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"Das ist natürlich ein Politikum"

Im Zwischenlager Ahaus im Münsterland lagert Atommüll aus einem ehemaligen DDR-Forschungsreaktor. Er soll zurück nach Russland gebracht werden, doch der Transport verzögert sich. Nach den Protesten im Wendland ist vielen Bundesländern ein Castortransport derzeit zu gefährlich.

Barbara Schmidt-Mattern im Gespräch mit Theo Geers |
    Theo Geers: Es ist gerade vier Wochen her, dass die Castortransporte nach Gorleben für Aufregung gesorgt haben, doch seit Wochen wird auch über einen weiteren Atommülltransport kräftigt spekuliert. Es geht um fast 1000 Brennelemente aus dem ehemaligen DDR-Forschungsreaktor Rossendorf bei Dresden. Die lagern seit fünf Jahren im Zwischenlager Ahaus im Münsterland. Der strahlende Müll soll eigentlich weg, und zwar nach Russland, aber so, wie es derzeit aussieht, bleibt er erst mal hier. Barbara Schmidt-Mattern ist unsere Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen und damit für Ahaus zuständig. Frau Schmidt-Mattern, zunächst eine Begriffsklärung: Der Müll soll nach Russland - warum?

    Barbara Schmidt-Mattern: Weil dieser Müll ursprünglich aus Russland stammt. Sie haben es eben schon erwähnt, die 951 Brennstäbe, um die es geht - das sind fast 18 Castoren, die damit gefüllt werden -, die wurden ursprünglich aus Russland zu DDR-Zeiten noch in das Kernforschungszentrum Rossendorf in Sachsen geliefert und kamen dann im Jahre 2005 weiter von Sachsen nach Ahaus, weil dem Freistaat Sachsen seit jeher daran gelegen war, dieses Zeug so schnell wie möglich loszuwerden. Der zweite Grund, warum diese Brennstäbe jetzt nach Russland zurück sollen, ist ein internationales Abkommen, das die Rückholung von Brennelementen aus Forschungsreaktoren weltweit liefert. Dieses Abkommen wurde geschlossen zwischen Russland und den USA und der Internationalen Atomenergiebehörde, und das sind zwei gewichtige Gründe, weswegen diese ganze Debatte jetzt ins Rollen gekommen ist.

    Geers: Aber so, wie es jetzt aussieht, Frau Schmidt-Mattern, wird dieser Transport dieses Jahr nicht mehr stattfinden, warum nicht?

    Schmidt-Mattern: Na ja, ich glaube, das hat mehrere Gründe. Zum einen ganz formale: Das Bundesamt für Strahlenschutz, das dem Bundesumweltministerium unterstellt ist, hat eine Transportgenehmigung im September bereits erstellt, was aber bislang immer noch fehlt, ist eine Ausfuhrgenehmigung. Und da hat es gestern ein Treffen im Bundesumweltministerium gegeben, wo man über diese Frage noch einmal entscheiden wollte: Können wir die Brennstäbe über NRW, über Niedersachsen und dann über die Seehäfen Bremen und Hamburg weiter Richtung Russland verschiffen. Da stellen sich aber die betroffenen Bundesländer auf die Hinterbeine und sagen, wir wollen das nicht, das ist uns zu gefährlich. Und das ist im Grunde im Moment das wesentliche Motiv, warum hier etwas ins Stocken geraten ist. Das Zweite ist sicherlich noch ein rein politischer Grund: Gerade jetzt nach den Protesten im Wendland, der Debatte um Gorleben, weiß natürlich auch die Bundesregierung, wie aufgeheizt dieses ganze Thema ist. Und jetzt einen Castortransport schon wieder auf die Straße zu schicken, noch dazu in ein Land in einer Atomanlage in Russland, die hoch umstritten ist, das ist natürlich ein Politikum.

    Geers: Bleiben wir noch mal kurz bei der ganzen Transportkette, die Sie ja schon erklärt haben, von Ahaus bis nach Majak in Russland, also bis an den Ural in Russland: Wer ist denn derzeit alles gegen den Transport? Sie erwähnten die Hansestädte Hamburg und Bremen, die wollen das Zeug nicht in ihren Häfen verladen, aber wer ist noch dagegen?

    Schmidt-Mattern: Na ja, natürlich die Antiatomkraftszene weit über Ahaus hinaus, die sind ja inzwischen gut vernetzt, und dieses ganze Thema Atomtransporte weg aus Ahaus hat ja nun auch schon seit Wochen und Monaten Wellen geschlagen. Also da ist die Bürgerinitiative in Ahaus, aber natürlich auch die jeweiligen Landesregierungen der Stadtstaaten, jetzt Bremen und Hamburg, aber auch das Land NRW. Die scheuen nicht nur die Proteste an sich, die scheuen auch einfach die sehr, sehr hohen Kosten, die mit so einem Polizeieinsatz verbunden wären, um diesen Castortransport zu begleiten.

    Geers: Könnte der Müll denn erst mal hierbleiben?

    Schmidt-Mattern: Der könnte erst mal hierbleiben. Es ist ein bisschen die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die Bürgerinitiative vor Ort in Ahaus sagt, eh wir diesen gefährlichen Transport auf die Straße schicken, ist es uns im Zweifel lieber, das Zeug hierzulassen, denn erstens, ein Transport birgt immer gewisse Gefahren, und der zweite Hauptgrund ist, dass der Zielort, nämlich Majak im Südural, eine der weltweit verstrahltesten Regionen ist nach Atomunfällen, Reaktorunfällen in den 50er-, 60er-Jahren schon, das liegt alles weit zurück. Aber die Region gilt als absolut verstrahlt, es ist bislang nicht gewährleistet, dass dort eine sachgemäße Entsorgung stattfinden könnte, und da sagen die Atomkraftgegner hier in Deutschland - wie übrigens auch einige in Russland -, das können wir nicht verantworten, den Atommüll dort hinzuschicken.

    Geers: Könnte das bedeuten, Frau Schmidt-Mattern, und bitte um eine kurze Antwort, dass wir Deutsche auf dem russischen Müll sitzen bleiben könnten?

    Schmidt-Mattern: Na ja, im Moment ist davon die Rede, dass der Transport möglicherweise im Frühjahr stattfinden könnte, aber dass Majak nicht der richtige Ort ist, das bleibt ein Problem. Diese Frage ist offen, und letzten Endes stoßen wir wieder auf das Problem, dass wir kein Endlager haben.

    Geers: Danke schön! Das war Barbara Schmidt-Mattern über den bislang verschobenen Atommülltransport nach Russland.