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StartseiteKultur heuteKonservativ, nicht faschistisch02.07.2019

Debatte um Rechte RäumeKonservativ, nicht faschistisch

Die aktuelle Ausgabe der Architekturzeitschrift Arch+ hat eine Debatte über "Rechte Räume" entfacht. Es gäbe zahlreiche Beispiele in Deutschland für Architektur, die rechte Ideologie transportiere. Auslöser war ein Bau von Hans Kollhoff in Berlin. Der entgegnete im Dlf: "Das ist unseriös im höchsten Maße."

Hans Kollhoff im Gespräch mit Karin Fischer

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Eine Ansicht des Walter Benjamin Platzes in Berlin Charlottenburg. Strenge, klare Formen bestimmen das Bild. (Mike Wolff / imago-images)
Der Walter-Benjamin-Platz in Berlin-Charlottenburg ist Objekt einer neuen Architekturdebatte um "Rechte Räume" (Mike Wolff / imago-images)
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Karin Fischer: Der Architekturstreit um die "Rechten Räume" geht weiter, der Architekturkritiker Arnold Bartetzky ist in der FAZ in den Ring gestiegen. Er wirft den Herausgebern und Gast-Redakteuren der Zeitschrift Arch+ vor, mit ihrem Themenheft das Klima vergiftet zu haben. Zur Erinnerung: Unter dem Titel "Rechte Räume" listen die Autoren des Arch+-Schwerpunkts sowohl faschistische Kultorte als auch historische Rekonstruktionen wie die Frankfurter Altstadt oder die Dresdner Frauenkirche.

Besonders schwerwiegend: Dem Architekten des Walter-Benjamin-Platzes in Berlin, Hans Kollhoff, wird unterstellt, er habe mit einem Zitat des Dichters Ezra Pound eine "antisemitische Flaschenpost" auf den Platz geschmuggelt. Mit manipulativen Mitteln werde hier ein vernichtender Verdacht in die Welt gesetzt, schreibt Bartetzko. Hans Kollhoff selbst hat dem schon früh widersprochen, ich habe ihn in einem seiner Studios in Den Haag erreicht, und ihn gefragt: Herr Kollhoff, was hat die Debatte seither bei Ihnen ausgelöst?

Hans Kollhoff: Vor allen Dingen Ärger, weil es erst mal nicht um einen Architekturstreit geht, sondern es geht um Unterstellungen. Und das Deprimierende ist ja, dass damit keine sachliche Debatte bezweckt wird, sondern jedes Wort, das man verliert, diesen perfiden Absichten der Arch+ zugespielt wird. Es ist ja kein Gespräch mit dem Ziel, gemeinsam klüger zu werden. Letztlich geht es darum, eine konservativ-bürgerliche Haltung zur Stadt und zur Frage, wie wir leben wollen in unserem Gemeinwesen, zu diskreditieren und verächtlich zu machen. Und das mit Hilfe des in-die-Ecke-stellens konservativer Haltungen, zusammen mit faschistischen Phänomenen bis hin zum Haus Hitlers in Braunau, und das ist unerträglich. Das kann man nicht akzeptieren.

"Es gibt einiges zu bewahren"

Kollhoff: Was heißt konservativ? – Konservativ heißt, man möchte etwas bewahren, wenn es etwas zu bewahren gibt, und ich denke, in unseren Städten und Dörfern in Europa – und so kam ja der Begriff der "Europäischen Stadt" vor Jahren auf – gibt es einiges zu bewahren.

Fischer: Ich entnehme Ihren Worten, Herr Kollhoff, dass für Sie die Einteilung in eine womöglich rechte Retroarchitektur und eine womöglich linke fortschrittliche Architektur wenig sinnvoll ist?

Kollhoff: Ja, das ist vollkommen absurd. Aber das wissen wir ja schon seit Jahren. Das ist ein großes Déjà-vu-Erlebnis.

Fischer: Warum?

Kollhoff: Weil es schon in den 80er-Jahren und vorher solche Verdächtigungen gab. Wenn Sie sich erinnern: Da war ja ein schräges Dach schon faschistisch. Eigentlich dachte man, dass wir ein bisschen weiter sind in der Architektur, vor allen Dingen in der Architekturtheorie. Herr Trüby nennt sich ja Architekturtheoretiker.

Fischer: Dann lassen Sie uns zu dem Stein des Anstoßes kommen. Ezra Pound hat Mussolini verehrt, er ist ein ausgewiesener Antisemit, er war aber auch einer der größten Dichter seiner Zeit. Wie kommt dieses Zitat, von dem jetzt alle reden, überhaupt auf einen Platz, der Walter Benjamins Namen trägt, der sich ja bekanntermaßen 1940 auf der Flucht vor den Nazis das Leben genommen hat?

Kollhoff: Erst mal war dieses Zitat schon auf dem Platz, da hieß der Platz noch nicht Walter-Benjamin-Platz, sondern Leibniz-Kolonaden. Walter Benjamin, die Benennung kam Jahre später durch einen Vorschlag des Bezirks, und das fand ich sehr gut, weil dieser Begriff Leibniz-Kolonaden im Grunde ein Marketingbegriff gewesen ist. Das muss man erst mal klar sehen. Hier spielt die Reihenfolge eine Rolle.

Ideologien und Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre

Kollhoff: Darüber hinaus sehe ich natürlich Walter Benjamin und die Namensgebung des Platzes erst mal als eine Referenz an Walter Benjamin und sicher auch damit eine Erinnerung an sein Schicksal. Wenn man nun Walter Benjamin und Ezra Pound zusammenbringen will, worum es mir ja damals nicht ging, sondern wenn diese Frage immer wieder auftaucht, dann kann ich sagen, beide haben unter der gleichen Problematik gelitten, nämlich unter den wirtschaftlichen Verhältnissen, die dann auch identisch sind weitgehend mit politischen Verhältnissen der 20er-, 30er-Jahre. Beide waren zum Zeitpunkt der Wirtschaftskrise 1929 in Paris, hätten sich auch durchaus begegnen können. Beide haben Hoffnungen gehabt, diese elende Zeit, die ja wirklich den Menschen in Europa an die Substanz gegangen ist, hinter sich zu bringen – der eine mehr in Richtung sozialistischer Hoffnungen und der andere in Richtung Mussolinis Faschismus.

Fischer: Das heißt, Herr Kollhoff, diese Unterschiedlichkeit der Ideologien, das ist Ihnen keine besondere Einlassung wert? Die bewerten Sie gleich?

Kollhoff: So wie ich es eben gesagt habe. Der eine war Anhänger kommunistischer Ideologien und der andere hing dem italienischen Faschismus nach. Da muss man erst mal einsteigen in diese Zeit, in der das passiert ist. Später dann die faschistischen Vorwürfe zu Ezra Pound, die beziehen sich ja vorwiegend auf die 40er-Jahre und seinen Radioansprachen bei Radio Roma. Man muss das zeitlich auseinanderhalten. Man kann das nicht einfach nur aus unserer Brille der Nachgeborenen betrachten und vor allen Dingen nicht den italienischen Faschismus mit dem deutschen Faschismus gleichsetzen. Da muss man sehr differenziert vorgehen, und das ist nicht die Absicht von Arch+ und von Herrn Trüby gewesen.

Ignoranz und bewusste Fehlleitung in der Diskussion

Fischer: Ein Argument kann ich allerdings nachvollziehen, das Herr Trüby kundtut. Die Verfasser des Schwerpunkts hatten nämlich festgestellt, gerade bei Reisen durch Italien, dass dort beispielsweise die rechtsextreme Bewegung ziemlich fortgeschrittene Urbanismus-Diskussionen führt und vergleichsweise einfach mit dem Wind segelt, der aus einem Rekonstruktionsbedürfnis vieler Menschen in eine bestimmte Richtung weht, um ihre rechten Ideologien in konkrete Architektur zu verankern. Können Sie dieses Argument denn nachvollziehen?

Kollhoff: Aber das ist doch gar nicht wahr! Wissen Sie, in Italien und auch im gegenwärtigen Italien kenne ich mich sehr gut aus. Da gibt es natürlich die faschistischen Bewegungen oder neofaschistischen Bewegungen einer "Casa Pound" – so nennen die sich unter anderem -, auf die Herr Trüby hinweist. Aber wissen Sie, auf der anderen Seite wird mir nun beim Walter-Benjamin-Platz vorgeworfen, ich würde eine Architektur von Piagentini hier aufleben lassen auf dem Walter-Benjamin-Platz, die er in Turin verwirklicht hat. Piagentini war im Grunde einer der Architekten, die für Mussolini gebaut haben, und er war der große Städtebauer. Aber wissen Sie, Piagentini hat in Turin vielleicht Kolonaden von 100 Metern Länge gebaut. Turin hat vielleicht 20, 30 laufende Kilometer Kolonaden und da soll mal einer kommen und die von Piagentini nun als was Spezielles rausholen. Das geht gar nicht, das ist unseriös im höchsten Maße und zeugt von Ignoranz oder von ganz bewusster Fehlleitung in der Diskussion und das kann ein Architekturhistoriker sich im Grunde nicht leisten.

Walter-Benjamin-Platz "beispielhaft in jeder Hinsicht"

Fischer: Eine Frage muss ich noch stellen, Herr Kollhoff. Die granitene Massivität der von Ihnen entworfenen Bauten am Walter-Benjamin-Platz ist von Anfang an eigentlich auch kritisiert worden. Angesichts der Gentrifizierung Berlins, die in den vergangenen Jahren ja massiv stattgefunden hat, würden Sie heute anders mit solchen Aufträgen umgehen?

Kollhoff: Nein, überhaupt nicht! – Überhaupt nicht! – Ganz im Gegenteil! – Wenn ich heute zum Walter-Benjamin-Platz gehe, dann ist das ein belebter Platz. Das ist ein Beispiel für einen Stadtplatz, den es in Deutschland in dieser Weise überhaupt nicht gibt. Den hat es nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben. Gehen Sie mal hin und sehen, wie sich dort das großstädtische Leben des Kurfürstendamms vermischt mit dem Quartiersleben. Bei einem Tag wie heute ist der Brunnen voll mit 30, 40 Kindern und die Eltern sitzen daneben und müssen auch nicht in teuren Restaurants konsumieren, sondern da gibt es einen Kiosk, da kann man sich eine Cola kaufen. Das ist beispielhaft in jeder Hinsicht. Nur das fällt natürlich solchen Figuren wie Trüby nicht auf.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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