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StartseiteForschung aktuellSimulieren und testen20.07.2020

Das neue atomare Wettrüsten (3/6)Simulieren und testen

In der Wüste Nevadas erzählen Unmengen von Kratern von Kernwaffentests. Der bislang letzte Versuch fand 1992 statt. Wenige Wochen später begannen die Verhandlungen zum Kernwaffenteststopp-Vertrag. Doch verhindert ein Verbot von Tests auch die Entwicklung neuer Atomwaffen?

Von Dagmar Röhrlich

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Kanadische und britische Betrachter des Atomwaffentests am 27.1.1951 nach dem Abwurf einer 1-Kilotonnen-Atombombe aus einer B-50-Superfortress (Nevada-Testgelände) (www.imago-images.de)
Kanadische und britische Betrachter des Atomwaffentests am 27.1.1951 (www.imago-images.de)
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"169 Staaten haben den Atomwaffenteststopp-Vertrag ratifiziert, nicht jedoch die Vereinigten Staaten und auch nicht China."

15. Mai 2020. Repräsentanten der obersten nationalen Sicherheitsbehörden der USA beraten über die Anschuldigungen, die Mitarbeiter der Trump-Administration erhoben haben.

"Derzeit fürchtet die amerikanische Seite, dass die Russen den Vertrag gebrochen haben und verbotene Nukleartests durchführen – für Waffen mit geringer Sprengkraft. Und vor kurzem kamen Anschuldigungen hinzu, dass auch die Chinesen möglicherweise gegen den sogenannten Teststopp verstoßen," sagt Shannon Kile vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI.

Dossier: Atomwaffen (picture-alliance/dpa/Fotoreport) (picture-alliance/dpa/Fotoreport)

Haben Russland und China illegale Nukleartests durchgeführt?

Russland streitet die Vorwürfe vehement ab, auch China, das ohnehin den Teststoppvertrag nicht ratifiziert hat. Doch der Verdacht ist nicht aus der Welt. Shannon Kile:

"Das Atomteststopp-Abkommen wird von der CTBTO mit einem internationalen Netzwerk überwacht. Dieses Überwachungssystem ist für die sozusagen ‚normalen Versuche‘ ausgelegt."

Das weltweite Sensornetz der CTBTO erkennt beispielsweise in Russland zuverlässig Explosionen ab zwölf Tonnen TNT-Äquivalent. Die Abdeckung für das arktische Testgelände in Novaja Semlja ist sogar noch empfindlicher. Shannon Kile:  

"Das Problem ist, dass es für kleine, sehr energieschwache Tests nicht empfindlich genug sein könnte. Und genau das werfen die Amerikaner den Russen vor, dass sie mit verschiedenen Techniken verhindern, entdeckt zu werden."

Atomtests unter der Wahrnehmungsschwelle?

Etwa mit sogenannten Hydronukleartests: kleineren Experimenten, bei denen spaltbares Material mit Hilfe von Sprengstoff so stark komprimiert wird, dass es sich wie eine Flüssigkeit verhält. Bei den Explosionen entsteht eine Kettenreaktion, die höchstens eine Energie von wenigen Kilogramm TNT-Äquivalent freisetzt – und damit "unsichtbar" bleibt. Nach dem Atomteststopp-Abkommen sind auch solche Versuche verboten.

Oliver Meier vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg:

"Der Atomteststopp-Vertrag verbietet alle Arten von Atomtests. Das war der große Durchbruch mit dem Abschluss des Vertrages 1996. Wir haben jetzt ein umfassendes Verbot, und das ist eigentlich wichtig, weil Atomtests durchzuführen wichtig ist, sowohl, wenn man neue Atomwaffen entwickelt wie Nordkorea, aber auch zur Weiterentwicklung von bestehenden Arsenalen. Das Problem liegt im Graubereich, weil bestimmte Arten von Experimenten, auch nuklearen Experimenten, hier weiterhin möglich sind und insbesondere Staaten, die technologisch fortgeschritten sind wie die USA, China und Russland, bestimmte Aspekte von Atomwaffen auch im Labor erproben können."

Ein Mann steht vor einer Wüstenlandschaft mit abgeknickten Metall-Türmen im ehemaligen Atomwaffen-Testgelände der UdSSR in Semipalatinsk, Kasachstan   (imago stock&people)Das sowjetische Atomwaffen-Testgelände in Semipalatinsk, Kasachstan (imago stock&people)

Mit Super-Computern reichen auch Simulationen

Es geht um Versuche mit chemischen Explosivstoffen und wenig Plutonium, sodass es nicht reicht für eine Kettenreaktion. Sowohl China, Russland als auch die Vereinigten Staaten führen solche "subkritischen" Experimente durch. Während der Laborexplosion lässt sich das Verhalten des Plutoniums untersuchen, um mit den Daten Computermodelle zu füttern. Die Sicherheit der Sprengköpfe und wie sie altern, das lässt sich so problemlos untersuchen. Dabei hilft den "klassischen Atommächten" der gigantische Datenfundus aus früheren Zeiten, der sich heute ganz anders auswerten lässt. Oliver Meier:

"Da ist eben die große Gefahr, dass tatsächlich hier der Eindruck entsteht, dieser Atomteststopp-Vertrag hat keine Wirkung, weil er tatsächlich die Weiterentwicklung von Atomwaffen nicht stoppt."

Schwellenländer sind nuklearwaffentechnisch "im Nachteil"

2009 stellte Frankreich ein nukleares Waffensystem vor, entwickelt nur mit Hilfe von Simulationsprogrammen und Laser-Technologie. Staaten wie China, Indien oder Pakistan dagegen bräuchten dafür Tests. Hans Kristensen von der Federation of American Scientists sieht hier eine Schieflage:

"Länder, die kein ausgefeiltes Atomwaffentestprogramm hatten, sind eindeutig im Nachteil, denn sie haben nicht annähernd so viele Daten wie die großen Atommächte, die sich am nuklearen Wettrüsten während des Kalten Kriegs beteiligt haben. Natürlich haben sich auch die Computer seit dem Kalten Krieg und dem Ende der Atomwaffentests stark weiterentwickelt, sodass auch diese Länder große Fortschritte machen können, wenn sie auch noch gut spionieren und ein paar Geheimnisse stehlen. Ihre Sprengköpfe sind dann vielleicht nicht so modern wie die der Vereinigten Staaten und Russlands und Frankreichs und Großbritanniens. Aber nichtsdestotrotz könnten sie gut genug sein."

Aufräumarbeiten in der Wüste Nevadas

In der Wüste von Nevada, auf der Nevada National Security Site mit all ihren Kratern, sind heute 1.900 Mitarbeiter mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Robert Kelley vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI:

"Vor mehr als 20 Jahren war ich auf dem Gelände tätig, um es für Atomtests in Bereitschaft zu halten."

Gedenktafel am Nevada-Atomtest-Areal (imago stock&people)Gedenktafel am Nevada-Atomtest-Areal (imago stock&people)

Doch auch hier verändern sich die Vorzeichen. Die USA haben den Atomteststopp-Vertrag nie ratifiziert, erklärt Robert Kelley. Was bedeutet das genau?

Bei der Besprechung vom 15. Mai 2020, als Mitarbeiter von US-Präsident Donald Trump den obersten nationalen Sicherheitsbehörden gegenüber ihre Anschuldigungen gegen Russland erhoben, soll – einer anonymen Quelle zufolge – die Sprache auf eine Wiederaufnahme der Atomtests gekommen sein. Warum nicht China und Russland zeigen, dass Amerika sehr schnell einen Atomtest durchführen könne? Man habe entschieden, darüber im Gespräch zu bleiben, heißt es.

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