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StartseiteSport am Wochenende"Niemand wird beleidigt, es handelt sich nicht um Faschismus"20.10.2019

Debatte um Salutgruß in der Türkei"Niemand wird beleidigt, es handelt sich nicht um Faschismus"

War der Salutgruß der türkischen Nationalspieler ein verbotenes politisches Zeichen auf dem Rasen? In der Türkei selbst sieht man darin weder Provokation noch politische Geste. Fußball, Politik und Religion gehören hier fest zusammen.

Von Marion Sendker

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Türkische Fußball-Nationalspieler salutieren beim Torjubel im EM-Qualifikationsspiel gegen Frankreich. (pa/dpa/AP/Camus)
Türkische Fußball-Nationalspieler salutieren beim Torjubel im EM-Qualifikationsspiel gegen Frankreich. (pa/dpa/AP/Camus)
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Nach Salut-Gruß türkischer Spieler "Es entsteht immer ein Gruppendruck"

"Das ist der Militärgruß für die Soldaten an der Grenze! Die Nationalmannschaft grüßt die Helden, unsere Soldaten!" So freut sich ein Fernseh-Kommentator, während ein Großteil der Nationalmannschaft nach Spielende salutierend auf dem Platz steht: in türkischen Augen eine ganz normale Geste, zur Unterstützung und Motivation der türkischen Soldaten, die gerade im Rahmen der Militäroffensive in Syrien sind.

Dort seien auch schon einige Landsleute gefallen, sagt Nationalspieler Merih Demiral, der sonst für Juventus Turin antritt. Auch an sie, er nennt sie sehits, also Märtyrer, richte sich der Gruß der Fußballer: "Ich wünsche allen Gottes Barmherzigkeit. Allah soll unseren Soldaten helfen. Wenn wir sie mit unserem Sieg im Fußball glücklich gemacht haben, dann macht das auch uns glücklich. Mit Gottes Hilfe werden wir an der Europameisterschaft 2020 teilnehmen, daran sollte niemand Zweifel haben."

In der Türkei regt sich Widerstand

Doch Zweifel gibt es: Die Türkei verstößt mit dem Einmarsch in Syrien nicht nur gegen Völkerrecht, sondern die Fußballer könnten mit ihrem Militärgruß gegen UEFA-Statuten verstoßen haben. Demnach sind politische Gesten und Äußerungen auf dem Platz nämlich nicht erlaubt. Darüber muss die UEFA-Disziplinarkammer noch entscheiden. In der Türkei regt sich unterdessen Widerstand. Schon nach der Begegnung mit Frankreich spielte der türkische Nationaltrainer Senol Günes den Ball an die Franzosen zurück: "Der militärische Gruß ist kein negatives Verhalten. Wir wollen ja nicht, dass unsere Soldaten in ein anderes Land einmarschieren. Aber wenn es hier in Frankreich Gewalt gäbe, würden die Franzosen das Gleiche tun wie wir."  

Überhaupt würde die Türkei mal wieder unfair behandelt von der UEFA. Der türkische Sportminister Mehmet Muharrem Kasapoglu erinnert daran, wie der französische Spieler Griezmann vor Präsident Macron salutierte. Konsequenzen gab es dafür nicht. Für Kasapoglu unterscheidet sich der Fall nicht von den türkischen Militärgrüßen. "Die Doppelmoral des Westens muss jetzt ein Ende haben. Jeder weiß, dass unsere Botschaft wirklich eine Botschaft des Friedens ist."

Ein Ausdruck von Meinungsfreiheit?

Und eine Botschaft der Meinungsäußerungsfreiheit, betont der Minister. Kasapoglu hat eine wichtige Botschaft an alle, die sich über die salutierenden Türken aufregen: "Wie kann man unseren freundlichen und vertrauten Gruß anders verstehen, als ein Ausdruck von Meinungsfreiheit? Die Staaten, die sich selbst als Symbol der Meinungsfreiheit verstehen, sollten besser ihr eigenes Verständnis davon überdenken. Sie sollten nicht von sich selbst auf uns schließen."

Mit Politik habe der Militärgruß nichts zu tun, denn Fußball sei frei von Politik, beschwichtigen Fußballer und Politiker in der Türkei immer wieder. Tatsächlich gibt es ein Gesetz, das politische Statements in Stadien verbietet. Auf dessen Grundlage wurde zuletzt schon den Fans von Borussia Mönchengladbach der Eintritt in ein Istanbuler Stadion zeitweise verweigert. Sie hatten Flaggen mit christlichen Symbolen mitgebracht. Die Polizei sah darin eine politische Botschaft. Der Militärgruß der Nationalspieler dagegen: eine kulturelle Angelegenheit - und Kultur sei im Fußball erlaubt, betont der Journalist Nevzat Dindar, von der regierungsnahen Zeitung Milliyet: "Christliche Fußballer machen zum Beispiel ein Kreuzzeichen. Und was machen Muslime? Die beten."

"In unserer Kultur gilt jeder geborene Türke als Soldat"

Dass türkische Spieler ihre Landsleute an der Front grüßen würden, sei nichts anderes: "Niemand wird beleidigt, es handelt sich nicht um Faschismus, nicht um Politik, keine Provokation. In unserer Kultur gilt jeder geborene Türke als Soldat."

Und darauf sind in der Türkei schon viele Kinder stolz. In den sozialen Medien häufen sich Videos von Eltern, deren Nachwuchs es den Fußballern nachmacht.  "Jeder Türke ist ein Soldat, glücklich ist derjenige, der sich Türke nennt. Wir grüßen die Soldaten!" In der Türkei haben das Militär und der Fußball eine wichtige Gemeinsamkeit: Nationalstolz. Verbunden über die rote Flagge mit Halbmond uns Stern gehören Militäreinsätze und Fußball unweigerlich zusammen.

Neue Hymne für die Nationalmannschaft

Ein besonders plakatives Beispiel dafür ist die neue Hymne der türkischen Nationalmannschaft. Das Video zeigt Kinder die Fußballspielen, Tore der Nationalmannschaft und immer wieder: jubelnde Soldaten, Soldaten die aus Hubschraubern springen, Soldaten, die ihre Gewehre in die Luft reißen. "Meine Türkei, Mein Mond und Stern sind wieder auf dem Weg ins Finale, er ist mit Ruhm geebnet, Holt Euch Feiertage, holt Euch Siege! Es ist die Liebe zur Nation!" Heißt es darin auszugweise. Fußball ist in der Türkei Nationalangelegenheit. Genauso wie der Krieg in Syrien.

Der Ärger anderer Staaten über den türkischen Torjubel lässt die türkische Gesellschaft ein Stück weit zusammenrücken. Selbst Oppositionelle stehen auf der Seite der Fußballer – und unterstützen so auch die Offensive in Syrien. Darüber kann sich vor allem einer freuen: der türkische Staatspräsident Erdogan. Er verteidigt seine Nationalmannschaft: "Ich möchte Allah bitten, dass die Militärgrüße unserer Athleten auch ihnen selbst Erfolg bringen sollen."

Fußball, Politik und Religion: Alles eins. Zumindest solange sie den Angelegenheiten der Regierung nutzen.

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