Donnerstag, 07. Juli 2022

Debatte um Nemi El-Hassan und Feyza-Yasmin Ayhan
Dem Boulevard geht es um den eigenen Kosher-Stempel

Warum wird die Kampagne gegen Nemi El-Hassan und Feyza-Yasmin Ayhan so lautstark geführt, fragt sich Jochanan Shelliem in seinem Kommentar. Die Springerpresse wolle keine sichtbaren braunen Flecken auf der eigenen Weste - deswegen versehe man die entdeckten Aktionen der beiden mit dem Stigma des Antisemitismus.

Ein Kommentar von Jochanan Shelliem | 28.10.2021

Ein Porträt der lächelnden Nemi El Hassan als Moderatorin der Sendung Quarks.
Die Journalistin Nemi El-Hassan sollte die WDR-Sendung "Quarks" moderieren - doch dann wurden Antisemitismusvorwürfe ihr gegenüber laut (WDR / Tilman Schenk)
Nun sind also zwei junge palästinensischstämmige Journalistinnen in die Mühlen der Meinungspresse geraten.
Nemi El-Hassan sollte das neue Gesicht von "Quarks", der WDR-Wissenschaftssendung, werden, als die "Bild"-Zeitung alte Fotos im Netz ausgrub. Dort war die Fernsehjournalistin auf einer Al-Quds Demonstration gegen Israel zu sehen.
Feyza-Yasmin Ayhan, eine Comedian, die für die ZDF-Comedy-Reihe "Barry Barbershop" tätig ist, wurde in der daraufhin von der Bild-Zeitung lancierten Kampagne vorgeworfen, sie habe "sich durch das Verbreiten antisemitischer und israelfeindlicher Ressentiments" hervorgetan, sie hatte eine Stürmer-Karikatur gelikt.
Auch hatte Ayhan auf einer Veranstaltung der "Deutschen Jugend für Palästina", einer der Hamas nahestehenden Organisation, gesagt, "Was Israel in Palästina vernichtet hat, wird nicht sterben, und das, was Israel in Palästina errichtet hat, wird keine Sekunde leben." Auf den ersten Blick eine Attacke gegen den jüdischen Staat, auf den zweiten allerdings ein Fanal gegen die Ungerechtigkeiten der Besatzungsmacht.

Rückendeckung von Zimmermann und Primor, Kritik von Schuster

Mittlerweile haben beide palästinensischen Journalistinnen nicht nur Schelte, sondern auch Rückendeckung bekommen. Der in Tel Aviv lebende Historiker Moshe Zimmermann und Avi Primor, Ex-Botschafter Israels wiesen darauf hin, dass der Boykott israelischer Waren aus den besetzten Gebieten, den Ayhan befürwortete, kein antisemitischer Akt sei. Und viele Israelis im Kampf um die Rechte der Palästinenser die von den deutschen Journalistinnen geteilten Parolen teilten. In sozialen Medien waren die Solidaritätsbekundungen für sie sogar ganz auf ihrer Seite.
Porträt.
Nemi El-Hassan - Journalistin äußert sich, WDR beendet Zusammenarbeit
Der WDR will nicht mehr mit Nemi El-Hassan zusammenarbeiten. Das Vertrauen dafür sei nicht mehr vorhanden. Die Moderatorin hatte den Sender zuvor wegen des Umgangs mit ihr kritisiert. Die Entscheidung des WDR wird unterschiedlich beurteilt.
Mitte Oktober schrieb der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland dem ZDF-Intendanten Thomas Bellut einen Brief, in dem er sich besorgt über den Fall Ayhan zeigte. Josef Schuster schrieb: "Menschen, die Antisemitismus verbreiten, dürfen keinen Platz beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben." Durch ihre Vorbildfunktion käme ihnen als "vierte Gewalt" im Staate eine besondere Verantwortung zu.

Springerpresse will den öffentlich-rechtlichen Medien ein Lehrmeister sein

Warum diese Kampagne, in der das Verhalten der beiden Journalistinnen immer weniger differenziert, die Forderung ihrer Ächtung aber immer lautstärker gefordert wird?
Nichts geht im Netz verloren und da derzeit jeder und jede tweetet, liked und postet, was die Übertragungsrate hält, ist jede Dummheit dokumentiert. Und nichts ist mehr privat.
Dass Feyza-Yasmin Ayhan und Nemi El-Hassan aus palästinensischen Familien stammen, mag ihre Sensibilität getrübt haben, viele Verwandte pflegen ihre Vorurteile gegen Juden. Schließlich wollen sie die Opfer sein.
Ähnlich ist die Sehnsucht der Springerpresse, deren Häme sich seit Wochen über die Beiden ergießt. Sie will auf der rechten Seite stehen und den öffentlich-rechtlichen Medien ein Lehrmeister sein.
Also schlaumeiern heute die einen von der Verlorenen Ehre der Katharina Al-Hassan. Die Anderen sprechen von Judenhass. Politische Kritik an der Regierung Israels wird als Antisemitismus subsumiert. Wie oft, wenn es um die widersprüchliche Lage in Israel geht.
Ein Transparent mit der Aufschrift "Jüdisches Leben ist keine Provokation!" zeigt das Motto einer Kundgebung gegen Antisemitismus in Berlin-Neukölln.
Historiker Bajohr: "Antisemitismus ist nicht bloß eine Angelegenheit irgendeines extremen Randes"
Antisemitismus nehme in Deutschland zu, sagte der Historiker Frank Bajohr im Dlf. Problematische Anschauungen würden seltener über plakative Slogans verbreitet, seien aber in weiten Teilen der Gesellschaft zu finden.

Dem Boulevard geht es um den Kosher-Stempel des eigenen Mediums

Mit ihrem offenen Brief haben Moshe Zimmermann, ein gern gesehener Talkshowpartner und Garant für Israel-kritische Analyse, und Avi Primor Recht. Doch sie haben offenbar übersehen, dass es in Deutschland niemand interessiert, dass in den israelischen Medien mit härteren Bandagen gefochten wird:
Dass jüdische Aktivisten und Knesseth-Parlamentarier in Israel viel härter streiten, wenn es um inhumane Aktionen der israelischen Regierung geht, das mag wohl sein.
Israel ist ein Einwanderungsland, ist eine um ihre Dominanz ringende Einwanderungskultur, in der sich die Immigranten leidenschaftlich beschimpfen – und zwar in allen Medien. Gut, dass die meisten deutschen Journalistinnen und Journalisten kein Hebräisch können.
Doch was interessiert den deutschen Boulevard die Differenz? Da geht es um den Kosher-Stempel des eigenen Mediums. Und wer bis vor kurzem Julian Reichelt, frisch gechasster Chefredakteur der Bild-Zeitung, für einen sanften Flüsterer und Bild für ein ausgewogenes Presseorgan gehalten hat, der sollte Günter Wallraffs Reportagen lesen.
Man will, zumal im Land der Täter, keine sichtbaren braunen Flecken auf der eigenen Weste und weil heut' jeder, jede und alle andern auch, bis zu den intimsten Details alles ins Netz stellt, deswegen versieht man die entdeckten Aktionen und Texte der Journalistinnen mit dem Stigma des Antisemitismus. Und der ist Out.
Pech, wenn Chefredakteure Dunkles sehen.
Und Angst haben Juden hierzulande sowieso – leider – zu Recht.
Jochanan Shelliem, geboren in Haifa, studierte Pädagogik, Englisch und Geschichte. Seit 1978 arbeitet er als ARD-Hörfunk-Journalist. Er ist unter anderem Autor der Fature "Weinen Sie nicht, die gehen nur baden! – Zeugen des Auschwitz-Prozesses berichten", "Begegnung mit einem Mörder – Die vielen Gesichter des Adolf Eichmann" und "'Im Namen des Volkes' – Hinter den Kulissen des Nürnberger Prozesses", erschienen im Audio-Verlag DAV.