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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSteigende Lebenserwartung "eine Erfolgsgeschichte"30.05.2019

Demografie-StudieSteigende Lebenserwartung "eine Erfolgsgeschichte"

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts steigt die Lebenserwartung in den meisten Ländern der Erde. Die Menschen lebten länger, sagte Demografie-Forscher Roland Rau im Dlf, weil Herzkreislauferkrankungen zurückgingen. Aber auch Einkommen, Bildungsstand und Lebensweise spielten eine große Rolle.

Roland Rau im Gespräch mit Barbara Weber

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Alte Frauen sitzen auf einer Bank (picture alliance / Imagebroker)
Ein enormer Fortschritt: Herzkreislauferkrankungen als Todesursache haben sich in Europa seit den 1980er Jahren halbiert (picture alliance / Imagebroker)
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Barbara Weber: Gute medizinische Versorgung und guter Lebensstil machen es möglich: Die Lebenserwartung steigt seit fast 150 Jahren. Rekordhalterinnen sind die Japanerinnen mit immerhin über 86 Jahren. Deutschland hingegen war nie Spitzenreiter in der Tabelle: Frauen haben die Chance, 83 Jahre alt zu werden; Männer liegen im Schnitt bei 78 Jahren.

Doch welche Faktoren führen dazu, dass wir immer älter werden? Das möchte ich von dem Demografie-Forscher Professor Roland Rau erfahren, der an der Uni Rostock lehrt und Max Planck Fellow am MPI in Rostock ist.

Sie untersuchen in einer aktuellen Studie, wo die Menschen in Deutschland am längsten leben. Welche Zwischenergebnisse gibt es?

Roland Rau: Das ist eine aktuelle Studie zusammen mit einem Kollegen aus Florida, und was wir gesehen haben – das sind noch vorläufige Ergebnisse –, dass die häufig genannten Unterschiede Stadt-Land eher im Osten anzutreffen sind, im Westen sieht man dies eigentlich weniger. Da sieht man, dass die Landkreise mit der höchsten Lebenserwartung und mit der niedrigsten Lebenserwartung eher in Städten anzutreffen sind auch, sprich, die Gegend um Stuttgart und München, das sind die Gegenden, wo Sie die höchste Lebenserwartung sehen. Es gibt aber auch Gegenden wie jetzt im Ruhrgebiet, in denen die Lebenserwartung weitaus niedriger liegt auch.

Weber: Ich vermute mal, dass das für die dort Geborenen gilt, oder ab wann ist man da soweit adaptiert, dass man sagen kann, die Lebenserwartung steigt und fällt mit dem Wohnort?

Rau: Die Lebenserwartung steigt und fällt nicht unbedingt mit dem Geburtsort. Das ist schwierig aus Daten tatsächlich herauszulesen, sondern es ist immer eine Momentaufnahme von den Personen, die tatsächlich in dem Landkreis wohnen. Also das hat nichts mit der Gegend unbedingt an sich zu tun auch. Stellen Sie sich vor, wenn ein Spieler von Borussia Dortmund wie Mario Götze nach München umzieht, dann wird er nicht auf einmal drei, vier Jahre Lebenserwartung hinzugewinnen und dann wieder, wenn er zurückgeht nach Dortmund, drei, vier Lebenserwartung verlieren, sondern es hängt sehr, sehr viel von individuellen Faktoren, sozioökonomischem Status ab, der natürlich durch die Landkreisebene nur quasi ein Durchschnittswert über alle Personen ist.

Stadtbewohner leben länger

Weber: Das weiß man ja jetzt schon länger, dass der sozioökonomische Status eine große Rolle spielt bei der Lebenserwartung. Haben Sie denn da irgendwelche Korrelationen bislang feststellen können?

Rau: Das ist schwierig zu sagen. Also unser Anspruch war in der Studie, erst mal so auf kleinräumiger Ebene Lebenserwartung zu messen. Sozioökonomischer Status war auch in den Daten nicht vorhanden, die gibt es da einfach nicht, aber was wir natürlich wissen ist, dass Personen mit höherem sozioökonomischen Status, der typischerweise über Bildung, über Einkommen gemessen wird, auch in aller Regel eine höhere Lebenserwartung haben, hat aber vielleicht weniger an sich was mit der Bildung oder dem Einkommen zu tun, sondern wir wissen, dass Personen mit höherem sozioökonomischen Status sich häufig gesünder ernähren, auch dass die seltener rauchen, dass sie quasi hier gesundheitsbewusste Verhaltensweisen an den Tag legen.

(BERND HAGEDORN)Prof. Roland Rau, Lehrstuhl für Demografie an der Universität Rostock (BERND HAGEDORN)

Weber: Also das heißt, Starnberg lebt länger als der Ruhrpott.

Rau: Wenn Sie es so plakativ ausdrücken wollen, ja, aber das liegt hauptsächlich natürlich an den Personen, die dort leben, verbunden mit dem jeweiligen soziökonomischen Status, den die Personen mitbringen.

Weber: Wie hat sich denn die Lebenserwartung jetzt entwickelt? Das beobachtet man ja schon länger, das heißt, ich glaube, seit über 100 Jahren schaut man sich das an. Wie hat sich das entwickelt?

Rau: Das ist, würde ich sagen, eine der Erfolgsgeschichten überhaupt. Also seit Mitte des 19. Jahrhunderts steigt die Lebenserwartung in vielen, vielen Ländern der Erde an. In Deutschland hat man so für die 1870er-Jahre die ersten Werte von 35 Jahre für Männer, 38 Jahre für Frauen, und wenn Sie die jetzigen Werte damit vergleichen, mit 78-einhalb für Männer, 83-einhalb ungefähr für Frauen, das hat sich mehr als verdoppelt. Das ist natürlich eine Erfolgsgeschichte, aber es ist nicht nur in Deutschland oder vielen europäischen Ländern so, sondern wenn Sie sich die letzten Daten der Vereinten Nationen anschauen, ist das eher auch ein globales Phänomen. Ich habe jetzt in Vorbereitung auf die Sendung mir noch mal diese Zahlen angeschaut. Vielleicht darf ich Sie fragen: Wenn Sie vergleichen die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts mit den letzten verfügbaren Jahren für 2015, in wie vielen Ländern der Erde ist die Lebenserwartung gesunken?

Weber: Das ist schwierig. Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt, vielleicht in 20, 30?

Rau: Es ist ein einziges Land, und das ist Syrien. Wenn man die Jahre 2000 bis 2005 jetzt mit den letzten Daten bis 2015 vergleicht, die weltweit verfügbar sind, die Daten der Vereinten Nationen, gibt es nur ein einziges Land, wo die Lebenserwartung jetzt niedriger ist als vor 15, 17 Jahren, 19 Jahren, und das ist Syrien. Das ist ein globales Phänomen. Das ist fantastisch, würde ich mal sagen.

Die Lebenserwartung alter Menschen steigt

Weber: Woran liegt das denn jetzt generell, dass die Lebenserwartung immer weiter gestiegen ist?

Rau: Also als Demografen untersuchen wir natürlich immer nur zuerst nach Alter und nach Geschlecht Bevölkerungen, und da sehen wir, dass sich das Altersspektrum stark verschoben hat. Wenn es vor 100, 120 Jahren hauptsächlich Verbesserungen im Überleben im Säuglingsalter war, dann ist es jetzt beim Beispiel Säuglingssterblichkeit von 20, 30 Prozent, sprich, jeder fünfte Säugling hat nicht das erste Lebensjahr überlebt. Das war kein besonderes Ereignis. 20 Prozent – jetzt sind wir ungefähr bei drei pro 1.000. Das sind ungefähr zwei Größenordnungen niedriger. Das ist ein enormer Fortschritt.

Was wir jetzt allerdings sehen in den letzten 30, 40 Jahren, ist, dass sich das nach hinten verschoben hat, sprich, die Leute leben hinten raus länger, wenn ich das mal so jovial ausdrücken darf. Ich habe auch noch nachgerechnet, zwischen 2000, 2017, Lebenserwartungszugewinn von Frauen: Knapp 70 Prozent ist tatsächlich auf Altersstufen zurückzuführen, in Altersstufen 60 und drüber. Fast 30 Prozent in den Altersstufen 80 und drüber. Also das ist enorm. Altersstufen, wo man früher gesagt hat, da kann man nicht viel machen, da ist tatsächlich sehr, sehr großer Fortschritt zusehen in den Altersstufen 60, 70, 80 und darüber.

Weber: Jetzt ist es nicht gerade als Demografie-Forscher Ihr Spezialgebiet, aber Sie haben sicherlich schon mal darüber spekuliert oder sich mit Kollegen unterhalten: Woran liegt das, dass sich das nach hinten immer weiter verschiebt?

Rau: Wenn wir vom Altersspektrum schon mal ausgehend sehen, es sind natürlich andere Krankheiten, woran Leute sterben im Kinder- und Jugendalter als jetzt in höheren Altersstufen, und das, was wir zeitgleich gesehen haben seit Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre ist etwas, was manche Wissenschaftler als kardiovaskuläre Revolution bezeichnen. Das heißt, es sind enorme Verbesserungen im Bereich der Herzkreislauferkrankungen. Also die Herzkreislaufsterblichkeit hat sich in vielen Ländern, auch Bundesländern in Deutschland, mehr als halbiert seit 1980 ungefähr. Das ist ein enormer Fortschritt. Nichtsdestotrotz sind weiterhin auch noch Herzkreislauferkrankungen, Krebs, die die häufigsten Todesursachen in Deutschland sind.

Weber: Schauen wir uns mal die Statistik an. Wie aussagekräftig sind denn jetzt solche Zahlen? Kann man die eigentlich auf das Individuum jetzt runterbrechen?

Rau: Auf das Individuum runterbrechen nicht. Ein Statistiker würde sagen: Erwartungswert. Das ist ein Durchschnittswert, wie alt würden Personen werden, die jetzt geboren werden. Durchschnittlich natürlich gibt es immer noch junge Sterbefälle, aber es gibt auch Leute, die älter als 100 werden. Also wenn wir jetzt den aktuellen Wert von 83,29 Jahren für Frauen in Deutschland anschauen, würde das bedeuten, Frauen, die jetzt geboren werden, können erwarten, im Durchschnitt 83,29 Jahre alt zu werden, aber unter der Voraussetzung, dass sich erst mal in den Überlebensbedingungen nichts ändert. Das ist eine Querschnittsaufnahme, sprich, dieser Wert kann nicht gleichgesetzt werden damit, dass sich da in Zukunft nichts mehr ändert. In aller Regel ist die Sterblichkeit nach unten gegangen über die Jahre hinweg, sprich, das ist eher eine untere Schätzung, wenn man die letzten 100, 120, 130 Jahre in Deutschland anschaut, also eine konservative Schätzung, diese 83,29 Jahre, und es bezieht sich auch nur auf Neugeborene. Also stellen Sie sich vor, es gibt natürlich viele Frauen, die vielleicht 90 sind, die sind natürlich nicht überfällig sieben Jahre oder sechseinhalb Jahre. Das ist natürlich nicht der Fall, sondern das ist immer die Lebenserwartung bei Geburt, oder man kann natürlich auch Lebenserwartung Alter 90 berechnen, sprich, wie viele Jahre habe ich durchschnittlich noch zu erwarten, wenn ich es denn bis ins Alter 90 geschafft habe, und das sind mehr als vier Jahre im Augenblick in Deutschland noch, so als Orientierung. Das ist aber auch wieder ein Durchschnittswert über alle 90-Jährigen hinweg.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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