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StartseiteDie neue PlatteVon Bergriesen und Erlkönigen24.11.2019

Debüt von Konstantin KrimmelVon Bergriesen und Erlkönigen

Eine musikalische Märchenstunde hat der Bariton Konstantin Krimmel mit der Pianistin Doriana Tchakarova auf seiner Debüt-CD "Saga" zusammengestellt. Zwölf Lieder, in denen böse Geister, Kriege und Schicksalsschläge das Schöne und Gute zerstören. Dabei reizen besonders radikale Charaktere Krimmel zu Höchstleistungen.

Am Mikrofon: Thilo Braun

Eine junger Mann mit Bart und längeren Haaren blickt ernst in die Kamera. Es ist der Bariton Konstantin Krimmel. (Daniela Reske)
Macht bei mehreren Wettbewerben auf sich aufmerksam: Konstantin Krimmel. Im Frühjahr 2019 gewann er den Deutschen Musikpreis, ebenso wie den Helmut-Deutsch-Liedwettbewerb und einen zweiten Preis beim Wettbewerb „Das Lied“ in Heidelberg. (Daniela Reske)

Musik: Hugo Wolf, "Tom der Reimer"

Was macht eine gute Geschichte aus? Und: wie muss sie erzählt werden, damit sie uns fesselt? Diese Frage wirft die neue CD des Baritons Konstantin Krimmel auf. Er entführt uns darauf nämlich in die Welt romantischer Märchen und Balladen. Seine Debüt-CD "Saga" hat er gemeinsam mit seiner Duopartnerin Doriana Tchakarova beim Label alpha Classics aufgenommen. (Und) ihre musikalische Märchenstunde beginnt zunächst harmlos...

(Was für) ein romantisches Idyll. Pferdchen, Glöckchen, eine schöne Frau – und dazu die jugendlich strahlende Wärme in der Stimme von Konstantin Krimmel. "Tom der Reimer" heißt das Lied von Carl Loewe, mit dem Konstantin Krimmel und Doriana Tchakarova ihre erste gemeinsame CD eröffnen. Sie scheinen die zuckersüße Welt aber nicht ganz zu glauben, von der sie da erzählen. Bimmeln die Glöckchen nicht etwas zu lieblich? Wirft sich Tom der Reimer nicht einen Tacken zu stürmisch in den Staub vor seiner Liebsten?

Dieses Lied ist eine Finte

Eine Harmlosigkeit zu Beginn. So kann das Unheil danach umso erbarmungsloser über uns hereinbrechen. Was folgt, ist nämlich ziemlich grausam: Zwölf Lieder, in denen böse Geister, Kriege und Schicksalsschläge das Schöne und Gute zerstören. Eine zwangsverheiratete Jungfrau ertränkt sich im Meer, ein Eifersuchtsdrama führt zum Brudermord, Erlenkönig und Loreley spuken umher. Es ist ein Album voller Schauerballaden, ein paar davon zählen zum Kunstlied-Kernrepertoire: "Die beiden Grenadiere" von Robert Schumann etwa oder "Der Zwerg" von Franz Schubert. Einige Balladenvertonungen von Carl Loewe dürften Kunstliedfreunden ebenfalls vertraut sein.

Eine echte Neuentdeckung sind drei Balladen von Adolf Jensen. Seine Musiksprache erinnert an Robert Schumann, etwa sein 1870 komponiertes Lied "Rübezahl". Es erzählt die Geschichte eines Bergriesen, der einsam und verbittert über seinen Reichtümern brütet. Wilde Akkordbrechungen im Klavier charakterisieren ein aufgewühltes Herz, die Stimmung wechselt jäh zwischen lyrischer Träumerei und expressiven Ausbrüchen.

Musik: Adolf Jensen, "Rübezahl"

Der Geschichtenerzähler Konstantin Krimmel ist hier ganz in seinem Element. Die vielen Stimmungen in Adolf Jensens Lied "Rübezahl" transportiert er durch farbliche Nuancen: Sarkastisch kommentiert er die sinnlosen Reichtümer. Voll zarter Sehnsucht dagegen singt er von der Lilie, die "tief unten im Tale" blüht.

Von Publikum wie Fachjurys geschätzt

Für diese Vielseitigkeit, für dieses Einfühlungsvermögen in die Psyche der Charaktere, wird Konstantin Krimmel geschätzt. Vom Publikum wie von den Fachjurys: Im Frühjahr 2019 hat er den Deutschen Musikpreis gewonnen, ebenso wie den Helmut-Deutsch-Liedwettbewerb und einen zweiten Preis beim Wettbewerb "Das Lied" in Heidelberg.

Konstantin Krimmel gelingt eine ungewöhnliche Kombination. Seine Stimme fließt, ohne Druck und fokussiert, in bester Belcanto-Tradition. Gleichzeitig ist er in der Lage, reiche farblichen Schattierungen zu nutzen, von bebender Bruststimme bis kopfigem Falsett.

Und Krimmel teilt Kraft und Mittel seiner Stimme klug ein. In Franz Schuberts Ballade "Der Zwerg" etwa beginnt Krimmel unaufgeregter als andere Interpreten. Die Boshaftigkeit des Zwerges wirkt dadurch überraschend – mit Volumen, Kraft und kehliger Eiseskälte.

Musik: Franz Schubert, "Der Zwerg"

Mit Doriana Tchakarova hat Konstantin Krimmel eine aufmerksame Duopartnerin an seiner Seite. Bei aller Kraft und Expressivität bleibt ihre Klavierbegleitung doch stets so zurückhaltend, dass Krimmels Stimme darüber strahlen kann.

In der Vertonung des "Erlkönig" von Carl Loewe spielt Tchakarova die flimmernde Begleitung mit viel Pedaleinsatz. Da die Mikrofonierung ohnehin recht viel Raumklang transportiert, verschwimmen einige Details: der galoppierende Rhythmus im Bass etwa oder das ängstliche Zittern der hohen Wechselnoten. Gleichzeitig passt das hallige Klangbild aber auch zur Stimmung des Liedes. Zum Geisterkönig, der in der Fantasie des Knaben herumspukt.

Musik: Carl Loewe "Erlenkönig"

Interessanterweise singt Konstantin Krimmel die Figur des Erlkönigs und den Knaben ähnlich: mit einer lyrischen Kopfstimme. Das ist insofern stimmig als der Erlkönig nur in der Einbildung des Knaben existiert. Den Vater wiederum lässt Krimmel mit baritonalem Volumen erwachsen und ernst erscheinen.

"Prometheus" eine Höhepunkt der CD

Besonders gut gelingen Konstantin Krimmel radikale Charaktere. Je größer die Zerrissenheit der Figuren, je krasser Ideal und Wirklichkeit auseinanderklaffen – desto mehr scheint Krimmel in seinem Element zu sein. Ein Höhepunkt auf der Platte ist Franz Schuberts Lied "Prometheus" nach dem Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe.

Die Anklage von Prometheus an Zeus poltert Krimmel nicht einfach heraus, er lässt eine vielschichtige, spannende Persönlichkeit entstehen. Mit zwischen den Zähnen herausgepresstem Sarkasmus einerseits, väterlicher Liebe zu den Menschen andererseits. Zu Beginn spricht dieser Prometheus noch mit würdevoller Zurückhaltung, dann steigert er sich in seine Wut hinein, bis er das Wort "Götter" voller Verachtung herausspuckt.

Musik: Franz Schubert, "Prometheus"

Konstantin Krimmel ist einer der vielversprechendsten Sänger seiner Generation. Mit nur 26 Jahren besitzt er bereits eine interpretatorische Tiefe und eine technische Souveränität, mit der er auch den Vergleich zu großen Liedsängern seines Stimmfachs nicht scheuen muss. Neben dem Kunstlied ist Krimmel mittlerweile auch immer stärker im Opern- und Oratorienbereich gefragt – auch das spricht für seine Vielfalt und Flexibilität. Wenn es ihm gelingt, seine Kräfte und Qualitäten auch in Zukunft so gut einzuschätzen wie er es auf seiner Debüt-CD bewiesen hat, hat er eine glänzende Zukunft vor sich.

Saga
Lieder von Schumann, Loewe, Schubert, Jensen, u.a.
Konstantin Krimmel, Bariton
Doriana Tchakavora, Klavier
Alpha classics

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