Freitag, 03. Februar 2023

Neuillustrationen von Kinderbuchklassikern
Das Runde ersetzt das Stachelige

Wir glauben zu wissen, wie die Klassiker des Kinderbuchs aussehen. Durch die Illustrationen haben Pippi Langstrumpf, die kleine Hexe oder die Schildkröte Tranquilla Trampeltreu einst ihre charakteristische Gestalt bekommen. Aber warum erhalten sie nun neue Gesichter?

Von Thomas Linden | 27.08.2022

Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, illustriert von Rolf Rettich (links) und Katrin Engelking (rechts)
Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, illustriert von Rolf Rettich (links) und Katrin Engelking (rechts) (Oetinger Verlag)
Die Bücher, die man immer wieder zur Hand nimmt, die einen begeistern, obwohl man sie zu kennen glaubt, die aus einer anderen Zeit stammen und doch nichts an Gültigkeit verloren haben, das sind die Klassiker. In der Kinderliteratur schaut man heute auf viele Klassiker zurück, die in den 1950er-Jahren entstanden sind. Generationen von Eltern haben ihren Kindern jene Geschichten vom kleinen Wassermann, von Pippi Langstrumpf oder dem Räuber Hotzenplotz vorgelesen, mit denen auch sie selbst zu Bett gebracht worden waren. Die Liebe zum Lesen wurde mit den Abenteuern dieser kleinen Helden genährt. Aber wie haben sie ausgesehen, der Wassermann oder die kleine Hexe?

Von der Vergangenheit absetzen

Ihre Gestalt entsprang den ästhetischen Ambitionen einer Zeit, die sich von der Vergangenheit absetzen wollte. Winnie Gebhardt war 27 Jahre alt, als sie mit den Illustrationen zu Otfried Preußlers Kinderbuch „Der kleine Wassermann“ 1956 ihr Debüt vorlegte, dem ein Jahr später „Die kleine Hexe“ folgte. Nach dem dumpfen Realismus der NS-Zeit zeichnete sie mit spitzer Feder. Vom struppigen Raben Abraxas über den Spitzhut der Hexe bis zur Kaffeekanne besitzt in dieser Welt jeder Gegenstand seine stachelige Schärfe, und trotzdem kommt in den Charakterporträts eine tiefe Sympathie für die Figuren zum Ausdruck.

Winnie Gebhardts Hexe sieht nicht so aus wie die Menschen, denen man auf der Straße begegnet. Vielmehr zeigt sie den Kindern, dass es da einen Raum für die Fantasie gibt, in dem man sich auch etwas ganz Anderes vorstellen darf als das, was man schon kennt. Wenn man heute den Charme dieser ausdrucksstarken Kunstwerke bewundert, so war Kindern vor 40 Jahren schon klar, dass diesen Illustrationen etwas Altmodisches anhaftete.

Präsenz des Digitalen

Über Jahrzehnte veränderten die Verlage nichts daran. Erst nach der Jahrtausendwende ergab sich im Zuge der Digitalisierung Handlungsbedarf. Die Präsenz der digitalen Anwendungen hinterlässt Spuren im Rezeptionsverhalten der Nutzerinnen und Nutzer bestätigt Katharina Ebinger, der Programmleiterin des Thienemann Verlags.
„Die digitalen Medien erziehen die Kinder hauptsächlich dazu, dass sie kaum noch schwarz-weiße Illustrationen tolerieren. Sie sehen vielleicht auch die Entwicklung, dass man zum Beispiel für Achtjährige farbig illustriert, einfach weil die Kinder schon sehr früh ein Tablet in die Hand bekommen, und dann schon sehr früh farbige Illustrationen sehen. Das ist ein ganz klarer Trend. Ein Ausstattungsanspruch, der durch die Konfrontation mit den digitalen Medien an uns herangetragen wird.
Außerdem sind die Kinder viel mehr Tempo gewohnt, und das betrifft auch die Illustration, und man braucht mehr Illustrationen. Da muss man gucken, wo verweigert man sich und wo geht man ein Stück weit mit, weil es dem Buch, dem Stoff und dem Werk dient.“

Der Druck steigt

Der Druck auf die Verlage steigt. Das kann man auch aus dem breit gefächerten Angebot an Pippi-Langstrumpf-Formaten schließen. Die Bücher von Astrid Lindgren bestehen nun einmal aus Prosatexten. Man kann aber nicht darauf warten, bis die Kinder in der Lage sind, diese selbst zu lesen. Sie müssen vielmehr schon im Vorschulalter in Pippis Welt eingeführt werden, sonst sind sie für die Romantrilogie verloren. Deshalb bietet der Friedrich Oetinger Verlag Bilderbuchausgaben und Erstlesebücher an, mit denen die Zielgruppen schon einmal an die Originaltexte herangelockt werden können.
Die reduzierten Texte benötigen viele Bilder. Die liefert Katrin Engelking mit pastosen Illustrationen, die Pippis Zöpfe in kräftigem Rot erstrahlen lassen. Pippis Markenzeichen ist gute Laune, und die präsentiert Engelking Bild für Bild. Mit Rolf Rettichs sensiblen Federzeichnungen wäre eine solch visuelle Wucht niemals zu erreichen gewesen. Pippi wird zum Label.
Schon die Elterngeneration der heute Fünfjährigen ist mitunter nicht mehr mit Klassikern von Otfried Preußler oder Michael Ende aufgewachsen. Deshalb gilt es für die Verlage, die Werke dieser Klassiker im Bewusstsein von Familien und des Buchhandels zu halten.

"Tranquilla Trampeltreu"

Michael Endes Geschichte der Schildkröte „Tranquilla Trampeltreu“ gehört zu jenen Erzählungen, die Klassikerstatus besitzen. Sie erzählt von der Beharrlichkeit einer Schildkröte, die sich zur Hochzeit des Löwen aufmacht, aber so langsam vorankommt, dass die anderen Tiere sie auslachen. Trotzdem erreicht sie ihr Ziel. Mit expressiven Illustrationen hat Julia Nüsch den Look des Fabeltiers mit einer mutigen Farbpalette aufpoliert und überraschte damit auch den Thienemann Verlag, wie sich Katharina Ebinger erinnert:
„Von Julia Nüsch hatten wir zunächst nur Probeillustrationen. Das ist eine ganz neue Art von Ästhetik, viel Close Up, die Farbigkeit ist sehr anders. Aber sie bringt auch Ideen ein, die ich wirklich charmant finde. Was ich schon sehr ,endisch' finde, sind die Darstellungen der Landschaften, das Stilisierte, dieses leicht Surreale der Farben, man weiß nicht so ganz, ist das eine wirklich echte Landschaft oder sind wir schon in einer Traumlandschaft.“

Es muss viel zu sehen geben

In den Neuinterpretationen spielen Landschaften tatsächlich eine große Rolle. So erhält Winnie Gebhards kratzige kleine Hexe in den Illustrationen von Daniel Napp nicht alleine eine runde Kindlichkeit. Auch ihre Lebenswelt wird auf vertraute Muster zugeschnitten. Die großen Bilderbuchseiten wollen gefüllt werden, und so entstehen komplette Keinstadtansichten und Interieurs, die realistisch bis zum Schnürsenkel gezeichnet sind. Auf den Doppelseiten muss es viel zu sehen geben. Das ist gut gemacht, allerdings bleibt kein Raum mehr, um die eigene Fantasie in Gang zu bringen. Hier geht die Handlung im Detailreichtum auf. Einer mit dem Fernsehen aufgewachsenen Generation kommt das entgegen. Interessanter Weise findet sich die Idee der Casting-Show, wie wir sie aus „Germanys Next Top Model“ kennen, auch schon in Otfried Preußlers Buch. Dort wähnte sich die junge Absolventin ebenfalls vor den in die Jahre gekommenen Hexen irrtümlich für die nächste Runde qualifiziert:
„In ihrer Freude entging es ihr ganz und gar, dass die Oberhexe von Mal zu Mal strenger fragte. Sie merkte auch nicht, dass die übrigen Hexen bedenklich und immer bedenklicher mit den Köpfen wackelten.
Wie erschrak sie daher, als plötzlich die Oberhexe entrüstet ausrief: ,Und sowas hätte ich morgen Nacht um ein Haar auf den Blocksberg gelassen! Pfui Rattendreck, welch eine schlechte Hexe!'"

"Nora und der Große Bär"

Mit den ewigen Wahrheiten formulieren Klassiker die Substanz für gute Geschichten. Trotzdem illustrierten renommierte Künstlerinnen wie Franziska Biermann, Bernadette oder Ute Krause ihre eigenen Meisterwerke neu. Ein moderner Klassiker gelang der Berlinerin Ute Krause 1989 mit „Nora und der Große Bär“. Die Geschichte erzählt von einem Mädchen, das sich nach jenem mythischen Tier sehnt, das die Jäger erlegen wollen. Die Geschichte altert nicht, weil sich in ihr die Metaphern für eine menschliche Urszene finden. Das Mädchen ist neugierig auf die Gefahr, die sich mit dem männlichen Ungeheuer verbindet. Vor Angst erstarrt, begegnet es dem Bären, der es jedoch nicht berührt, sondern ihm den Weg aus dem Wald zeigt. Das Buch demonstriert, wie verantwortungsvoll Erwachsene mit der unformulierten Sexualität von Kindern umgehen können und sollten. Deshalb geht das Mädchen auch gestärkt aus diesem Abenteuer hervor. Umso mehr stellt sich die Frage, warum Ute Krause dieses Bilderbuch neu bearbeiten musste?
„Ich habe dieses Buch damals mit 27 Jahren zum ersten Mal geschrieben und illustriert. Man entwickelt sich weiter. Ich bin mittlerweile 61 Jahre und arbeite ganz anders. Da entstand bei mir der große Wunsch, das ganze Buch neu zu machen. Und das hat sich auch gelohnt. Man spürt immer die Hand, man spürt das Herz und man spürt die Seele der Illustratorin in den gezeichneten Bildern. Die sind vielleicht nicht ganz so perfekt. Aber ich glaube, gerade dieser fehlende Perfektionismus macht die Dinge lebendig.“

Zauberhafte Unbestimmtheit verloren gegangen

Allerdings hat Ute Krause genau das gemacht. Bild für Bild ist sie dem Original gefolgt und präzisiert es. Die Farben sind nun kräftiger, die Gesichter expliziter und die Gegenstände detailreicher. Sicher zeichnet Ute Krause einen Wald heute eindrucksvoller als vor 40 Jahren, aber bei der Restaurierung ist auch viel von der zauberhaften Unbestimmtheit des Originals verloren gegangen. Sie selbst sieht das anders:
„Ich denke, viele Details und dazu eine grafische Ordnung, das ist für mich das Beste an einer schönen Bildkomposition. Und Kinder sind ja starke Augenmenschen. Wenn man Bücher mit Kindern anschaut, dann haben die ganz schnell viel mehr entdeckt als die Erwachsenen, weil wir ja immer die Wörter zwischen uns und den Dingen haben.“

Vorstellungsräume öffnen

Kinder sehen genauer hin, weil sie stärker mit dem Bild verbunden sind. Gerade deshalb ist es wichtig, dass sich ihnen Vorstellungsräume eröffnen, in denen sie ihre eigenen Bilder entwickeln können. Viele Klassiker der Kinderliteratur stammen noch aus einer Zeit, in der Kinder mit weniger visuellen Reizen konfrontiert waren. Digitale Bilder haben die Bedürfnisse verändert. Deshalb ist es sinnvoll, neben den Ausgaben in moderner Optik auch die alten Ausgaben von Pippi Langstrumpf, der kleinen Hexe oder dem Räuber Hotzenplotz im Buchhandel verfügbar zu halten.
Otfried Preußler, Zeichnungen von Winnie Gebhardt: "Die kleine Hexe. Jubiläumsausgabe"
Thienemann Verlag, Stuttgart. 128 Seiten, 12 Euro, ab 6 Jahren.

Otfried Preußler, Bilder von Daniel Napp: "Die kleine Hexe. Winterzauber mit Abraxas"
Thienemann Verlag, Stuttgart. 32 Seiten, 15 Euro, ab 4 Jahren.

Michael Ende, Illustrationen von Julia Nüsch: "Tranquilla Trampeltreu"
Thienemann Verlag, Stuttgart, 32 Seiten, 16 Euro, ab 4 Jahren.

Astrid Lindgren, Zeichnungen von Rolf Rettich: "Pippi Langstrumpf. Gesamtausgabe"
Aus dem Schwedischen von Cäcilie Heinig
Friedrich Oetinger Verlag Hamburg. 400 Seiten, 17 Euro, ab 6 Jahren.

Astrid Lindgren, Illustrationen von Katrin Engelking: "Pippi Langstrumpf"
Aus dem Schwedischen von Cäcilie Heinig
Friedrich Oetinger Verlag, Hamburg. 400 Seiten, 20 Euro, ab 6 Jahren.

Ute Krause: "Nora und der große Bär"
Gerstenberg Verlag, Hildesheim. 32 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahren.