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StartseiteEuropa heuteUrho Kekkonen - der "finnische Machiavelli"24.07.2018

Das Wunder von Helsinki (2/5)Urho Kekkonen - der "finnische Machiavelli"

Was sich im August 1975 mit der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki manifestierte, wäre ohne die Neutralitätspolitik des finnischen Präsidenten Kekkonen undenkbar gewesen. Niemand ahnte damals jedoch, dass die durchgesetzten Beschlüsse den Anfang vom Ende des Ostblocks bedeuteten.

Von Jenni Roth

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Der finnische Staatspräsident Urho Kekkonen (Undatierte Aufnahme).  (picture-alliance / dpa)
Der finnische Staatspräsident Urho Kekkonen leitete 25 Jahre lang von 1956 bis 1981 als Staatspräsident die Geschicke seines Landes (Undatierte Aufnahme) (picture-alliance / dpa)
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René Nyberg: "Die sowjetischen Reaktionen waren natürlich triumphal. Sie haben ihr altes lang angestrebtes politisches Ziel erreicht. Die Analyse kam später. Das ist ein enormer Trugschluss, den sie gemacht haben."

Als ehemaliger Botschafter in Moskau war René Nyberg immer sehr nah dran am Kalten Krieg.

Er erinnert sich, wie schon fünf Jahre später wieder Spannungen entstanden. Wegen der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Europa, und wegen des Kriegs, den die Sowjetunion in Afghanistan anzettelte. Der Kalte Krieg war zurück. Immer sei es auch um Deutschland gegangen. Um Berlin, den Mauerbau. Aber die Fronten zwischen Ost und West verliefen auch in Finnland.

Noch in den 70er-Jahren machte der Musiker M. A. Numminen die "Roten" und "Weißen", also die Kommunisten und die Bürgerlichen, zum Thema seines Songs "Mit meiner Braut im Parlamentspark".

Die Sowjetunion versuchte, ihren Einfluss auf Finnland auszuweiten. Aber sie stieß auf einen harten, zielstrebigen Präsidenten Kekkonen, sagt Arto Luukkanen, der sich an der Uni Helsinki mit den russisch-finnischen Beziehungen beschäftigt:

"Er beherrschte das Spiel, wie ein Jongleur, er hatte alle Bälle in der Luft, in der Kultur, Wirtschaft, Politik. In einem Ausnahmezustand wie in Finnland im Kalten Krieg hat man so eine Ausnahmeerscheinung wie ihn gebraucht."

Umstrittene Annäherung an den Osten

25 Jahre regierte Kekkonen Finnland. Für viele, die in den 50er-Jahren geboren wurden, waren die Worte "Kekkonen" und "Präsident" gleichbedeutend. Dabei gewann er seine erste Wahl 1956 mit nur einer Stimme Vorsprung. Umstritten war er vor allem wegen seiner Annäherung an den Osten.

Arto Luukkanen: "Er ging auch alle möglichen Deals mit der Sowjetunion ein. Aber er war ein patriotischer Mann und es gab da ein ungeschriebenes Gesetz: Finnland first. Das war das Wichtigste."

Trotzdem war vielen der sowjetische Einfluss zu groß. Aber diese "Finnlandisierung" hatte durchaus ihre Berechtigung, finden Kekkonens Anhänger: Immerhin konnte das Land zum Preis der Finnlandisierung sein Mehrparteiensystem, eine freie Wirtschaft und ein demokratisches System erhalten.

"Kekkonen kannte keine moralischen Bedenken"

Deshalb war für Finnland auch die westliche Integration selbstverständlich, und die Wahrung einer freiheitlichen Tradition. Aber als Realpolitiker wusste Kekkonen, dass er mit dem Osten zusammenarbeiten musste. Das ging so weit, dass die Sowjets sogar Kekkonens Wiederwahl finanziell stützten – was allerdings erst 20 Jahre später herauskam.

Arto Luukkanen: "Kekkonen war ein finnischer Machiavelli: Wenn der Weg zum Paradies über die Hölle führte, ging er eben mit dem Teufel Hand in Hand. Er kannte keine moralischen Bedenken."

Mit Nikita Chruschtschow, Regierungschef in den 50er- und 60er-Jahren, verband Kekkonen sogar eine richtige Freundschaft, sagt Ex-Botschafter René Nyberg:

"Mit Chruschtschow hat er sich glänzend verstanden! Kekkonen war ja ein gebildeter Mann. Chruschtschow war ein Bauer, der Russisch nicht schreiben konnte, er konnte keinen russischen grammatikalischen Satz hinbekommen. Aber er war blitzgescheit, er war ein blitzgescheiter Bauer. Und die haben sich verstanden, da war irgendwas."

Regierungschef Nikita Sergejewitsch Chruschtschow und Finnlands Präsidenten Kekkonen (l.) bei der Jagd (imago stock&people)Mit dem damaligen sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow (r.) war Kekkonen befreundet (imago stock&people)

Tamminiemi, eine Halbinsel am Rand von Helsinki. Das ehemalige Wohnhaus des Präsidenten ist heute ein Museum. Im Eingang hängt sein überlebensgroßes Porträt: eine schmale, große Gestalt, scharfer Blick. Kahler Kopf, dicke Hornbrille. Museumsführer Ville Nikunen steht im Arbeitszimmer. Auf dem Tisch ein moosgrünes Telefon, die Stifte fein säuberlich nebeneinander gereiht.

Ville Nikunen: "Es ist ein ziemlich kleines Zimmer, aber es galt als strategisches Hauptquartier des Kalten Kriegs. Von hier aus wurde Finnland regiert. Die Doppeltüren hier waren gut für ungestörte Beratungen. Kekkonen hatte ja immer minutengenaue Pläne, er war ein sehr pedantischer Mensch. Auch sein Tisch war immer penibel aufgeräumt."

Jagen und Schlager singen mit Chruschtschow

Mittagessen gab es immer um Punkt 12. Genau eine Minute vorher saß Kekkonen am Tisch. Im Türrahmen zum Schlafzimmer ist noch seine Klimmstange angeschraubt, im Bad steht eine Waage. Als ehemaliger finnischer Hochsprungmeister ging er jeden Morgen laufen, im Winter Ski fahren. Solange Schnee lag, musste er auf 1.000 Kilometer kommen, das war die Zielvorgabe.

Chruschtschow war mehrmals in Tamminiemi zu Besuch, auch zu Kekkonens 60. Geburtstag 1960. Später vermerkt Kekkonen in seinem Tagebuch: Bis fünf Uhr morgens gefeiert, getrunken, gesungen. An diesem langen Abend hat er wohl auch den Weg zu Finnlands späterer Mitgliedschaft in der europäischen Freihandelszone geebnet. Inzwischen gibt es Dokumentarfilme, die die beiden Staatschefs zeigen, wie sie zusammen jagen und fischen. Wie sie am Feuer sitzen, Wodka trinken und Schlager singen. Kritik gab es dafür in Finnland ebenso wie in der Sowjetunion.

Ville Nikunen: "In den Protokollen des sowjetischen Politbüros wird er beschuldigt, in Finnland nackt mit Kapitalisten in der Sauna gewesen zu sein."

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