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StartseiteEine WeltDen Stimmlosen eine Stimme geben08.12.2007

Den Stimmlosen eine Stimme geben

Zum kulturellen Widerstand in Simbabwe

Die Teilnahme von Simbabwes Präsidenten Robert Mugabe am EU-Afrika-Gipfel sorgte für Kritik. Aus Protest blieb der britische Premierminister Gordon Brown dem Treffen fern. Folter, Willkür, Enteignung und eine Inflation von 8000 Prozent das ist Mugabes Simbabwe. Doch im Land regt sich trotz massiver Unterdrückung der Widerstand. Von Thomas Kruchem.

Simbabwes Präsident Robert Mugabe (AP)
Simbabwes Präsident Robert Mugabe (AP)

Bulawayo, Simbabwe. Auf der Treppe des "Amakhozi-Theatre" am Rande der Stadt sitzt Zenzele Ndebele, ein junger Musiker und Radioautor, neben dem schmächtig-weißhaarigen Theatergründer Cont Mhlanga und singt:

" In diesem Song zitiere ich Robert Mugabe mit den Worten: "Blair, behalte Du Dein England; ich behalte mein Simbabwe." Dieser Diktator bezeichnet also Simbabwe und uns Simbabwer als sein Eigentum. Dabei gehört doch eigentlich uns die Regierung; und wir gehören niemandem. Allerdings bereitet uns eine bestimmte Person jede Menge Probleme: Wir stehen Schlange - für Sprit, Brot, überall; wir werden verfolgt, von der Polizei geschlagen, verhaftet. Das ist nicht die Demokratie, von der man uns dauernd erzählt. Das ist "Micky-Maus"-Freiheit, überhaupt keine Freiheit."

" Vom ersten Tag seiner Herrschaft an sagte er, dass er die Demokratie liebt. Und dauernd schwärmt er davon - dass das Volk ihn gewählt habe und er quasi das Volk verkörpere. Jede Opposition aber hasst er aus vollstem Herzen. Wissen Sie, was er über unsere katholischen Bischöfe sagte, als die ihn neulich in einem Hirtenbrief kritisierten? -"Die Bischöfe spielen jetzt Politik", sagte er. "Politik aber ist ein gefährliches Spiel." - Was, um Himmels willen, geht im Kopf dieses Mannes vor? Warum soll Politik gefährlich sein in Simbabwe? - Doch nur, weil er sie gefährlich macht."

Bulawayo ist eine Stadt der leeren Läden und der vollen?? Krankenhäuser, in deren Armenvierteln die Menschen an Hunger und Aids sterben; eine Stadt der Angst vor der Staatsmacht, die sämtliche Medien kontrolliert; eine Stadt jedoch auch kleiner Nischen, die Menschen wie Cont und Zenzele zäh verteidigen; Nischen oppositioneller Kultur, mit der das Regime des sich kulturbeflissen gebenden Diktators eher hilflos umgeht. - Cont Mhlanga gründete das "Amakhozi Theatre" 1980, als europäische Konvention die Bühnen Simbabwes beherrschte. Er wollte, sagt er, die reiche Tradition des Ndebele-Theaters vor dem Untergang im Bierhallenklamauk retten.

" Poeten, Sänger, Tänzer spielten für den König, aber nicht, um ihm zu huldigen, sondern um ihn zu informieren - über Probleme in ihren Dörfern. Dinge, die des Königs engste Berater nicht zu sagen wagten, bekam er im Theater zu Gehör. Er hörte zu und beriet sich dann mit seinen Indunas, den höchsten Amtsträgern. "Dies und jenes hat mir der Poet berichtet", sagte der König. "Was ist der Hintergrund? Welche Entscheidungen sind zu treffen?"

Ein sozial bewusstes Theater, in Anlehnung auch an Brecht; ein Raum des Ausdruck für die vom Regime besonders verfolgten Ndebele; ein Tournee-Theater mit, schon in den 80er Jahren, höchst regimekritischen Stücken wie "Workshop Negative".

" Zu jener Zeit propagierte die Regierung gerade, um den Ein-Parteien-Staat durchzusetzen, den Sozialismus. Als zutiefst überzeugte Sozialisten gerierten sich unsere Führer tagsüber, um dann nachts dem Diebstahl und der Korruption zu frönen. "Hört auf mit Eurer sozialistischen Propaganda, wenn Ihr doch kapitalistisch handelt", protestierte ich damals. "Sagt lieber offen: "Wir wollen Kapitalismus." Ich mache schlechtes Theater, konterten Mugabe und seine Leute erbost. Gutes Theater lobe die Regierung dafür, dass sie Schulen baue. "Ach was", sagen wir in unserem Stück. "Jede Regierung muss Schulen bauen und Staudämme. Dadurch zeichnet sie sich nicht aus.""

"Pregnant with Emotion” heißt ein neueres Stück, das die 70-Personen-Truppe des "Amakhozi-Theatre" bislang landesweit schon 50 mal aufführte. Es thematisiert das Leid von Opfern der "Operation Müllentsorgung", mit der Mugabe 2005 Hunderttausende Slumbewohner aus den Städten vertrieb. In "Der gute Präsident", inszeniert im März 2007, erzählt eine Großmutter von jenem Land, dessen Bewohner ein Krokodil zu ihrem Führer machten - ein Krokodil, dessen Polizisten Puppen verprügeln und dem Publikum vorwerfen, Dissidenten zu verstecken.

Den Stimmlosen eine Stimme geben" - dieses Motto verfolgt auch das in einem Hochhaus der Innenstadt untergebrachte "Dialogue Radio", für das Zenzele Ndebele produziert: kritische Lieder und Dokumentationen zu aktuellen Themen: zu Aid-Prävention, häuslicher Gewalt und dem Stillen von Babies; zu Polizeigewalt, Wahlfälschungen und Homosexualität.

" "Schwule und Lesben” sind ein sehr sensibles Thema hier - weil sie ja, unserem Präsidenten zufolge, unter Schweinen und Hunden stehen. Schwule und Lesben können in Simbabwe nicht öffentlich zu ihrer Veranlagung stehen. Von unserer afrikanischen Kultur und auch vom Christentum fühlen sie sich in die Ecke gedrängt. Mein Radioprogramm über Homosexualität war da ein Testballon, wie weit man gehen kann bei der Diskussion dieses Themas. Einige Leute werfen mir jetzt vor, ich fördere Homosexualität. Trotzdem glaube ich bis heute, dass wir in einer demokratischen Gesellschaft offen auch darüber diskutieren müssen."

Das Leitbild einer demokratischen Gesellschaft in Simbabwe - Fixpunkt auch für Nigel Johnson, jenen jesuitischen Priester, der "Dialogue Radio" im Jahre 2000 gründete - unterstützt von ausländischen Hilfsorganisationen. Ein modern ausgestatteter Sender, dem die Regierung allerdings die Lizenz zu senden verweigert. Gründer Nigel Johnson fand Alternativen, die er "roadcasting" nennt.

" Wir produzieren unsere Programme auf Kassetten und CDs; wir spielen sie in Minibussen und Taxis auf der Straße, in Friseursalons, auf Festen. Wir machen also, da wir keine Sendelizenz haben, alternatives Radio auf jede nur denkbare Weise. Das ist legal, wie uns simbabwische Gerichte bestätigt haben, als uns das Informationsministerium wegen so genannten "roadcastings" verklagte. - Eine Zeitlang haben wir überlegt, aus dem Untergrund zu senden, mit dem Sender im Koffer sozusagen. Das aber hätten wir nur kurze Zeit durchgehalten und dann wohl gar nichts mehr machen können. Die Option jedoch bleibt uns. Sollte man uns Bomben ins Büro werfen, das Büro schließen, uns festnehmen oder foltern - dann gehen wir in den Untergrund."

Immer wieder machen die Polizei oder der Geheimdienst CIO Razzien bei "Dialogue Radio", beschlagnahmen Unterlagen, verhaften Mitarbeiter. Der Freiraum wird kleiner. - Theaterchef Cont Mhlanga hat derweil für die Staatsmacht nur mehr ein spöttisches Lächeln übrig. Einerseits, sagt er, brauchen sie ihn als Autor für im Staatsfernsehen ausgestrahlte "soap operas", andererseits kann er die Tage, die er im Gefängnis verbracht hat, kaum mehr zählen.

" Genau da, wo Sie jetzt sitzen, saß gestern ein Mitarbeiter des CIO, befragte und bedrohte mich. Daran aber bin ich längst gewöhnt. Und ich weiß: "Wenn ich am Flughafen von Harare ankomme, ist der erste Mensch, der mich begrüßt, ein CIO-Agent. "Wir wissen, wo Du bist", signalisiert er mir. Wir wissen, mit wem Du Dich triffst. Wir beobachten Dich."

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