Donnerstag, 11. August 2022

Ilse Molzahn: „Der schwarze Storch“
Das Kind, das spricht

Ein kleines Mädchen wächst Anfang des 20. Jahrhunderts als Tochter eines Gutsbesitzers in Ostpreußen auf. Staunend erzählt es vom bäuerlichen Leben und zwischenmenschlichen Abgründen. Mehr als 80 Jahre nach Erscheinen lässt sich Ilse Molzahns eindrucksvoller Roman „Der schwarze Storch“ wiederentdecken.

Von Bettina Baltschev | 21.07.2022

Ilse Molzahn: Der schwarze Storch
Eine Wiederentdeckung: Ilse Molzahns Roman "Der schwarze Storch" (Portraitfoto: Madeline Winkler © Staatsbibliothek zu Berlin / Cover: Wallstein Verlag)
Man hat schon einige Kapitel dieses Buches gelesen, bis man den Taufnamen des Kindes erfährt, das uns hier aus seinem jungen Leben berichtet. Katharina heißt es, aber alle nennen es nur Kater, was gut zu dem Mädchen passt. Denn es stromert so gern über den Gutshof seiner Eltern, durch den Garten und über die Felder. Stillsitzen fällt ihm schwer, aber das muss es auch nicht. Mit seinen fünf oder sechs Jahren ist die Schule noch fern. Außerdem, ist die Natur nicht die beste Lehrmeisterin?

„Ein großer Vogel sitzt mit einem Male auf der Pappel. Ich habe geträumt und nicht gesehen, woher kam. Er sitzt in dem steilen, kahlen Geäst und braucht viel Platz. Der Wind schaukelt ihn ein wenig, der ganze Baum schwankt. ‚Wer bist du?‘ fragte ich zitternd vor Freude und Aufregung über das Neue und Unbekannte, das mit einem Male in Olanowo eingezogen ist. Ist das ein Storch? Einer, der aus Versehen schwarz geraten ist? Nun, ganz gleich. Freude, Freude, daß er da ist und ich nicht mehr allein bin!“

Ein kluges Kind, das alles sieht

Es ist ein trockenes, staubiges Jahr in Ostpreußen am Anfang des 20. Jahrhunderts, von dem Ilse Molzahn das Mädchen Kater in ihrem Debütroman „Der schwarze Storch“ erzählen lässt. Der Gutshof ist bevölkert von Menschen unterschiedlichster Herkunft. Die fromme Mutter kommt aus großbürgerlichen Verhältnissen, der Vater müht sich vergebens um gute landwirtschaftliche Erträge. Außerdem sind da Köche, Mägde und das Kindermädchen Helene, dem eine besondere Rolle zukommt. Denn bei ihm bekommt das Mädchen die Wärme, die sie bei der Mutter nicht findet. Doch muss sie erleben, wie Helene in eine ihr nicht begreifliche Not gerät und mit dem Krankenwagen abgeholt wird. Es gehört zur kindlichen Perspektive des Romans, dass die staunende Erzählerin mehr Fragen als Antworten hat, dass sie alles, was sie sieht und hört, zwar beschreiben aber sich oft nicht erklären kann. So weiß nur, dass Helene etwas angetan wurde, von einem Mann, und dass die anderen Erwachsenen nun über sie tuscheln. Überhaupt beobachtet Kater immer wieder, wie Männer und Frauen auf seltsame Weise miteinander umgehen, mal liebevoll, mal grob, oft beides. Als in der Johannisnacht ein Picknick stattfindet und eine erotisch aufgeladene Spannung in der Luft liegt, wünscht sie sich, Helene wäre bei ihr.

„Helene könnte man fragen, wenn sie da wäre. Es tut weh, an sie zu denken, denn sie antwortet nicht. Nicht heute und nicht gestern. So ist sie. Frage ich die anderen, antworten sie immer. Sie wissen alles und drücken es klug und bedeutend aus. Aber ich glaube, daß es falsch ist, was sie wissen. Helene, die man weggefahren hat, weil sie krank ist, versuchte niemals mir etwas einzureden, von dem sie wußte, daß ich es doch nicht glauben könnte.“

Rührend und schonungslos erzählt

Was den sprachlichen Ausdruck betrifft, fühlt man sich bei der Lektüre von „Der schwarze Storch“ hin und wieder an „Kind aller Länder“ von Irmgard Keun erinnert, in dem das Mädchen Kully das Exil der Eltern als Abenteuerreise durch Europa erlebt. Auch „Heidis Lehr- und Wanderjahre“ von Johanna Spyri kommen einem in den Sinn und dieses Buch soll Ilse Molzahn tatsächlich sehr gern gelesen haben.

So erfährt man es aus dem sehr erhellenden Nachwort vom Herausgeber Thomas Ehrsam. Er führt in das Leben der Schriftstellerin ein und verortet ihren Debütroman in seiner Entstehungszeit. 1895 als Ilse Theodore Lisette Schwollmann geboren, verheiratet mit dem expressionistischen Maler Johannes Molzahn, schreibt die Schriftstellerin ihren „Kindheitsroman“, wie sie ihn selber nennt, Anfang der 1930er Jahre. Gedruckt wird er aber erst 1936 im Rowohlt Verlag und landet bald wegen „Zersetzung des deutschen Junkertums“ auf dem Index der Nationalsozialisten. In der Tat taucht zum Ende des Romans eine Stimme auf, die ein Märchen über den schwarzen Storch erzählt. Und dieses Märchen erweist sich als visionäre Parabel auf die Gegenwart der Autorin.

„'Als die weißen Störche kamen, erkannten sie ihn nicht. Sie hatten vergessen, daß Gott sie einmal alle zusammen in seinem Mantel getragen. Sie waren Brüder, aber sie erkannten sich nicht. Und so wurden sie zu Feinden, die aufeinander losgingen. Sie schlugen mit den Flügeln und hackten sich mit ihren langen Schnäbeln, doch der Kampf, der lange währte, blieb unentschieden bis…‘ - ‚Bis unsere Leute kamen, um sie auseinander zu treiben!‘ schreie ich und springe auf.“

Der echte schwarze Storch, den das Mädchen am Anfang im Baum entdeckt, hängt mittlerweile ausgestopft im Esszimmer, abgeschossen vom Vater. Wie ein dunkles Omen schwebt er über allem und ist vielleicht sogar schuld daran, dass Helene stirbt und die Familie den Gutshof schließlich aufgeben muss. Kunstvoll gehen ostpreußische Realität und kindliche Phantasie in Ilse Molzahns Roman ineinander über. Die Naivität des erzählenden Kindes ist rührend, aber auch schonungslos. Kully und Heidi haben mit Kater eine lebendige kleine Cousine bekommen, die man nicht so leicht vergisst.
Ilse Molzahn: „Der schwarze Storch“
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Thomas Ehrsam.
Wallstein Verlag, Göttingen.
376 Seiten, 28 Euro.

Anmerkung der Redaktion: In der Anmoderation zur Audiofassung des Beitrags haben wir einen Fehler korrigiert: Ilse Molzahn stammt nicht aus Ostpreußen, wie dort irrtümlich gesagt, sondern aus Kowalewo in Posen.