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StartseiteEuropa heuteDie Stadt unter der Stadt26.07.2018

Das Wunder von Helsinki (4/5)Die Stadt unter der Stadt

"Helsinki underground" ist die zweite, unterirdische finnische Hauptstadt. Ursprünglich in den Zeiten des Kalten Krieges geplant und konstruiert, wird sie auch heute noch immer weiter ausgebaut - und steckt voller Geheimnisse und Skurrilitäten.

Von Jenni Roth

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Die von Timo und Tuomo Savolainen entworfene Temppeliaukio Kirche in Helsinki wurde 1969 geweiht (dpa / Pekka Sakki )
Die Temppeliaukio-Kirche in Helsinki ist in den Felsen gebaut (dpa / Pekka Sakki )
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Die Temppeliaukio-Kirche in Helsinki. Schlichte Holzbänke, fächerartige Glasfenster in der Decke, eingefasst von rohem Stein. Draußen ist von der Kirche nicht viel zu sehen. Ein Fels, in den eine Glastür eingelassen ist. Der Granit glänzt grausilbrig im Abendlicht. Auf seinem unebenen Buckel picken Vögel nach Resten aus einer Chipstüte. Daneben sitzen Jugendliche und trinken Bier. Quasi auf der Kirche – und die ist längst nicht das einzige unterirdische Bauwerk der Stadt.

Seppo Hentilä: "Ganz Helsinki unten ist voll von Gängen, man kann kilometerweise unter der Erde laufen. Das ist voll von Löchern wie Schweizer Käse. Der Grund ist, dass ganz Helsinki liegt auf Felsen. Wenn man da Gänge baut, sind sie sehr haltsam."

Der Historiker Seppo Hentilä steht ein paar Blocks weiter vor der Finlandia-Halle, in der 1975 die Helsinki-Schlussakte unterschrieben wurde – damals kamen Ost und West erstmals im Kalten Krieg auf oberster Ebene zusammen. Und Finnland konnte seinen Status als neutraler Staat behaupten – vor allem gegenüber dem sowjetischen Nachbarn. Denn bis 1917 gehörte Finnland als Großfürstentum zum Russischen Reich. Und ein Spaziergang durch Helsinki ist immer auch ein Spaziergang durch die Geschichte. Zentral, mitten auf dem Senatsplatz, steht ein Denkmal des russischen Zaren Alexander II., der geachtet wurde für seine finnlandfreundliche Politik.

Innenansicht des Das Itäkeskus-Schwimmbads bei Helsinki (Deutschlandradio / Jenni Roth)Das Itäkeskus-Schwimmbad bei Helsinki liegt unter der Erde (Deutschlandradio / Jenni Roth)

Darüber glitzern die Sterne der Domkuppel. Aber die Welt darunter erinnert an einen anderen Teil der Geschichte. Man wähnt sich schon fast im Kalten Krieg, auch wenn es nur um ein Parkhaus geht: Eine Seitenstraße führt immer tiefer ins Gestein, der schmale Tunnel ist rechts und links eingefasst von hartem, grauem Granit.

Kürzlich berichtete der russische Sender RT, Helsinki grabe jetzt unterirdische Tunnel als Vorbereitung für einen Krieg gegen den großen Nachbarn. Unfug sagen Stadtplaner und Historiker. Tatsächlich ist ein großer Teil der wuchtigen Unterwelten Jahrzehnte alt. Besonders in den 70er- und 80er-Jahren wurde viel gebaut – wie viel, ist nicht allgemein bekannt, sagt Hentilä:

"Viele der Gänge sind nicht öffentlich, sondern für die Armee, für die Verteidigung gedacht. Wenn etwas passiert, wenn ein Bombenangriff käme."

Auch die Metrostationen liegen tief im Erdinneren. Die Rolltreppen nach unten hören und hören nicht auf: eine schier endlose Röhre, die in den Schlund der Stadt führt.

Irgendwann enden sie dann in einer der riesenhaften, hallenartigen Stationen. So tief und so groß, dass sie der Bevölkerung im Notfall Schutz bieten könnten. Im Nordosten von Helsinki zum Beispiel. Von der Haltestelle Itäkeskus sind es ein paar Hundert Meter zu einem Schwimmbad, von dem von außen nicht viel zu sehen ist. Nur ein Granitfelsen, in den der Eingangsbereich gehauen ist. Von hier führt ein 50 Meter langer gewundener Gang nach unten.

Oleg Jauhonen: "Als Mitarbeiter ist es manchmal schon etwas anstrengend, wir kriegen ja nie Tageslicht ab."

Oleg Jauhonen ist der Manager der Halle. Er führt durch das Schwimmbad, zeigt Umkleiden, 50-Meter-Bahnen, Rutschen. Wer hier rückenschwimmt, hat um und über sich die Felsen. Wellenförmig wölbt sich der Stein über die Becken – fast als hätte Finnlands Stardesigner Alvar Aalto sie bearbeitet.

Oleg Jauhonen: "Wenn dann die Atombombe kommt, machen wir die Türen hier zu. Die sind fast ein Meter dick. Und hier sind dann noch mal Türen, Doppeltüren. Die würden selbst einer Atombombe standhalten. Ursprünglich war das hier als Bunker gedacht."

Masterplan für eine unterirdische Stadt

Sollte es einen Angriff geben, könnte die Halle in kürzester Zeit zum Bunker umfunktioniert werden. 3.800 Leute würden hier Zuflucht finden. Tatsächlich gibt es in Finnland ein Gesetz, das jedem Bürger für den Notfall einen Bunkerplatz verspricht.

Eija Kivilaakso. "Noch gibt es nicht so viele Plätze, wie es geben müsste. Aber wo es keine Bunker gibt, gibt es Schutz in den Wohnhäusern: Das Erdgeschoss hat immer dickere Wände. Aber wenn wir neue Metrostationen bauen, dann bedenken wir die Schutzmöglichkeit bei der Planung."

Eija Kivilaakso ist Helsinkis oberste Stadtplanerin, sie soll bis 2020 die doppelte Stadt weiter ausbauen. Dann soll die unterirdische Hauptstadt neun Millionen Kubikmeter groß sein – was in etwa dem oberirdischen Lebensraum der Stadtbevölkerung entspricht.

Ein Masterplan für eine unterirdische Stadt – das dürfte weltweit einzigartig sein. Damit will man den Verkehr entlasten und oberirdisch Wohnraum schaffen: Helsinki wächst so schnell wie kaum eine Stadt in Europa. Mit einer Bedrohung aus dem Osten hätten die Pläne hingegen nichts zu tun, versichert Kivilaakso:

"Wir bauen vor allem, weil es die geologischen Voraussetzungen gibt. Das erlaubt uns eine innovative Stadtplanung: Oben alles so lassen wie es ist, dafür Infrastruktur und Energieversorgung nach unten verlegen."

Der Stadt gehe es vor allem um Versorgungssicherheit: Unter der Erde ist man sicher vor Wettereinflüssen oder – natürlich nur ganz theoretisch – Angriffen. Und auch hier unten bleiben die Finnen pragmatisch: Als vor einiger Zeit das Aquarium des nahe gelegenen Vergnügungsparks renoviert wurde, durften die Haie im Tunnel einer unterirdischen Wärmepumpenanlage unterkommen.

Und wenn nicht gerade Fische die Unterwelt bevölkern, dann sind es die Russen – die diesmal allerdings nicht in feindlicher Mission unterwegs sind. Sondern als friedliche Touristen.

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