Sonntag, 14. August 2022

Archiv

DDR-Geschichte
Songs für Sozialisten

Hartmut König hat in der DDR Karriere gemacht: zunächst als Liedermacher und Verfasser politischer Songs, dann als Politfunktionär und stellvertretender Kulturminister. Seine Autobiografie erlaubt auch einen Blick hinter die Kulissen der DDR-Kulturpolitik.

Von Marcus Heumann | 13.11.2017

    Hartmut König im Oktober 2017 in seinem Haus in Panketal.
    Hartmut König im Oktober 2017 in seinem Haus in Panketal. (Jörg Carstensen/dpa )
    Der Titel "Sag mir, wo du stehst" war der Hit der Singebewegung der FDJ und zugleich ein politischer Inquisitions-Song, der klang wie die in Töne gegossene Androhung eines Parteiverfahrens. Sein Autor und Sänger: Hartmut König, der das Lied 1966 im zarten Alter von 19 Jahren schrieb:
    "Zurück oder vorwärts / du mußt dich entschließen / Wir bringen die Zeit nach vorn Stück um Stück / Du kannst nicht bei uns und bei ihnen genießen / denn wenn Du im Kreis gehst / dann bleibst Du zurück".
    Königs Jugend fällt in die Zeit jener kulturpolitischen Liberalisierung, die die DDR 1963, 1964 durchweht.
    Deutsche Texte mit Überzeugung
    Mit anderen Ost-Berliner Oberschülern, unter Ihnen Thomas Natschinski, Sohn des bedeutendsten DDR-Schlagerkomponisten, gründet er die Amateurband TEAM 4. Ihr dezidierter Anspruch: eigene Songs mit deutschen Texten. Und das ein gutes Jahrfünft, bevor die Band "Ihre Kinder" und Udo Lindenberg ähnliches im Westen versuchen. König schreibt in seinen Erinnerungen:
    "Was wir erleben und erwarten, verlangt neue Wörter und Wendungen. Wir machen uns auf die Suche nach Ausdruck, fallen in altes zurück und hangeln uns zu neuem vor. Unsere Verse sind im Stimmbruch."
    Im "Lied von den Träumen" heißt es: "Unsere Gedanken steigen / bis zum höchsten Stern empor / hinter einem großen Schweigen / kommt die Sonne dann hervor".
    Hartmut König erinnert sich: "In der Tat war es zumindest in der DDR die erste Gruppe, die also ganz prononciert und zwar nicht wie gelegentlich unterstellt wird auf Geheiß, sondern wirklich mit vollster Überzeugung deutsche Texte gemacht hat. Das hatte auch seinen Grund: wir fanden dass unsere Sprache viel her gibt und wir wollten vor allem auch bis in die Nuancen verstanden werden.
    Hatz auf Anglizismen
    Im Dezember 1965 walzt dann das 11. Plenum des ZK der SED alle Liberalisierungstendenzen platt; fast alle DDR-Beatbands, die ansonsten durchweg englische und amerikanische Vorbilder nachspielen, werden verboten. TEAM4 aber darf dank der deutschen Texte Hartmut Königs weitermachen, wenn auch unter dem Namen "Thomas-Natschinski-Gruppe".
    Die Hatz auf Anglizismen nach dem Plenum trifft auch den "Hootenanny-Club Berlin", dem König ebenfalls angehört. Aus dem amerikanischen Gewerkschaftsumfeld stammend, bezeichnen "Hootenannys" ein zwangloses Beisammensein politisch aktiver Menschen, bei dem auch Folk- und Protestsongs gesungen werden.
    Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der SED diese basisdemokratischen Veranstaltungen suspekt werden: Schon bald setzt sich die FDJ an die Spitze der Bewegung, der Hootenanny Club wird in Oktoberklub umgetauft und zur Keimzelle der bald landesweiten Singeclubs. Einer ihrer Hauptprotagonisten wird Hartmut König.
    Steile DDR-Karriere
    Nach dem Abitur 1966 wird er Volontär beim SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" und schon 1967 in die Partei aufgenommen. Dabei ist er schon so vertrauenswürdig, dass die SED ihn mit anderen Singebarden zu agitatorischen Blitz-Einsätzen in die Bundesrepublik schickt.
    König macht weiter eine bruchlose Polit-Karriere: Journalistikstudium am 'Roten Kloster' in Leipzig, von 1973 an drei Jahre in Prag als Chefredakteur der "Weltstudentennachrichten", Promotion, FDJ-Zentralrat. Die Liedermacherei hängt er für all dies an den Nagel. Aufmüpfigkeit verzeichnet seine Biographie nicht, und ihr Autor ist auch nicht bemüht, sie herbei zu dichten, was schließlich auch schon vorgekommen sein soll.
    "Die Furcht vor Zweifeln und Irrgesängen obskurer Circen war viel stärker als die Neugier. Ich wollte Klarheit und wenig Verwundbarkeit auf dem Weg, um den ich so gerungen habe. Irrtümer unterwegs durften uns nicht lähmen. Die Zukunft würde sie korrigieren. Jetzt mussten wir weiterkommen! Erst spät wurde diese Selbstermutigung zur zynischen Parole der Verzweiflung. Als nicht mehr zu leugnen war: Die Zeit hat eben nicht jeden Fehler korrigiert."
    König erlebt Mitte der 80er als FDJ-Kulturfunktionär und ZK-Mitglied auch das Gerangel um eine mögliche DDR-Tournee Udo Lindenbergs hautnah mit, die durch die Abreise der Gruppe BAP bei "Rock für den Frieden" 1984 allerdings torpediert wird. Zwischen dem hartnäckigen Lindenberg und Erich Honecker entspinnt sich ein putziger kleiner Briefwechsel, der Staatsratsvorsitzende bedankt sich schriftlich und mit einer Schalmei für eine ihm von Lindenberg verehrte Lederjacke. Ghostwriter des Honecker-Briefes ist: Hartmut König.
    Partei und Protest
    Ab 1987 fungiert die FDJ dann als Veranstalter großer Open Airs mit westlichen Rock-Stars, u.a. Bruce Springsteen, Bob Dylan, James Brown, Big Country und Joe Cocker. König widerspricht nicht der These, dass diese Festivals auch und besonders das Image des Staatsjugendverbandes bei den jungen Zuschauern aufpolieren sollten, wie Hartmut König sagt:
    "Dieser Gedanke war nicht ganz richtig, weil wir durften nicht von vornherein glauben, dass die Freude über die Veranstaltung, die es natürlich gab, automatisch auf eine Anerkennung der politischen Linie der FDJ abfärben würde. Das hat man dann gesehen beim Auftritt von Katarina Witt, der mir sehr zu denken gegeben hat."
    Die wird nämlich vom Publikum als Repräsentantin der Parteinomenklatura gesehen und fast von der Bühne gepfiffen.
    Das Ende der DDR und das Ende der Karriere
    Im Sommer 1989 rebellieren dann auch die DDR-Rockbands und Liedermacher in Form einer bei Konzerten verlesenen Protestresolution gegen die Erstarrung und Dialogverweigerung im Land. König könnte ihnen in seiner seit kurzem ausgeübten Funktion als stellvertretender Kulturminister beispringen, er tut es nicht:
    "Tatsächlich hätte man sich fragen müssen, was ist denn los, bevor man fragt: warum sagen die das. Und ja, das haben wir verdrängt. Dabei waren das ernsthafte Sorgen, die in der ganzen Gesellschaft waren und wir hätten sie viel ernster nehmen müssen, nicht nur ich selber, sondern die gesamte Führung der DDR."
    Den Rücktritt des ZK am 3. Dezember 1989 und damit auch das Ende der eigenen politischen Karriere schildert König mit einer seltsamen Beiläufigkeit.
    Im gewendeten Osten gründet er einen Kleinverlag und arbeitet nach dessen Aus als Anzeigenleiter für eine Zeitungsgruppe, aus der SED-PDS ist er schon 1990 ausgetreten.
    Blick hinter die Kulissen
    Bei aller Selbstkritik, die auf seinen 545 Seiten immer wieder durchscheint, liefert das Buch auch Ärgerliches: etwa die Relativierung der flächendeckenden Überwachung im SED-Staat, in der der Autor keinen qualitativen Unterschied zu westlichen Praktiken bei der Bespitzelung der eigenen Bürger erkennen mag.
    Auch ist das Buch keine chronologisch angeordnete Lebensbeschreibung: nach Sachthemen gruppiert, entsteht ein manchmal ermüdendes Durcheinander auf dem Zeitstrahl. Nichts desto weniger bietet diese Autobiographie interessante Blicke hinter die Kulissen der DDR-Kulturpolitik. Und: Sie ist im Vergleich zu den in derselben Verlagsgruppe erschienenen Elaboraten anderer DDR-Funktionäre äußerst lesbar geraten.
    Ihr Autor, der gerade seinen 70. Geburtstag feierte, aktualisiert derzeit Songs aus seiner Singebewegungs-Zeit. So hat nun auch "Sag mir wo du stehst" eine weitere, neue Strophe erhalten:
    "Und denkt nicht es reicht schon die Nazis zu hassen/ Ein bisschen Spucke tut denen nicht weh / Versperr’ ihnen Parlamente und Straßen / und wo sie sich breitmachen, da steh! / Sag mir wo du stehst..."
    Hartmut König: Warten wir die Zukunft ab. Autobiografie.
    Verlag Neues Leben, 560 Seiten, 24,99 Euro.