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Startseite@mediasresEine Chefredakteurin muss antirassistisch sein14.04.2021

Debatte um US-"Teen Vogue"Eine Chefredakteurin muss antirassistisch sein

Alexi McCammond wird wegen Tweets, die sie als 17-Jährige schrieb, nicht Chefredakteurin der "Teen Vogue" in den USA. Ein Paradebeispiel für "Cancel Culture"? Nein, findet Marina Weisband in ihrem Kommentar. Es gehe um den Umgang mit rassistischen Stereotypen - die wir alle hätten.

Von Marina Weisband

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Die Journalistin Alexi McCammond (IMAGO / UPI Photo)
Alexi McCammond - "Nachwuchsjournalistin des Jahres" 2019 in den USA (IMAGO / UPI Photo)
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Die neue Chefredakteurin der "Teen Vogue" heißt Danielle Kwateng – und nicht, wie ursprünglich angekündigt, Alexi McCammond. Diese war wieder weg, bevor sie richtig angetreten war. Der Grund: 2011 – McCammond war damals 17 Jahre alt – hatte sie eine Reihe von Tweets mit antiasiatischen Stereotypen gepostet. Für die "Teen Vogue" war das ein Problem, denn die ist kein oberflächliches Jugendmagazin, sondern hat sich in den letzten Jahren deutlich zu einer progressiven politischen Publikation entwickelt, die gerade jungen Frauen Politik und Feminismus vermittelt. Zumal McCammonds Skandal etwa zeitgleich zu zwei Anschlägen auf asiatische Frauen in den USA passiert ist.

Nun könnte man sagen, jemandem den Job zu verweigern wegen zehn Jahre alter Tweets sei ein Paradebeispiel für aus dem Ufer gelaufener "Cancel Culture". Zumal McCammond sich entschuldigt hat. Doch ich wäre mit dem Begriff Cancel Culture vorsichtig.

Alte Tweets an sich sind nicht das Problem

Fangen wir so an: es ist eine universell anerkannte Wahrheit, dass Teenager dumme Dinge tun und sagen. Und da Teenager in einer Welt voller Rassismus und Sexismus aufwachsen, sagen sie eben auch rassistische und sexistische Dinge. Ich danke Gott jeden Tag dafür, dass ich keinen Twitter-Account hatte, als ich vierzehn war. Wenn meine Tochter in diesem Alter ist, haben wir als Gesellschaft hoffentlich einen kulturellen Umgang damit gefunden, dass Teenies eben dummes Zeug herausposaunen und es später bereuen. Warum entsteht jetzt diese Empörung?

Porträtfoto von Marina Weisband (Lars Borges)Marina Weisband (Lars Borges)Marina Weisband wurde 1987 in der Ukraine geboren und kam 1994 als Kontingentflüchtling nach Deutschland. Von 2011 bis 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei. Die Schwerpunkte der Autorin und Diplompsychologin sind Partizipation und Bildung. In ihrem Buch "Wir nennen es Politik" schildert sie Möglichkeiten neuer politischer Partizipation durch das Internet. Seit 2014 leitet sie bei politik-digital.de das aula-Projekt zur Demokratisierung von Schulen.

Es beginnt damit, dass ich keine asiatische Frau bin. Ich bin nicht in der Position, in irgendjemandes Namen jemanden anzuklagen oder zu entschuldigen. Nehmen wir an, jemand wollte Chefredakteurin werden nach zehn Jahre alten antisemitischen Tweets. Wie würde ich mich fühlen? Alte Tweets an sich sind nicht das Problem. Mich würde vor allem brennend interessieren: Wie geht die Person mit dem Thema um?

Ich selbst habe mich vor zehn Jahren öffentlich gegen die Frauenquote ausgesprochen. Ich nutze diese Aussagen heute, um mit ihnen aktiv meinen Werdegang und meinen Lernprozess zu zeigen. Ich greife diese alten Aussagen mit Absicht auf, um zu zeigen, warum sie falsch sind. Und ich führe mit ihnen einen feministischen Kampf.

Von Chefredakteurin Fingerspitzengefühl erwarten

Für die Mitarbeitenden der "Teen Vogue" waren laut eigener Aussagen nicht die alten Tweets das Problem. McCammond hatte sich entschuldigt und gesagt, die Tweets seien "insensitive" gewesen – unsensibel. Sie waren aber nicht unsensibel. Sie waren rassistisch. Angenommen, sie hätte sich proaktiv hingestellt und gesagt: "Schaut mal, so habe ich selbst früher gesprochen. Das zeigt, wie tief diese Stereotype in die Gesellschaft sickern. Ich hielt diese Aussagen für unproblematisch, wie Millionen Menschen das heute tun. Aber das geht nicht an. Zusammen müssen wir das Problem des antiasiatischen Rassismus angehen. Dies war meine Lernreise." Das hätte einen ganz anderen Eindruck erweckt.

  (picture alliance/dpa | Jonas Güttler) (picture alliance/dpa | Jonas Güttler)Rassismus auch Rassismus nennen
Auch im Zusammenhang mit dem rechtsextremen Terroranschlag von Hanau haben viele Medien wieder von einem "fremdenfeindlichen" Hintergrund oder "ausländerfeindlichen" Motiven gesprochen. Doch diese Begriffe passen fast nie.

Bei einer normalen Person würde eine Entschuldigung reichen. Von einer Chefredakteurin der "Teen Vogue" darf man das Fingerspitzengefühl erwarten, das Thema aktiv anzugehen und zu verwandeln. Da reicht es nicht, nicht rassistisch zu sein. Sie muss antirassistisch sein. Und eigene rassistische Stereotype aus der Vergangenheit können dabei helfen. Denn wir alle haben sie irgendwo.

Rassismus kann überwunden werden

Es ist wichtig anzuerkennen, dass niemand von uns frei von den Ungerechtigkeiten aufwächst, die die Vergangenheit an uns vererbt. Es würde der Debatte viel Gutes tun, wenn wir Rassismen benennen könnten, ohne Menschen für den Rest ihres Lebens als Rassisten zu brandmarken - den Menschen von seiner Handlung trennen. Und wenn Menschen offener mit ihren Fehlern umgehen würden – aber auch dürften.

Rassismus kann nur überwunden werden, indem wir alle unsere eigenen impliziten Annahmen kritisch reflektieren. Wir sind da noch auf einem weiten Weg. Aber wir tun die ersten Schritte.

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