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Andrej Bitow: "Leben bei windigem Wetter"
Das Scheitern ist der wahre Erfolg

Ein Landaufenthalt mit Schreibhindernissen: Andrej Bitows „Leben bei windigem Wetter“ ist ironische Selbstbeobachtung, Werkstattbericht eines Schriftstellers und ein anarchischer Gegenentwurf zum sozialistischen Realismus.

Von Christoph Schröder |
Andrej Bitow: „Leben bei windigem Wetter
Andrej Bitow: „Leben bei windigem Wetter" (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
Alles scheint perfekt: Mit Frau und kleinem Kind richtet sich der Schriftsteller Sergej in der Datscha seiner Schwiegereltern außerhalb der Stadt ein. Das Haus, das ihm früher stets geschmacklos vorkam, gefällt ihm plötzlich. Schon malt er sich lächelnd aus, welche Tätigkeiten ihm in den kommenden Tagen bevorstehen: Die Pflanzen vor den Fenstern zurechtschneiden, um Licht hereinzulassen, Brennholz spalten, vor allem aber den idealen Platz zum Schreiben finden.
Sergej stellt im Obergeschoss einen Tisch und einen Stuhl auf, mit Rundumblick auf die Landschaft. Es könnte also losgehen mit dem neuen Projekt. Allein: Sergej verspürt keine Lust zum Arbeiten. Zudem fühlt er sich bedrängt von der Enge des Dachs über ihm, abgelenkt vom Dröhnen des Windes und dem Knattern des Regens. Bereits nach kurzer Zeit hat der abgeschiedene Ort seinen Nimbus verloren:
„War er in der Stadt jeweils am Morgen in einem Zustand der Ruhe und des Gleichgewichts, so war es jetzt umgekehrt, er beruhigte sich erst gegen Abend, erwachte hingegen nach zu langem, willenlosen Schlaf böse, übergeschnappt, fast krank – seine Frau bekam einiges ab.“

Wunderbar irrlichternde Erzählung

Von Anton Tschechow wird der Ausspruch überliefert, dass ein Schriftsteller, der nicht weiß, worüber er schreiben soll, eben über jene Schreibblockade schreiben solle. Andrej Bitows Alter Ego Sergej beherzigt den Ratschlag des Großmeisters mit Erfolg. Bitow selbst, so erläutert es Übersetzerin Rosemarie Tietze in ihrem Nachwort, kam im Sommer 1963 auf das Familienanwesen nordöstlich von St. Petersburg. Tietze selbst hat Bitow dort noch kurz vor seinem Tod im Jahr 2018 besucht.
Bitow, seinerzeit 26 Jahre alt, hatte 1963 seinen Beruf als Ingenieur aufgegeben und wollte sich nun allein der Literatur widmen. Die Schreibkrise, die Bitow erfasste, hat er in eine wunderbar irrlichternde Erzählung verwandelt. Sergej gleitet förmlich durch die Tage, schwankt zwischen Gereiztheit und Kontemplation. Anstatt das Große und Ganze in den Blick zu nehmen, anstatt das umfangreiche Werk, das ihm offenbar vorschwebte, anzugehen, geht er ganz nah an die Dinge heran. Auf Spaziergängen mit seinem kleinen Sohn zählt er alles auf, was er gerade sieht. Die ästhetisch nicht sonderlich attraktive Umgebung, in der er sich befindet, sieht Sergej nun auf einmal mit anderen Augen:
„Das vom Wind zerzauste Gras, und im Gras die rostfarbene Pfütze, und darüber die einsame, verkrüppelte Kiefer, alles war Sergej lieb und wert. Der langsame, kaum abgrenzbare Übergang der Farbnuancen von Grün, Blau, Grau, die kaum fassbare Schönheit des Ödlands lösten in Sergej eine Art melancholischer Freude aus, ein angenehmes Bedauern, unklar, worüber.“

"Fusel und Gefasel"

„Leben bei windigem Wetter“ besteht aus zwei etwa gleich langen Teilen. Der erste ist der Bericht von Sergejs Schreibversagen am Tag; der zweite besteht aus Sergejs nächtlichen Tagebuchaufzeichnungen, die eine traumähnliche Atmosphäre mit einer beinahe fiebrigen Gehetztheit im Tonfall verbinden. Der erste Teil durfte in Russland bereits 1967 erscheinen, während die Tagebuchsequenzen erst 1986 in einem für den amerikanischen Markt bestimmten Buch publiziert wurden. Dabei gehört beides unabdingbar zusammen.
Andrej Bitow war ein Schriftsteller, dessen Werk aus Abschweifungen bestand, die immer auch politisch interpretiert werden konnten. Soll heißen: Wo der sozialistische Realismus die Bearbeitung von Themen aus dem Alltagsleben und der Arbeitswelt einforderte, sprengte Bitow dieses enge Korsett konsequent und mit einer anarchischen Verweigerungshaltung.
So ist auch das Ergebnis von Sergejs vermeintlichem Scheitern in Wahrheit ein doppelter Erfolg des Autors Bitow, sind doch nun gleich zwei literarische Werke unterschiedlicher Gattung, eine Erzählung und ein Tagebuch, entstanden. Das Tagebuch selbst besteht aus einer Mischung von philosophischen Grübeleien und Reflexionen über das Schreiben, die zwar instruktiv, aber nie geordnet daherkommen. „Fusel und Gefasel“, so hat die Kritikerin Sigrid Löffler einmal die vom Alkohol beflügelten gedanklichen Höhenflüge von Bitows Erzählfiguren charakterisiert.

Verweigerung des literarischen Koordinatensystems

Auch spart Bitow nicht an ironischen Attacken auf die sowjetische Schriftsteller-Nomenklatura. So beispielsweise in einem imaginären Dialog mit einem Schriftstellerkollegen, der Sergej vorhält:
„Wir, sagt er, sind vorwärts gegangen, wir schaffen Gedankenliteratur, haben ein neues Koordinatensystem, schleim dich nicht ran bei uns, ewig deine Gefühlchen und Sensibilitätchen, du bist schon tot.“
Aus heutiger Sicht muss man Sergej alias Andrej Bitow dankbar sein, dass er nicht bereit war, sich in ein literarisches Koordinatensystem einzufügen. Dieses schmale, kluge Buch ist dafür der beste Beweis.
 
Andrej Bitow: „Leben bei windigem Wetter“
Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze
Edition Suhrkamp, Berlin.
152 Seiten. 20 Euro.