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StartseiteInterview"Das ist gang und gäbe bei allen Redaktionen"26.02.2010

"Das ist gang und gäbe bei allen Redaktionen"

"Bunte"-Chefredakteurin weist Spionagevorwurf zurück

Die Chefredakteurin der Zeitschrift "Bunte", Patricia Riekel, hat die Vergabe eines Recherche-Auftrags an die Agentur CMK gerechtfertigt. Man habe ausschließlich "im erlaubten Maß" versucht, Informationen über Horst Seehofer, Oskar Lafontaine und Franz Müntefering zu "verifizieren und mit Fotos zu belegen".

Patricia Riekel im Gespräch mit Dirk Müller

"Keiner kann sich mehr einen Stab von Fotografen leisten." (AP)
"Keiner kann sich mehr einen Stab von Fotografen leisten." (AP)

Dirk Müller: Es ist vielleicht weitaus mehr als nur ein Streit zwischen zwei großen Zeitschriften. Der "Stern" berichtet, dass eine Berliner Agentur im Auftrag der "Bunten" das Privatleben von Berliner Spitzenpolitikern systematisch ausspioniert habe. Horst Seehofer, Franz Müntefering, Oskar Lafontaine sollen dazu gehören. Die "Bunte" widerspricht dagegen ausdrücklich dem "Stern"-Bericht und hat offenbar juristische Schritte eingeleitet. "Diesem sehe ich mit absoluter Gelassenheit entgegen", sagt "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn. - Darüber sprechen wollen wir nun mit "Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel. Sie ist jetzt bei uns am Telefon. Guten Morgen!

Patricia Riekel: Guten Morgen!

Müller: Frau Riekel, haben Sie sich bei Ihren Recherche-Arbeiten von John le Carré inspirieren lassen?

Riekel: Nein. Wir haben im Zusammenhang von Informationen, die wir bekommen haben und die für ein People-Magazin interessant sind, einen externen Recherche-Auftrag vergeben an die Agentur CMK, mit der wir seit Jahren zusammenarbeiten und von der nichts Negatives bisher bekannt geworden ist, und mit dieser Agentur, die Fotos anbietet und Recherche-Aufträge übernimmt, Fotorecherchen, arbeiten alle großen Magazine Deutschlands zusammen, auch Tageszeitungen, unter anderem auch der "Stern".

Müller: Was bedeutet das, Frau Riekel, ganz konkret, Recherche-Aufträge, Fotorecherche-Aufträge im Zeitalter der Paparazzi?

Riekel: Ja, eine schöne Frage. - Es ist so, dass die Redaktionen alle geschrumpft sind. Die meisten Redaktionen haben keine eigenen Fotografen mehr. Wir sind also immer gezwungen, wenn wir fotografische Recherchen oder Aufträge haben, Freelancer einzusetzen. Das ist gang und gäbe bei allen Redaktionen. Keiner kann sich mehr leider einen Stab von Fotografen leisten.

In dem Fall ging es um Informationen von drei Politikern, deren Privatleben durchaus auch Auswirkungen auf das Leben der Öffentlichkeit haben kann, und im erlaubten Maß haben wir versucht, die Informationen zu verifizieren und auch mit Fotos dies zu belegen. Im Einzelfall ging es um Herrn Müntefering, Herrn Lafontaine und Herrn Seehofer. Es gibt jetzt den Eindruck durch den "Stern", dass da jahrelang regelrecht spioniert worden sei. Das ist nicht richtig.

Müller: Wie lange ist das denn gelaufen, Frau Riekel?

Riekel: Das kann ich Ihnen genau sagen. Herr Seehofer ist einen einzigen Tag von unserem Fotografen beobachtet worden, von dem Fotografen der CMK, ein einziger Tag.

Müller: Das war ja eine gute Quote. Da hat er alle Fotos machen können?

Riekel: Der hat keine Fotos gemacht. Es gibt ein einziges Foto von der damaligen Freundin von Herrn Seehofer und das ist alles. Es gibt auch kein Foto zusammen und das ist ein Foto, das auf der Straße aufgenommen worden ist. Das ist das einzige. - Im Fall von Lafontaine hatten wir eine Information, dass er eine Beziehung zu einer bekannten Linken-Politikerin haben soll. Diese Geschichte ist später vom "Spiegel" veröffentlicht worden. Wir haben selber recherchiert, also die Redaktion, und gleichzeitig haben wir der Agentur den Auftrag gegeben, möglicherweise nach Fotos zu fahnden oder Fotos zu erstellen, wenn diese Geschichte stimmt. Nach zwei Wochen stellte sich heraus, dass nichts an dieser Geschichte dran ist, und wir haben der Agentur gesagt, brechen Sie bitte die Recherche-Arbeiten ab.

Müller: Zwei Wochen Recherche, wenn ich hier noch mal nachfragen darf, Frau Riekel, zwei Wochen Recherche dieser Recherche-Agentur. Die "Stern"-Autoren schreiben ja von manipulierten Briefkästen, präparierten Fußmatten und angemieteten Spitzelwohnungen.

Riekel: Ja. Sie haben sicher den Bericht sehr aufmerksam gelesen und da können Sie auch dem "Stern" entnehmen, dass der "Stern" sagt, über diese Methoden wurde angeblich gesprochen, aber keine dieser Methoden wurde durchgeführt.

Müller: Also das stimmt alles nicht?

Riekel: Nein! Das steht im "Stern". Der "Stern" empört sich ja darüber, dass zwei Mitarbeiter dieser Agentur darüber diskutiert haben, ob man Fußmatten präparieren kann, Hausboote und Wohnungen anmieten und so weiter und so weiter. Das ist aber nicht passiert! Das ist nicht passiert. Das versichert auch der Besitzer der Agentur. Jetzt ist die Frage, haben da zwei Journalisten Fantasien gehabt, haben sie sich überlegt, wie können wir denn den Mann fotografieren und war das alles nur so ein bisschen Fantasterei, oder war das wirklich in den Köpfen drinnen.

Müller: Aber Sie sagen ja, das hat alles nicht stattgefunden?

Riekel: Genau!

Müller: Sagen wir, diese "perfiden Methoden"?

Riekel: Hat nicht stattgefunden! Aber nach "Stern"-Bericht wurden sie erörtert. Jetzt gebe ich Ihnen dazu eine Stellungnahme: Wenn das ernsthaft erörtert wurde, ist das natürlich absolut verboten und unseriös.

Müller: Aber Sie wissen es eben noch nicht genau?

Riekel: Der "Stern" schreibt selber, dass dies erörtert wurde, aber nicht durchgeführt.

Müller: Das heißt, Frau Riekel, Sie gehen, wenn ich Sie richtig verstanden habe, davon aus, dass diese Rechercheure, diese Fotografen im Grunde, wie wir das vom "Tatort" im Fernsehen her kennen, zwei Wochen im Auto sitzen und dann einfach die Kamera mal in Richtung Fenster oder Haustür halten?

Riekel: Genau. Davon gehe ich aus, so verstehe ich das. Wenn es um einen Recherche-Auftrag geht, dass man Fotos von jemand haben möchte, dann werden diese Fotografen - so verlangt es der Ehrenkodex des Deutschen Presserats - dann werden diese Fotografen versuchen, sich an Orten aufzuhalten, wo man diese Person vermutet.

Müller: Und damit haben Sie keine Probleme?

Riekel: Wenn das im zulässigen Rahmen passiert. Der Ehrenkodex des Deutschen Presserats, der sehr wichtig ist für unsere Branche, sagt, dass verdeckte Recherche nicht erlaubt ist, nicht zulässig, es sei denn, es handelt sich um wichtiges Material, das sonst nicht auf andere Weise zu erstellen ist.

Müller: Und diese persönliche Komponente der Politiker ist für Sie sehr wichtiges Material?

Riekel: Das ist immer eine Frage, wie intim das ist. Aber Spitzenpolitiker wie die drei, von denen wir hier geredet haben, die haben Vorbildfunktion, Vorbildfunktion, und deswegen ist ihr Privatleben für die Öffentlichkeit sehr wohl von Bedeutung, denn sie sind ja die Leitfiguren, die Symbole unseres Wertesystems.

Müller: Zumindest will die "Bunte" dann mit dafür sorgen, dass man nicht nur den Politiker wählt, sondern auch die Privatperson?

Riekel: Wenn Sie einen Politiker wählen, der zum Beispiel sagt, ich stehe für ein christlich-soziales Lebensmodell und ich stehe für Familie und die Familie ist mir heilig, und wenn dieser Politiker mit seiner Familie in den Wahlkampf zieht und sagt, schauen Sie mich an, ich bin ein Vorbild, ein Familienvater, ich erfülle diese Pflichten und das ist für mich wichtig, und wenn dieser Politiker nebenbei eine Affäre hat, dann wäre das immer noch nicht für uns von Bedeutung. Wenn aber diese Affäre seit sechs Jahren andauert und in einem Kind gipfelt, dann hat der Wähler das Recht zu sagen, hier ist einer, der zwar dieses Wertesystem predigt, der aber selber nicht danach lebt. Die Moral eines Politikers hat ja durchaus Auswirkungen auch auf seine politischen Entscheidungen und damit, Herr Müller, auch auf unser aller Leben.

Müller: "Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel bei uns im Deutschlandfunk. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören.

Riekel: Danke schön!

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