Antisemitismus-Vorwürfe um Nemi El-HassanJournalistin äußert sich, WDR beendet Zusammenarbeit

Der WDR will nicht mehr mit Nemi El-Hassan zusammenarbeiten. Das Vertrauen dafür sei nicht mehr vorhanden. Die Moderatorin hatte den Sender zuvor wegen des Umgangs mit ihr kritisiert. Vorausgegangen waren Antisemitismusvorwürfe gegen die Journalistin. Die Entscheidung des WDR wird unterschiedlich beurteilt.

Christine Horz-Ishak im Gespräch mit Bettina Schmieding / Text: Isabelle Klein | 03.11.2021

Porträt.
Nachdem die Journalistin Nemi El-Hassan den WDR öffentlich für den Umgang mit Antisemitismusvorwürfen ihr gegenüber kritisiert hat, beendete der Sender die Zusammenarbeit mit ihr endgültig (dpa / WDR / Tilman Schenk)
WDR erteilt Zusammenarbeit mit El-Hassan eine Absage
"Das Vertrauen für eine künftige Zusammenarbeit ist nicht mehr vorhanden", teilte der WDR am 02.11.2021 auf seiner Website mit. Der öffentlich-rechtliche Sender bezieht sich auf Aussagen, die El-Hassan in einem Gastbeitrag in der "Berliner Zeitung" getätigt hat, in dem die Journalistin unter anderem Kritik am WDR äußert.
"Der Vorwurf, dass die Moderatorinnen-Auswahl von einer 'Bild'-Kampagne abhängig mache, ist unsinnig", so der Sender. "Unabhängig von der medialen Berichterstattung und dem öffentlichen Druck im Fall Nemi El-Hassan hat der WDR sorgfältig und umfangreich beraten, weil die Verantwortlichen den beruflichen Weg der jungen Journalistin nicht leichtfertig behindern, sondern ihr eine Chance geben wollten."
Offener Brief von El-Hassan
In ihrem Gastbeitrag wirft El-Hassan dem WDR vor, sich voreilig der aus ihrer Sicht rassistischen Argumentation der "Bild" angeschlossen zu haben – "in der Hoffnung, sich selbst aus der Schusslinie zu ziehen".
Die Berichterstattung der "Bild" über sie sei durchzogen von rassistischen Narrativen, so die Journalistin. Sie sieht darin eine auch von rechtsextremen Internet-Aktivisten ausgehende und geplante Kampagne gegen sie und andere Muslime – und verweist dabei auf Recherchen von Zeit Online. Ziel dieser Kampagne sei es, "möglichst viele Menschen muslimischen Glaubens aus der Öffentlichkeit hinausdrängen", schreibt El-Hassan.
Indem sich der WDR der "Bild"-Argumenten angeschlossen habe, habe der Sender zukünftigen Kampagnen Tür und Tor geöffnet. Sie vermisse zudem einen ehrlichen Diskurs über Antisemitismus und israelkritische Positionen, schreibt die Journalistin. Und sie bezweifle, dass die Beschäftigungsverhältnisse anderer WDR-Mitarbeitenden ebenfalls in Bezug auf Aktivitäten und Likes auf Social Media hin überprüft würden.
Antisemitismusvorwürfe gegen El-Hassan
El-Hassan ist palästinensischstämmige Journalistin und Ärztin. Eigentlich hätte die 28-Jährige ab November 2021 Moderatorin der WDR-Wissenschaftssendung "Quarks" werden sollen. Nach Bekanntwerden der Zusammenarbeit wurden Antisemitismusvorwürfe laut.
Als erstes hatte die "Bild" über eine Teilnahme El-Hassans an einer Al-Kuds-Demo in Berlin im Jahr 2014 berichtet. Bei den alljährlichen Al-Kuds-Demos in Berlin waren in der Vergangenheit immer wieder antisemitische Parolen gerufen und Symbole der pro-iranischen libanesischen Hisbollah-Bewegung gezeigt worden.
Menschen protestieren bei einer "Free Palestine"-Demonstration in München am 11. Mai 2021 gegen Israel
"Tod Israel"-Rufe bei Demos in Deutschland - Man muss es Antisemitismus nennen
Der Nahostkonflikt wird auch auf deutschen Straßen ausgetragen. "Tod Israel" ist bei Demonstrationen zu hören. Kommentator Vladimir Balzer brandmarkt das als Antisemitismus – und er fordert, genau hinzugucken.
Nach der ersten Berichterstattung der "Bild", so El-Hassan in der "Berliner Zeitung", habe sie sich öffentlich für die Teilnahme an der Demo entschuldigt.
"Die Frage ist: Wie glaubwürdig ist das?", sagte Jochen Bittner, der bei der Wochenzeitung "Die Zeit" das "Streit"-Ressort leitet, im September in @mediasres. So wolle er wissen, ob sie Al-Kuds-Demos, bei denen es um "Hass auf Juden" gehe, auch "eindeutig verurteilt". Auf der anderen Seite müsse man aber auch zulassen, dass "Reue und Wandel der Überzeugungen auch vorgetragen werden dürfen". Er wolle "nicht in einem Land leben, in dem jemandem Fehler aus jungen Jahren ein Leben lang vorgehalten werden", so Bittner.
Porträt der Ärztin und Journalistin Nemi El-Hassan
Journalist Bittner: "Sie muss sich glaubwürdig distanzieren"
Nach Islamismus-Vorwürfen wird Nemi El-Hassan vorerst nicht die Sendung Quarks moderieren. Er finde diese Entscheidung des WDR richtig, sagte Jochen Bittner im Dlf. Doch er warne davor, den Stab über sie zu brechen, wie das einige Medien täten.
Im Zuge der Berichterstattung über die Teilnahme an der Demo gab es jedoch noch weitere Antisemitismusvorwürfe gegenüber El-Hassan. Unter anderem habe sie in sozialen Netzwerken antisemitische Posts geliked. Dies und der Umgang der Journalistin damit gegenüber dem WDR war nach Aussagen des Senders ausschlaggebend gewesen, El-Hassan zunächst nicht als Moderatorin einzusetzen. "Relevante Informationen – wie zum Beispiel das Löschen von Likes – erfuhr der WDR erst aus den Medien, obwohl er mit Nemi El-Hassan im intensiven Austausch war. Dies hatte von Beginn an das Vertrauensverhältnis belastet."
Weiter hieß es von Seiten des WDR, die Auseinandersetzung um ihre Person habe zu einer "unangebrachten Politisierung der renommierten Wissenschaftssendung" geführt. Die ARD-Anstalt habe zunächst weiter geprüft, ob sie möglicherweise als Autorin für "Quarks" arbeiten könnte.
Unterstützung für El-Hassan
Neben Kritik hatte es jedoch auch Unterstützung für Nemi El-Hassan gegeben. Rund 500 Personen bekundeten im September in einem offenen Brief Solidarität mit der Moderatorin, darunter Journalistinnen, Künstler und Wissenschaftlerinnen, viele davon prominente Persönlichkeiten wie die Friedenspreis-Trägerin Carolin Emcke, der Pianist Igor Levit, der Autor Max Czollek und der Journalist Thilo Jung.
"Wir sind entsetzt über die diffamierende und denunziatorische Art, in der diese Diskussion geführt wird", heißt es im Statement. El-Hassan werde aufgrund ihrer palästinensischen Herkunft und ihrer muslimischen Identität zur Zielscheibe von Hass und Hetze. Wie die Betroffene selbst sehen die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Briefs hinter der Diskussion eine Kampagne "mit rassistischen Untertönen". In Richtung WDR sendeten die Autorinnen die Bitte, die Entscheidung über die "Quarks"-Moderation auf Basis der Qualifikationen und heutigen Positionen von El-Hassan zu treffen und die Zusammenarbeit wieder aufzunehmen. "Alles andere wäre ein fatales Signal".
Auch der jüdische Journalist Jochanan Shelliem sieht hinter der Antisemitismus-Debatte um El-Hassan (und um die ZDF-Comedian Feyza-Yasmin Ayhan) eine Kampagne, in der das Verhalten der Journalistinnen immer weniger differenziert, die Forderung ihrer Ächtung aber immer lautstärker gefordert werde, kommentierte er in @mediasres.
Ein Porträt der lächelnden Nemi El Hassan als Moderatorin der Sendung Quarks.
Kommentar: Dem Boulevard geht es um den eigenen Kosher-Stempel
Warum wird die Kampagne gegen Nemi El-Hassan und Feyza-Yasmin Ayhan so lautstark geführt, fragt sich Jochanan Shelliem. Die Springerpresse wolle keine sichtbaren braunen Flecken auf der eigenen Weste – deswegen versehe man die entdeckten Aktionen der beiden mit dem Stigma des Antisemitismus.
Unterstützung bekam El-Hassan auch vom in Tel Aviv lebenden Antisemitismusforscher Moshe Zimmermann und dem Ex-Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor. Die beiden Mitglieder der Deutschen Initiative für den Nahen Osten (Dino) verteidigen El-Hassan explizit gegen den Vorwurf des Antisemitismus. So sei ihre Unterstützung eines Aufrufs von "Jewish Voice for Peace" "per definitionem" nicht als antisemitisch zu bewerten, da es sich hier um eine jüdische Organisation handele. In einer gemeinsamen Stellungnahme schreiben sie: "Wir halten die Absicht, die Ernennung von Frau El-Hassan als ARD-Moderatorin zu vereiteln, für nicht legitim."
Reaktionen auf die Beendigung der Zusammenarbeit des WDR mit El-Hassan
Der Zentralrat der Juden indes begrüßt die Entscheidung des WDR. Der Sender habe den Fall sorgfältig geprüft und jetzt klar entschieden, sagte Zentralratspräsident Josef Schuster der "Jüdischen Allgemeinen".
Mitte Oktober hatte Schuster sich schon in der Debatte um Antisemitismusvorwürfe gegenüber der ZDF-Comedian Feyza-Yasmin Ayhan dem ZDF-Intendanten Thomas Bellut einen Brief geschrieben, in dem er sich besorgt zeigte: "Menschen, die Antisemitismus verbreiten, dürfen keinen Platz beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben", so der Zentralratspräsident nach Angaben der "FAZ". Durch ihre Vorbildfunktion hätten die Sender eine besondere Verantwortung.
Auch der Journalist Gideon Böss machte in der "Jüdischen Allgemeinen" einen "immer stärker werdenden Judenhass, der sich gern als 'Israelkritik' ausgibt" aus. Es dränge sich der Eindruck auf, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk den Hass auf Juden weniger schlimm finde, wenn er von einer freundlich auftretenden Migrantin komme.
Ein Transparent mit der Aufschrift "Jüdisches Leben ist keine Provokation!" zeigt das Motto einer Kundgebung gegen Antisemitismus in Berlin-Neukölln.
Historiker Bajohr: "Antisemitismus ist nicht bloß eine Angelegenheit irgendeines extremen Randes"
Antisemitismus nehme in Deutschland zu, sagte der Historiker Frank Bajohr im Dlf. Problematische Anschauungen würden seltener über plakative Slogans verbreitet, seien aber in weiten Teilen der Gesellschaft zu finden.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Christine Horz-Ishak hält die Entscheidung des WDR hingegen für "sehr unglücklich". Sie geht wie die Unterzeichner des offenen Briefs für El-Hassan von einer Kampagne gegen die Journalistin aus. "Man will versuchen zu verhindern, dass Muslime in den Medien präsent sind", sagte sie im Dlf.
Der WDR habe hier seine Chance verpasst, indem er dem gesellschaftlichen Diskurs zu Antisemitismus nun aus dem Weg gegangen sei. Lieber verweise der Sender auf bestimmte Personen und damit "von sich weg", statt das Thema aufzugreifen, auf eine Metaebene zu heben und zu hinterfragen, "was vielleicht die eigenen Verfehlungen in dieser Hinsicht sind und darüber zu debattieren: Hat man eben einfach hier den Schlussstrich sozusagen gezogen und die ganze Debatte vermieden?"
Der WDR präsentiere sich zwar immer wieder als Vorreiter in Sachen Diversität, verweigere die Diskussionen aber "in regelmäßigen Abständen". Dabei sei er als öffentlich-rechtliches Medium hier in einer besonderen Verantwortung, so Horz-Ishak.