universum.
Was diese neu entdeckten Fragmente aber auch für den Proust-Leser und -Liebhaber so aufregend macht, ist, dass sich daran die Entwicklung des mondänen Lebemanns Marcel Proust, der eigene Erinnerungen aufschreibt, zum Weltliteraten beobachten lässt.
Jean-Yves Tadié, Frankreichs maßgeblicher Proust-Forscher, weist im Vorwort der Edition darauf hin, dass der Autor in diesen frühen Skizzen die Welt vielfach noch eins zu eins aufgeschrieben hat, als Beobachter.
„Dieser endlose Monolog ist nicht der des Romans, sondern der Monolog der Beichte, der Autobiographie. Und mit diesem beginnt Proust Ende 1907.“
Die Texte sind zu diesem Zeitpunkt also noch eher Lebenserinnerungen denn literarisches Kunstwerk.
„Was durch ein entscheidendes Phänomen bestätigt wird: der Autor verwendet die echten Vornamen der Familie. Die Großmutter heißt Adèle (Berncastell-Weil), die Mutter Jeanne (Weil-Proust), der Erzähler Marcel.“

Der elegante Dandy wird Schriftsteller

Der Weg vom eleganten Dandy, der sich durch die Pariser Salons der Jahrhundertwende plaudert, zum Schriftsteller, der ein eigenes literarisches Universum erschafft, wird hier deutlich.
„Der Rückgriff auf die Technik des Romans wird dem Proust’schen Monolog eine Form geben, Grenzen, Verfahrensweisen, eine Dichte, auch eine Schamhaftigkeit, die er Anfang 1908 noch nicht hatte. Dafür haben wir den Eindruck, das Werk besser zu verstehen; alles, was verborgen war, wird uns erklärt.“
Was Jean-Yves Tadié „Scham“ nennt, könnte man vielleicht auch als Professionalisierung bezeichnen: Proust löst sich von der reinen Realitätsabbildung, einschließlich der Namen der Figuren und Orte - und wird zum Literaten.
„Bei Proust, der von sich glaubte, über ,keinerlei Phantasie´ zu verfügen, wird die romaneske Ader sich gegenüber der autobiographischen oder der autofiktionalen Inszenierung durchsetzen.“
So formuliert es Nathalie Mauriac Dyer im klugen Nachwort zu dieser Ausgabe. 
Auch Jürgen Ritte sieht in den Manuskripten den Übergang von der Wirklichkeitsabbildung zur Literatur.
“Hochinteressant ist, dass bei all dem Proust noch sehr autobiografisch schreibt. Die Familienmitglieder, die abends zusammen im Garten sitzen, der Vater, die Mutter, der Onkel, die Tante usw. sind identifizierbar. Und das sind sie hinterher nicht mehr.“
Die Beobachtungen, die er in seiner Familie und in der Gesellschaft machte, komponiert er nun neu.

Prousts jüdische Seite

„Er verteilt die Eigenschaften der eigenen Leute auf sein Romanpersonal. Und erfindet in diesen 75 Blättern die entscheidende Figur: Swann, die ihren Namen dem ersten Band der ,Suche nach der verlorenen Zeit´ gibt: ,Du côté de chez Swann´ - ,Unterwegs zu Swann´. Eine Figur, die dem Erzähler ganz, ganz nahesteht, eine jüdische Figur.“
Ritte spricht einen Aspekt des Werks von Marcel Proust an, der lange vernachlässigt wurde. Erst in den letzten Jahren haben Proust-Forscher in Frankreich und Deutschland die Bezüge zum Judentum in der „Recherche“ genauer untersucht, etwa Andreas Isenschmid in seinem Buch „Der Elefant im Raum. Proust und das Jüdische“.
Denn die Dreyfus-Affäre um den zu Unrecht des Hochverrats angeklagten jüdischen Offizier ist präsenter in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als lange angenommen. Jedenfalls war der Schriftsteller von den Debatten um den jüdischen Hauptmann, die die französische Gesellschaft spalteten und bei denen ein aggressiver Antisemitismus zu Tage trat, stark betroffen. Proust hatte Émile Zolas Brief „J’accuse!“ mitunterzeichnet.
Laut Jürgen Ritte lässt sich die Beschäftigung mit seiner jüdischen „Hälfte“ - Proust war durch seinen Vater katholisch getauft, seine Mutter war Jüdin - sogar an dem geografischen Ort festmachen, der auf einem Teil der „Fünfundsiebzig Blätter“ genannt wird, nämlich ein Quartier von Paris:
„Was sehr interessant ist, dass der Ort, in dem das alles spielt, identifizierbar ist, ist Auteuil. Das ist kein unbedeutender Vorgang, denn Auteuil als Haus des Onkels, in dem er auch geboren wurde, das ist auch die jüdische Seite Prousts.“
Eben die seiner Mutter Jeanne Weil, die aus einer aus dem Elsass eingewanderten assimilierten jüdischen Familie stammte. In den ersten Kapiteln des fertigen Romans hingegen wird das katholische Combray zum Hauptschauplatz: Dessen reales Vorbild ist das Dorf Illiers, wo die Familie des Vaters Adrien Proust herstammte.

Familienleben in Auteuil

In den „Fünfundsiebzig Blättern“ ist das jüdische Ambiente am Familiensitz im 16. Arrondissement von Paris, das dem lebenslustigen Großonkel Louis gehörte, also weitaus stärker präsent.
„Louis Weil war großzügig und empfing regelmäßig die Seinen in seinem großen Haus mit Garten in der Rue La Fontaine 96.“
So schildert es Nathalie Mauriac Dyer. Auteuil war damals noch ein Stadtteil, der mit seinen vielen Grünflächen als semi-urbane Sommerfrische durchgehen konnte. 
„Der kleine Marcel verlebte dort wahrscheinlich die Jahre 1872 und 1873, in denen Doktor Adrien Proust den Posten eines Chefarztes am Hospiz Sainte-Périne bekleidete, das nur wenige Minuten Fußweg vom Haus des Onkels entfernt lag, wenn man durch die Rue Perchamps ging. Bis zum Tode Louis Weils im Jahre 1896 waren die Aufenthalte in Auteuil häufig.“
Das Familienleben in Auteuil prägte Marcel Prousts frühe Kindheit und sein späteres Schreiben: Manche Charakter-Eigenschaften des Großonkels Louis Weil legte der Schriftsteller in seine Roman-Figur Swann: etwa den von seinen erotischen Trieben beherrschten Bonvivant, der jedem Dienstmädchen hinterher jagte. Die Herausgeberin betont, wie rudimentär in den Handschriften aus dem Jahr 1908 noch bestimmte Aspekte sind, die im Laufe der Niederschrift des eigentlichen Romans so große Bedeutung bekommen:
„Sowenig der Erzähler der ,Fünfundsiebzig Blätter´ die Frage des Jüdischen angeht […], so wenig geht er auch die Frage der Homosexualität an. In dieser Hinsicht dürften dem Leser der Recherche die ,Fünfundsiebzig Blätter´ als zurückhaltend oder unergiebig erscheinen. Proust hat noch nicht die großartigste seiner Gestalten aus sich selbst herausgeholt, den Baron de Charlus. […] Doch interessierte sich Proust schon seit Ende 1907 lebhaft für die ,Homosexualitätsprozesse´, die in Deutschland aufeinander folgten und schließlich, am 8. Mai 1908, zur Verhaftung des Fürsten Philipp zu Eulenburg führten, eines engen Vertrauten des Kaisers.“

Tiefe Einblicke in den Schaffensprozess

"Die fünfundsiebzig Blätter“, die in Frankreich als Sensation gefeiert wurden, sind also ein echter Fundus für die Gemeinde der Proust-Enthusiasten. Wer die „Suche nach der verlorenen Zeit“ schon in- und auswendig kennt, dem bietet dieser Band einen tiefen Einblick in den Schaffensprozess des Schriftstellers. Besonders interessant sind das ausführliche, gut einordnende Nachwort und die  Konkordanz zur französischen Gesamtausgabe sowie zur Frankfurter Suhrkamp-Ausgabe.
„Wir sind in der Tat im Maschinenraum der verlorenen Zeit, das stimmt. Aber ich würde mich persönlich zu der etwas steileren These versteigen“,
sagt der Literaturwissenschaftler Jürgen Ritte:
„Dass das eine wichtige Etappe ist. Dass Proust schon immer im Grunde genommen an der Recherche geschrieben hat. Selbst der kleinste Zeitungsartikel für den „Figaro“ – und er hat viele Zeitungsartikel für den „Figaro“ geschrieben – enthält Metaphern, Denkfiguren, die er alle wieder aufnimmt. Er ist ein Meister des Recyclings.“
Material für den siebenbändigen Lebensroman der „Recherche du temps perdu“ also. Eines der wirkmächtigsten Elemente, die dieses epochale Werk prägen, ist die Angst des Kindes Marcel vor der Einsamkeit.
"Und dann begann dieses Labyrinth von Stufen, deren jede mich von Maman entfernte und meinem Gefängnis näherbrachte, denn es wäre zu spät, mich zu besinnen, noch einmal zurückzugehen (ohnehin etwas sehr Schwieriges), um ihr gute Nacht zu sagen; ein so grauenhaftes Labyrinth von Schmerzen war diese Treppe.“
Und dieses berühmte Drama des Zubettgehens hat der Autor auf seinen „Fünfundsiebzig Blättern“ schon deutlich erkennbar zum Ausdruck gebracht.
Marcel Proust: „Die fünfundsiebzig Blätter und andere Manuskripte aus dem Nachlass“
Herausgegeben von Nathalie Mauriac Dyer
Aus dem Französischen von Andrea Spingler und Jürgen Ritte
Suhrkamp Verlag, Berlin 2023. 300 Seiten, 28 Euro.